Zill: Nomadentum als konkrete Utopie

|

RĂŒdiger Zill: Nomadentum als konkrete Utopie – Unterwegs zu einer Philosophie der Emigration – in „Das Dritte Ufer“ S.231-243      in Überarbeitung  Okt. 2016

 

Aus einem Brief an den Autor im September 2013

(…) habe ich heute unterbrochen, um mich auf Ihren Beitrag in Das dritte Uferzu werfen. Denn einerseits war ich froh, in Heidelberg (Blumenberg-Tagung) unvermutet auf ‚Flusser‘ zu treffen, andererseits hatte ich ausgerechnet Ihren Artikel damals ĂŒbersehen. Rainer Guldin hatte mich ja noch aufgefordert, die ĂŒbrigen BeitrĂ€ge irgendwie zu berĂŒcksichtigen, aber den Text dann doch unverĂ€ndert ‚gedruckt‘  (…)

Nun kurz zu Ihrem Beitrag:

1

Ihr schmaler Aufsatz bietet was er verspricht: Kontext, nicht nur den Anschein von Kontextualisierung. Wissen Sie von jemandem, der Ihre Spur damals weiter verfolgt hat?

2   (‚Übersetzer‘ Flusser)

Ihr Vorschlag (Anm.4), an Stelle eines ausgewaschenen Begriffs von Übersetzung den der Metapher zu probieren, ist einleuchtend. Mich stört ohnehin, dass Flusser das PhĂ€nomen Übersetzung systematisch von der SelbstĂŒbersetzung her betrachtet, die er bekanntlich exzessiv fĂŒr die Umformung und Weiterentwicklung seiner Diskurse genutzt hat. Jede Übersetzung wird bei ihm zur Neufassung, meist undatiert. Es gibt kein Original, was das Zitierchaos vergrĂ¶ĂŸert. Der Übersetzer Flusser kennt erklĂ€rtermaßen keine LoyalitĂ€t zum Ursprungstext. Sein Vergleich mit einem Sprung ĂŒber einen Abgrund erscheint mir im VerhĂ€ltnis zum traumatisierten FlĂŒchtling Flusser als Farce. Was er verlĂ€sst, zerfĂ€llt unbeachtet hinter seinem RĂŒcken, bis das Puzzle irgendwann von Philologen geordnet oder von Fremden nĂŒchtern kontextualisiert und relativiert wird.      18.1.2014

 

Kommentierte Zusammenfassung

1.   Eine Philosophie der Migration im Kontext

zu Flussers Aufforderung, eine Philosophie der Emigration zu schreiben. Denn ihre Kategorien seien noch verschwommen.  ( „FĂŒr eine …“ 34):

Der erste Schritt ĂŒber Flusser hinaus ist Zills Feststellung: ‚nicht ganz so unkultiviertes Neuland …’ mit einem Verweis auf Georg Simmel 1908 und die Figur des Fremden, auf Ernst GrĂŒnfeld 1939 (posthum) und den „Randseiter, wenn eine stĂ€rkere Lösung erfolgt ist, Aussenseiter“, einen Status, der jeder Person jederzeit zukommen kann, ĂŒberall. (231)

Eine Liste weiterer meist soziologischer Autoren enthĂ€lt S.232 Anm.1. Man mĂŒsste in diesem Zusammenhang das Spannungsfeld zwischen Fremdheits- und Wanderungserfahrungen ausloten.

Das zweite Reservoir an Literatur bietet die deutschsprachige Philosophie des 20.Jahrhunderts. Genannt werden Adorno, Anders, Arendt Bloch, Elias, Löwith – und Flusser als interessante Ausnahmefigur. Dabei geht es um einen generellen philosophischen Stil, hĂ€ufig von den Erlebnissen der Emigration eingetrĂŒbt. GĂŒnther Anders spricht von einem Zustand des Nicht-Erwachsen-Werdens, allerdings vom Emigranten selbst gewĂ€hlt. Allerdings lehnt er wie auch Adorno das bloße sich Abfinden mit den gebotenen Möglichkeiten als gar zu umstandslose Assimilation ab. Flusser ĂŒberbietet Adornoindem er sie zur Voraussetzung der Freiheit ĂŒberhaupt erklĂ€rt – fĂŒr mich ein lebensfernes und sogar lebensfeindliches Verfahren!

