DER SPATZ Tuschzeichnung von Ch’en Po-yang (XVI) (F.W.)

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Ch'en Po-yang XVI Spatz

 

Ch’en Po-yang, XVI (1483 – 1544), Zuschreibung auf dem Rücken eines alten Originalabzugs von Fritz Wiegmann – Transkription des Textes „Spatz“  von Wiegmann nach undatierter Handschrift im Besitz des Instituts für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main

 

Ch'en Po-yang XVI Spatz

  

 

 

 

TEXT

Composition

Die Graustufen geben den dargestellten Dingen Weichheit und Härte die materielle Strucktur (Faktur, Kontraste) Leichtigkeit bis Schwere

 

Die Schultern des Spatzen sind federweich (federleicht)

Augen Schnabel und Krallen hart und scharf

Brust erscheint flaumig

Auf dem Flügel geben die dunklen Flecken einzelne schon härtere Federn

Der Matz ist noch jung

Felsen verwittert und brüchig mit etwas Moos oder einem kaum definierten sehr zarten Gewächs Der Umriss ist gelockert

Gras sehr hart und messerscharf, spitz

Gefäß, glatt abgerundete undetaillierte Form.

Die Dinge erhalten im Bild ein anderes, neues Gewicht. Das Gefäss umschließt als rund voluminöse Basis den Fels und das Gras. Das Gras verankert den Fels noch mehr, der wie ein Keil im Gefäss ‚sitzt’. Die längeren Grashalme rechts + links betonen den keilartigen Eindruck. Der Fels nimmt an Gewicht nach oben leicht zu, aber im Ganzen ist er nicht schwer und seiner natürlichen Schwere und Gewalt beraubt, ist er das Dach / der Schirm unter dem der junge Spatz behaglich sitzt.

Die starke Schrift oben rechts bindet an den Rand und hat außerdem die Funktion den Fels leichter zu machen, durch die Nachbarschaft zu ihm und dadurch, dass sie ihn an Schwere und Schwärze übertrifft.

Die Leichtigkeit und Schwere – Zartheit – bis Kraft – hell bis dunkel – der Tusche ist das eigentliche Mittel der Komposition.

(Blatt) II Spatz

Keine Verbindung, keine Linie führt zum Rande – mit Ausnahme der Schrift oben. Die Dinge sitzen wie ein großer Schriftzug in der Fläche.

 

Kommentar

Betrachtung der Komposition bleibt im Hintergrund. Das Verhältnis der ‚Dinge’ im Bild zueinander ist Thema (1.Satz), wie sie aufeinander wirken und was sie zusammen bewirken. Es ergibt so etwas wie eine Bilderzählung, kurz wie eine Verszeile und fragmentarisch: Der Spatz hat einen sicheren Platz gefunden, der Fels ist sein Beschützer und seine Basis, das ‚messerscharfe‘ Gras nicht bedrohlich. Schließlich die Jugend des Spatzes. Er schaut in die Welt, zum ersten Mal?

Der Fels in der beschirmenden Form kann auch vor anderem schützen. Das Gefühl der behaglichen Sicherheit kommt auf, ein ganzes Lebensgefühl für diesen Moment. Ein in sich geschlossener Raum ist entstanden (‚keine Linie führt zum Rand‘). Dieser Raum ist vom Menschen, von Kultur geschaffen, auch die Schrift ist Teil davon, und in einem hoch entwickelten Medium, der Tuschmalerei. Damit ist auch die Brücke zum Menschen, zum Künstler geschlagen, der solche miniaturisierten Arrangements mit Felsen liebte. Und er könnte sich, wie viele andere Chinesen, auch Vögel gehalten haben. Doch der Spatz hat wohl den kleinen Fels als Rastplatz entdeckt und wird bald wieder auffliegen. Ein glücklicher Moment also, spontan festgehalten, wofür die in meinen Augen leicht verrutschte Position der Schale auf der Bildrolle/Blatt spricht. Ich erinnere mich an die Mitteilung, dass so eine Zeichnung in einem Zug zu entstehen pflegte.

Damit sind wir bei der Metapher für Glücksmomente, wie wir sie im Leben immer wieder erfahren. Dieses reproduzierte Abbild davon besitze ich schon lange und es nimmt mich immer wieder für sich ein. Wiegmanns Text, den ich erst jetzt kennenlerne, erklärt mir, warum. Er verschmilzt die formale Analyse von Pinselstrichen und Bildkomposition mit sensibler Entdeckung von Details, woraus sich eine stringente traditionell ‚chinesische’ poetische Bilderzählung ergeben kann.

Ch'en Po-yang XVI Spatz_Text

Es wäre sehr interessant, den langen Text in der oberen linken Ecke der Bildrolle zu kennen. Wer übersetzt ihn für uns? (Er ist durch Anklicken zu vergrößern, aber die Vorlage – Fotoabzug – scheint mir nun ausgereizt.)

 

Willy Benz hat ein schönes Buch über ‚Suiseki – The Asian Art of Beautiful Stones‚ (Sterling Publishing Co.,Inc., N.Y. 2000) publiziert, eine Kunst, die wir über Japan in der Form des ‚Bonsai‘ kennengelernt haben. Sie bildet die gegenständliche Grundlage für die Zeichnung.

Zugleich gibt die Textskizze eine Vorstellung davon, worin der Wert Wiegmanns, eines deutschen Künstlers und Ästheten ohne China-Erfahrung, für den Sinologen und Sammler Jean-Pierre Dubosc beim Ankauf kostbarer Bildrollen der Ming- und frühen Qing-Epoche bestanden haben könnte: im sensiblen und unbestechlichen Blick. Wiegmanns humoristische Schilderung des Kunsthandels im Peking der dreißiger Jahre zeigt den beinharten kommerziellen Kontext.

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