Herrschaftsmethoden – Lehrstück des Insiders Liu Binyan

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Liu Binyan: A Higher Kind of Loyality – A Memoir by China’s Foremost Journalist, Pantheon Books, New York, 1990; Erstausgabe auf Taiwan.

Liu Binyan, geboren 1925, bietet seine Autobiografie, eine  politologische Studie des Herrschaftssystems der KP China und aus diesem Blickwinkel eine Parteigeschichte bis zum April 1989, zum Protest auf dem Tian An Men, seinem erneuten Sturz nach dem Tod seines Mentors Hu Yao-bang und seiner eigenen Ausreise auf Einladung einer amerikanischen Universität: Parteigeschichte als Beziehungsgeschichte….      

Aus der Tiefe des Landes heraus erobert die PARTEI das Territorium, in seinen ältesten Traditionen finden die chinesischen Revolutionäre  Strategie und Taktik. Wie westlich erscheint  dagegen Stalins Sowjetrussland in Liu Binyans Buch!

Wenn Sun Longqi dem chinesischen Menschen erklärt : ´Du bist in dieser Gesellschaft nichts ohne deine zwischenmenschlichen Beziehungen´, so illustriert Liu  eindrücklich, wie virtuos  die KP auf diesem Instrument zu spielen verstand. In wiederholten Kampagnen wurden Individuen nach Kriterien der Opportunität oder der Strategie ausgegrenzt, mit einem „Label“ versehen und damit ihrer Menschlichkeit beraubt.

Wurden sie zu ‚Objekten’? Das wäre zu westlich gedacht. Liu spricht  einmal von der Gleichsetzung mit „Dämonen und Monstern“ (S.119): Da du verurteilt bist, bist sie auch schuldig. Da deine Beziehung zur Gesellschaft gestört ist, ist dein Wesen ein anderes als vorher angenommen! (1) Dein Wesen? Außer deinem „Label“ bleibt dem gewöhnlichen Außenstehenden  gar kein Wesen greifbar, nur die bisherigen Illusionen, die er sich schuldbewußt eingestehen soll, ist er doch Opfer von Täuschungsmanövern geworden. Die PARTEI hat  darüber Erkenntnisse (2) gewonnen, hat sie bilanziert und in angemessene Maßnahmen umgesetzt. Und sie verlangt loyales Vertrauen. Die Hierarchie allein  gibt etwas oder jemanden frei zum Abschuss oder aber entzieht ihn oder eine Auffassung jeglicher Kritik.

Die markierten Individuen  werden zur beliebigen Verwendung im Sinne der KP freigegeben.  Sie sind beispielsweise das ständig verfügbare abschreckende „Schulbeispiel“, das die´Danwei´(Einheit)  sich im Stall hinter der „Kaderschule hält, sozusagen als lebende Irrtümer – ganz wie in Kaderschulungen verwendete Sammlungen „schwarzer Texte“. Sie dienen zugleich der Aggressionsabfuhr und der Einschüchterung der  anderen Untertanen, die freilich nie wissen können, ob ihre Opfer nicht später einmal Rache nehmen werden; denn das gleiche Schicksal kann einem jeden durch einfache administrative Verfügung geschehen, für die erfahrungsgemäß keine Verleumdung zu  dumm oder abwegig wäre.

Die Opfer werden diese Danwei, welche sie fallen lässt oder zerdrückt wie eine heiße Kartoffel, nicht einmal los!  Die dich verurteilt haben – und sei es auf höheren Befehl – müssen dich auch wieder freisprechen – und sei es auf höheren Befehl. Sie stürzen also in die soziale Tiefe eines  „Kuhstall“ genannten Verlieses, wo sie – wenn sie Glück haben, bis zu besseren Zeiten – dahinvegetieren. Potentiell müssen im 20. Jahrhundert “alle” Chinesen durch diese Hölle, an deren Schändlichkeiten wiederum „alle“ beteiligt sind.

Faszinierend am Fall „Liu“ ist für mich der Aspekt, dass er  seine persönlichen Katastrophen ab 1957 bereits als höherer Kader in der KP durchmacht, also die Verwandlung vom Kommunisten zum „Dämon“  und zurück zum Kader der PARTEI durchlebt, ohne dabei jemals teil des „Graswurzel“-Volks zu werden, nicht einmal als „last of the last“ (p.119). Anschließende „De-Etikettierung“ und „Rehabilitierung“  sind wortwörtlich zu nehmen als nüchterne Wiedereinsetzung in eine mit Kompetenzen verbundene Position. Folgerichtig fehlt da die – von Liu schmerzlich vermißte – Entschuldigung der PARTEI für ihre Fehler. Die waren aber auch insofern keine, als der rehabilitierte – erst recht der nur vom „label“ befreite –  Kader  nie mit der Vergesslichkeit der Organisation rechnen darf. Warum nicht, steht weiter unten.

