Aduma-Maske (Gabun) à la ‘Jawlensky’

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Zuordnung der Maske: Aduma

Eine Zugehörigkeit zu den Aduma am Oberlauf des Ogowe wird von den Autoren Perrois, Rubin und Phillips beglaubigt, in mehreren Vergleichsstücken bei Musée Dapper und Trocadéro, Paris, Museum für Völkerkunde München und Barbier-Mueller in Genf  Als alternative Herkunft werden auch Fang oder Vuvi angeboten. Eine darunter ist eine der ältesten bekannten Masken (vor 1883), die im Ogowe-Becken  gesammelt worden sind. Leo Perrois schreibt dazu : “Ihre Zuordnung zum Volk der Aduma gilt als gesichert, denn die Aduma waren sehr gute Bootsführer und wurden häufig von den Europäern bei den frühen Forschungsreisen in der Region angeheuert”. Er fügt jedoch hinzu, dass es zwischen den Gruppen der Region vielfältige Kontakte und einen regen Austausch gab und dass Maskentypen ebenso wie Formen wanderten. (Phillips 1996, 315 – siehe Abbildung und Text unten)

KARTE aus Perrois: Aspects de la sculpture traditionelle Gabonais; Anthropos, St. Augustin Perrois -Sculp. Gabonais-carte-Antropos 1968:9- p.877Bd.63/64  1968/69, S. 877 (pdf)

Der Aufsatz wird erst am Ende einbezogen.

 

Ermittlungen

Doch beginnen wir von vorn, an einem  Samstag im März mit der Erwerbung gegen jede Gewohnheit. Da ist zum Beispiel die  Provenienz  ‘Privatsammlung Kongo’.  Bei niedrigen Preisen und der eingestandenen Unkenntnis der afrikanischen Verkäufer über diese Region, riecht das geradezu nach einem Eintausch ungeliebter Stücke.

Zuhause meine ich dann ständig, diese Maske müsse sich irgendwo finden, zwischen Liberia oder doch eher Gabun und den Boa im Ituri-Regenwald. Ich messe in Gedanken bereits die Entfernungen und vermute Wanderwege. Blättere durch. Gehe ins Netz. Doch ohne passende Namen ist man verloren.

Die Maske ist 33 cm hoch und oval. Ich hätte gedacht, sie sei größer. Die perfekten Augenbogenschlitze unter den entsprechenden Augenbrauenbögen bieten den ersten Halt : Ich finde bei den Punu wie bei den Fang schöne Augenschlitze, aber die weißen Frauengesichter  sind anmutig und realistisch durchmodelliert.

Afrikanskt,Malmö 1986, no. 147 

Punu-Afrikanskt no.146

Punu-Afrikanskt no.146

Leiris/Delange p.328 schreiben:

Punu,Fang-Leiris:Delange 328

Punu,Fang-Leiris:Delange 328

Weiße Frauenmasken des unteren Ogowe wurden von denen der Punu übernommen, und wohl wiederum denen der Vuvi, Schango, Schogo, Njawi entlehnt, bei denen Formen zwischen äußerster Schematisierung und vollkommener Modellierung variieren


 

 

 

 

Was machen wir mit der Farbgebung, die mir von der Boa-Maske her vertraut ist, nicht aber von Fang und Punu?  Eine Antwort gibt LP in  Phillips 4.87 p. 315 Aduma     Aduma-Phillips- 4.87,pDie Abb. mit dem unbedingt empfehlenswerten Text  lässt sich durch Anklicken vergrößern!

Auffällig sind komplementäre rot und weiße Flächen, Klötzchennase (aber kürzer), kleiner Mund (aber rechteckig). Schlitzaugen (aber waagrecht), Augenbrauenbogen (aber hervortretend), Brettmaske (aber über wie unter den Augen) , sehr lang und nur oben oval!

