Ein naiver Nutzer der Stadtbücherei fragt 2003 ….

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Du hast  doch nichts kapiert! Etwa den Trend der Zeit? Was die Kunden wollen? Wohin die Reise geht?  Wie unsere Institutionen arbeiten? Was erwartest du denn? In welchem Jahrhundert lebst du? Meinst du, alle hätten auf dich gewartet? Wir integrieren doch nicht Leute wie dich! Stell dich erstmal hinten an! Und zwar in der richtigen Schlange! Die Deutschen haben so eigenartige Vorstellungen: Antiquariate, dass ich nicht lache! Was denkst du, wieviel Medien – Bücher, phh!!! – wir täglich verarbeiten, ich meine zusammen mit dem Computer! Warum schreibt Ihr auch soviel? Muss denn jeder Quatsch gedruckt werden? Aber das ist nicht unser Bier!  Meldet euch an, registriert euch und haltet die Klappe, bis wir euch für eine Studie  aktivieren! Wir sind selber nur arme Schweine. Wir kriegen die Titel von höheren Ebenen aufgedrückt. Die Entscheider kennen wir auch nicht. Früher konnten wir noch aussuchen. Und unsere ausgesuchten Bücher wurden auch gelesen. Heute sind wir froh, wenn wir damit nichts zu tun haben. Volksbücherei hieß das früher!  Haha!

Es folgt ein Briefwechsel aus vergangenen Zeiten. Heute sind Stadtbüchereien eher Wärmestuben mit Reiseführern und anderen Ratgebern, Romanen, e-Books, DVDs , CDs. und einem Veranstaltungsprogramm. Unglaublich, was sich alles verändert hat. Ich käme heute nicht mehr auf die Idee, einen solchen Brief zu schreiben. Er war, wie die Antwort der Bibliotheksleiterin zeigt, hoffnungslos altmodisch.      10.12.2016

Aktueller Link : FAZ 5.3.2017   “Der Phantomleser” von Andrea Diener

 

Brief an meine Stadtbibliothek!

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Seit fast fünfzig Jahren fühle ich mich mit Ihnen verbunden (damals noch in Bockenheim). Ich ziehe die Prüfung der Bücher im Regal bei Ihnen dem Bestellsystem der Unibibliothek vor und weise auch meine Oberstufenschüler eher in Ihre Richtung als in die andere.

Über die Jahre sind gute Einrichtungen verschwunden wie die Bücherklappe oder die Mahnung per Postkarte, aber es ist auch Gutes dazugekommen, das Café z.B.

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Ich möchte Ihnen heute ein kleines Problem und meine Ideen dazu kurz zur Kenntnis bringen. Ihr spezielles Ordnungssystem ist ein großes Problem. Man muss so viel Zeit mitbringen wie ein Rentner.

Ich habe einschlägige Erfahrungen gemacht mit fremdsprachlichen Büchern.

In der Sachbuchkategorie halte ich die separate Aufstellung für eher nachteilig. Englisch zumindest ist in Deutschland die zweite Verkehrssprache!

Aber ich erzähle einfach mal. Urteilen sie selbst:

In Ihrem “Flohmarkt“-Regal fand ich vor einem guten Jahr Liu Binyan´s hochinteressante Autobiografie „A Higher Kind of Loyality“ von 1990. Wahrscheinlich hatte es lange niemand ausgeliehen. Es hätte aber die diversen maoistisch angestaubten Standorte richtig aufgepeppt.

(Ich gebe es nicht mehr her. …)

Am letzten Samstag ging ich mit Ihrem PC auf Katalonien- und Katalanisch-Pirsch.

Kaum ein Ergebnis, aber hier war etwas:

Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20.Jahrhunderts“ , herausgegeben von der deutschen Katalonien-Autorität, zudem an der Uni Frankfurt, Tilbert Stegmann, und illustriert von Antoni Tapiès. Erschienen 1987.

Unter Anthologie Zweisprachig gefunden! Sie ahnen etwas? Nach längerer Suche meine Nachfrage bei der Information.

Unter den Fremdsprachigen ist ein Regal zweisprachig….Aber machen Sie sich nicht viel Hoffnungen, es wurde seit sieben Jahren nicht ausgeliehen.“

Es stand auch nicht dort.