Faszinierend und abstoßend zugleich ist für den modernen Europäer ein schamlos nackter politischer Prozess, in dem keine effektive institutionelle Schranke den Machtkampf der Fraktionen  zivilisiert.

Körperstrategie triumphiert: Die Politik erscheint als die Fortsetzung des Krieges, hier des „Befreiungskrieges“ nach den Regeln der Kriegskunst von Tsun zu bis Mao unter Ausnutzung von Assymmetrien: Der Rebell ist heimtückisch, der Machthaber zermalmend (‘crushing down’ ). Im Zeichen der Hierarchie werden totalitäre Ansprüche von beiden Seiten vorgetragen. Kompromisse sind eine Art  provisorischer Waffenstillstand. Physische Kontrolle oder Vernichtung  treten ´schamlos´ (oder göttergleich)  als Ziele  auf,  „Argumente“ jedoch sind – quer durch das Buch von 1945 bis 1990 –  nicht mehr als opportunistische Fassade und Lüge dienstbarer Hofschranzen. Dabei geht es in diesem Verdauungs- und Wachstumsprozess des Menschenfressers mit bürokratischem Antlitz  angeblich permanent um Legitimation, um nichts weniger. Wie unter den Kaisern um die Große Harmonie im Reich und im Erdkreis.

Mit Maos  permanenter Revolution aber wird die Reichsspitze doppelköpfig und steht im permanenten Streit gegen sich selbst. Deshalb ist jede „Rehabilitierung“ nur eine Art „Rehabilitation“. Die Formel „Siebzig (+) zu dreißig (-)“  zur Bilanzierung von Maos historischer Leistung ist als Zahlenverhältnis willkürlich,  als Abbild der organisierten Verantwortungslosigkeit  jedoch korrekt. Der Begriff „Verantwortung“ beschränkt sich auf bloße „Zurechenbarkeit“, welche an der „inneren Tatseite“  desinteressiert ist. Die mit deren ´Aufdeckung´ befassten Funktionäre schreiben im Gegenteil ihren Delinquenten  die aktuell gewünschten „Motive“ vor.

Das sind nicht einmal echte Neuigkeiten! Doch solche  würden mich weniger erschrecken als die Wiederkehr und Einfügung vermeintlich bekannter Charakterzüge der chinesischen „Hochkultur“ in einem so ekelhaften und schauerlichen Kontext. – Zufällig sind mir in diesem Sommer Bücher in die Hand gekommen, die aufeinander passen, als hätten die Autoren sich abgesprochen. Den Liu Binyan fand ich im Flohmarkt der Stadtbücherei. Angeblich war er zehn Jahre lang nicht ausgeliehen worden – im abseitigen Regal englischsprachiger Romanliteratur. Es ist schon wahr: er liest sich gut und liegt uns in englischer Übersetzung vor.

Anmerkungen:

(1) „eine Handvoll” “Dämonen“  – Ein Regime, das wie das kommunistische populistisch auftritt, kann nur  erdrückende Mehrheiten  ertragen, nicht das Bild  relevanter Opposition!

(2) Foucault analysiert in „Überwachen und Strafen“ eindrücklich, wie gelehrig die absolutistischen Fürsten Alteuropas  das von klugen Jesuiten übermittelte Vorbild Chinas übernommen haben. Ulrich Rauff  referiert und zitiert Carl Schmitt: „Die Relativierung der Feindschaft, die Verneinung der absoluten Feindschaft, so Schmitt, ist eine der größten Errungenschaften der europäischen Zivilisation:`Es ist wirklich etwas Seltenes, ja unwahrscheinlich Humanes, Menschen dahin zu bringen, dass sie auf eine Diskriminierung  und Diffamierung  ihrer Feinde verzichten.´“  (“Bruder Laden“  in Süddt.Ztg. 9.10.01, S.17) Wieder ist die chinesische „Tradition der ´Natur´ des – verstaatlichten – Menschen näher als die Ideale der abendländischen „Aufklärung“ es sind.

 

Kurzes Nachwort 20.11.2013

Eine solche Nutzanwendung für den Unterricht schöpft den Reichtum des Buches bei weitem nicht aus. Querverbindungen zu bekannteren  Darstellungen sollte ich einarbeiten. Zuletzt begegnete mir ein “Kuhstall” konkret auf einer DVD von Liao Yi-wu, publiziert in: Erinnerung bleib …, in der dreisprachigen Buch/DVD/CD- Publikation von Fly Fast Records, Berlin o.J. (2012)

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