Flussers Essay „Regen“ – ’naturalmente‘ ?

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Nach vier Jahren ziehe ich meinen ‚Dialog‘ über den Essay Regen im kleinen Sammelband Vogelflüge zurück.

Keine Vogelflüge, kein Regen, und schon gar nicht ’naturalmente‘

Ich ließ mich lange Zeit auf Flussers Texte recht arglos ein und machte mit ihnen immerhin  Erfahrungen. Natürlich verfehlte ich dabei  Flussers tiefere Intention, ignorierte sie gelegentlich aber auch bewusst.  Er hätte eine solche Konstellation wohl nicht schlimm gefunden, ging es ihm während seiner Vortragstätigkeit in Europa doch häufig soZu ‚provozieren‘ war für ihn eine Option, ein Gespräch zu führen, vor allem in der Öffentlichkeit.

Flusser enttäuschte aber meine von seinen Ankündigungen geweckten Interessen regelmäßig, bis auf bestimmte Themen wie Migration (Link zu Flusser Studies 10, siehe dort: graeve-flusser-schule S.24) und –  in den späteren Jahren – die digitale Revolution (Link zu einem Zitat) , die er auf geniale Weise anpackte. ‚Natur‘ gehört nicht dazu.

Ich habe das nun auch das als ‚Naturalmente‚  betitelte Nachwort Flussers zum Bändchen Vogelflüge gelesen, meine erste Kontaktaufnahme nach längerer Zeit, und war dementsprechend optimistisch. Denn eine solche Übersicht von seiner Hand ist eine Rarität in den Publikationen, die unter seinem Namen erschienen sind. Er wiederholt darin aber nur Bekanntes. Hier noch ein paar deutlichere Worte.

Dass der Verlag Hanser im Jahr 2000 ausgerechnet diese damals dreißig Jahre* (siehe unten) alten ‚Versuche‘ aus dem Nachlass veröffentlichte, passt als Geschäftsidee zu Flusser: die Neugier des Publikums mit einem vielversprechenden Titel und den magischen Begriffen ‚Natur und Kultur‘ zu ködern.

Der Autor dieses Sammelsuriums spricht sich bereits zu Beginn des Nachworts von jeder Verantwortung frei: Wahllos entstanden oder:  Alles wird zum Abenteuer (119).  Denn: Ein <Essay> ist folgendes: ein Versuch, das Resultat einer Arbeitshypothese aufzudecken, ohne am Ergebnis interessiert zu sein. Dem Autor kommt es nur darauf an, dass während des Schreibens ganz neue, unerwartete Aspekte zum Vorschein kommen (121) – Schön, aber kann das auf die Dauer funktionieren?.

Das Bändchen erscheint mir gegen den ersten Eindruck ungeeignet für den Einstieg,  wegen der zahlreichen verdeckten Implikationen. So ‚entdeckte‘ Flusser in der Serie der Essays die Bedeutungslosigkeit des Wortes <Natur>. Man kann der Natur praktisch allles entgegenstellen… Die beobachteten Phänomene verweigerten die Antwort <ja> oder <nein>. Das, was überlegt geplant war, scheiterte vor der Konkretion der Dinge. <Natürlich>. (122-23) – Naturalmente.

Flusser veröffentlichte diese Sammlung  anfang der 1970er Jahre noch auf Portugiesisch in und für Brasilien*. Damals verkündete er den Brückenschlag oder allgemeiner die ‚Übersetzung‘ als sein neues Engagement. So verfasste er ausgerechnet nach seinem Weggang ohne Abschied eine nostalgische Hommage  Auf der Suche nach einem neuen Menschen. Versuch über den Brasilianer. (Siehe: Susanne Klengel: Brasilien denken. Link!)

  • laut Michael Hanke: Kommunikation – Medien – Kultur, Berlin 2017, S. 29 schrieb Flusser die Essays 1979. Das passt auch gut zu dem folgenden Zitat. Prüfe die Angabe noch!

