Vom Kind in Kinshasa zum Flüchtling in Margate (Kent)

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Ein Freund lieh mir sein Exemplar des Buches „Towards A Promised Landvon Wendy Ewald. Darin geht es um Kinder, die aus aller Welt nach Margate, seiner zweiten Heimat, gelangt sind. Die Fotografin Wendy Ewald gab ihnen 2005 Kamera und Zeichenstift  und ließ sie selber zu Wort kommen. Der Steidl  Verlag machte 2006 aus dem Kunstprojekt von Ewald und ‚Artangel‘ ein schönes Buch. Ich reproduziere (Erlaubnis nachgefragt) die Textbeiträge zweier kongolesischer Kinder und übersetze sie kursorisch ins Deutsche. Darauf folgen Informationen über den Ablauf des Projekts.

Celeste

beginnt ihren Beitrag überraschend mit ihrer Erinnerung an den Straßenverkehr in Kinshasa und ihrer Furcht vor den Hunden im Haus, die gewiss zur Sicherung des Grundstücks angeschafft worden waren. Sie spielte lieber mit Barbiepuppen, sie mochte Gymnastik und Französisch in der Schule. Englisch machte ihr Kopfschmerzen, sie konnte auf Fragen nicht antworten. Ob sie es jetzt lernt? Sie vermisst ihr Zuhause, ihr Französisch und Lingala (Verkehrssprache der ‚Kinois‘). Ihre Schule war mittelgroß. Auch die Kirche ist hier anders: vor allem groß.

Sie dachte, es wäre hier schön und sie wäre sicher. Nur keine Banditen mehr! Sie fürchtet sich, wenn die Polizei  jeden Tag mit lalülala vorbeifährt. Hier ist kein Platz zum Spielen.

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Die Seiten 63 und 66 weiter unten!

 

 

Was Christian erzählt

Er kam mit seiner Mutter wegen des Bürgerkriegs nach England. Er musste seine Cousins, das Haus und seine Freunde verlassen. Der Flug war unruhig. Der Flughafen (Heathrow?) gigantisch. Christian konnte gar nicht fassen, dass er nun in Europa war. Er selbst? Als sie endlich im richtigen ‚Hotel’ ankamen, sah er das Meer, träumte davon, am Strand Ball zu spielen.

 Das Haus in Kinshasa war groß und sie besaßen zwei Autos. Es gab zwei Wohnzimmer, für die Erwachsenen und die Kinder. Dort lebte er mit Vater, Mutter, zwei Brüdern und zwei Schwestern. Sie hatten ihm Radfahren und Spiele beigebracht. Außer seiner Mutter sind alle verschwunden. 62 / 63

Kinshasa sei schlecht, unsicher. Eines Tages warfen Kinder in der Schule Steine gegen die Soldaten. Da pfiffen die Kugeln. Einige Schüler starben. Studenten, die gegen Präsident (Kabila) waren, wollten die Schüler entführen. Der Mann von der U.N. vertrieb sie mit einer Gasgranate. Weil sie in den Straßen Autos demolierten und Steine warfen, holte ihn nicht die Mutter ab, sondern ihr Cousin. Danach wollte er nicht mehr in die Schule.

Eines Tages nahmen sie Vater gefangen. Christian bekam Schläge. Er entkam mit seiner Mutter. Seinem älteren Bruder schlugen sie den Kopf ab.

England gefällt ihm. Im Kongo gebe es bloß Kombis und kaputte Taxis. Londons Doppeldeckerbusse kannte er aus dem Fernsehen, aber nun fahren sie in echt an ihm vorbei. Christian stellt sich Fragen zur Königin und ihre vielen Häuser, fragt, ob alle Autos anhalten müssen, wenn die Königin ausfährt. Im Kongo müsse man anhalten und aus dem Auto steigen, wenn der Präsident oder auch nur ein Minister unterwegs ist.

Wie wäre das, wenn die Königin ihn aus der Nähe sehen wollte?

Wie funktioniert das mit dem Riesenrad (‚The London Eye‘) in London?

Er spricht von Träumen, worin er bereits achtzehn ist und Englisch beherrscht. Zu seiner Geburtstagsparty kommen unverhofft seine inzwischen älter gewordenen Brüder und Schwestern.

Christian nimmt gerne Fotos auf , weil sie ihm Erinnerungen verschaffen. Das gut funktionierende und sichere Margate, wo man einkaufen gehen und tun kann, was man mag, wird er in guter Erinnerung behalten. Am liebsten bliebe er hier. Die Leute finden ihn nett, weil er höflich ist und sie respektiert. Doch die Unterbringung zusammen mit so vielen Flüchtlingen mag er nicht. 63 / 66

Er beklagt, dass er nicht auch im Auto Nintendo spielen kann. Im Fernsehprogramm sind ihm die Nachrichten am liebsten, vor allem von Unruhen – manchmal sieht er sie um 4 Uhr früh. Dann kann er kann Anderen davon erzählen. Er mag auch Cartoons, zum Beispiel Peter Pan, an ihnen kann er auch lernen, wie man Englisch spricht. Das ist jetzt nötig. Im Kongo ging es ihm schließlich nicht gut.

