Flohmarkt ‚Museumsufer’ 2019 – Spontane Erleuchtung des Mönchs

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Verfasst am 12.2./ Redigiert am 8.3.2019 – Fortgeschriebene Version auf Französisch: LINK

 

Das angebotene Stück soll echt sein? Das wäre ja unglaublich.
Ich begreife immer noch nicht den Weltmarkt. Wie können materielle Güter so unentdeckt wandern? Dieser unverständlicherweise in unserer Region konzentrierte Reichtum saugt sie unwiderstehlich an.
Es ist ein Scherz voll Berechtigung, als ich den Frankfurter Flohmarkt als ‚brousse’, als ‚Busch’ bezeichne! Das hat natürlich mit dem mitteleuropäischen Winterwetter zu tun und der Unfähigkeit Frankfurts, eine ganz triviale Markthalle zu organisieren. Die Großmarkthalle musste ‚denkmalgeschützt’ ja überflüssiger Teil der EZB werden. Ein positiver Einfluss der feinen Frankfurter Kreise auf die Stadtkultur ist für mich nirgends erkennbar. Für den Verlust gibt es keine ‚Trittsteine’ im Pflaster.
Dort am ‚Museumsufer’ hebe ich Kulturgüter buchstäblich vom Boden auf, überdrüssig der ewigen und verlogenen Handelsketten des Alltags. Verschwendung, wohin du blickst.
Hier finde ich sie, die Erleuchtung, oft, nachdem der Anlass über Wochen immer wieder auf dem Tresen lag.
Der Eindruck ist unabweisbar, es handele sich um eine Untergangsszenerie. Ich erwerbe die Dinge zum Spottpreis, und dabei wird es bleiben. Welches Engagement braucht es ja auch, um den fremden Dingen näher zu kommen….
… Etwa der Mbole-Frauenfigur, die trotz der konventionell verdrehten Arme – Sie wissen aus Ihren Coffee Table Books warum – sicher auf dem Boden der Tatsachen steht. Sie wurde tausendmal an den Armen gepackt und zurechtgerückt, vielleicht wurde auch ihr Gesicht berührt in nutzloser Hoffnung. „Gebrauchsspuren“. So oft würde das nur ein äußerst zynischer Fälscher-Exporteur imitieren.
Wir können uns leisten zu wissen, dass hölzerne Objekte nicht weiterhelfen. Doch die Figur ist so nackt und arglos wie die jüngere Schwester von Egon Schiele im Fernsehen (Feature, 55′, D 2017: LINK).
Sie stand ihrem Bruder Modell – im Feature von einer überzeugenden Schauspielerin verkörpert – und regt sich (‚Spielszene’) ein Jahrhundert später über die Aussicht auf Ausstellung ihrer Blöße auf. Ja, die Privatheit. Da machen sich zeitgemäße Berufsethnologen einen Kopf über die öffentliche Zurschaustellung kultischer Geheimnisse und selbst ihrer bescheidensten Utensilien. Ich sehe in denen lieber Instrumente der Macht und der sozialen Kontrolle. Museumsfrauen müssen noch in lebensgroßen Kleiderpuppen Unanständiges erkennen und kustodisch austarieren.
Die Not und die Verzweiflung, aber auch der Einfallsreichtum der Menschen haben ihre eigene Ästhetik. Und die kommt uns auf dem Flohmarkt am nächsten, zusammen mit den alltäglichen Problemen der afrikanischen Zwischenhändler.
Die heutige ethnografische Wahrnehmung ist gefühllos, kalt – beflissen würde Roland Barthes es nennen, eben die Wahrnehmung “eines gutwilligen Subjekts unserer Kultur” (LINK , dort gegen Ende: 53) Sie ist ‚korrekt’, wie die zeitgemäße Etikette es fordert. ‚Respekt’ wird mit der Gießkanne und ohne Berücksichtigung der Nebenwirkungen blind verteilt.
Auf dem Flohmarkt flanieren Tausende, wenigstens bei – zu selten eintretendem – gutem Wetter. Sie glotzen, wie sie im Urlaub auf Sehenswürdigkeiten glotzen, die sie nie begreifen werden. Alles ist so billig und „man gönnt sich ja sonst nichts.“ Über jede Ausnahme vom Ramschpreis schütteln sie den Kopf.
Die Museen nebenan sind in die Defensive geraten. Sie halten ihre Praxis vielleicht für Didaktik, deutsch: ‘Volkserziehung’, aber sie ist keine, sondern Marketing und Kampf um öffentliche und private Ressourcen, also verdeckter Existenzkampf.

 

 

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