Aus den Kolonien in die Heimat / Deux cartes postales du Maghreb

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Wozu hat man sie denn solange aufbewahrt, doch nicht etwa, um ungelesen in einer Sammelbox zu verschwinden? Der Trödler im Burgund liefert anrührende Schlaglichter auf die Akteure des französischen Kolonialismus, etwa so:

 

Orléansville – Le nouveau Pont sur le Chélif

Orléansville – Le nouveau Pont sur le Chélif

Postkarte aus Orleansvile 1947_0001Orléansville, 15-9-47

Chère Denise          J’arrive!… J’arrive!…

quand même à l’envoyer un petit mot. Il parait que tu es en colère après mai et que tu vas m’engueuler. J’ai l’impression que les engueulades vont tomber. Comme tu voix c’est Orléansville (Algerie) que je t’envoie cette carte. Je suis en train de passer huit jours de repos, quelles délices de faire de bons repas après mangé de la m…. pendant huit mois. (quer) Un vieux copain qui t’embrasse bien fort.

 

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(Inhalt) Liebe Denise, ich komme!… Ich komme!..  trotzdem ein paar Worte. Du bist wohl nach dem Mai wütend und wirst mich anschreien. Ich fühle, dass eine Menge böse Worte fallen werden.. Wie du siehst, schicke ich dir diese Karte aus Orleansville (Algerien). Ich verbringe gerade acht Ruhetage. Was für ein Vergnügen, gute Mahlzeiten zu bereiten, nachdem man acht Monate lang Sch…. gegessen hat.
Ein alter Freund, der dich ganz stark drückt.

 

Das Foto von Ciny zeigt eine kahle Uferlandschaft, die gewiss der Kargheit der Natur und den Spuren einer geräumten Baustelle geschuldet ist, aber auch aus der Nachkolorierung – in Magermilch-Blau – von Himmel und Wasserfläche einer sorgfältig komponierten Schwarzweißaufnahme herrührt.
Was ist überhaupt ‚algerisch’ an dieser Ansicht. Nicht die beiden niedrigen Brückenbögen mit den eng gesetzten senkrechten Streben, die einen beliebigen europäischen Industriekanal überspannen könnten. Selbst der geköpfte erwachsene Baum vorn würde gut nach Frankreich passen. Eine winzige weiße Gestalt allein auf dem Uferweg sticht in einer typisch weiblichen Ganzkörperverschleierung hervor. Ein Sinnbild für manches: etwa die Rückständigkeit der Eingeborenen oder ihre Verlorenheit in dieser ‚zivilisierten’ Umgebung, in die sie nicht passen will. Die Verschleierte hat etwas Beunruhigendes, sie schreitet entschlossen nach rechts vorne aus…. Wer ist sie? Was hat sie vor?
Bereits 1945 hatten die Algerier einen Aufstand gegen die Besatzer unternommen, der militärisch unterdrückt wurde.
Vorder- und Rückseite der Karte scheinen einander in ihren Botschaften zu ergänzen: „Scheiße fressen“ und „Nur weg hier“ und hier diese atmosphärische Spannung.

 

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6215 Scènes et Types - La Rivière - LL

6215 Scènes et Types – La Rivière – LL

Postkarte aus Mediouna 1934_0001

Rückseite: Ein Onkel schreibt in sorgfältig gesetzten Worten und schöner Schrift im Januar 1934  an seine Nichte (Übersetzung):

Mediouna 10.1.1934            Liebe kleine Marie-Louise,

Es ist das letzte Mal, dass ich dir aus Marokko schreibe. Momentan befinden wir uns in Manövern. Wir schlafen unter dem Zelt. Am tag ist die Sonne ebenso heiß wie im Juni und Juli in Frankreich, aber am Morgen um fünf ist es sehr kalt. In 2 Wochen werde ich wahrscheinlich ein Schiff nach Marseille besteigen. Du solltest mir also nicht mehr schreiben, weil ich deine so reizenden Briefe gar nicht mehr erhalten würde. Ich muss dir danken und dich küssen für deine guten Wünsche zum Fest und zum Neuen Jahr. Du hast mir große Freude gemacht.

Bis bald, liebes Patenkind          Es küsst dich Dein Onkel Roger

(Quer:) Liebe Grüße an deine Eltern, Brüder und Schwestern

 
Vorderseite:
Die vermeintlich romantische Szenerie – ein Bachlauf unter blauem Himmel mit Palmenhain und Sanddüne im Hintergrund – bedient zwar orientalische Klischees, zumal unterstützt durch eine altertümelnde Handkolorierung. Doch in der Realität endet der Auslauf unterhalb des Bewässerungssystems in einer Salzlake. Und im Hintergrund bedroht bereits der riesige Sandhaufen der Wanderdüne die Idylle. Die heitere und klare Oasenkultur der Fellachen wird im Bild durch ein scheinbar undurchdringliches grünes Gestrüpp repräsentiert. Im Ernst, wer möchte sich an so einem Ort aufhalten? – Doch war das Motiv wohl beliebt; ich selber habe bereits eine zweite solche Postkarte.

 

 

 

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