Begegnung mit einer hölzernen Leopardenmaske der Edo (Bini)

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Drei Wochen im Oktober                  >>  Summary at the end

Mein kongolesischer Händler und Freund auf dem Markt ist immer für Überraschungen gut. Von dem jungen Mann aus Brazzaville, der ihn gelegentlich mit Objekten „aus dem Norden“, wo die zentralafrikanischen Staaten aufeinandertreffen, versorgt, hat er eine Maske bekommen, die er „im Kongo nie gesehen“ hat. Kein Wunder, denn ist zu hundert Prozent ein Leopardenkopf im Stil der Benin-Bronzen. Damit hören die Gewissheiten aber bereits auf und die Irrfahrt durch die Fachliteratur beginnt. Der Kopf ist aus Holz.

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Wer kennt schon Volk und Kultur der Bini, die heute von den Yoruba dominiert werden und bereits in der Vergangenheit vom Glanz ihrer Benin-Könige völlig überstrahlt wurden. Die Kultur scheint zudem so vollkommen von bildstarken Kunstbänden verschluckt worden zu sein, dass sogar der geografische Ort nicht mehr von Belang ist. Ich jedenfalls habe diese Kultur über Jahrzehnte irgendwo in Richtung des Nachbarstaats mit dem offensichtlich gestohlenen Namen „Benin“ (früher: „Dahomey“) im Westen Nigerias verortet und nicht im Südosten am Rande des Niger-Deltas und in unmittelbarer Nachbarschaft der Ibo-Völker.
Hölzerne kleine Maskengesichter waren mir von den Bini bekannt, hatte ich doch selber einmal vor langen Jahren kurz ein pausbäckiges unansehnliches Beispiel besessen – jetzt weiß ich: Modell Ekpo-Kult, der den Yoruba zugerechnet wird – und musste mir nachher immer wieder anhören, ich hätte ein „seltenes“ Exemplar weggegeben.
Aber ein gediegenes Stück Holz, das an die Stelle des Kopfes eines königlichen Leoparden aus Bronze treten könnte, wenn es nicht alle Eigenschaften einer Stirnmaske und etliche Zeichen des Gebrauchs an sich hätte?

Der Einwand „Exportprodukt“ liegt nahe, aber wo sollte es hergestellt worden sein?Zwei schön illustrierte Artikel in African Arts porträtieren die „Artworker in Benin City“, in der „Igun Street“, eine „World Heritage Site“, wo The Guild of Benin Bronze Casters ununterbrochen seit der Zeit der Könige die ehrwürdige Handwerkskunst pflegt und formal wie thematisch weiterentwickelt. AA spring 2012 (John Ogene), autumn 2012 (Nevadomsky).

Der Kunstethnologe Sylvester Okwunodu Ogbechie, Mitglied der königlichen Familie erwähnt, ja verteidigt in „Making History“ (5 continents, 2011, p.177; LINK zu meiner Rezension) sogar die Hersteller edoider oder beninoider Massenware, selbst wenn die Hersteller nicht zur Diaspora gehören, gegen eine voreilige Abwertung als tourist art. (p.173ff. („Discourse of Authenticity“, besonders p.177).

Nur von hölzernen Masken oder Figuren spricht niemand.

Von Ritualen und festlichen Tänzen berichtet Charles Gore in „Art, Performance and Ritual in Benin City“ (Edinburgh University Press 2007). Seine Farbabbildungen zeigen aber nur schwarz oder weiß geschminkte Tänzer; zwei Einblicke in Priester-Schreine zeigen Bronzefiguren – auch Leoparden – und Objekte im Yoruba-Stil, etwa ein Ifa-Orakelbrett.

B. Plankensteiner Benin, fig.7 Foto: Nevadomsky, p.34 (Ausschnitt)

Die Verbindung von Tanz und Masken wird auch sichtbar im Kontext höfischer Zeremonien, so dem „Ague Osa“ mit dem Auftritt der Oduduwa-Masken (Plankensteiner Benin, p.34), gewidmet dem Oduduwa, dem mythischen Vorfahren der regierenden Dynastie. Seine Repräsentanten haben auf dem Foto von 1986  menschliche Gesichter, die in ihrer bescheidenen Größe und stark gerundeten Form an die traditionellen bronzenen Kriegerköpfe erinnern. Und mehr als das: Der Sitz der Maske auf dem Schädel über dem mit einem Tuch verhüllten Gesicht. Der Gedanke erscheint mir nicht abwegig: Wenn mehrere Tänzer gleichzeitig mit diesem Maskentyp auftreten, warum sollte da nicht auch ein ‚Leopard’ eine Rolle spielen, symbolischer Repräsentant königlicher Macht? – Ich weiß es nicht.

Beobachtungen am Objekt

  • Eine kaum vereinfachte Version der traditionellen Leopardenköpfe.
  • Dichtes rötliches Holz, dünnwandig und fehlerfrei gehauen; Die Barthaare und die Umrandung des Mauls sind sogar erhaben, Ohren und die beiden unteren Reisszähne wurden vorstehend geschnitzt und sind abgegriffen.   
  • Die großen und schrägen leicht geöffneten Bohnenaugen unterscheiden sich von denen der Skulpturen, aber ist das nicht auch typisch für afrikanische Katzendarstellungen?
  • Die durch ‚runde’, aber individuell verschiedene Einbuchtungen erzeugten Tüpfel sind frei, aber nicht nachlässig verteilt. Sie haben meist einen klaren Rand, der nicht schematisch rund und nach innen abgeschrägt ist. Ein paar Tüpfel zeigen das Kreuzmuster eines breiten Nagelkopfes.
  • Alte Beschädigungen am rechten Ohr. Breiter Schwundriss unten am Hinterkopf, der unauffällig mit harzigem Material geschlossen wurde im Interesse einer weiteren Verwendung.
  • Die Form ist relativ schmal (27 x 17.5 cm x 15 hoch), also auf dem Schädel zu tragen.
  • Die Ränder sind leicht glänzend gerieben. Etwa 15 Bohrlöcher, in gleichmäßigem Abstand, kontrolliert aber individuell.