Ich erzähle Norbert Heinz vom Zeilantiquariat gegenüber mein Erlebnis, und er holt ein Exemplar aus dem Regal. Happyend für mich, aber jetzt weiß ich auch, was da die Bibliothek wohl ihrem „Flohmarkt“ zugeführt hat: Ein Standardwerk mit zwei historischen und literaturwissenschaftlichen Einführungen, eine Bibliografie zur katalanischen Kultur. Und so etwas findet sich sonst nirgendwo bei Ihnen.

Die Erfahrung, dass sehr gute Bücher bei Ihnen irgendwann leise verschwinden, hat auch meine Frau schon häufiger gemacht: Kulturgeschichte, Geologie, ..

Meine Idee:

Kann da nicht jemand Außenstehendes, wenigstens aus dem Hause, einen Blick darauf werfen?

Das mit dem Bestand ist ja eine dynamische Sache: Wo man nichts findet, geht man nicht hin, und dann steht das schöne Zeug wieder ungenutzt herum.

Die Bibliothek muss noch besser werden, auch wenn die Bedingungen schwierig sind.

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Auch zu Anschaffungen möchte ich gern etwas sagen.

Ich weiß: Wieviel Geld müssten Sie eigentlich haben! Und wie unübersichtlich ist das teure Angebot ! Bei Anschaffungen für unsere Schulbücherei habe ich selbst Erfahrungen machen können. Rezensionen sagen wenig. Ich habe mich um Zeitgeschichte, Politik einschließlich der Länder Osteuropas und der Dritten Welt, Soziologie und Philosophie gekümmert.

Ich habe die aktuellen Büchertische der Programmbuchhandlung „Land in Sicht“ in der Mercatorstraße als sehr hilfreich erfahren. Für knappe Etats bieten nach meiner Erfahrung der gutsortierte „Büchermarkt“ an der Kleinmarkthalle und vor allem das „Zeilantiquariat“ Ihnen gegenüber interessante Titel in raschem Wechsel. Oder verbieten Verwaltungsvorschriften den Ankauf in Antiquariaten?

Generell: Lässt sich vielleicht noch mehr Sachverstand aus der Umgebung mobilisieren, etwa durch Anwerbung und Aufnahme in eine Art Telefonliste? Sachverstand steht doch auch ungenutzt herum und wird auch zu wenig gefragt.

Könnten Sie nicht vielleicht das Publikum – z.B. im Internet – zu unverbindlichen Anregungen bzw. Rückmeldungen einladen. Ich lasse mir auch gern einmal persönlich Ihre Sicht erklären. mit freundlichen Grüßen

 

ANTWORT, freundlich, was ist dagegen einzuwenden?stadtbu%cc%88cherei-antwort-2003

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Was soll man dazu sagen?

Damals fiel mir der Hinweis auf anonyme, also von der Öffentlichkeit unkontrollierte Vorentscheider auf – und es ging und geht immerhin um die öffentliche Meinungsbildung, wenn auch nicht im Bereich von NSA und CIA. Man könnte aber auch sagen, um “Volksbildung” ähnlich der obrigkeitlichen “Schule”.

Heute ist es das “i.A.” einer  Frau, die mir Verständnis entgegenbrachte, aber nichts zu sagen hatte.  Ich hätte ihr antworten sollen, sie hatte sogar unterschrieben. Aber: Hatte sie überhaupt Verständnis, oder nur eine Schulung?

“Hase und Igel” : “Dreihundert hochspezialisierte Lektorinnen und Lektoren” entscheiden. Das muss nicht von Übel sein, wenn die eine Adresse haben und für “das Volk” erreichbar sind. Ich kenne übrigens zufällig einen sehr gewissenhaften Germanisten, der genau dafür rezensiert, doch ist denn jedes Gefühl für Demokratie verschwunden? Ist der “aufgeklärte Absolutismus”   durch die Hintertür der Rationalisierung zurückgekehrt?  Es geht mir natürlich ums Prinzip!  Worum sonst? Wir hielten den Büchner des “Hessischen Landboten” für unglaublich naiv. Seine Adressaten verweigerten die Annahme, lieferten sie bei der Obrigkeit ab.  Und was tun die Adressaten heute? Sie lassen die Flugblätter liegen wie alles, was bereits am Boden liegt.

 

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