Entstanden sind die Texte in Europa, genauer gesagt am Ufer der Loire, in einem Alpental und während der Fahrt durch Mitteleuropa. Unvermeidlich spiegelt sich in den Essays diese Erfahrung (127) ebenso wie Flussers Engagement für brasilianische Dinge, was der sorgfältige Leser dieser Essays zwischen den Zeilen bemerkt haben wird (129f.). Wie immer der Spiegel beschaffen sein mag, es ist nur für wenige Spezialisten nachzuvollziehen.

Flusser lässt in der Schwebe, ob die Zusammenstellung zufällig entstandener Texte doch ein Buch ergeben hat. Mit einer entwaffnenden Begründung führt er den Kontext ein, um den es ihm allein geht: die Benennung dieses Bandes und seine Einordnung in Buchhandlungen und Bibliotheken (zu) erleichtern (123). Ohne die spielerische Stimmung zu verlieren, will er die festgestellte Entleerung des Begriffs Natur – mit großzügigem Pinselstrich – ‚theoretisch‘ ableiten: Die Kultur habe mit der Moderne ihre ursprünglich befreiende Rolle verloren und sei zu einer zweiten Natur geworden, die den Menschen einschränkt. – Und Einschränkung ist schlicht das Gegenteil von Freiheit und Würde des Menschen und des Vilém Flusser. So einfach kann Phänomenologie sein, als flusserscher <Essay>.

Da er als <Intellektueller> ohnehin  jeden Kontakt mit der Natur verloren hat (120),  passt es ihm vortrefflich, dass wir unsere Freiheitsspielräume nur noch in und gegen die Gesellschaft erkämpfen müssen. Dazu braucht es bloß  die Wissenschaft als eine Disziplin des Menschen, der in der Wirklichkeit steht und interessiert ist, die Wirklichkeit zu ändern. (126, Hervorhebungen alle von mir). Flusser sieht sich als Prophete mittendrin: Wir sind alle Pioniere, und als solche können wir alles wagen. (126) Dieser Band (….) nimmt an jenem Gebiet der Forschung teil (gleichgültig, ob es um das phänomenologische, kommunikologische Gebiet, oder wie immer man es nennt, geht), das die Wissenschaft der Zukunft ergeben wird. Das Ergebnis der hier vorgelegten Essays interessiert deshalb nicht. Er betrachtet das Buch mit all seinen Fehlern, Unterlassungen und Lücken als Teil einer embryonalen Literatur (…), deren Initiatoren Husserl, Ortega, Bachelard und andere waren (127).

10.Sept. 2017

Hat jemals einer Embryos mit Verantwortung konfrontiert?  Doch Spass beiseite:

Dass Flusser die neo-marxistischen Studentenbewegungen so verachtete, dass er sie schlichtweg ignorierte, dafür sehe ich keinen vernünftigen Grund. Sein Blick reichte zwar um eine Ecke weiter hinein ins digitale Zeitalter, dafür streifte er aber auch den humanistischen Impuls der ‚linken‘ Romantiker ab. Seine Visionen nahmen die Probleme des Überlebens der Menschen gar nicht mehr ernst:
Wohnwagentiere, Schnecken, Knipser, um sich schlagende Migranten und eklige Vertreiber. Habe ich eine Familie in seinem Pandämonium vergessen?

‚Natur? Irrelevant!‘ Für Flusser in dieselbe Schublade gehörig wie andere Versuche,“tote Pferde zu kicken“!

Vilém benutzte im Grunde die Identifikationsfigur des hemdsärmligen ‚Weltenretters‘ wie der tägliche Sci-fi-Katastrophenthriller heute. Oder wie angeblich kritische Features, die  ‚Nerds‘, ‚Hacker‘ und andere digitale Freiheitskämpfer umschwärmen. Das mag sicher den vielen inzwischen beruflich und mental an die digitale Revolution geketteten Individuen gefallen.
Ich wundere mich trotzdem immer wieder über die unverwüstlich optimistische Stimmung in der Flusser-Rezeption. Na ja, Zuspruch – etwa durch  ‚Theorie‘ – kann jeder Kreative brauchen. Eigentlich ist auch egal, worin der besteht. Aber Flussers Zuspruch ist nur ein rhetorischer Luftballon! Und sehr wahrscheinlich von ‚Auschwitz‘ vergiftet, als dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln er gelegentlich die digitale Revolution etikettierte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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