Über Erziehung 1. Kritik

|

zu P.und P., Kap. XXVIII Über Erziehung Begriffe sollen aus Anschauungen entstehen. (§ 372)       – Das so plausibel etwa wie  ‚wissen wovon man redet’ oder dass es etwas wie gesunden Menschenverstand  gibt. Man solle den Kindern nicht  den Kopf voller Begriffe stopfen, so dass die Erziehung schiefe Köpfe macht. Schiefe Köpfe sind voller ‚Vorurteile’. – Das war es eigentlich schon. Der Text ist sehr unterkomplex, ein polemischer Essay eben. Dass Begriffe bei höheren Lebewesen spontan entstehen bei der Bekanntschaft mit der Welt (§373 – elementare und selbstverständlich unscharfe Begriffe, etwa ‚Beute’, ‚Jäger’ oder ‚Frucht’ –  ist hier nicht gemeint. Es geht Schopenhauer um komplexe Begriffe und abstrakte theoretische Konstrukte. Auch der natürliche Entwicklungsgang unseres Geistes und der entsprechend ‚gerade’ Kopf  sind Konstrukte. Es gibt keine natürliche Reihenfolge der Erkenntnisse in einer komplexen und sich nach Zeit und Ort ständig wandelnden Welt, schon gar nicht in der Zivilisation des 19.Jahrhunderts. Die natürliche Reihenfolge der Erkenntnisse zu erforschen suchen, um dann die Kinder methodisch damit vertraut zu machen – ein kluger, für Pädagogen seit Jahrtausenden selbstverständlicher Ratschlag – wird zu einem System geistiger Bevormundung ausgebaut, das ebenso viel Angst vor den Kindern beweist wie vor den zu vermeidenden Vorurteilen und anderen Chimären. Will der alte Oberpädagoge tatsächlich zwingend für eine willkürlich festgelegte Zeitspanne vorschreiben, wohin die Kinder – noch mit sechzehn – ihren Kopf drehen und welche Worte sie gebrauchen dürften, damit sie  nicht „Flausen in den Kopf bekämen, als welche häufig nicht mehr auszutreiben sind“ (537)? Ich erinnere mich, wie skeptisch der Sechzehnjährige von seinem Besuch in Pestalozzis Schule in Burgdorf  berichtete. Der Kopf des jungen Menschen ist also ein Nürnberger Trichter? Auch Schopenhauer will die vermutete Leichtgläubigkeit nutzen, bloß eine Bevormundung durch eine bessere ersetzen. Die Gedächtnisleistung behandelt er dabei als Ablagerung des Eingetrichterten, eine weder wissenschaftlich, noch in der Selbsterfahrung haltbare Vorstellung. Er traut Menschen, insbesondere jungen Menschen nicht zu, auf die Dauer auch etwas Vernünftiges mit dem eigenen Kopf anzustellen. Gelangt man so zu mündigen Menschen? Manfred Sommer hat im Anschluss an Kant das Dilemma der individuellen Emanzipation formuliert und das mit auch Schopenhauers Dilemma: „Solange Erziehung andauert, (gibt es) keine Spontaneität ohne Außenhalt, keine Intentionalität ohne Steuerung, keine <Freiheit> ohne >Zwang<. Der Zwang ermöglicht den Übergang, indem er Wege bahnt und abschneidet, indem er zu gehen hilft und nötigt; kurzum, er fördert Freiheit, indem er sie, Grund zur Empörung, behindert. Immer freilich bleibt alle Hilfe und aller Halt, alle Stützung und alle Steuerung, aller Zug und aller Zwang auf eines angewiesen: auf die spontane Intentionalität des Kindes. An sie muss alle Erziehung anknüpfen.“ („Identität im Übergang: Kant“, stw 751,1988, S.33) Der alte Schopenhauer baut Pestalozzis Grundgedanken zur Elementarbildung aus – warum erwähnt er ihn eigentlich nicht namentlich? – und phantasiert eine segensreich wirkenden Geistesaristokratie (§ 374) mit der Befugnis, die ideale intellektuelle Entwicklung der kommenden Generationen verbindlich durchzusetzen – doch wo soll das stattfinden? – Platos Idealstaat winkt herüber, nicht erst, wenn am Ende im § 376 „der ROMAN“ als Jugendverderber am Pranger steht. Im § 375 sehe ich den Kern des angeblichen Erziehungsprogramms. „Der Einzelne“ soll dem Anspruch genügen, „jede ihm vorkommende Anschauung dem richtigen, ihr angemessenen Begriff zu subsumieren“ (541). Das ist doch die philosophierende Monade oder vielleicht das auf zwei Beinen wandelnde schopenhauersche Gesamtwerk! Mit dem Segen Immanuel Kants durfte man wenigstens in Gruppen in Richtung Selbstaufklärung ‚stolpern’, und das noch im Erwachsenenalter („Was ist Aufklärung“). Die auf den ersten Blick zutreffende Beobachtung Älterer an Jugendlichen: „so ist in der Jugend meistens wenig Übereinstimmung und Verbindung zwischen unsern, durch bloße Worte fixierten Begriffen und unserer, durch die Anschauung erlangten realen Erkenntnis“ beschreibt vor allem die Tücken des Philosophie-Studiums. Dass einem ein Verständnis „erst in sehr reifem Alter und bisweilen plötzlich aufgegangen ist“ (537), ist normale Hirntätigkeit und keine Spätfolge fehlerhafter Erziehung.    detlev()graeve.org 25.6.13 an Mitglieder des Kreises

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *