Texte 2008/9 zur Malerei von Kitta-Kittel

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Damals hatte Jörg v. Kitta-Kittel vorübergehend eine Galerie in einem leerstehenden  Möbelhaus im Zentrum Frankfurts zur Verfügung , die er nur samstags ein paar Stunden lang bespielte,  deren beleuchtete große Fenster aber Nachtschwärmern die ganze Woche über heimleuchtete. Der ideale Ort für Jörg v. Kitta-Kittels expressive Bilder.

Galerie nachts 25.11.2008 Foto : Autor

Galerie nachts 25.11.2008
Alle Fotos : Autor

Im Laufe des Vormittags schneiten Freunde, Kunden und Passanten in die Bilderhalle herein und schwatzten.  Wir hatten in dem improvisierten Salon eine gute Zeit, mit Imbiss aus dem Supermarkt, Gesprächen über Politik, Gott und die Welt.

Samstag 7.2.2009

Samstag 7.2.2009

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Samstag 14.3.2009

Kitta-Kittel fand hier eine Probebühne, auch für Arbeiten früherer Jahre. Die gefielen mir oft besser.  Ich umtanzte die Bilder wie besoffen mit der der digitalen Kamera, dank Zoom, Autofocus und Automatik. Ich stellte vier thematische Alben zusammen. img_5355Die Aufnahmen hat ‘Kittel’ nie formell abgesegnet, er nahm sie einfach freundlich entgegen. Auch die hier präsentierten Texte. Ich übernehme natürlich die Verantwortung. Das gilt auch für die wörtlichen Zitate. Für sie gilt:  je kürzer, desto zuverlässiger. Ein geplantes Interview kam leider nie zustande. Am Schluss verstand ich ‘Kittel’ wohl selber nicht mehr. Funkstille. Ich wünsche ihm alles Gute.

Ihnen möchte ich zwei aktuelle Webseiten empfehlen, einen youtube-Beitrag zur Ausstellung 2016 im Schloss Spreewiese und die Eröffnungsrede der Galeristin Margaretha Friesen.

 

Phantasiereisen im Bild         Nov. 08

29-11-2008 (Ausschnitt)

29-11-2008 (Ausschnitt)

Kittel ist kein ‘abstrakter Maler’, aber Bedeutungen heben sich nur wenig von der materiellen Ebene ab. Man muss sich geradezu den Blick der Luftbildarchäologie antrainieren, um sie sofort im wüsten Gelände voller pinselgeologischer Ablagerungen zu erkennen. Ich tauche  ein und schweife umher auf der Suche nach den Kraftzentren, Wirbeln und Knoten, nach Schichten und freigelegten Partien. Im Abstieg zur Oberfläche erscheinen Landschaften, manchmal überraschend aus unbeschreiblichem Chaos, manchmal vom Gesamteindruck vorbereitet. Schon in mittlerer Entfernung von der Leinwand verschwinden in einem immer intensiveren Farbrauschen die einschlägigen Motive: Landschaften, Blumen, Adern, Lebewesen, fantastische Figuren und vor allem die großen vibrierenden Farbakkorde. – In verzwergenden Reproduktionen ist dann alles wieder gut.

 

 

Nachts bei Kittels Bildern.     25.11. 2008 spät

Einsamkeit. Der Mann, der Baum, die Landschaft. Die Katastrophe hat bereits stattgefunden. Alle Brücken sind abgebrochen. Eine Malerei danach. Wie alle Kunst ein Totentanz. Dank unserer Rituale leben wir noch. Was hatten wir gewusst?

Kittel kann dank des wachsenden gesellschaftlichen Bedarfs an Schamanen überleben.

 

25.11.2008

25.11.2008

Vom Wesen der Bäume       10.12. 08

Ich entnehme den Bildern das Wesen der Bäume.

Es ist fest, und es ist weich und nachgiebig.

Das Chlorophyl oder sein Verschwinden aus dem Blatt bündeln Energien.

Die Bäume sind im Boden verwurzelt und schützen ihren Grund.

Sie geben Raum für vielerlei Leben.

Sie halten engen Kontakt mit der Luft

und lockeren Kontakt mit Menschen,

die zum Beispiel ihren Namen in sie ritzen,

wenn sie nicht sogar mörderische Markierungen anbringen.

Das Wesen der Bäume überschreitet den Horizont des Menschen.

Was wir sehen, ist letztlich unsere eigene Erfindung

 

Kitta-Kittel sagt am 13.12.08 in der Galerie:

Bäume sind wie Menschen.

Bäume sind etwas Wunderbares.

