Willst du wirklich wieder eine Ambete-Wächterfigur ?

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Eine Figur der Ambete aus dem Gabun? Wirklich, nachdem du mit der letzten vor zwei Jahren so eine Pleite erlebt hast? So dachte ich wieder. Doch es gab gewichtige und sichtbare Gegenargumente, eins davon bezog sich  auf die “Maske der Aduma à la Jawlensky” (Link). Ich habe sie hier bereits besprochen. Es wäre nicht schlecht, den Beitrag zuerst zu lesen. Denn vielleicht ist ja auch der Wächter halb oder ganz ein “Aduma”! Vor zwei Jahren behandelte ich die schreckliche Erfahrung als Tragikomödie in einer meiner “Geschichten ums Sammeln”(Link). Das Schlimmste ist für mich noch heute meine anfängliche Begeisterung, auch wenn inzwischen ist viel Wasser den Main hinunter geflossen ist.
Ich erzähle die alte Geschichte hier noch einmal.

 

19.8.15    Ein strammer Ambete-Krieger wartet auf Liebhaber.

Es waren einmal zwei Unkundige, Käufer und Verkäufer (Glauben wir ihm und vermuten Inzahlungnahme), die wollten nicht verstehen, als ein Passant bemerkte: berühmt, sehr selten, Reliquar. Der Käufer recherchierte die nächsten Tage im Netz und in der Bibliothek. Die Recherche führte nicht nur nach Kongo Brazzaville, sondern nach Gabun. Da wurde ihm      Ambete -2015 mulmig, erst recht, als er die Mbete als arme Vettern der seit einem Jahrhundert berühmt-berüchtigten sündhaft teuren Kota und Fang kennenlernte. Nur die ethnographische Erforschung schien einen Bogen um die Leute gemacht zu haben. Ihr Kult mit den Knöchlein der Verstorbenen sei lange ausgestorben, behauptete der Platzhirsch unter den Experten, Louis Perrois. Woher wusste er das? Es gebe nur eine Handvoll Originale und die habe ein gewisser Kolonialbeamter, Aristide Courtois, nach der Jahrhundertwende direkt an ein paar erste Adressen in Paris und New York geliefert. Das las der Käufer anlässlich der Präsentation von ein paar Exemplaren der Sammlung Barbier-Mueller in der hochfeinen Revue Arts et Cultures (2004, Sondernummer). Er suchte Trost in der Tatsache, dass sein Exemplar (fast) alle stilistischen und ikonographischen Qualitäten aufwies, die ‚den Originalen‘ beigelegt wurden, was man von dem knallbunten Angebot im Netz nun wirklich nicht behaupten konnte. Bloß das schwere Holz, auf das er stolz war – er selber hätte es für die Knöchlein seiner Ahnen  verwendet – widersprach dem für die ‚Originale‘ angegebenen Leichtholz. Ihm kam schon der Verdacht auf, der bereits in Rubins ‚Primitivismus‘ (1985) erwähnte geschäftstüchtige Kolonialbeamte habe die Schnitzer zur Eile angetrieben oder die Frachtkosten senken wollen, da fiel er aus allen Wolken. Eine weitere Hochglanzpublikation, Katalog einer Ausstellung der Portheim-Stiftung in Heidelberg, wurde auf einschlägigen Webseiten von Experten in der Luft zerrissen. Kenner hatten bereits – unerhört – 2005 auf der Vernissage protestiert. Der Eklat ging damals durch die Presse. Zwei Drittel der Exponate sollten Fälschungen sein, wohl gewiss die notorischen Kota und Fang, aber niemand ging in die Details. Von den Ambete oder Mbede sprach wieder keiner, dabei sahen die auf schwarzem Grund genauso gut aus wie die in Genf. Der Käufer scheiterte also tragisch an den Klippen Gabuns,  die er über zwanzig Jahrelang  ganz weit umschifft hatte. Jetzt reichte es ihm: Sein vermeintlicher Hinterwäldler auf Hochglanzparkett, das Reliquar als umstrittene Reliquie und auch noch verdächtige Experten! Er hatte zwar nun eine  ausführliche Dokumentation zusammen, aber die war nutzlos. Da auch die bisher übersehenen kleinen Schwächen wie fehlende Zähne und Gebrauchsspuren ihm immer unerträglicher wurden, wollte er bereits das Stück in den Main schmeißen – bei Käufen in der Nähe des Main geht das immer – doch er durfte es zurückgeben. Er klärte den Verkäufer ein wenig auf, aber der will ja auch leben. Selbst für eine gute Kopie des klassischen Typs ist der Reliquarwächter wirklich nicht teuer.  Es gibt selbstverständlich auch andere, vertrauenswürdige ‚Ambetes‘ in der Welt, vielleicht jünger, die er inzwischen gesehen hat, aber er will mit der ganzen Familie nichts mehr zu schaffen haben.