England soll dem Kongo Frieden bringen. Wenn die Königin den Präsidenten des Kongo fragt und der zustimmt, können sie zusammen das Land in Ordnung bringen, die Häuser, die Landstraßen, die Gesetze, die Taxis. Und alles das ganz einfach machen.

Er will studieren und dann arbeiten, er wollte immer schon Banker werden. Mit seiner Mutter hätte er ein schönes Leben, und ein Haus. Und vielleicht sähen sie Brüder und Schwestern wieder.

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Noch ein paar Fragen …

Typische Fragen! Woher kommen Flüchtlinge und Warum? Celeste und Christian kommen mit ihren Müttern aus Kinshasa. Der von Christian erwähnte Bürgerkrieg kann nur der Zweite Kongokrieg sein, der nach der Beseitigung der Herrschaft Mobutus (1965 bis 1997) durch Laurent-Désiré Kabila 1998 wütete. Der oben verlinkte Wikipedia-Artikel verdeutlicht vor allem den kompizierten internationalen Kontext und die unübersichtliche Entwicklung.  Bereits im August 1998 spielten sich Meutereien und Unruhen in Kinshasa selbst ab, die zur Schilderung Christians passen könnten. Doch da war er drei Jahre alt. 2001 wurde Kabila durch einen Leibwächter aus dem Osten ermordet. Friedensverhandlungen und Krieg zogen sich bis Frühjahr 2003 hin, als eine provisorische Allparteienregierung unter Joseph Kabila folgte. Die verfeindeten Armeen wurden offiziell ‚wiedervereinigt‘. Personal der UN0 war seit 1999 im Land.

Wer aber war  Christians Vater, auf wessen Seite stand er? War er ein Verbündeter Kabilas aus dem Osten, wie sie bereits 1998 einmal in Kinshasa gejagt wurden? Wer waren die ‚Studenten‘ oder überhaupt ‚die‘? Wer ließ ihn wann verschwinden? Wann und wie gelang der Mutter die Flucht ins Ausland, und warum ausgerechnet nach Großbritannien?

Über die bruchstückhafte Erzählung des Kindes aus der Familie eines mutmaßlichen politischen Akteurs  geraten wir mitten in die Nachfolgewirren des Diktators Mobutu, von deren Folgen das Land sich nicht erholt hat. Einen starken Eindruck dieser Jahre vermittelt der Schlüsselroman ‚Die Stunde der Rebellen – Begegnungen mit dem Kongo‘ von Lieve Joris (Malik 2006), den ich schon im Beitrag über die Bembe (Kivu) zitiere.

Solche Bezüge auszuleuchten war nicht das Projekt von Wendy Ewald und ‚Artangel‘.

Projektphasen

Wendy Ewald : Towards a Promised Land   Margate  15 July 2005 – 30 november 2006:

Towards a Promised Land documents Wendy Ewald’s work with twenty-two children new to the British seaside town of Margate. Some arrived fleeing countries afflicted by war, poverty or political strife; others by following their families from one town to the next. Over 18 months, Ewald photographed her subject-artists and interviewed them about their past and present lives, while teaching them how to make their own photographs.

In July 2005  Wendy Ewald’s photographic portraits of the children appeared along Margate’s Sea Wall as huge, iconic banners. On 20 May 2006, the Sea Wall images were joined by the second and final phase of Towards a Promised Land with banner photographs hung around the centre of Margate; while the children’s own projects formed an exhibition at a local gallery. Working with Wendy Ewald, the children have learned, through photography, to explore and understand their worlds and express different experiences of relocation and the search for a better life.

In its final stages, Towards a Promised Land was joined in Margate by another Artangel project, Exodus, whose forms included a feature film by Penny Woolcock, a combustible sculpture by Antony Gormley and a concert and CD of plague songs.

 

Der Verlag Steidl (seit 1972)       Über den Verlag (Wikipedia)

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Kommentar Jan Menkens, 2.8.2016 eMail:

Ich finde Ihre Seite recht interessant. Kongo finde ich auch sehr spannend. Darauf gebracht hat mich vor einigen Jahren das Buch „Blood River“ von Tim Butcher. Und dann kam für mich das spannendste Buch: „Kongo. Eine Geschichte“ von dem belgischen Autor David van Reybrouck. Das kennen Sie bestimmt auch. Es hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet auch auf unsere eigene europäische Geschichte und wie dicht doch alles seit Jahrhunderten mit einannder verwoben ist.  https://www.perlentaucher.de/buch/david-van-reybrouck/kongo-eine-geschichte.html

Übrigens haben wir (was für ein Zufall) auch den leider inzwischen verstorbenen Fotografen Robert Lebeck im Programm. Der hatte damals den berühmeten Säbeldieb in Kinshasa fotografiert, der dem belgischen König den Säbel aus den langsam fahren Auto entreissen konnte während der Unabhängigkeitsfeier.

 

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