Ohne sie gäbe es uns nicht, ohne ihren Austausch.

Sie stehen hundert Jahre, manchmal zweihundert Jahre nebeneinander.

Wir laufen bloß herum.

Was sie da alles sehen, zum Beispiel, wie wir da herumlaufen.

 

Wesen und Unwesen  (Aus Bildmappe Zwei)         10.12.08

Das ist kein Schaf.

Das ist ein Schaf, beseeltes intelligentes Wesen auf stakeligen Beinen. Doch hinter seinem hängenden Ohr beginnt eine aufgewühlte Welt, farbiges Chaos. Steht es überhaupt? Ist dieses Zwischenwesen denn ein Schaf?

 

Rede-Entwurf   4.4.09

Auf den 4.4. schrieb ich folgenden Entwurf aus dem Schlaf heraus nieder, ich wusste bereits, heute würde Kittel eine Vernissage haben, aber anderswo im Oberhessischen.

Wir begegnen einer Malerei mit unverkennbarer Handschrift, die sich mit der Zeit wandelt wie jede Handschrift. – Ob sie gerade weiter reift oder verfällt, kann ich nicht sagen. Dies Risiko taucht immer wieder auf.

Die Bilder sind Unikate von großer Intensität, starke Charaktere. Nur deren Typ – rechteckig, Leinwand auf Holzrahmen – ist konventionell und verlangt nach Hängung, mit oder ohne Rückwand.

Auf dieser Bühne, der Leinwand, spielen Farben eine Hauptrolle, zusammen mit dem Malgestus. Sie bilden differenzierte optische Massen, in denen sich kommunikative wie emotionale Kräfte entfalten.

Sie treten orchestriert auf und fügen sich – bisher – ikonografisch in ein Programm von gegenständlichen Darstellungen, die an Schlichtheit – und Hintergründigkeit – kaum zu überbieten waren: ein Mann, eine Frau, ein Tier, ein Kopf, ein Baum, ein Wort….

Manchmal befinden sie sich in einer angedeuteten Situation: zwischen Stühlen, am Tisch, in Konfrontation oder Gemeinschaft mit ihresgleichen. Vielleicht wird noch eine Geste angedeutet.

Solche Einakter werden  von einem opulenten Sinfonieorchester aufgeführt. Der Komponist hat schon ein paar Tausend Werke aus der Taufe gehoben. Mit den Jahren haben sich unsere Erwartungen an sein Orchester verfestigt. Kittel hat Routine in der Bändigung seiner Musiker erworben, aber man muss immer mit Überraschungen rechnen. Dann ist aber auch der Betrachter gefragt!

Ich fragte mich: Was treibt diesen Menschen jeden Tag wieder in sein Studio?

Sein Orchester scharrt mit den Hufen.

 

15-9-2009 - Werkgeheimnisse ? I

15.9.2009 – ein Werkgeheimnis?  I  (Daumier)

15-9-2009 - Werkgeheimnisse ? II

15.9.2009 – ein Werkgeheimnis?  II

Kittel – Wahrnehmen der Existenz – Gesprächsnotiz               18.8.09

Der Drucker hatte Farben 'vergessen'

Der Drucker hatte Farben ‘vergessen’

Eine sauber aufgeräumte, mehr dustere als düstere Halle, eine zweite kleinere. „Ich mag gedämpftes Licht“. Ist angeblich Truelight, aber funzlig. Manche Bilder, auch zweifelhafte, hat er die letzten zwei Jahre in die Stephanstraße gefahren, um zu sehen, ob sie sich bewähren. Manche Farben kommen schlecht hier unten, aber das kümmert ihn wenig. „Es ist mir egal“. Ein andermal sagt er, er nehme einfach die Farben, die zur Hand seien. Ich hatte wissen wollen, wie er auf eine bestimmte farbige Stelle gekommen sei.

Selbst mehr oder weniger bekleckerte Schuhe hat er ordentlich gruppiert.

Die öden Hallen machen mich neugierig auf die Stunden der Malerei, die er als Geheimnis hütet. Nur der bereits nach zwei Jahren wieder zentimeterhoch bekleckerte Fußboden deutet die Kämpfe an, ebenso wie die farblich passende Arbeitsjacke mit ihren bespritzten Ärmeln. Die Tatortreinigung wäre nicht zu beneiden. Kunden, die die Samstagsgalerie im „Leptien“- kannten, sollen schockiert gewesen sein.