Kecskesi; Müchen 1999 S.141 no.133 Fang oder Aduma :

Aduma,Fang?-Kecskesi-1999-no

Und dann findet sich hier eine Brettmaske mit Blocknase, zugleich ein grotesker Maskentyp, eine Karikatur des kommandierenden Weissen? Die Augenbrauen sind zum Fürchten, die gescheitelte Frisur auf dem verkleinerten Schädel lächerlich, ebenso der übergroße Gesichtsschädel, die engstehenden Schweinsäuglein, die abstehenden Ohren, der aufgemalte Schnurrbart und die schiefen Zähne, die vorgeschobene Unterlippe. Unklar bleibt mir die Bedeutung des ‚Blitzableiters’. Eine spirituelle Bedeutung möchte ich eher ausschließen. Hatten auch die Franzosen Pickelhauben?

Was sagt der Katalog aus München auf S.140f. außerdem:  55 cm hoch, „eine Schreckensgestalt“ ursprünglich aus dem Bereich der Initiation, u. a. bikegehe genannt. Einleuchtend!

Perrois sehe darin „menschliche und tierische Züge /Gorilla?)“. Warum nicht? Das erklärt aber nicht den Schnurbart. Von dem heißt es, er sei „bemerkenswert“. Frage: Eignen Kolonialisten sich nicht auch für „Schreckensgestalten? Mischwesen? Die zwei Vergleichstücke bei Dapper und Barbier-Mueller, die nach Kecskesi „aus der Hand des gleichen Künstlers stammen dürften“, weisen für mich aus stilistischen Gründen eher auf einen Typ des 20. Jahrhunderts. Fang-Maske,Dapper-Rubin p.288, AbbDas Stück bei Dapper im Picasso-Kapitel von „Primitivismus“ (Rubin 1984, S.288) zeigt eine formale Exzentrik, die wir von entsprechenden ‚künstlerischen’ Kifwebe-Masken der Songye im 20. Jahrhundert her kennen. Hier hat möglicherweise der Erfolg bei Pariser Sammlern eine Rolle gespielt wie in anderen Fällen (Songye Kifwebes, Pende, Mangbetu, … ) „Heute“ träten solche Masken „vor allem am mittleren Ogowe auf, allerdings bei Festen, die keine religiöse Bedeutung mehr haben.“  – Das würde passen.

Vuvi pinterest ebayAduma-schräg-IMG_9052

 

Schließlich im Netz  bei  ‘Pinterest’!

Hier wird eine Maske gezeigt, die meiner Maske im Bau und der lakonischen Ausstrahlung stark ähnelt. Sie lässt mich an eine Maske sogar aus derselben Werkstatt denken. Sie ist schlanker, ihr fehlt die diagonale Farbverteilung, Die Augenschlitze wiederholen den rhombischen kleinen Mund. Sie zeigt einen großen ‘Pickel’ auf der Backe und einen Mützenschild. Bei allen Unterschieden: eine andere Persönlichkeit, aber sichtbare enge Verwandtschaft, sogar im Erhaltungszustand. Fast bilden sie ein Paar. Die Abbildung ist ohne erklärenden Text, die Maske wird aber als Vuvi eingeordnet.

dapper

Eine weitere Internetseite reproduziert in Briefmarkengröße eine Maske, 31cm hoch, aus den Archives Musée Dapper. Sie ist die ähnlichste nach Konstruktion und Farbverteilung und wird als Aduma bezeichnet. Wer sollte es besser wissen?

 

Was führt zum Eindruck von Bekanntheit? Erste Antworten

Bereits am Stand sagte jemand: “Jawlensky” und es leuchtete mir ein. Sofort hatte ich einen seiner Gesichtsbilder vor Augen.  Rubin “Primitivismus” (1984) konsultieren!  Im Kapitel “Die Expressionisten in Afrika und Ozeanien” (wieso hier?) wird ein entsprechendes Gemälde von 1925, “Liebe”, einer Gesichtsmaske von den Karolinen-Inseln gegenüber gestellt, ohne dass ich bisher einen Bezug zum Text finden kann.Jawlensky-Karolinen-Rubin p

 

 

 

 

 

Matsuda Seifu

Matsuda Seifu

Im deutschen Wikipedia-Artikel wird auf den direkten Einfluss japanischer Holzschnitte, genauer Schauspielerporträts des 19.Jahrhunderts (Okubi-e unter den Ukyo-e) hingewiesen.

