Schmuckloser ‘Ikenga’ (Igbo/Ibo) – m.Nachtrag

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Veröffentlicht am 9.10.2014, 22.1.2021 überarbeitet.

 

 

Erwerbsnotiz (Dez.1998)

Nur für Männer – Ein eher anmutiges als aggressives Hornwesen, das geometrische Formen mit einem spitzen Gesicht integriert. „Mein“ Ikenga ? Leichte graue Patina, geringe Beschädigung am Fuß, der freilich sehr direkt am Boden aufsitzt (comme il faut). Gegenüber der mächtigen „Ahnfrau“ schwach, aber der Schein soll ja trügen und  der Typ ist verführerisch gut dokumentiert.

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Ibo Objekte Trad.I.A.'66,p75

Traditional Igbo Art 1966 no.75

Erste Orientierung über die Bedeutung

Traditional Igbo Art 1966 – wood sculpture carved in 1965.66′, Museum of Art / University of Michigan 1968  (Frobenius-Bibl.: Fk XXIV 91) p.78 :

I-ke means strength or power. N-ga means place of strength. Place of Strength….  In the case of the Igbo man that is the biceps of the right arm….  The ikenga, then is a statue dedicated to a man’s ability to make his way in the world. The spirit of the ikenga  could be considered the manifestation of the Igbo’s high need to achieve. A traditional Igbo man makes a sacrifice to his ikenga  for “success in trade, war, hunting, and farming” (Talbot, 1926). The sacrifice may be a cola nut, but more commonly a chicken, whose blood and feathers are ceremoniallyapplied to the statue.

Unlike most Igbo carvings, which must be commissioned personnally, ikengas are readily available in the market. A typical time for the male to acquire an ikenga is as a village youth moving into his own house in his father’s compound, or when having difficulty making his fortune in the city. The statue gains strength when it is taken home by the purchaser and consecrated with palm wine and cola nut.

” I-ke bedeutet Stärke oder Kraft. N-ga bedeutet Ort der Stärke. Ort der KRAFT … Im Fall des Igbo-Mannes der Bizeps des rechten Arms … Der Ikenga ist eine Statue, die der Fähigkeit eines Mannes gewidmet ist, seinen Weg in die Welt zu finden. Der Geist der Ikenga könnte als ein Ausdruck des hohen Leistungsanspruchs des Igbo angesehen werden. Ein traditioneller Igbo-Mann beopfert seinen Ikenga für “Erfolg in Handel, Krieg, Jagd und Landwirtschaft” (Talbot, 1926). Das Opfer kann eine Cola-Nuss sein, aber häufiger ein Huhn, dessen Blut und Federn zeremoniell auf die Statue aufgebracht werden.

Im Gegensatz zu den meisten Igbo-Schnitzereien, die persönlich in Auftrag gegeben werden müssen, sind Ikengas auf dem Markt leicht erhältlich. Eine typische Zeit für den Mann, eine Ikenga zu erwerben, ist als Dorfjugendlicher auf dem Gelände seines Vaters in ein eigenes Haus zu ziehen oder wenn er Probleme hat, sein Glück in der Stadt zu machen. Die Statue gewinnt Stärke, wenn sie vom Käufer mit nach Hause genommen und mit Palmwein und Cola-Nüssen geweiht wird.” (Ü.: Gv)

 

Ikenga-IMG_0614  KlickKlack!  Ikenga-IMG_0613

 

 Beschreibung meines Ikenga

Gesamthöhe 36,5 cm. Schmuckloser Sockel von 10 cm Durchmesser und 9,5 cm Höhe Die beiden unteren Stufen liegen wie Tannenzapfen übereinander, der Kreis ist in 6 Blätter gegliedert, der obere verjüngt sich nach unten und bildet mit dem mittleren ein Jojo. Sie vertreten den Rumpf. Gerader Hals und schmaler Kopf sind halb so breit und gehen auf den Seiten ineinander über, auf der Höhe des Kinns setzt hinten seitlich eine Frisur (?) an, die  sich in halber Höhe in ein vierkantiges nach hinten abknickendes Gehörn mit stumpfen Enden teilt.