Letzte Notiz vor der Rückgabe

– Konkurrenz der Metallköpfe, die jedermann vertraut sind, und sei es den verbreiteten Touristenkopien aus der Handwerkergasse in Benin City
– Der Aufwand der erhaben geschnitzten Merkmale und der gepunzten Flecken, die vielleicht das Schwarz der Brenneisen angenommen hatten, ebenso wie die Plastizität von Maul und hochstehenden Ohrmuscheln, die dramatische Nasenlöcher und generell die Oberflächen-Behandlung scheinen für den Auftritt in hellen Tageslicht berechnet, sicher durch Farbpigmente verstärkt.

Abbruch des Experiments.

Joseph Nevadomsky ist im Januar verstorben, Ogbechie ernsthaft erkrankt, Plankensteiner ist zu beschäftigt. Also wieder eine Endlos-Recherche wie beim Bootsmodell der Duala?!  (LINK) Ich bin erleichtert, die Fachliteratur nur angelesen zu ‚Frobenius’ zurücktragen, zu dürfen.

24. Oktober. Heute hat mich der Kongo wieder – Bandundu, Kwango, Yaka, Holo, Kwese und Suku.

Am Stand ist alles frisch, sonnige Momente, Duft des Strohs, Farbpigmente, die volkstümliche Masken gewordenen Gesichter. Nicht das Afrika der Preziosen (wie zur selben Zeit in der Auktion im fernen Würzburg), sondern um Sinneseindrücke, um die Zeichen von Leben und Vergänglichkeit erweiterte Dinge. Leider verweht der Duft mit der Zeit.
Als die Bini-Maske zwischen den Kongolesen liegt, wirkt ihr Stil fremd. Ich denke, das macht allem das höfisch professionelle Metallguss-Modell, welches der geschnitzten Maske zugrunde liegt. Ich schlage spontan vor, sie weiteren Kunden außerhalb des Marktstandes anzubieten. Mit den besten Wünschen adieu!

 Summary (Excerpt of the email to S.O., 12.Sept.)

My trader got the leopard mask from a young man from Brazzaville. I don’t know where from, he never saw it in the Congo. I immediately associate Benin, Nigeria, the bronze masks and am confirmed at home by Phillips (5.60q) and Roberts (“Animals …” 123. Edo Ivory, 1897). Phillips mentions that ivory and wood carvers worked in a guild and showed less ‘decadence’ in the 19th century.
Roberts is only interested in the iconography of the leopard. The admirers of the ‘Benin bronzes’ are not interested in the traditional social background of the respective motifs. Behind ‘Benin’ they hid the Bini/Edo people! I remember Kunitzsch’s remark long years ago that I shouldn’t have given a puny Bini mask away. They were “rare”.
Appearance and condition of the wooden mask indicate use.
On one hand world-famous royal representational motif , on the other folk craft and the possibility of cultic use.
But are the Bini or Edo not ‘yorubaized’, for example with their Ibedji? You treted in your study  ‘Benin’ in the past tense, almost ‘archaeological’ – This mask uses an archaic form! The patination makes it appear like a patinated bronze mask.
All this makes me curious. As the bronze casting arts and crafts also developed further after 1897, why not folk culture?
I took the piece with me today to examine it.

Laure Meyer, Schwarzafrika 1992 Terrail, p.46f. said: the leopard, as a symbol of Oba, “is everywhere, in bronze or ivory” … And “tamed leopards took part in Oba’s pageant every year.” p.50f. no.35. During celebrations, the sculptures were placed on the Oba’s side, copies from the 19th century.

Description:
Dense reddish wood, thin-walled and flawlessly carved; the whiskers and the edge of the mouth are raised, ears and two fangs (lower) protruding (the upper are ‘missing’, also the tongue) and worn. Slight resin odor.
The large and slanted bean eyes are different from those of the sculptures, but isn’t that feline?
The pits created are ’round’ but individually different, they are freely, but not carelessly distributed. They usually have a clear edge, but they are not evenly round and are beveled inward. Ask the restorer! The pits of the two famous sculptures are formed by hammered cartridge cases.
Damage to the right ear and a wide shrinkage crack at the back of the head (with resin) have been repaired.
The mask is relatively narrow, rather to be worn on the bridge of the nose. The edges of the mask shine 1 cm on the outside and inside, about 15 drill holes.

The object seems to me as an older and well-groomed piece, as an iconographically correct (hatching in the ears and continuous rows of set back teeth not yet mentioned), may be a slightly simplified version of the traditional bronze leopard heads.
Weak casts, made of bronze of course, are offered on the internet (e.g. Pinterest), and certainly also at flea markets. They belong in the history of decadence and modernization of the brass craftsmen’s guild. (See the two ‘African Arts’ essays!)

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