Dies war nur eine Folie, um davon Flussers Beitrag abzuheben. Zills erste Bilanz: Auch fĂŒr ihn ist der Migrationsgedanke ein wesentlicher Antrieb seiner Arbeiten gewesen. (233)

 

2.   Vom Marginalisierten zum FlĂŒchtling

Die biografische Skizze zeigt, dass fĂŒr Flusser  selbst der RĂŒckgriff auf die verlassene Heimat nicht mehr möglich war, ‚Heimat‘ zersetzte sich. (234) Er beschreibt  seine Selbst-Marginalisierung: Die Wirklichkeit wird nur noch als Ă€sthetisiertes Schauspiel erfahren. Diese ‚Gleichwertung aller Werte’ musste vor den Mitmenschen versteckt werden. – Heute mĂŒssen wohl manche AnhĂ€nger das destruktive Potenzial Flussers vor sich selbst verstecken. Der Erfolg ausgerechnet in Deutschland ist bedenkenswert. Er hatte mit seinem Programm eines Vertriebenen Erfolg!

„Vertriebene sind Entwurzelte, die alles um sich herum zu entwurzeln versuchen, um Wurzeln schlagen zu können…. spontan … es geht dabei gleichsam um einen vegetabilischen Vorgang.“ (107, Exil und KreativitĂ€t, veröffentlicht im Dez. 1984)

„Im Exil, worin die Decke der Gewohnheit abgezogen ist, wird man zum RevolutionĂ€r … Daher ist das Misstrauen, das dem Vertriebenen im Neuen Land entgegengebracht wird, vollauf berechtigt. Sein Einzug … bedroht seine HĂŒbschheit.“ (105-6)

– War das 1984 nicht der Subtext zur globalen apokalyptischen Stimmung der Zeit , den er in der geliebten dramatischen Rolle des RevolutionĂ€rs mit offenem Visier anbot?  Mag Flusser auch den Theorien des Exils oder der Übersetzung, selbst der Medien oder auf dem Feld der Kulturkritik fruchtbare Impulse gegeben haben, sein philosophischer beziehungsweise anti-politischer Ansatz ist vergiftet. Und ist darum weitaus mehr Teil der Probleme als Teil der Lösung. Will darum keiner an seine Philosophie der Emigration rĂŒhren? Verharmlosung ist nicht ratsam.

 

3.   Der Immigrant

Die Distanziertheit des Wissenschaftlers – unter Hinweis auf Alfred SchĂŒtz 1944 – und das Leben des Alltagsmenschen „nach pragmatischen Rezepten“ im „thinking as usual“ werden kontrastiert (235). In der ersten Stufe durchschaut der Immigrant kritisch die inkonsistenten fremden kulturellen Muster, ‚der Fremde wird zum Wissenschaftler’, aber seine ‚ObjektivitĂ€t’ ist die ’seiner alten Alltagsbrille‘.

Flusser wurde aber 1940 zugleich zum reflektierenden ‚Immigrationstheoretiker’. (236) Doch auf eigene Art, denn brasilianische Landschaft und brasilianisches Geschichtsbild nimmt er ‚nicht in einem Prozess der Generalisierung wahr, sondern der Metaphorisierung. Etwas durch ein anderes betrachten, entspricht der Technik der Metapher“ : „Der Assoziationsspielraum eines Begriffs wird durch den Filter eines anderen gesehen“. Dabei ist „entscheidend, dass in der Metapher zwei kulturell bedingte Assoziationscluster aufeinander treffen und nicht objektiv bestimmbare (sondern aufgeladene) Begriffe.“ (237-8) Auf das Einwanderungsland ĂŒbertragen, interagieren zwei SphĂ€ren, wie Flusser beobachtet. Hier zieht Zill ‚Metapher’ gegenĂŒber VFs Begriff der ‚Übersetzung vor, „da Übersetzung immer zu einem Abschluss kommt, indem sie sich in einem Text der Zielsprache materialisieren muss.“   (> Guldin 2005,208) // EnttĂ€uschend enge Argumentation //