Frontal und im Profil dominiert das große Gesicht (12,5 cm hoch) in realistischem Stil. Hohe Stirn, lange gerade Nase und leicht geöffneter Mund und lebendig ausgearbeitete Lippen, sowie mittelgroße Augen mit offenbar fast geschlossenen Lidern erzeugen einen starken nach innen gerichtetem Ausdruck.

Die schlichte rein funktionale Figur ist ganz von einer dicken schwärzlichen Opferpatina oder Schlammpatina bedeckt. Die bereits während der Verwendung abgeblätterten, die abgeschlif-fenen Stellen und der Termitenfraß am Fuß zeigen helles rosiges Holz.

 

Verbreitung, stilistische Besonderheiten und  sozialer Kontext

nach:   John Boston: Ikenga figures among the north-west Igbo and the Igala, Ethnologica, Nigeria/London 1977  (Frobenius-Bibl. : Nr.45368 ) –  Zusammenfassung:

Ikenga-Figuren sind im nordwestlichen Siedlungsgebiet der Igbo am Niger – und zwar bei den Nri-Awka Igbo im Norden von Onitsha – bis zu den Igala südlich von Idah, (p.2/ p.4) verbreitet. Er beschreibt deren Alltagskulturen. Die Ikenga sind sehr verschieden nach Volk und Distrikt.Doch immer ist der Geist (spirit) durch eine gehörnte, meist hölzerne Figur repräsentiert.

Boston charakterisiert Ikengas an Beispielen aus dem British Museum,

Pl. 4 : ganz elementar: a pair of horns, cylindrical body and round base   (H.22 cm)

Pl.11 : eine Gestalt ohne Arme, er kommentiert: not essential in the chip carved style 

Boston: Ikenga - Tf.18 / 56cm

Boston: Ikenga – Tf.18 / 56cm

< Pl.18 ist ein Foto in situ, es zeigt grob gehauene Hörner, ein sehr kleines Gesicht und darunter ein geometrisches Relief, das Speiseschalen (food bowls) darstellt, – könnte der glatte sechseckige, in der Mitte verjüngte Zylinder meines Stücks auch etwas bedeuten?

Im Gebiet der Nri-Awka Igbo im NW existieren zwei Typen von Ikengas.  In dieser Gegend gehören die meisten Schnitzereien dem einen oder anderen Stil an, dem chip style (von Dechsel und Meißel in Hartholz geschlagen ) and the smooth plain style (am Ende vom Messer ersetzt). Viele Schnitzer verlegen sich auf einen der Stile. Manche sind berühmt für einen Stil. (p.41/42)

Der ‘gespänte’-Stil (chip styleder abstract or highly stylized type, der schematisiert einen Kopf und vielleicht Beine hat. Doch: the body is reduced to a cylinder, der ornamental und mit Symbolen angereichert sein kann. Die Hörner dominieren die Gestaltung des Kopfes in dem Sinne, dass das Gesicht nach unten verlängert wird, um ein Gegengewicht zur die vertikalen Stoßrichtung der Hörner  zu bilden (with the face elongated downwards to counterpoise the vertical thrust of the horns above). Der ganze Schädel wird von den Hörnern eingenommen. Der Torso bildet die Form einer Garnrolle (cotton reel) – eine in der Ibo Kunst verbreitete Form –  hat aber keinerlei rituelle Bedeutung. (p.58) Many abstract ikenga … simply stand on the base of the cotton reel body… Die Künstler variieren deren Proportionen und oder Reliefschmuck. Übrigens ist unter den Igala dieser Typ selten, der Verfasser lokalisiert ihn auf den Umkreis von Ibaji an der Grenze zu den Igbo  (Abb. Pl. 46, Text ab p.87)

Tf.48

Boston : Tf.48

Das Feldfoto (p.48) zeigt einen eng verwandten Typ, der Sockel viel länger, auf etwa 50% der Höhe und das Gesicht in die Hörnerbasis integriert, dicke Opferkruste.

