Win-Win / Paris London / Berlin und Benin
 Ich habe es in der New York Times gelesen und im Guardian: Jede Beunruhigung von Museen und BĂŒrgern durch die KulturgĂŒter-RĂŒckgabe-Debatte ist gegenstandslos!
Was kann schöner sein, als wenn die Nachfahren der SklavenhĂ€ndler an der Guinea-KĂŒste und die Erben der AufkĂ€ufer und Veredler ihres Rohstoffs sich ĂŒber KulturgĂŒtern die HĂ€nde reichen?
Beide Seiten liebten zu ihrer Zeit beutegesÀttigte Angriffskriege gegen alte wie neue Nachbarn, die sie durch KriegserklÀrungen und Gottesdienste förmlich einzuleiten pflegten, die Afrikaner bis zu ihrer kolonialen Unterwerfung durch EuropÀer; diese bis zu ihrer Unterwerfung durch die Amerikaner.
Wenn nun afrikanische Staatschefs und entmachtete FĂŒrstenfamilien ihre Herrschaftssitze fĂŒr ein internationales Publikum mit den Symbolen einer GröĂeren Vergangenheit vergolden wollen ….
Wenn zufÀllig gerade die Erben der MilitÀrs, die sich im Fin de SiÚcle mit kolonialen Kriegen einen Ruf erwarben, nun die Chance nutzen, deren heute wie damals verabscheute, weil blutbehaftete TrophÀen loszuwerden, was ist daran schlecht?
Vielleicht wird die afrikanische Seite dem hochherzigen Entschluss der Kolonialisten mit ein wenig mehr an seltenen Erden, Erdöl, Uran, Gold oder nachwachsenden Rohstoffen zu gĂŒnstigen Preisen nachhelfen!
Ein unscheinbarer Erbe des General Dodds (Dahomey 1892) ging der modernen Bewegung bereits um 1930 voraus, nur in die falsche Richtung. Er verkaufte an einen Pariser KunsthÀndler (Ratton, Link).
Es ist ein biĂchen schade, wenn wir im Quai Branly nicht mehr auf die mythologisierte Fratze der herrschenden Klasse im alten Dahomey glotzen dĂŒrfen, die uns noch bei jedem Besuch unweigerlich angezogen hat! Doch um die neidischen Nachbarvölker der Fon braucht man sich keine Gedanken machen. Die waren frĂŒher Ziel der Sklavenkriege und sind heute in der globalen Konkurrenz bloĂ mit ethnografischen Objekten vertreten, deren bĂŒrgerlicher Interessentenkreis unweigerlich wegstirbt. Immerhin wurde wegen ihnen der Staatsname von Dahomey in Benin geĂ€ndert.
DRC
Als Sonderfall erscheint mir die Demokratische Republik Kongo, dessen immer-noch-PrĂ€sident jĂŒngst erst Anspruch auf Europas gröĂtes Museumsdepot angemeldet hat. Ein paar reprĂ€sentative Thronsessel – ich meine nicht die abgekupferten LiegestĂŒhle mit den Polsterknöpfen â gibt es ja zu verteilen, doch die Königreiche Loango und Kongo sind mit ihrem interessanten Christentum lange schon vermodert und lagen sowieso auĂerhalb des heutigen Staatsgebiets.
Was steckt hinter dem zweiten Anlauf des PrĂ€sidenten â nach dem von Diktator Mobutu â, sich und der Nation ein neues Nationalmuseum zu schenken oder vielmehr schenken zu lassen? Liebt er wie einst Mobutu seine hundert, zweihundert, vierhundert oder mehr Völker so sehr â und gleichzeitig auf so eigentĂŒmliche Art â dass er sie zwar aufeinander hetzen und im Elend verkommen lassen, aber furchtbar gern in klimatisierten und ausgeleuchteten SĂ€len reprĂ€sentiert sehen möchte? Die von europĂ€ischer Seite geĂ€uĂerte Idee von rotierenden Leihgaben wĂŒrde ideal zu einer Bevölkerung passen, die seit langem zwischen Land und Metropole, aber auch in der ĂŒbrigen Welt rotiert. Dass bereits die HĂ€lfte der Nation permanent oder zeitweise in Kinshasa lebt, wird die integrierende Wirkung des neuen Museums nur verstĂ€rken.
Dazu könnten auch die belgischen GroĂskulpturen in Tervuren aus den fĂŒnfziger Jahren beitragen, die in den Medien als ârassistischâ oder âproblematicâ (NYT) verunglimpft werden, wenn man sich entschlieĂen kann, sie nach Kinshasa zu entsorgen. Sie sind noch immer muskulös, ĂŒberlebensgroĂ und stilrein naturalistisch. Nicht anders als alle anti-imperialistischen Skulpturen des 20. Jahrhunderts, die ich kennenlernen durfte. Ich habe an ihnen nichts auszusetzen, bessere bekommt man auch heute nicht. Man schaue sich die Abbildung unvoreingenommen an. Dasselbe gilt fĂŒr kolossale TierprĂ€parate und liebevoll gemalte Fresken.
Geduld wird nötig sein. Im Guardian vom 8.Dezember lese ich, dass momentan etwa 85.000 Objekte in Kinshasa unter erbĂ€rmlichen Bedingungen untergebracht seien und man keine weiteren brauchen könne. Trotzdem sagt dort Guido Grysels vom Museum Tervuren wie alle Welt, dass es ânicht normalâ sei, â80 % des afrikanischen Kulturerbes in Europaâ zu finden. Das denke ich auch, wenn die Zahl seriös ist, aber befinden sich nicht auch achtzig Prozent der Vermögen von Kongolesen im Ausland? Und verhĂ€lt es sich anders mit den Konzessionen fĂŒr Holzraub und Bergbau etc.? Vielleicht untertreibe ich noch. Die Kulturstaatsministerin GrĂŒtters in Berlin verspricht im Feuilleton der FAZ (15.12.): Die RĂŒckgabe von KulturgĂŒtern ist nur der Anfang. Recht hat sie! Packen wir’s an.