„DAS NETZ“ von Lutz Dammbeck über den „Unabomber”

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                                                       Ein Film und ein Schlüsselerlebnis

 

Zur Erinnerung:

Der sogenannte Unabomber Theodore Kaczynski (*1942) verübte über 17 Jahre hinweg Briefbombenanschläge auf Wissenschaftler. Der Film begibt sich auf die Suche nach den Motiven des Täters und beleuchtet die gesellschaftlicen Einflüsse, die auf Kaczynskis Generation wirkten.“ (arte-Magazin 6/o6 )

Inzwischen ist eine DVD  in der arte edition ( Best.Nr.800,17.90€) und ein gut lesbares Taschenbuch erschienen („Das Netz“, Nautilus HH, 12.80 € ), das auch das „Unabomber-Manifest“ erstmals in vom Autor revidierter Fassung enthält zum Nachlesen für Eilige und Kritische.

‘liga 6000’  ging unter dem Titel „Unabomber, LSD und Internet“ bereits vor einem Jahr auf den Film ein. Mir bietet aber der andere Impulse, die ich zur Debatte stellen möchte.

Der Gesamteindruck: Ein mutiger Film.

 Die Interviews mit den Zeitzeugen gelangen unweigerlich an den Punkt, wo sie mehr oder weniger abgebrochen werden.

 Ich wundere mich, dass die Betreffenden einander nicht vor dem Autor Lutz Dammbeck gewarnt haben.

Ein subversiver Film, der die tabuierte Botschaft des  aus der akademischen Gemeinde exkommunizierten Ted Kaczynski zur Diskussion stellt, der Kaczynski die Möglichkeit zur Erläuterung bietet für eine internatinale  Öffentlichkeit. Der deutsche Sprecher verleiht Kaczynskis Briefwechsel mit dem Filmautor Gewicht und menschliche Würde.

 

Eine dem Wissenschaftslaien verschlossene Ebene der Zeitgeschichte wird aufgeblättert:

 der globale Angriff – hier im Milieu von Hippies, Drugs and Sex and Rock´nRoll – auf die traditionellen Bastionen der „autoritären Persönlichkeit“ in aller Welt. Die „Denkfabriken“ des „CIA“ waren von Anfang an dabei, als Kriegsforschung im „Kalten Krieg“, getragen von der aggressiven Ideologie einer „freien Welt“ und der „westlichen“ Utopie der „Einen Welt“, in welcher die Menschen und Völker aus allen bisherigen – faschistischen und kommunistischen und generell konservativen – Bindungen und Mustern gelöst existieren sollten.

Der Film zeigt die Heroen der Kybernetik (v.Foerster, Steward Brand), der Gesellschaftstheorie (Adorno & Co.), Autoritäten psychologischer Lebensberatung (z.B. der Gestalttherapie) und Schöpfer und Agenten populärwissenschaftlicher Weltbilder (Mc Luhan, Brodman) im Dienst oder in Gesellschaft der Agenturen einer „Mind Control“ – einer Gedankenkontrolle im Sinne von Noam Chomsky – die sich im 2.Weltkrieg an die US-„Elite-Universitäten“ angedockt hatten. Wir können die individuelle Reaktion verschiedener hervorragender „nützlicher Idioten“ im Gespräch verfolgen. Manche bewahren sich eine optimistische Sicht, andere warnen, klären auf. Den individuellen Terror verurteilen sie alle. Etwas Anderes wäre auch extrem rufschädigend gewesen.

Der Film ist für mich ein Schlüsselerlebnis : als müsste und könnte ich nun  vermeintlich altbekannte Dissidenten und  Aussteiger der wissenschaftlich-technischen Avantgarde neu lesen: Chargaff, Weizenbaum, Chomsky, auch Adorno und Herbert Marcuse.

 Im Folgenden möchte ich die höchst vorläufigen Gedanken ausspinnen, die sich  in der Verarbeitung des Films einstellten:

1

Wie dumm waren die ‘Bewegungen’ und ideologischen Konfrontationen der 60er und 70er Jahre, die auch mir den Hintergrund der dramatischen Bühne verstellt haben: die wahre Revolution, die uns seit zwanzig Jahren in atemberaubendem Tempo überrollt!

Meine „68er“Generation verschwindet  gerade kleinlaut oder gar in unwürdigen Haltungen von der öffentlichen Bühne. „Generationswechsel“ und „Paradigmenwechsel“ mittels „Systemwandel“ finden überall statt. Unauffällig setzt sich die wissenschaftlich-technische Machtelite durch, sie verjüngt sich durch Selbstrekrutierung  („Leistungsprinzip“, „Arbeitsteilung“) immer weiter und vervielfacht ihr Kontrollpotential. Die 68er-Anekdote vom Studenten-Revolutionär, dem angesichts des Berliner S-Bahnfahrplans urplötzlich die Einsicht dämmerte: „Das werden wir nie schaffen!“ kratzte immerhin in die Oberfläche der Sache: Unsere – und da schließe ich mich voll und ganz ein – schöngeistige Abwendung von mathematischer und statistischer Sprache war fahrlässig, eine politische Todsünde.