 

Geschlechtsbestimmung ist nicht möglich. Begründung: One strikingly frequent omission is any representation of male genitals … not concerned with fertility and procreation, but masculine achievement in public life. Kurz: Das ist hier nicht Thema.

 

 

( Boston: p.70 ff.: )               Der rituelle und soziale Kontext des Ikenga

Aufbewahrung des Ikenga

Many men keep their ikenga in the small hut where they sleep … but more commonly in the meeting house of the minor lineage: in der jüngeren Altersgruppe häufiger in deren Versammlungshaus. 

Gegengewicht zu den Ahnen und der Abstammungslinie

(p.76-84) Gegenüber der deterministischen Vorstellung einer Abhängigkeit von den Ahnen und der Abstammung, repräsentiert der Ikenga die eigenen Leistungen und Erfolge (achievements) des Mannes auf allen möglichen Gebieten (78). In Spannung mit der Gruppe handelt er selbstverantwortlich und damit frei. Ein eigenes Fest – Oliliikenga – gibt ihm Gegenheit, sich seine Erfolge des vergangenen Jahres vor Augen zu führen und ein ahgemessenes Opfer zu bringen. (76) Misserfolge könnten ein Zeichen dafür sein, dass er seinem Ikenga zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. (77). Bei seinem Tod sollten die Erfolge in a funeral lament von Freunden vor seinem Ikenga aufgezählt werden, dieser am Ende des Begräbnisses – formal rule, nicht unbedingt practice – in zwei Teile gespalten werden (84).

Einen solchen persönlichen Ikenga habe ich, und zwar einen der Grundstufe, wie wir noch sehen werden, den man ihn bei weiterem sozialen Aufstieg hinter sich lässt. Was den breiten vertikalen Spalt angeht, könnte bei meinem Ikenga durchaus ein natürlicher Riss bis fast zur Mitte weiter ausgeschnitten sein worden sein. Denn er verjüngt sich kaum. Kompromiss zwischen traditioneller Pflicht und Möglichkeit des bescheidenen Verkaufs? Oder war er vom Besitzer einfach abgelegt zugunsten einer Neuanfertigung? / DvG

Igbo Arts 1966 (1968)

Igbo Arts 1966 (1968)

African Arts,116.a Brit.Mus.   African Arts,116.a Brit.Mus.

Den weiteren in Auftrag gegebenen Ikengas, so John Boston, werden entweder – beim chip carved type –  ein oder mehrere rechteckige Uvo, beschrieben als singer chanting the praises of the owner hinzugefügt und mit weiteren Symbolen angereichert.

Der more realistic type hat andere ästhetische Mittel als einen uvo (82) und kann sich anderen Kunstformen wie dem ornamental tableau and the masquerade  stark annähern.

 

Wissenschaftliche Kontroverse zur Bedeutung der Hörner

Die Bedeutung der Hörner wurde diskutiert. Evolutionäre und auf die Verbreitung fixierte (diffusionist) Betrachtungsweisen (Idee von Ram Gods) werden zugunsten einer funktionalen abgelehnt. Die Ibo-Informanten sprechen von ‚Männlichkeit’. Masculinity here clearly refers to distinction of gender rather than to sexual imaginery. (110) “Männlichkeit bezieht sich hier eindeutig eher auf die Unterscheidung des Geschlechts als auf eine sexuelle Bildsymbolik.Boston zieht den Vergleich zu Maskeraden mit Hornsymbolik – die keineswegs auf bestimmte Hörner fixiert ist – in einer Gegend, wo junge Männer ihre qualities as an age-grade as a whole feiern dürfen: aggressiv, durchsetzungsfähig und mutig  (ikolobia, men in the prime of youth are expected aggressive, self-assertive and bold ...  (chap. IV p.109ff.)

