âDu hast gerade einen anderen Hocker zurĂŒck getragen, der dich eins, zwei Tage lang geblendet hat. Den hast du formal bis ins Detail ausgekostet. Und nun triffst du auf einen unbekannten Hocker in Tiergestalt, âBembeâ â die ganz im Osten des Kongo. âChamĂ€leonâ sagt W. Nun gut: ein solides StĂŒck, eine krĂ€ftige Gestalt auf vier stĂ€mmigen Beinen, eher angespannt als geschmeidig wirkend und ohne den dekorativen Fries wahrscheinlich langweilig. Immerhin sind dir die markanten runden Augen von den âKalungaâ-StĂŒlpmasken her bekannt. Man musste dich nur darauf aufmerksam machen. Du bist vorsichtig und machst nur eine Anzahlung. Doch du hattest auch schon Interessanteres.â
Erster Eindruck
Volle LÀnge mit Kopf und Schwanz: 76cm    Breite 16,5   Schulterhöhe: 21    Sitzhöhe 16
Attraktiv sind die klaren Botschaften: Das robuste, aber ausdrucksvolle Tier mit groĂen Bembe-Wagenrad-Augen und leicht gesenktem gestrecktem Schwanz, schlieĂlich auffĂ€llig hervortretende geometrischen Friese an beiden Seiten von Bauch und Beinen und auf der Schwanzoberseite. Blockformen. Abriebspuren mehrjĂ€hriger Benutzung.
Die Haltung ist gespannt wie die eines aufmerksamen Hundes, von der Schwanzspitze bis zum Maul. Der krĂ€ftige Hals hĂ€lt einen Kopf (Reptil! Oder Schildkröte? Ziege? Papagei?) leicht nach oben gedreht. Auch der Schwanz richtet sich etwas zur Seite. Kurze Beine verjĂŒngen sich dynamisch nach unten. Die Querschnitte sind fast quadratisch, die BodenflĂ€chen sind abgenutzt, schief und etwas ungleich. Flacher Körper mit Spitzbauch. Anliegender Penis.
Mittlere GlĂ€ttung des Holzes. Leichter Abrieb, wo er sein soll, sanfter Glanz. Den Wasserschaden im Lager hat er gut ĂŒberstanden.
âDie Araberâ
W. identifiziert die Augen mit denen der groĂen Bembe-Kalunga-Helmmasken, was mir sofort einleuchtet. Er hĂ€lt die Seitenfriese auch fĂŒr âBembeâ. Mir kommt bei den wiederkehrenden plastisch ausgeschabten geometrischen Mustern eine andere Assoziation: âdie Araberâ. W. sagt nach einem Moment des Ăberlegens: âĂgyptenâ und âNilâ. (McGregor verdeutlicht diese Linie!) Mir fĂ€llt meine groĂe âsansibarischâ dekorierte Niamwesi ein, vor allem aber die berĂŒhmte Schnitztrommel in Mac Gregors âEine Geschichte der Welt in hundert Objektenâ (Nr.94, S.701-708), wo ein ursprĂŒnglich schmuckloses groĂes Objekt an der Nordwestgrenze des Kongo – angeblich erst als Beute in Khartum – mit einem auffĂ€lligen Fries an beiden Seiten versehen wurde.
Eine andere groĂe Trommel (bei A.F. Roberts in Animals in African Art 1995, no.63, Lobala/Zaire ) hat auch einen schmalen geometrischen Fries.
Der Fries auf dem Hocker wird systematisch durchgezogen und wirkt vor allem zwischen Bauch und SitzflĂ€che wie eingezwĂ€ngt. Das Rautenmuster auf den Beinen wird durch ein waagrechtes Band unorganisch abgebrochen wie etwa bei einem Kelimteppich. Man kann auch sagen, es sei in den âafrikanischenâ Tierkörper regelrecht eingeschnitten, wĂ€hrend das âkalungaâ-Auge die Linien der Kopfform ĂŒberragt. Und so wird nach der ersten Freude auch dieses StĂŒck zur kulturellen mĂ©tissage, zum Zwitter. Das Muster ist mir fast zu aufdringlich, wie appliziert, aufgestempelt. Die Bembe leben an der nordwestlichen Ecke des Tanganyika-Sees – auf der Höhe der Niamwesi in der Mitte und der Suaheli gegenĂŒber Sansibar – Das war eine wichtige Handelsroute. Oder spielten in der Vermittlung etwa die Nachbarn eine Rolle, die im 19.Jahrhundert aus Ruanda geflĂŒchteten Banyamulenge, Tutsi? (Siehe unten bei Lieve Joris!)
