‚Kriemhild‘ vom Lomami – Eine Nkishi der Songye

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Im prallen Leben am 15.11.2016

Im prallen Leben am 15.11.2016

Der exotischen Figur scherzhaft einen Namen geben? Geht das? Ich verweise auf das Vorbild eines Sammlers nepalesischer WĂ€chterfiguren und – der theoretischen Absicherung wegen – auf James Clifford, dessen Ermutigung im Aufsatz „Über das Sammeln von Kunst und Kultur“ (dt. in „Neger im Louvre – Texte zur Kunstethnographie …“, Hrsg. M.Prussat und w.Till, Fundus-BĂŒcher 149) ich noch immer nicht vorgestellt habe. Es geht dort um „Aneignungen persönlicher Art“, damit solche Objekte „wieder zu objets sauvages werden, Quellen der Faszination mit der Kraft zu beunruhigen“.(S.305)

Die gepanzerte ‚Kriemhild‘ (die ich gegen den zahmen Kusu-Ahnen tauschte)

Auf den Fotos und aus der NĂ€he ĂŒberzeugt sie, die Fernwirkung war zunĂ€chst durch ihre Detailreichtum auf kleinen FlĂ€chen beeintrĂ€chtigt, und sicher auch den auf wenige Stellen verteilten Glanz, hauptsĂ€chlich am Kopf. Die Figur scheint getrĂ€nkt von dichtem rotbraunem Staub. Sie riecht ganz leicht nach konservierendem  ‚Weihrauch‘.

Sie steht auf einem recht hohen Sockel, einer Baumscheibe von geringem Durchmesser. Das bedeutet eine enge Begrenzung der Figur. Sie bietet einen gedrungenen plastisch gegliederten Körper in gemĂ€ĂŸigtem Blockstil. Sie ist mit 1620g bei nur 42 cm Höhe schwer,

Ich finde cat.191 – Sentery und Osten IX – 61 cm – mĂ€nnlich (Neyt: Songye, 2004)

neyt-songye-pl-163_img_7154Die Verwandtschaft beginnt mit den Sockeln. Die Arme beider sind angelegt, die breiten Oberarme der mĂ€nnlichen Figur lassen keinen Platz fĂŒr einen magischen Brustring, nur ein Lederhalsband mit Metallschelle und ein hohles, nun leeres Nabelloch. Die Figur hat mĂ€chtige kurze Beine, krĂ€ftige Arme und verjĂŒngt sich nach oben. Der Kopf auf dem geringelten Hals erscheint kleiner, wirkt aber durch seine Haltung und die perspektivisch fallenden Augenschlitze stolz. Er lĂ€chelt anders. Der eckig gestutzte Bart ist lĂ€nger als das noch ausladende und schĂ€rfer geschnittene breite Kinn der weiblichen Figur. – An ein androgynes Detail glaube ich nicht, es wĂ€re auch das einzige.

Ihm ist der Schurz verlorengegangen, ein beschnittenes Glied wird sichtbar. Meine ‚Kriemhild‘ hat unter ihrem knielangen Schurz eine ausgebildete Spalte. Die FĂŒĂŸe sind beim Mann rudimentĂ€r auf der OberflĂ€che des krĂ€ftigen Sockels angedeutet, bei der Frau plastisch herausgearbeitet.

Sie trĂ€gt ein grinsendes KĂŒrbislaternengesicht oder Kasperlgesicht. Mit ihrer geflochtenen Haube, mit den ĂŒber die Stirn, Nase und Brust verteilten knappen Dutzend Reißzwecken, mit Schurz und ĂŒberdimensioniertem Ring wirkt sie gerĂŒstet und gegĂŒrtet. Hinten hĂ€ngt ihr etwas Affenpelz ĂŒber den RĂŒcken. Apropos Schmuck. Ich habe das MĂ€dchen nicht von vorneherein als solches erkannt. Nun deutet sich manches Detail auf zweierlei Weise, als Kraftladung ebenso wie als Schmuck: Das beginnt mit dem geflochteten Ring um und ĂŒber dem unsichtbaren Pfropfen auf dem Scheitel, geht ĂŒber den breiten lĂ€chelnden Mund, ĂŒber die Reißzwecken auf BrĂŒsten und Gesicht bis zu weiteren Details der Ausstattung. Selbst die FĂŒĂŸe sind fĂŒr dieses Genre plastisch herausgehauen. Langweilig ist daran gar nichts. Eine richtige kleine wehrhafte Frau: ‚Kriemhild‘. Kann man sie ernst nehmen? Nun ja, sie sieht aus, wie sie soll. Stilistisch auch?