Es ist verständlich, dass die Betonung der Hörner an einem ansonsten noch schmucklosen Ikenga für frisch Initiierte einen großen Statusgewinn bedeuten, eben den Beginn einer sozialen Karriere.

Cole/Aniakor: Igbo Arts illustrieren pp. 114-18 ähnliche Beobachtungen an den Ibos des Central North. (Siehe Ergänzung unten)

 

 Am Ende: Was lerne ich daraus?

Sage mir, welchen Ikenga du erwirbst, und ich sage dir, wer du bist. Altersangabe erforderlich. Die grossen und repräsentativen, mit Statusobjekten beschnitzten oder behangenen Ikengas finden sich in den Versteigerungskatalogen für betuchte Großbürger. Und doch liegt in diesem Gleichklang ein Missverständnis: Die traditionelle Ibo-Gesellschaft beruhte auf Ehre, wie Montesquieu formulieren würde. Und dass in jüngerer Zeit Ehrgeiz und Anmaßung bereits genügen sollten zur Aneignung der Symbolik, ist nicht nur für Boston ein Zeichen der Dekadenz.  In unserer Gesellschaft ist diese Dekadenz an ihr bodenloses Ende gekommen, nicht mehr zu steigern.                     7. – 9.Okt. 2014

Erster Nachtrag: Feldfoto eines Mannes mit seinem Ikenga im Beitrag von Herbert M. Cole in :H.Cole und Chike C.Aniakor: Igbo Art in Social Context, Page 6 – Art & Life in Africa – The University of Iowa Museum of Art  

Igbo Ikenga Foto M.Cole 1966

 

 

 

 

22.1.2021 Ergänzungen bei Herbert M. Cole

Das Kapitel 2 “ART AND THE INDIVIDUAL” wird eingeleitet mit der Klärung des Verhältnisses der “Vorlieben der Gruppe” , dem daraus entstehenden “Gruppendruck” – der sich als “Stil” ausdrückt – zur Freiheit zu einem individuellen Ausdruck und damit auch zu “Innovation” (p. 24). Zoé S. Strother hat das Thema zur selben Zeit (um 1984) am Beispiel der Pende-Maskeraden im Kongo untersucht. (LINK – zu den letzten Abschnitten des entsprechenden Blogs)

Im nächsten Abschnitt geht H. Cole auf die Ikenga speziell ein, die Männer in ihren persönlichen Schreinen (personal shrines) beopfern. (Es gibt auch gemeinschaftliche Ikengas)Er fasst Fakten und Vermutungen – auch die der oben zitierten Studie von John Boston (1977) – auf zehn illustrierten Buchseiten (p.24-34) anschaulich und klar strukturiert zusammen,  er behandelt Gestalt, Größe und Status, Symbolik, Aufgaben, Einweihung und Verwendung in den schlichten Ritualen,  aber auch allgemein die dahinter stehende Weltsicht, regionale Stile und lokale Künstler.

Der alte Mann auf dem Foto zeigt dem Fotografen zwei seinem Status angemessen große Figuren im weniger ‚abstrakten’ Stil. – Das vorbeilaufende Huhn ahnt nicht, dass es in absehbarer Zeit ein Opfer zur Bekräftigung eines persönlichen Wunsches werden kann, für den Yams, Kolanüsse und  aufgesprühter Wein nicht ausreichen.

Von den Opferhandlungen bildet sich übrigens mit der Zeit eine dicke, leicht abblätternde Kruste. An Galerie-Stücken ist sie meist bis auf Reste entfernt.

Die Abb. 38 (p.25) zeigt einen nur 12,7 cm kleinen, aus vier kantigen Ringen und zwei senkrechten ‚Hörnern’ bestehenden Ikenga. ‚Eingangsstufe’, würde man meinen. Darüber steht jedoch „used by diviners“, vom Wahrsager verwendet. Genau darüber erfahren wir im Kapitel leider nichts Näheres.

 

 

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