Berlin, den 18.05.2023
Das Jahr war bisher ein gutes Jahr fĂŒr mich. Ich habe sehr nette Menschen gefunden, mit denen ich Studium und Freizeit in Berlin gestalten und genieĂen kann. Ich besuche Ausstellungen â zuletzt etwa âRetrotopia. Design for Socialist Spacesâ , âIndigo Waves and Other Stories: Re-Navigating the Afrasian Sea and Notions of Diasporaâ â und gehe zu politischen und historischen VortrĂ€gen und FĂŒhrungen. In meinem Theorie-Lesekreis, welchen wir im November gegrĂŒndet haben, neigt sich der erste Sammelband dem Ende zu und wir freuen uns alle auf eine Fortsetzung in Form einer Theorie-Monografie. Es ist an der Zeit, dickere Bretter zu bohren. Und sonst erkunde ich weiterhin den riesigen Spielplatz unserer Hauptstadt mit all ihren Ecken und Facetten. Am liebsten genieĂe ich aber aktuell den zwar noch unbestĂ€ndigen, aber immerhin endlich beginnenden Sommer in und auf den Berliner Parks und PlĂ€tzen und schaue den kleinen HĂ€schen in unserem Innenhof beim Wachsen zu.
Die Seminarauswahl hat sich im Sommersemester als Ă€uĂerst interessant erwiesen: Ich habe es in den Seminaren âKritische Theorie des Autoritarismus in ‚postfaktischen‘ Zeitenâ sowie âDas politische Denken Hannah Arendtsâ mit zwei Alt-68ern als Dozenten zu tun, was den Vorteil hat, dass diese unabhĂ€ngig von den ZwĂ€ngen der Wissenschaftsökonomie walten können und es ihnen dementsprechend möglich ist, sehr viel mehr Zeit fĂŒr die Seminargestaltung sowie die Betreuung von uns aufzuwenden. Die Didaktik liegt ihnen ebenfalls, da sie nicht vom Institut zur Lehre gezwungen werden, sondern es als ihre Berufung begreifen, der jungen Generation etwas von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung mitzugeben.
Insbesondere einem Dozenten â der aussieht wie ein HundertjĂ€hriger und sich so langsam bewegt wie eine Schildkröte, aber dafĂŒr mental so fit ist wie ein MittdreiĂiger â gelingt es eine ungemein fruchtbare DiskussionsatmosphĂ€re zu schaffen und sich so ein GroĂteil des Seminares tatsĂ€chlich an der Theorie-Exegese beteiligt.
Im krassen Gegensatz hierzu steht die AtmosphĂ€re in meinen anderen beiden Seminaren bei einer ebenfalls sehr sympathischen Dozentin, die AnknĂŒpfungspunkte zwischen feministischer und materialistischer Theorie sucht. Sowohl in „âStaat, Macht und Geschlecht â materialistische und queer-feministische Staatstheorienâ und âDeconstructing Eurocentrism: Decolonial Perspectives on Gender, Knowledge, and Powerâ wurde dem Seminarbetrieb eine âWarnungâ vorausgeschickt. Es gelte auf jeden Fall darauf zu achten, niemanden aufgrund von ĂuĂerlichkeiten spezifische Pronomen zuzuschreiben bzw. ein Geschlecht anzunehmen und niemanden zu beleidigen. Aber auch nachsichtig zu sein, wenn jemand einen Fehler macht.
Eine mitstudierende Person musste dies unmittelbar kommentieren und klarstellen, dass es Grenzen gebe und sie nicht ruhig bleiben mĂŒsse und werde, wenn jemand sie falsch adressiere oder beleidige. Ich fĂŒhlte mich daraufhin extrem unwohl wollte am liebsten sofort das Seminar verlassen. Ich kann mir schon keine Namen merken, wie soll ich dann noch die richtigen Pronomen fĂŒr jede Person behalten, nachdem alle 60 von uns diese geĂ€uĂert hatten? WĂŒrde ich mich ĂŒberhaupt trauen, etwas zu sagen, bei meiner umgehend innerlich aufsteigenden Angst, etwas falsch zu machen?