 

3. Juni 2017     „Der Adidas“

Was hat mich für ihn eingenommen?

  • Ein Minimalist, klar in den Flächen und Volumina, gewichtig: 64 cm hoch, 2.470 g schwer
  • Helmfrisur in fünf großzügigen Bögen wie die schönen Frauenmasken der Vuvi.
  • Gerade auch das, was ihm fehlt: kein Briefkästchen hinten,  keine Ärmchen, kein erdrückend schwerer ‘Helm’ u.s.w. Es ist einfach kein Reliquar, sondern stellt einen selbständigen Figurentyp dar, ich wette, eine Schutzfigur.
  • Ich konnte noch am Stand den direkten Vergleich mit einem ‚klassischen Reliquar’  vornehmen. Der Händler sah mir ruhig zu. Er musste meine Selbstgespräche in Deutsch gar nicht verstehen, um mir persönlich von dem abzuraten. Man konnte es mir ansehen: die ganze Richtung passt mir nicht. (Dabei gibt es schöne Stücke, etwa im MET in N.Y.)
Ambete2x.Jun.2017 Ambete-Aduma-Tisch

Beobachtungen:

  • Der Kopf ist groß, das Gesicht beherrschend, die eng stehenden Polsternägel-Augen sind durchdringender als die üblichen Kauri-Augen, die mächtigen Augenbrauen bilden eine geschwungene waagrechte Linie.   Ambete2017.Kopf
Im Juni2015 aus einem Buch fotografiert, welchem? Jedenfalls besteht Ähnlichkeit

Im Juni2015 aus einem Buch fotografiert, welchem? Jedenfalls besteht Ähnlichkeit

  • Das Gesicht ist groß und wird nicht von einer Helmfrisur eingezwängt, ist noch deutlicher von einer Frisur abgesetzt (wie Maskengesichter der Aduma oder Vuvi)Bwoom-Vuvi

    Bwoom Vuvi ,Obj.138201

    Bwoom Vuvi ,Obj.138201

  • Der Kopf harmoniert auch in der Verteilung von rot, weiß und schwarz mit der Aduma-Maske (siehe oben).  Und schon finde ich eine Maske mit der Verortung „Aduma/Ambete“  auf der Seite von Bonhams ! Bei Bwoom findet sich eine stilistisch verwandte Maske der Vuvi. Und über Aduma und Vuvi weisen die Farbflächen in den Kongo zu den Boa u.s.w. Lauter Verwandtschaften! So mag ich’s.
  • Damit verbunden die Frische. Auch wenn die Füße stark abgewittert sind, wie man es von altgedienten Wächterfiguren erwartet, die Regen und Regenpfützen trotzen,  ließen sich die Witterungsschäden am Rücken durch Pflege in Grenzen halten. Keine künstliche Alterung , die weiße Kruste ist wie die rote unspektakulär. Francis nennt die  rote Farbschicht „écosse (rouge) d’arbre“ – zerriebene Schalen von Baumrinde.
  • Farbflächenverteilung und Faserstruktur der roten Partien sind ästhetisch
  • Der Hals wiederholt die Form des Rumpfs, der kräftige und kantige Halsring den entsprechende Bauchring. Von der Dosenform abgeleitet, reproduziert der Rumpf nicht bloß eine solche Röhre, sondern wirkt als Behälter stärker. Es ist übrigens denkbar, dass auch auf dem Halsansatz eine Ladung befestigt war. (Vgl. Perrois/Delage: Art of Equatorial Guinea – the Fang Tribes, NY 1990, Kat. 2, p.107)
  • Die rote Kruste spart eine vordere Einbuchtung aus, die eine Ladung getragen haben könnte, aber wohl schon lange nicht mehr getragen hat. Rechts ein Vergleichsstück:

    can01.anibis.ch_Ambete-art-africai (JUN 2017)

    can01.anibis.ch_Ambete-art-africai (JUN 2017)