Auf S.328 schreibt Neyt ĂŒber den Stil IX im Nordosten:

– Pfostenstil (style poteau)

– lĂ€ngliches Gesicht und langer manchmal geringelter Hals

– Sockel dominiert die FĂŒĂŸe

Auch zwei weitere VergleichsstĂŒcke gehören in die Stilregion IX:

cat. 163 125cm (das metallbeschlagene Eröffnungsexemplar der Region IX)

neyt-songyecat-163– die gegen die Stirn abgesetzte runde Kappe, hier geschnitzt, Bei ‚Kriemhild‘ in Rattan aufgesetzt

– flacheNase (Dreieck) , eckiger Bart, hier weniger ausgeprĂ€gt

– Augen ebenso zugekniffen, hier Kauris

– viel mehr Ringe am Hals (aber das ist doch ‚androgyn‘! Na und!)

– der Nabel steht aus einem glatten Pfahltorso hervor, HĂŒfte und Geschlecht sind extrem pfahlmĂ€ĂŸig pauschalisiert, bei meiner sind sie, wie die FĂŒĂŸe auch, ’normalisiert‘ und verschwinden unter dem Schurz , was ohnehin ’normal‘ bei den Nkishi sein soll.

Am Stand hatte ich auch zwei Vertreter des ‚reinen‘, also vielleicht altertĂŒmelnden (?)  ‚Stils‘ zur Auswahl , sie waren mir zu langweilig: nur TrĂ€ger von Merkmalen. ‚Kriemhild‘ ist jedenfalls vitaler. Sie scheint eine Mischung mit dem IX Kalebwe Central Ya Ngongo-Stil westlich des Lomami zu sein – Das war Dunja Hersaks Forschungsgebiet!

Der Versuch ihrer systematisierenden Beschreibung:

Drei unterschiedliche Stilebenen wechseln sich vertikal ĂŒbereinander ab im VerhĂ€ltnis 17 zu 8,5 zu 10 und 7,5 (Sockel)

1.

oben ein kugelgeometrischer Kopf auf einem langen, wenn auch krĂ€ftigen Hals mit drei anmutigen WĂŒlsten, nur drei.

2.

darunter ein extrem blockartig gehauener Oberkörper; der oben in einem rundum laufenden Absatz auf Schulterhöhe abschließt. In die nach rechts und links vorspringenden Arme sind zwei runde Löcher gebohrt, um die Befestigung des BrustgĂŒrtels aufzunehmen. FĂŒr AbstĂ€nde wĂ€re genug Platz gewesen. Die Blockarchitektur ist bloß durch ein Halbrund (RĂŒcken) und ein paar SchrĂ€gen (HĂ€nde, BrĂŒste) gemildert. Die BrĂŒste bilden Kegel, der Nabel ist eine runde Scheibe.

3.

Darunter der ‚realistisch‘ vereinfachende, aber ‚organisch‘ anmutende Unterleib mit kurzen Beinen, krĂ€ftigen Waden und großen FĂŒĂŸen, die aber nirgends ĂŒber den Sockel ausgreifen, der fast so hoch ist wie der Abstand zum Nabel.

Die verschiedenen Stile werden ĂŒberblendet: am Hals durch ein gedrehtes Tuch, das den Nackenschmuck aus Fell in Position hĂ€lt, unten durch den breiten Ring (2,5 Durchmesser) und den doppelt so langen Schurz.

 

Bilanz

Die sechs an den vergangenen drei Terminen erworbenen Figuren (und die zwei vorher erworbenen ohnehin) erweisen sich als nach Eigenart und QualitĂ€t abwechslungsreiches und zugleich stilistisch ziemlich geschlossenes Ensemble. Vielleicht fĂ€llt die eine Figur gegenĂŒber den ĂŒbrigen ab, aber das wird sich noch zeigen. Ich profitierte sehr von Neyts Handbuch ‚Songye‘, mit dem ich immer neue Entdeckungen machte auf einem anspruchsvollen Feld. Leicht verwandelt sich so eine Zusammenstellung wieder in die ĂŒbliche ‚Freakshow‘.

Ich habe erfahren, dass es nicht einen guten Typ Nkishi gibt, aber auch nicht bloß ‚Vertreter‘ von ‚Lokalstilen‘, was unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts ohnehin abwegig wĂ€re. Manche CharakterzĂŒge sind Ă€sthetisch auch fĂŒr mein ‚europĂ€isches‘ Empfiinden ‚StĂ€rken‘, die ich gerne in ‚Regionalstilen‘ wiederfinde. Nach langem ‚blindem‘ Stochern kam jetzt ein ganzer Schwarm in meine Reichweite; und ich kann mich endlich besser orientieren.

Auch Dunja Hersak sehe ich wieder anders. Ebenso den Lomami, an dessen Ufern ich nach ĂŒber zwei Jahren wieder Phantasiereisen unternehme. In dem Prozess bin ich auch die allzu bescheidene Kifwebe-Maske, das ‚hĂ€ssliche Entlein‘ wieder losgeworden. Vielleicht ĂŒberzeugt mich ja noch eine irgendwann, aber das scheint ein noch anspruchsvolleres Gebiet zu sein!

18./22.11.2016

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