2

Wir haben die Augen verschlossen: 

  •  vor den politischen Kräfteverhältnissen in angeblich „revolutionären Situationen“ wie Portugal 1975 etc. –  Die Halbwertszeit der modernen Revolutionsimitate à la „orange“ in der Ukraine wird lächerlich kurz.
  • vor der wachsenden Macht von Psychologie und Ökonomie weltweit: Die „revolutionäre Linke“ hat die tiefsten Bedürfnisse  der Individuen verachtet,  sah die menschlichen Bedürfnisse voluntaristisch verkürzt und gedachte die Menschen gegebenenfalls brachial umzuerziehen, statt ihnen scheinbar devot zu dienen wie es ganze Wissenschaftsbzweige seit langem tun. Sie ziehen daraus Herrschaftswissen. Der sanfte Weg der Überredung  als unauffällig manipulative Methode lag „uns“ Ungeduldigen nicht, ebensowenig das Prinzip, jedes noch so geringe „Gefälle“ des vermeintlichen „Egoismus“ zu nutzen. So hatte man keine Chance gegen das Bündnis von weltkapitalistischer „Konsumgesellschaft“ und  wissenschaftlicher Avantgarde (Kybernetik, experimentelle Psychologie, u.s.w.).

3

Die 68er „Linke“ in den Industriestaaten war ein Kind der Planstellen und des Bafög, also des Sozialstaats, zu dumm, um die Sozialingenieure zu durchschauen, die sich – vielleicht kopfschüttelnd – erst einmal  in ihre Labors und Büros verzogen, bis die ‘Bewegung’ zum Stillstand gekommen war.

Die RAF zündelte  aktionistisch mediengerecht und schrie in grellen Worten auf („Schweine“) und rechnete gegen jede historische Erfahrung mit dem „individuellen Terror“ auf irgendeine Reaktion „der Massen“. „Maoisten“ und „Stalinisten“ verließen sich lieber großkotzig, mit Lenins Gesammelten Werken geimpft, auf die zermalmende Gewalt des Staatsterrorismus – im Stil  eines Mao oder Stalin – der damals den kleinlauten totalen Bankrott noch vor sich hatte. Der sich als revolutionär verstehende Neo-Marxismus der Studenten war ‘retro’, alles andere als revolutionär.

4

Die  „Völker“ selbst  liefen den linken Utopien weg, wenn sie nicht wie in den „Hinterhöfen“ der USA fürchten mussten, militärisch zermalmt  oder ihrer Existenzgrundlage beraubt zu werden. Die Ansteckung durch den „American Way of Life“ importierten Medien und die unvermeidlichen Außenkontakte  in die beschulte Jugend und die Mittelschichten hinein. „Soziale Grundrechte“ zogen nicht bei denen, denen „Konsum“ und „individuelle Freiheit“ in Aussicht gestellt wurde. Autoritäre linke Regimes  konnten seit der Mitte der 80er Jahre auch die feindliche Parole „Menschenrechte“ nicht mehr kompensieren.

Was hätten „wir“ tun können?  Vielleicht sozialwissenschaftliche kritische Theorien entwickeln, die den Namen „kritisch“ verdienen und den Gegner ebenso wie die angemessene Praxis sichtbar machen? Da lacht mich Paul Feyerabend aus und empfiehlt mir seine Bücher! Ich ziehe den Satz kleinlaut zurück.

Doch was eine Naomi Klein  2002 in ihren „Berichte(n) von der Globalisierungsfront“ aus der Oppositionspraxis beschreibt, wäre das nicht eine Generation früher möglich gewesen? „Der lange Marsch durch die Institutionen“ wäre nicht von dermaßen unkritischer Geduld begleitet worden.

5

Auch die angebliche Stärkung des Individuums, seine Herauslösung aus zwingenden Bindungen  durch den europäischen Sozialdemokratismus , also die „Reformsozialisten“, hat  auflösend gewirkt. Sie bereitete durch gesellschaftliche Atomisierung den Weg für eine technokratisch-kapitalistischen Doppel-Herrschaft.

Heute sucht das Individuum in den Metropolen vor allem nach „Halt“ und nach „Zerstreuung“. Die Explosion der „Kultur“-Events und -Szenen, die ständige Vermehrung ihrer Foren, die Vernetzung der Sinne und Genüsse liefert ein total absorbierendes überwältigendes Angebot. Im übrigen hat Vilém Flusser die üblich gewordene rituelle Verarbeitung von Information in der kleinen Studie „Über Fotografie“ überzeugend beschrieben.

 

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