‚ART’s Home Is My Kassel‘ (‚Documenta‘)

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Kinosaal an einem Sommertag, also doppelt isoliert. Ein Dutzend Menschen, allein oder verabredet. Gespräche vor dem Vorhang ...und dann hat meine Mutter … oder Ich hoffe, ich kriege mein altes Windows zurück… eine Systemlandschaft, seit der Fusion völlig zusammengestoppelt … Dann die Trailer mit den üblichen grell inszenierten Lebensgeschichten.

Wofür ich hier bin? „The Home of Art is my Kassel“ – die 13. Dokumenta 2012 im Schnelldurchgang, letzte Vorführung. Ich will den Ort sehen, wohin meine Freunde vor zwei Jahre pilgerten. Anderthalb Stunden halte ich sie sicher aus. Den gequält witzigen Titel des Films verstehe ich erst einmal gar nicht. Sechsunddreißig ‚Werke’ bzw. ‚Installallationen’ werde ich gezeigt bekommen. Das bekomme ich im Abspann schriftlich.

Schnell kommt die ganze Kunstproblematik ins Bild und zur Sprache, obwohl die Dokumentation ganz auf die Rhetorik des dicken Kataloges verzichtet, in denen Besucher immer wieder Rat suchen. Welchen sie jeweils bekommen, erfahren wir nicht.

Der Film beginnt mit dem Aufbau die Monate vorher. Erdhügel werden zusammengschoben und bepflanzt, provisorische Bauten werden errichtet und mit Einbauten versehen. Der Künstler nimmt wie ein Bauherr ab und darf ein paar Dinge bestimmen. Landschaftsgärtner mit Caterpillar, Schreiner und Elektroinstallateure  beherrschen die Szene. Vom Rückbau ist auch schon die Rede und: Alles das hat einen hintergründigen Sinn. Es stimmt gar nicht, was der epd-Kritiker (epd Film,7.2014) moniert: Der Film biete zu wenig für eine Auseinandersetzung mit der Documenta. Die muss man auch gar nicht suchen, sie stellt sich spontan ein. Unbelastete gutwillige Besucher sprechen Beobachtungen aus, die man sonst aus ‚Kindermund’erwarten würde, etwa: Vorher Schrott und nachher auch wieder Schrott, das sei doch sehr eigenartig.

Ich nutze Vilem Flusser als Diagnostiker, er prognostizierte: Das Material werde immer billiger, die digitale Programmierung immer wichtiger. Ein dunkel gebeizter Einbauschrank wird vom Künstler ausdrücklich wegen seiner hochwertigen Verarbeitung gerühmt – er soll aber auch eine Bibliothek simulieren für ‚Xylothek‘, eine Installation. Anderen Schreinerarbeiten geht es nicht so gut, die Anmutung von Baumarkt ist immer präsent. Das Klettergerüst aus sieben unterschiedlichen Typen amerikanischer Galgen hat eine politische Spannung, aber ästhetisch ist es mit seinen typisch deutschen Sicherungsgeländern tot. Bei einer multimedialen Installation (Lärm und sich überlagernde bewegte Bilder) fällt mir ein, dass der umbaute Raum nichts anderes als ein beliebiges Zirkuszelt darstellt, mit dem Geschehen durch nichts verbunden, durch jeden anderen Bau ähnlicher Art ersetzbar. Nicht viel anders steht es um die dort projizierten Handzeichnungen (!), die man kaum wahrnimmt, was aber nicht schade ist.

Flusser hoffte bekanntlich auf die mit digitalen Programmen freigesetzte Kreativität künftiger Menschen. Doch lösen die Beispiele von der Documenta schon einmal etwas von dem Anspruch ein? Große Künstler habe ich darin nicht entdeckt, eher junge Talente mit einer einzigen Idee, etwa der, in einer Waldlandschaft einen Kreis aus Lautsprechern in verschiedener Höhe zu installieren, in seiner Mitte einige Bäume fällen zu lassen, deren Stümpfe als Sitzgelegenheiten funktionieren können, und das eintretende Publikum mit Geräusch zu beschallen, das irgendwo zwischen Straßenlärm, Kino und Katastrophe angesiedelt ist.

Wie auch? Beliebigkeit steht als Drohung über allen, die sich der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten bedienen. „Es ist alles so bunt hier“ im Westen, Nina Hagen war bereits vor dreißig Jahren überwältigt. Der Mann hier ist ein Allrounder, jedenfalls kein strenger Musiker. Was geschieht aber, wenn komponierte Musik auf Streichinstrumenten in ein ausgewähltes Environment implantiert wird? Auf einem Bahnsteig, von dem Transporte nach Auschwitz abgingen, erinnert eine akustische Installation musikalisch an einen Komponisten der Stadt, der nicht überlebt hat. Ich gebe zu, dass mich die Grenzüberschreitung von Kunst zur Erinnerungskultur berührt hat, aus dieser Idee kann etwas Nützliches werden, doch als Documenta-Beitrag? Eine Million Menschen werden mich sehen, sagt einer der Künstler. It’s a flea-market, kommentierte irgendwann ein ungebetener Performance-Künstler mit Blauhelm, der mi mich immer wieder vor dem Abgleiten in die Langeweile gerettet hat. Ihm verdanke ich eine weitere Einsicht, auf die ich alleine nicht gekommen wäre, etwa so: Der Notstand (emergency) überholt die zeitgenössische Kunst, kommt ihr zuvor. Contemporate Art is always too late. Daher habe er den Blauhelm auf, er sei hier am falschen Ort und zu spät.’

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Aufwendige Inszenierungen mit einem solchen Handicap muss man sich leisten können. Die Vermarktung läuft auf Hochtouren. Hier wird etwas im Interesse des Kunst-Business im künstlichen Koma gehalten. Wenn der staatstragende Gauck zur Eröffnung auftritt, ist das auch nur einer der vielen Krankenbesuche.

Die wahre Kunst – meinte der unverbesserliche Flusser – zeigt sich im Reich von Wissenschaft und Technik. Am Ende der Dokumentation spüre ich das ein wenig, wenn die genialen Akkuschrauber wieder in Aktion treten, wenn erprobte Verfahrensabläufe den Rückbau optimieren, wenn die hochkomplexe Alltagswelt gegenüber der Seifenblase ‚Documenta’ wieder in ihr Recht tritt.

Übrigens: Blockupy war auch da, aber die bauten ihre Zelte früher ab. Ihnen dämmerte, dass der großspurig proklamierte staatsfreie Raum vor dem Schloss nicht einmal symbolisch Relevanz beanspruchen konnte .

24.7.2014 über die Mittagszeit auf einem Gartenstuhl in der Bergstation, Huthpark Frankfurt.

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