‘Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass’ – Gefällt Ihnen der Satz?

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Wie kam ich bloß an das Buch von Liu Xiaobo aus der Büchergilde Gutenberg? Hat Norbert, der Antiquar es mir 2011 geschenkt wegen des aktuellen Friedensnobelpreises, weil ich ein politischer Mensch bin und mich für China interessiere? Gegen meine Gewohnheit finde ich keine Erwerbsnotiz, welche das Buch als Schnäppchen ausweisen würde. Seltsam. Auf eigene Initiative erworben, diesen Titel, das erscheint mir eher unwahrscheinlich: ‚‚Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“. Heilige leben in einer anderen Welt. Jedenfalls gehören ihre Legenden in eine andere Welt.

Die Kurzbiographie von Liu Xiaobo bildet vor 1989 einen steilen Pfeil nach oben, um dann jäh abzustürzen und in der Folge den typischen Verlauf eines Regimekritikers anzunehmen. (Link z.B wikipedia.de)

Deren Regelhaftigkeit, ihre eingebauten Automatismen können Liu nicht entgangen sein. Er muss die revolutionäre Tradition des Menschenopfers und Selbstopfers bewusst angenommen haben. Bereits die Demokratiebewegung von 1989 hatte mehrere tragisch endende Vorgänger im 20. Jahrhundert. Immer fühlten Akademiker, meist Studenten sich berufen, ihre patriotischen Ideen mit ihrem Leben zu verteidigen. Diese Geschichte spielt in unserer Öffentlichkeit überhaupt keine Rolle.

Ich möchte dem Idealisten nicht zu nahe treten, wenn ich daran erinnere, dass auch Chinesen mit dem Erfassen der Komplexität einer ganzen Gesellschaft notwendigerweise überfordert sind. Bei den Menschen aus China, denen wir im Alltag begegnen, haben wir mit deren beschränktem Horizont keine Probleme, wohl aber bei Großen Namen, bei Preisträgern mit akademischer Karriere. Da glauben wir den Versicherungen beflissener Laudatoren.

Unglücklicherweise ergänzen sich die chinesische Tradition eines Zentralismus, der von Anfang an Normen setzte und durchsetzte, und die habituelle Arroganz westlicher Gesellschaftsversteher, die sich in ihrer Begriffwelt  bewegen wie in einem Faradayschen Käfig. Da kann das Gewitter draußen noch so sehr wüten. Werden sie wider Erwarten doch erschlagen, langweilen sie oder scheiden sie aus Altersgründen aus, treten andere ebenso aufgeplusterte Sänger an ihre Stelle. Ohne die Multiplikatoren im Feuilleton würde sie niemand zur Kenntnis nehmen. Die Logik moderner Forschung fordert den Verzicht auf den Anspruch, die Welt aus einem Punkt erklären zu können.

Dummerweise begegnet man als Nicht-Sinologe einer Übersetzung. Eigentlich müsste man darüber froh sein, aber es sind unsere eigenen hohlen Abstraktionen, die uns hier begegnen.

So hart es klingt: die Zeit ist über alle Demokratiebewegungen hinweggegangen. Was ist von der Hoffnung von 1989 verbundenen geblieben? Eine tragische Farce in Europa und den USA. In manchen Ländern kann unsere Generation am eigenen Leibe erfahren, was im 18. Jahrhundert Montesquieu mit der Entartung der verschiedenen Herrschaftsformen meinte. Da sich die gesellschaftlichen Kräfte, auf die Liu Xiaobo noch baute, unaufhaltsam zersetzen, richtet sich unser Blick, wenn wir noch bei Verstand sind, auf die Effizienz der Regimes. An dieser Stelle ein Dank an ARTE, 3-Sat, phoenix, dlf, SZ und FAZ für präzise Einzelstudien zu China.

Was Liu Xiaobo über China schrieb, ist heute in jedem Satz so richtig wie falsch, eben übergestülpte Theorie. Das Beste an den „Ausgewählten Schriften und Gedichten“ sind seine Erzählungen oder wenn er über seine tiefe Enttäuschung und über die Erfahrung der unerträglichen Ungerechtigkeit in der Gesellschaft schreibt. Nicht unbedingt seine Programmgedichte.

Schwer verdaulich ist die Pose: „Muss mit ruhiger Hand ein Messer in meine Augen stechen und mit dem Preis der Blindheit für die Klarheit des Verstandes zahlen ….“ (S.357) – Sind Sie dessen so sicher, Liu? Und ist die Anleihe bei der attischen Tragödie wirklich mehr als für den Papierkorb, nach angemessener Trauerzeit?

Warum so scharf?

Derartige Editionen mögen so etwas wie eine Verbindung mit Idealisten in China herstellen, aber sie kleistern wieder eine neue Schicht ideologischer Tapete auf die Wände, die uns einsperren in einer eurozentrischen Sicht, sie stellen für uns falsche Fragen. Sie lenken ab von den Problemen, die uns ständig – nicht nur in inszenierten Events und speziellen Spartenprogrammen – vor Augen stehen sollten. Wir können uns selber nicht helfen. Verleiht uns das etwa Kompetenz für China mit seinem Fünftel der Weltbevölkerung und einer seit Jahrtausenden radikal anderen Geschichte?

 

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29. Mai 2018

Als Reaktion auf sein Sterben im Juli 2017 verfasst, also eine Art Nachruf! Ich habe das Buch inzwischen wieder abgegeben und kann meine damalige Ablehnung nicht überprüfen. Wenn ich den Artikel weniger auf die Person des Nobelpreisträgers von 2010 bezogen lese, ist er gut, nützlich. Denn entscheidend ist, immer aufs Neue ‚die richtige Distanz zu China zu suchen’ (Link), verbunden mit dem Wechsel der Perspektiven.

Wenn die chinesischen Behörden der Witwe Xiaobo’s die Ausreise verweigern, finde ich das rachsüchtig und lächerlich. Doch systematisch boshafte und letztlich dumme Verfolgung durch Staatsorgane kennen wir auch im eigenen Land. Mir fallen zum Beispiel solche gegen ’Staatsfeinde’ ein, etwa in der damals antikommunistischen BRD aus Angst vor Pazifisten, Kommunisten, Studenten und Terroristen. Da war neben der ‘Staatsräson’ der Hass unübersehbar.

Aufregender als Schikanen gegen Individuen finde ich heute die strategische ‚Einkaufstour’ chinesischen Kapitals in der EU, die militärische Ausbreitung im Südchinesischen Meer, die hierzulande Schlagzeilen machen, oder der sich geräuschlos ausweitende Einfluss der staatlich gelenkten „Konfuzius-Gesellschaften“ auf die sinologische Universitätsforschung in Deutschland. (Kritisches Interview in: generalanzeiger-bonn.de 14.11.2017- Link).

Dabei kann – aus hinreichend großer Entfernung betrachtet – die Anbindung an Chinas „Neue Seidenstraße“ für Europa die Chance eines zweiten Neustarts nach 1945 bedeuten.

Warum sollte ein ‚aufgeklärt absolutistisches Regime’ in Beijing uns Europäern dann nicht ein paar populäre ‚Menschenrechte“ als Folklore erlauben, wenn die in ihrer juristischen Verpackung überhaupt noch erkennbar sind, wo das jetzige Regime  in Peking vor einiger Zeit sogar den zur Unperson erklärten Dalai Lama zur buddhistischen „Wiedergeburt“ drängte. Und der hat das abgelehnt!

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