  • Geschlecht, Beine und Füße sind traditionell à la Ambete gestaltet, aber in sich und mit der Gesamtwirkung stimmig, z.B. nicht übermäßig gebeugt oder unentschieden zwischen einem Klumpfuß und angedeuteten Zehen.
  • Formal abwechslungsreich.   Von hinten sieht das so aus:  minimaler Realismus (Frisur) – Abstraktion – Realismus (Untergestell)
    Und von vorn: Maske – Abstraktion – Realismus (Untergestell)

Bilanz:

–   der eigene Ausdruck, der keinem striktem Schema folgt.
–   Die Vergleichbarkeit mit anderen Wächterfiguren meiner Sammlung
–   die schlüssige Form ohne Zutaten
–   die Harmonie der Flächen und Volumina
–   Farben und Erhaltungszustand

Gesamteindruck

Sehr körperbetont und energiegeladen: Form eines bauchigen Fasses, die umlaufendeAmbete.2017.Wz waagrechte Kante in der Mitte wirkt als Fassreifen oder Gürtel. Gestische Unterstützung durch Hände erscheint überflüssig, erst recht eine solche durch verkrüppelte Ärmchen, wie die regulären Reliquare sie zeigen. Die Pobacken und Beine sind kräftig, diese dynamisch gebeugt. Das beweist Erfahrung des Künstlers.  Sonst muss man eben den Willen für die Tat nehmen, die bloße Wiedergabe gebeugter Knie für den gewünschten Ausdruck von Energie.

Durch die Farbgebung scheint die Figur weiße ADIDAS-Schuhe zu tragen, welche das weiße Gesicht austarieren. Denn die Figur ist äußerst gesichtsbetont; der Blick wird unweigerlich davon angezogen: Der weiß eingerahmte Vorderschädel ist von vorn gesehen eine Gesichtsmaske und aus anderen Blickwinkeln ein energisches und waches Gesicht, das durch die reduktionistische Stilisierung die Energie auf breiter Front nach vorn schickt. Es ist aber durch die angesetzten dreieckigen Ohren auch mit der pauschalisierten, aber realistischen Frisur verbunden.

 

Der Unterschied steckt in der Figur selbst

Aus: Face of the spirits 1993 - ein sehr prominentes Exemplar!

Figur aus: Face of the spirits 1993 – ein sehr prominentes Exemplar!

Die Fixierung des Blicks auf wie der Streit über ausgestorbene und nachproduzierte Reliquienbehälter vor ein paar Jahren führte zu Trugschlüssen. Der archaische Ahnenkult der Ambete mochte im Gabun des 20. Jahrhunderts nicht mehr toleriert worden sein, aber es gab genügend Motive zum Rekurs auf das alte Hausmittel der Magie. Bei der stilistischen Neuerung im 19.Jahrhundert, die Knöchlein der Ahnen hinter einem rechteckigen Türchen zu verstecken, wie es jemand vielleicht auf einem katholischen Altar gesehen hatte, will ich mich nicht aufhalten. Ich weiß nicht, warum unter den Ambete die Mode aufkam, die Bambusröhre durch einen ausgehöhlten hölzernen Zylinder zu ersetzen. Der naturalistische Faktor wurde dadurch verstärkt: die Abbildung der Männertracht mit einer das Figurengesicht einzwängenden Haartracht, Kauri-Augen, dünnen wie angepappt wirkenden Ärmchen, was am Bambus nicht möglich und nötig  gewesen war, schwachen Beinchen – und schließlich das ‘technische’ Briefkastentürchen am Rücken, das verschnürt werden musste. Hat sich jemals eine der Koryphäen dazu geäußert? Das benutzte schwache Leichtholz wurde als Ausweis der Authentizität sogar gepriesen. Dieser modernisierte Figurentyp war auf sein Beiwerk angewiesen, etwa den groben Schurz, um nicht – wie zahlreiche vorhandene Objekte – ‚nackt’ zu wirken.

Die Männer dieser Völker trugenPerrois_Delage1990,p Kleidung, die von der von mir zurückgewiesenen  Figur nicht ungeschickt nachgeahmt wird. Die Ausstrahlung der ‘Rüstung’ hatte mich ja auch ursprünglich für sie eingenommen. Das Foto rechts von 1910 vemittelt einen Eindruck. (Perrois/Delage: Art of Equatorial Guinea – the Fang Tribes, NY 1990,  p.87 ) – Meine jetzt erworbene Figur ist per se eine Schutzfigur, eine ‚Kraftfigur’, auch ästhetisch – so wie viele andere afrikanische Figuren auch.

 

 

 

 

 

 

 

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