Der Immigrant „wird auf unterschiedlichen Böden unterschiedlich gut anwachsen.“ (USA, Brasilien), sagt auch Flusser. (Differenzierter als SchĂŒtz; Zill weist auch auf weitere Aspekte bei VF hin). (239-40)

 

4.  Der Nomade

Darin werde der Migrationscharakter „am weitesten verallgemeinert, zum Modell.“ In diesem emphatischen PlĂ€doyer fĂŒr eine existenzielle Heimatlosigkeit ist die traumatische Erfahrung des FlĂŒchtlings weggearbeitet.“ // Das wollte ich auch glauben! // Jetzt könne der oft ungleiche Kampf zwischen kulturellen IdentitĂ€ten und Lebenswelt „zugunsten einer Balance entschieden werden, die sich im Individuum herstellt … die dem Einzelnen ein gewisses Schweben erlaubt und dadurch seine Freiheit ermöglicht. …. ein abgehobenes Netz von BezĂŒgen“ (241) VF schreibe hier und wisse das eine Utopie, aber eine konkrete, wegen der neuen Technologien.  //konkret, das ist eben die Frage. Mir schönt Zill hier, wird auch nicht prĂ€ziser, worauf er sich bezieht. Zills heftet aber Kritik an die von Flusser ‚missverstandene’ Metapher des Nomaden: verweist auf die Frage, ob der Mensch als völlig frei gesetzter wirklich denkbar ist.“ Hat man das in Germersheim 2006 anschließend diskutiert? Und ‚missverstanden’? Das ist bei ihm doch ein ĂŒbliches Verfahren, Begriffe zu entkernen und ‚umzustĂŒlpen’, wie er es in Brasilien formulierte.

 

Mein Kommentar: Der Migrant VF und das TrĂŒmmerfeld

VF praktiziert als Theoretiker das von ihm proklamierte Umsichschlagen des Migranten in den neuen Heimaten: Auch er entwurzelt alles um sich herum. Jedem Engagement will er das Werkzeug aus der Hand und die Hoffnung aus dem Kopf schlagen. Zwar sieht er die gemeinsame Zukunft mit Schrecken, aber schon die Gegenwart ist ihm nur ein TrĂŒmmerfeld. Europa etwa. Ich wage heute nicht zu beurteilen, wie weit die Bundesrepublik, die er zum ersten Mal betrat, nicht noch so etwas war wie ein hastig ĂŒberbautes TrĂŒmmerfeld. Nicht nur er fĂŒrchtete 1989 in Europa, das Vierte Reich wĂŒrde mit der deutschen Einigung anbrechen. Von Osteuropa erwartete er  auch nur das Schlimmste. Israel bot ihm mit Recht keinen Hoffnungsstrahl. Sein Deutschlandbild hĂ€tte aber von dort bezogen sein können: Noch Ende der Neunziger Jahre konnte man an jungen AustauschschĂŒlern aus dem Kreis Gilboa dies Bild studieren, eine triste TrĂŒmmerlandschaft, aus der das Übel jederzeit neu entstehen könnte. Sie waren völlig ĂŒberrascht. (Wurden die Besuche deshalb eingestellt? Ich habe das Ende des Austauschs nicht mehr direkt mitbekommen.)

 

Der Respekt fĂŒr das Opfer gebietet doch nicht, es zum MeinungsfĂŒhrer zu machen.

(Eine Revision dieses Textes steht an, ich finde ihn zĂ€h, doch habe ich die entsprechenden BĂŒcher nicht zur Hand. 8.10.16)