China 1973 – Streiflichter

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Liebe H…. Nun zu deinen Fragen zum Scherenschnitt: Ich fand sie hilfreich und habe sie schon vergangenen Sonntag beantwortet, aber in der Hektik dieser Tage noch nicht abschicken können.

P1160029ichScherenschn.

 Date: Thu, 9 Feb 2012 13:19:32 +0100 – Lieber Detlev, erkennst Du Dich im Scherenschnitt? Fühlst Du Dich erkannt? Bist Du irritiert? Was irritiert Dich? Die Dir unsichtbar gebliebene flinke Hand eines chinesischen Kleinkünstlers? Der Zugriff? Du könntest da m. E. genauer werden, was Dich an den kleinen und großen Dingen fasziniert, was Dich so befremdet. Herzlichen Gruß 

 Aber ja. Gut getroffen ist die von rechts schmale Oberlippe, die recht dünne Unterlippe, die kräftige hervorspringende Nase mit dem starken Rücken, ein Erbteil meiner Mutter. Der Hals könnte freilich noch deutlicher gezeichnet sein. Hat er mir etwa den Kopf zurecht gerückt? Die gerade Stirn ist unter dem mächtigen Haarschopf eben noch angedeutet. Ich fühlte mich erkannt, nicht vergrößert, aber auch nicht verniedlicht. – Irritiert hat mich vielleicht die Einsicht, dass ein so fremder Mensch mich entzifferte. Vielleicht hatte ich es ihm als Chinesen nicht zugetraut. Doch so etwas ist eigentlich normal zwischen den Kulturen. Es kann sein, dass ich bedauerte, ihn gleich wieder verlassen zu müssen. (….)

Ich nehme mir mein Album vor, wohin ich den Scherenschnitt geklebt habe. 2013 ist Vierzigjähriges. Wie wär’s: Wollen wir nicht ein Treffen organisieren? Ich habe Dias und Dokumente. Andere ja auch.

Meine Fotos zeigen Individuen – die Gruppenaufnahmen sind gewöhnlich nicht von mir. Ich muss nun sehen, wie weit ich aus Tagebüchern, Briefen und weiteren Materialien diesen Porträts am Wege noch mehr konturierte Erläuterung geben kann. Nur einzelne Sätze jetzt:     //  Fotos müssen noch gescannt werden //

Die Betreuerin – von nicht zu übertreffendem Engagement. Wir mussten sie überreden, in Shanghai ihr Kind zu besuchen, das von ihrer Mutter aufgezogen wurde.

In der Fabrik bemerkte ich Engagierte, aber auch Dekorative, Hintersinnige.

Das Gymnasium in Tientsin: beim Abschied am Bus nur undurchsichtig lächelnde Gesichter – und dazu dein Bruder, der lächelt, ohne sie anzuschauen und wer weiß an welche Szene seiner Zeit in Shanghai denkt.

Die Klinik, die traditonelle Rezepte einsetzte. Mit diesen Menschen konnten wir nicht reden, weder den sympathischen Ärzten noch den heroischen Patienten, die ihre Rolle mit Würde spielten. Wir hatten Glück, dass wir nicht an der Vorführung veritabler Operationen unter Akupunktur-Anästhesie teilnehmen durften/mussten.

Im Kulturpalast war mir der Schachspieler, einige Jahre älter als wir, sympathisch, und ich bewunderte den Jugendlichen, der dem drögen Gipsmodell in seiner Zeichnung so viel Leben abgewann. Dann der Chorleiter: Der Raum dröhnte vom Gesang der Kinder, Mir gelang kein scharfes Foto von ihm. Und dann eine schöne Chinesin in der Ästhetik der Latzhose.

Zwei Männer und ein Junge im Park, sie sitzen zusammen unter den Bäumen. Und niemand sonst.

Das Personal der Vorzeige-Kommune im Zhunhua-Kreis – vier sehr deutliche Fotos unterschiedlicher Typen im sozialistischen Dorf! Allesamt unerreichbare Zeitzeugen.

Ich habe inzwischen einen Teil des pekinger Katalogs studiert. Er ist interessant und durchaus hintersinnig in seiner Didaktik. Es ist schon wieder spät. Herzlichen Dank! Auf bald.         D.         19.2.2012 23.44

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