W. besteht darauf, der Hocker sei nicht fĂŒr jeden Tag, das ginge auf keinen Fall. Also fĂŒr âRitualâ, also Sitz eines WĂŒrdentrĂ€gers. Das âarabischeâ Dekor umgibt den breiten Sitz rundum. Symbolisiert es â zusammen mit den âAugenâ â eine Verbindung zweier magischer Potenzen? Die âarabischenâ sind ĂŒberall hoch angesehen. Und solche sind ja mit dem Status des WĂŒrdentrĂ€gers untrennbar verbunden.
Oder bezeichnet es doch den Schuppenpanzer einer (Klein)echse?
Schleichkatze mit Augen der ‚kalunga‘-Eule? 
Eine Bemerkung von Daniel P. Biebuyck im Aufsatz Bembe Art (AA,1972 spring, p.77) verĂ€ndert den Blick: Im alunga-Bund, der die auffĂ€lligen ‚Glockenmaske‘ (Abb. auf dieser Seite) verwendet – ihre Augen wiederholt der Hocker – identifizieren sich hĂ€ufig TĂ€nzer mit bestimmten Tieren, etwa mit der geheimnisvollen Eule oder der ‚allgegenwĂ€rtigen Civet cat‘, (Civettictis civetta), einer nachtaktiven Schleichkatze.
En-wikipedia.org beschreibt sie folgendermaĂen: Civets have a broadly cat-like general appearance, though the muzzle is extended and often pointed, rather like that of an otter or a mongoose. They range in length from about 43 to 71Â cm (17 to 28Â in) (excluding their long tails) and in weight from about 1.4 to 4.5Â kg (3 to 10Â lb). Und man fĂŒgt hinzu: nachtaktiv.
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Der Schemel hat die Anmutung eines SÀugers, Dazu passt auch die Penis-Darstellung. Die Katze hÀlt den langen krÀftigen Schwanz in einer leicht gesenkten Balance. Der ist ganz oben angesetzt. Eine geschnitzte ChamÀleonsilhouette zeigt Biebuyck auf der Abb. 5, p.15!
Gleich zwei UmstĂ€nde grenzen also den Zusammenhang des Schemels ein: Das Auge – ikonografisch das der Maske – und das nachtaktive Tier, mit dem Mitglieder sich identifizieren. Ich nehme an: Jeder Initiierte, der sich zu dieser Katze hingezogen fĂŒhlt, kann Besitzer des Hockers sein. Und was soll ein solcher niedriger Schemel mehr sein als das persönliche Eigentum eines dazu befugten Mitglieds – so locker, wie man laut Biebuyck schon mit der sakralen Maske umgeht: Sogar Uneingeweihte dĂŒrfen sie sehen – aber nur im Ornat und von den BĂŒndlern umringt bei Auftritten.
Die Abbildungen des âafrikanischen Zibetâ zeigen ein unruhig schwarz-weiĂ geflecktes Fell mit Ausnahme von Kopf und Hals. Nach wikipedia.de gibt es dabei groĂe Unterschiede. Das âarabischeâ Muster wĂ€re also eine geniale Umsetzung des auffĂ€llig gemusterten Fells. Ob nun eine direkte formale Anleihe oder nicht.
(Mo 5.6. Bin euphorisch ĂŒber den Fund!)
Bilder â Abbilder â Realismus
Ich suche weiter nach Bildern der Zibetkatze. Biebuyck schreibt von langer spitzer Schnauze. Die finde ich am ehesten in einer Karikatur von Skia, vielleicht der stilistisch passende Beleg!
Denn âAfrikanischer Realismusâ basierte ĂŒberhaupt nicht auf Bildern, ausgestopften Fellen, nicht einmal nur auf direkter Beobachtung, sondern auf langer Kenntnis. In Generationen hat sich âder Charakterâ der Zibetkatze verfestigt.
Vor allem sucht âafrikanischerâ Realismus mit weiteren Faktoren den Ausgleich: mit einem lokalen oder gruppenspezifischen figĂŒrlichen âStilâ, mit Zeichen fĂŒr den Status des Besitzers und Konventionen, wie Hocker in einem bestimmten Umfeld sein mĂŒssen.
Die HockergröĂe: immerhin lebensgroĂ oder nicht weit davon. Die Sitzhöhe nicht gerade bequem, aber die ausgestreckte Gestalt war dem Auftraggeber wohl wichtiger, die gestreckte Linie von der Schnauze bis zur Schwanzspitze 74 cm. Mehr Breite war nicht drin, schon vom vermuteten Status her gedacht, aber immerhin 22 cm Schwanz! Ein Versuch zeigt: Wahrscheinlich hat der Besitzer rittlings darauf gesesssen. Auch lĂ€sst das StĂŒck sich gut am Schwanz tragen, im Grunde wie das (in einer Falle?) erbeutete Tier gehalten wird.