Also ein naheliegender Fehlschluss?

So originell ist diese Bildidee ja auch nicht. Bei den vielen Variationen an Kopfbildern Jawlenskys sind immer wieder frappierende, aber zufällige Übereinstimmungen zu erwarten. Verlassen wir erstmal diese gedankliche Spur.

Die Rolle der Maske:  eine schöne Frau oder eine andere elegante Maske in „äußerster Schematisierung“?

Die harmonischen Proportionen sprechen dafür, aber der kleine (!) Mund ist umrandet von etwas wie einem schematisierten Bart. Die vertikale Band – positiv auf der Stirn, negativ auf dem Nasenrücken ausgearbeitet – kann man als Stilelement bestimmter Völker, aber auch als weiteres Zeichen von Anmut verstehen, ebenso die leicht gewölbte Stirn rechts und links davon.

 

 

Der Artikel von Perrois in Anthropos Bd.63/64, 1968/69 (pdf) nennt die Maske  “mvudi”.

Und er bildet ein Vergleichsexemplar mit Kostümteilen ab (p.5)Maske mvudi Aduma Perrois 1968:69 p.5 >

Ein paar Informationen daraus:

  • umfangreiche Wanderungen kamen erst um 1900 – 1914 zum Stillstand.
  • Aduma und …. lebten bereits vor den anderen Völkern am Ogowe.
  • Perrois geht davon aus, dass sich die berühmteren Maskenstile der Küste aus dem Hinterland heraus entwickelt haben, nicht umgekehrt, etwa unter ‘asiatischen’ Einflüssen
  • Die Meisterwerke wurden unmittelbar vor dem Eintritt der Kolonisation nach 1894 gesammelt. 1920-1940 breitete sich die Heidenmission unter der geringen Bevölkerung der Kolonie aus, sie ging gegen “Idole und Fetische” vor und bereitete den traditionellen Institutionen und der Herstellung von entsprechenden Bildwerken ein Ende. Bis auf die Reliquare der Mahungwe und die schönen Masken der “Mpongwe” kümmerte man sich in der Sammlerwelt Frankreichs ein paar Jahrzehnte nicht darum. Forschungen setzten erst nach dem Festival des arts nègres 1966 in Dakar ein. (p.1/2, Original S. 879-80)
  • p.17, S.884 zum Stil der Aduma und zu seiner Verbreitung:Perrois-Masques Gabon-13791.pdf-p.17“Die vorspringende Stirn, die zwei tiefe Halbkreise formt, geteilt durch den lebhaften Grat der Nase – diese klare Trennung der Volumina und Ebenen, die geometrisch zueinander stehen, erzeugt einen kubistischen Stil mit farbigen Flächen (rot, schwarz, weiß).” “Dieser Stil des oberen Ogowe ist einmal durch die Ruderer der Pirogen stromaufwäerts und stromabwärts verbreitet worden.”
  • p.19, S.886 Das dramatische Kapitel über das Verschwinden der traditionellen plastischen Künste in Gabun:  Bereits im 19.Jahrhundert hat die Expansion der Fang  kleinere Gruppen und ihre Kulturen auf verschiedene Weise geschwächt, teils bewusst assimiliert. Danach lösten sich die traditionellen Ordnungen unter dem Einfluss der Kolonialgesellschaften auf.  Perrois spricht von “chantiers” und “mobilité sociale”. Neben den Missionen haben auch neue synchretistische Kulte – wie die Bwiti – zwischen 1940 und 1950 “unzählige Verbrennungen von Statuen veranstaltet.” Dass die Kunst aus Gabun bereits seit 1933 vollständig verschwunden sein sollte, wie Grébert konstatierte, will Perrois für die Völker wenigstens des zentralen Gabun damals nicht bestätigen, aber das sei dann “sehr schnell eine traurige Realität geworden”.
Quelle: mercier.auction.fr-mvudi-3553388