„Meine Existenz wahrnehmen“ – sich wahrnehmen, indem er sich artikuliert, indem er malt von Tag zu Tag, ist ihm wichtig. Es ist eine Gnade, das in der heutigen Zeit zu können. Er redet von Gogol, der ein Romanmanuskript ins Feuer warf, „um die Gnade, als Russe die Erscheinung Christi, zu erhalten, ein vernünftiger Mensch, aber konnte nicht sehen, dass er bereits in der Gnade“ lebte. „Sie leben ja in ihrer Gnade“ und wissen es nicht. Er wohl.

„Wenn man bekannt ist, kann man sich nicht mehr entwickeln“ – die geringe Außendarstellung hat ihre Vorteile. Die Vorteile der Bekanntheit scheinen die Mühe nicht wert.

Ich will ihm sozusagen für das Lebensalter typische Bedürfnisse aufdrücken, so etwas wie Summa. Nein, „keinen Leitfaden, keine Dogmen, keine Linie haben“.

Für ihn kann es keinen Ruhestand geben, mit allen Konsequenzen. So kann er nicht wie andere Künstler in ein ländliches Niemandsland ziehen. Die Enge der Großstadt verschafft ihm Begegnungen, auch wenn er voll Überdruss von den „Affen“ auf der täglichen U-Bahnfahrt spricht und auch sonst über alle möglichen Leute und Kreise schimpft. Kittel lebt im Jetzt und wächst noch, jedenfalls ist er „auf der Suche“. Er fürchtet den Sog der Vergangenheit und sieht sein gewaltiges Bildarchiv mit Unbehagen. „Ich will nicht zurückschauen“. Entdecken! Sich entdecken in den Bildern, nur darum will er sie um sich haben. Und das Entdecken geht immer weiter: „Das Bild finde ich gut, aber ich weiß noch nicht, was es bedeutet, was es für einen Fremden bedeutet.“ Manchmal eine Deutung : „Viele Bilder sind im Grunde traurig.“

Die Arbeit:

Kittel hat sich seine Kunst erkämpft. Nach sieben Jahren Lehre bei Ludwig Meidner brauchte er zwölf Jahre, um sich von ihm zu lösen. Und war am Ende. Erst als er auf dem Arbeitsplatz hinter einer Theaterbühne sich seiner Haut wehren musste und sich „zu wehren lernte“, konnte er wieder beginnen. Doch es kostet jeden Tag Anstrengung, „eine Entscheidung zu finden“ . Entscheidung! Er wiederholt das Wort. Will er sich gegen den Vorwurf absichern, er gehe bloß „spielen“? Dafür eigentlich wäre Acryl auf Papier das ideale Medium. Er stimmt mir bei. Auch eine kleine Galerie wäre ihm heute recht. Bücher zu drucken wäre ihm nur zu teuer. Auf die sehr teuren Leinwände auf Keilrahmen könne er nicht Entwürfe machen, aber dann sei er gehemmt, auch durch das Abgucken vom Entwurf. Wegwerfen? Er könne das Bild schließlich übermalen.

Die Leinwände stehen beherrschend im Raum. Wenn sie gelungen sind, sind es auch malerisch Schwergewichte. Ich kriege vieles immer noch nicht zusammen.

 

 

Maximen der Überlebenskunst  oder Der Humorist      19.8.09

Entdecke dich täglich neu, indem du ein Bild von dir machst.

Sieh dich ehrlich an, höre dir wirklich zu.

Komm dir nicht zu nah, du gerätst dabei bloß in den eingebauten Unschärfebereich. Es soll freilich Persönlichkeiten mit Makro-Optik geben ( vor allem in der Literatur – doch womöglich ist sie im Computer errechnet.

 

Beziehungen sind unvermeidlich, aber schwierig

Samstag, der 11.7.2009

Samstag, 11.7.2009

 

Paare, Freunde, Fremde – ein weites Feld. Zusammen – getrennt : Wege führen zusammen, aber sie trennen sich auch wieder

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sei dickköpfig. Sei freundlich. Lass dich nicht verplanen.

Nimm nur Ratschläge an, die du dir auch schon gegeben hast oder die du dir selber geben würdest.

 

Neugier ist nützlich, aber nicht hinreichend.

(Vogel und Blume) (Schwein und Tisch)

 

Wer kennt schon den Anderen? (Siehe Album „Wesen und Unwesen“)

 

Nützliche Fragen

– Warum habe ich schreiben gelernt?

– Was macht den Mond zu einem guten Freund?

 

Nützliche Antworten

Die Natur ist freundlich, aber nicht nur.

Mach nicht viele Worte. Was sich nicht von selbst versteht, ist sowieso unverständlich.

 

Bereits 2001 besuchte ich Jörg von Kitta-Kittel im Atelier: Link

 

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