Ich unterhielt mich daraufhin mit einer Kommilitonin und Freundin, welche sich als non-binary identifiziert, sich also keinem Geschlecht zuordnet und eigentlich genau die âZielgruppeâ darstellt, welche die Anfangsklarstellung âschĂŒtzenâ und fĂŒr welche sie eine âsichere AtmosphĂ€reâ schaffen soll. Sie bestĂ€tigte mir daraufhin direkt, dass es ihr exakt wie mir ging: Kein FĂŒnkchen WohlfĂŒhlen, sondern tiefgreifende Verunsicherung und ein Fluchtinstinkt / Fluchtimpuls. Bis jetzt kommt es in den Seminaren kaum zu wirklichen Diskussionen. Stattdessen posaunen die meiste Zeit selbsternannte Expertinnen ihre geistigen ErgĂŒsse zu den aktuellen Seminarthemen heraus. Die Seminartexte spielen dabei oft nur eine Rolle insofern sie ein vages Thema zur VerfĂŒgung stellen, zu welchem die eigene Vielbelesenheit â im Gegensatz zur Unwissenheit der anderen â ihre Darstellung finden kann. Selbstreferentielle Inseln in einem animosen Meer der Unsicherheit. Der Dozentin ist zwar ihr Unbehagen bei dem Woche fĂŒr Woche stattfindenden Trauerspiel anzusehen, doch traut sie sich nicht zu intervenieren. Und ich als einer der wenigen hetero-cis MĂ€nner im Seminar traue mich auch nicht, meine doch so privilegierte Stimme zur Kritik zu erheben.
In meinen anderen beiden Seminaren wurde kein vergleichbarer Disclaimer an den Anfang gestellt. Es wurde stattdessen davon ausgegangen, dass wir erwachsene Menschen sind, welche einen höflichen Umgang miteinander zu pflegen imstande sind. Auf magische Weise entwickelte sich daraufhin ab der ersten Sitzung eine wohlwollende AtmosphÀre, in der sich selbst unsicher wirkenden Menschen trauen, ihre Stimme zu erheben, Fragen zu stellen und sich produktiv einzubringen.
Obwohl es sehr schade ist, dass die Diskussionen in zwei meiner Seminare so unbefriedigend verlaufen, tröstet mich doch, dass ich das Ausgebliebene stets mit meinen Kommilitoninnen nachholen kann. derart unbefriedigend verlaufen, tröstet mich doch, dass ich das Ausgebliebene stets mit meinen Kommilitoninnen* nachholen kann. Und das möchte ich, denn die Texte sind teilweise durchaus interessant! Ich musste beim Lesen so manches Mal an dich denken und habe mich gefragt, wie deine (vermutlich) kritische Position wohl aussĂ€he. Anbei sende ich dir einen der besseren Texte von einer russischen Theoretikerin, vielleicht juckt es dich ja in den Fingern, mal reinzulesen. Lass dich vom Titel nicht verunsichern, es geht kaum um SexualitĂ€t. Stattdessen bietet die Autorin einen Ăberblick ĂŒber die grundlegenden Perspektiven der dekolonialen Option aka der dekolonialen Nicht-Theorie an.
Ich empfinde die dekoloniale Perspektive als unheimlich befruchtend. Wie oft haben wir ĂŒber die verstaubten ElfenbeintĂŒrme der westlichen (Politischen) Theorie gesprochen. Endlich etwas grundlegend anderes! Ich kann den frischen Wind teils förmlich durch die BlĂ€tter rauschen hören. Es gibt eine Praxisperspektive, es liegt ein anderes NaturverhĂ€ltnis zugrunde, (Kultur-)Geschichte spielt eine groĂe Rolle, völlig andersartige Anthropologien werden prĂ€sentiert uvm. Aber lass uns das lieber mal persönlich besprechen â vielleicht ja sogar auf der Basis einer gemeinsamen Leseerfahrung.
Liebe GrĂŒĂe
J.M.  (Unser Korrespondent in Berlin)