Quelle: mercier.auction.fr-mvudi-3553388

Was mir im Netz unter dem Namen “mvudi” – der Artikel sagt auch nicht, was ihre traditionelle Funktion  gewesen sein soll – begegnet, dokumentiert auf ästhetischer Ebene diese “traurige Realität”, gerade weil ich in vielen Fällen keinen Grund sehe, am tatsächlichen Gebrauch der Masken zu zweifeln. Sie erfüllen einfach keins der stilistischen Qualitätskriterien, sind nur zusammengeschustert mit einer vagen Ahnung, wie sie aussehen sollten. Das hier gezeigte Beispiel ist keineswegs das Schwächste.

Das Leben geht weiter …..

Eine dankenswerte Netzpublikation institutfrancais-masques-du-gabon.pdf zur Ausstellung “Masques du Gabon” 2008 im Musée Mantes-la-Jolie bei Paris : Link

Aduma 28 cm h p.66

Aduma 28 cm h p.66

Aduma 25 cm H p.68

Aduma 25 cm H p.68

Die gezeigten Masken – lebensgroß im Strohgewand – bestätigen einerseits die Feststellungen Perrois’  vor einem halben Jahrhundert zum Stilverfall, aber sie widerlegen ihn auch in seinem Pessimismus, was das Verschwinden der Masken aus dem Dorf angeht. So erfolgreich scheint die Umerziehung der Afrikaner nun doch nicht gewesen zu sein. Und so erscheint – nach zwei Begleittexten zu Mvudi-Masken (S. 66 und 68) – die Rolle der Masken – über die Volksbelustigung bei Festen hinaus  immer noch sozial wichtig zu sein. Die Texte sprechen von der Gegenwart.
Mvudi, peuple Nzabi, Cetre Gabon 1967

Mvudi, peuple Nzabi, Cetre Gabon 1967

Die Maske Mvudi der Obamba – man findet sie auch bei Nachbarn wie Duma, Kande und Myéné – tritt auf bei Trauerritualen, bei der Initiation neuer Mitglieder des “Mwiri” (Mbiti?) und bei den großen Treffen und Palavern von Großfamilien und Klans. (p.66)

Die Maske Mbudi haben die Duma, Okande, Nzebi und Mbédé direkt oder indirekt von den Aduma übernommen. Sie trägt zum sozialen Zusammenhalt bei, greift bei der Beilegung von Konflikten ein, tritt aber auch sonst bei wichtigen Ereignissen des Gemeinschaftslebens auf, wie  Initiationen, Todesfällen und Zeremonien, die sich auf Zwillingsgeburten beziehen.(p.68)

Nur wenn sie bei fröhlichen Festlichkeiten tanzt, darf sie auch die traditionell schwarzen Farbflächen durch blaue oder grüne ersetzen. (p.68) Eine bemerkenswerte Feststellung! Der traditionelle Typ ist ohnehin erkennbar. Die Gesichter der drei gezeigten Mvudi-Masken kleiner Ethnien aus dem zentralen Gabun stellen sich ästhetisch bescheidene Aufgaben, funktionieren aber bekanntlich als integraler Teil von Kostüm und Tanz. Den niedrigen Stellenwert der Maskenschnitzkunst vergisst der europäische Betrachter zu leicht. Ist er doch an den Genuss der Holzskulpturen gewöhnt und bekommt selten die Chance, einem Auftritt beizuwohnen.

Auch die Beschreibung des Kostüms ist interessant: Ein mächtiger Raffia-Überhang wird mit Tierfellen und Vogelfedern versehen, um der Maske die Kraft, die Beweglichkeit, die Bosheit, und den scharfen Blick gewisser Tiere zu verleihen. Der initiierte Tänzer trägt zwei Szepter in den Händen und vereint dergestalt den Geist aller Vorgänger, die diese Maske getanz haben. (p.68) – Wer würde da eine Grenze ziehen wollen zwischen Tradition und Gegenwart?

 

 

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