Biebuyck hat bei den Bembe keinen vorherrschenden Stilwillen (wie etwa den Lega) gefunden, sondern EinflĂŒsse von allen Seiten. Stile und Typen bezieht er lieber auf die verschiedenen Kontexte. Beispiele diese âStileâ existierten aber nur in kleinen StĂŒckzahlen. ( ) Da ich das alles nicht kenne, vielleicht ja noch nicht (Hoffnung auf das Buch âBembe Artâ), registriere ich vor allem ein Defizit gegenĂŒber meiner ânaturalistischenâ Erwartung. Die Wirkung ist âmal reizvoll, ein andermal nur irritierend. Darin nun Ausweis von âKunstâ im westlichen Sinne zu sehen, wĂ€re auch wieder ein MissverstĂ€ndnis. (6.6. ErnĂŒchterung)
Sind weitere Details interessant?
Was gibt es ĂŒber die zwei klaren Aussagen zur Tierskulptur – Alunga und lakonische Darstellung einer Moschuskatze – hinaus zu entdecken? Ein banaler Tierhocker scheinbar ohne Geheimnis auĂer besonderen Augen. Vielleicht etwas in den Details.
Der Hals setzt, als ob es SchulterblÀtter gÀbe, unterhalb der Ebene des Schwanzes an.
Die gleichgewichtige Aufteilung von glatten FlĂ€chen und dominantem Muster jeweils auf einer von vier Seiten, mit Ausnahme des schmalen Frieses, der den RĂŒcken reprĂ€sentieren muss.
Zur farblichen AusfĂŒllung des Rautenmusters: Ein weiĂes Gittermuster auf Rumpf und Schwanz kann stilisiert schwarze Rauten (die Vertiefungen) umschlossen haben. Hals und Kopf sind davon frei.
Einschub 30.7.2019 Abbildung eines Hockers bei Biebuyck
Man beachte das Muster des Fells der 27 cm langen Figur und den Gebrauch im Alunga-Bund.
Fortsetzung 2016:
Das Bembeland (nach Biebuyck und dem Roman von Lieve Joris)
The alunga association and its mask occur only in somme clans among the south-eastern Bembe, the Boyo, the Bakwamamba, and the Bakwakalanga. Bembe tradition holds that alunga was introduced by the Basiâalangwa; the latter explicitly state that they learned it from hunting groups (…) which still occur in parts of southern Bembeland….(76 r). Von den ‚JĂ€gern‘,fĂŒr uns ‚PygmĂ€en‘, ĂŒbernahm man Kulte von Naturgeistern.
Die Bembe sind selber als Pre-Bembe JĂ€ger aus dem Regenwald am oberen Kongo (Lualaba) eingewandert (14), die Mehrheit anerkennt gemeinsame Vorfahren mit den Lega. Deren Einfluss ist ĂŒberall sichtbar. Die Bembe expandierten selbstbewusst â extremely proud and tough people (15r) – aber ohne zentralisiertes politisches System (14r) und fanden mit den hier bereits ansĂ€ssigen Gruppen einen guten Modus vivendi. âBembe land war also eine multikulturelle Region mit starker gegenseitiger Beeinflussung. This intimate contact led, of course, to much reciprocal borrowing and cultural adjustment. (15r.unten) Auch im Bembedorf wohnten traditionell âFremdeâ, andererseits zahlreiche Bembe auch auĂerhalb des ‚Bembelandes‘.
Biebuyck hielt sich anfang der fĂŒnfziger Jahre hier auf. Er erwĂ€hnt kurz die tiefgreifenden Verwerfungen seit der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts, beginnend mit slave raids from the Ujiji and Nyangwe centers, Arab domination, antislavery campaigns, and the so-called Tetela revolts. Througout the colonial period this remained an area of restlessness. Bevölkerungsverschiebungen, politische Bewegungen und das direkte Vorgehen der Behörden gegen eine Vielzahl halb geheimer Vereinigungen. (15)
Die Bembe in der Sicht eingewanderter Ruander
Als Besonderheit erwĂ€hnt B. die traditionell schlechten Beziehungen der Bembe zu den Banyamulenge, Tutsi, die sich anfangs mit Genehmigung der HĂ€uptlinge auf den dĂŒnn besiedelten HöhenzĂŒgen ansiedelten.
Der lesenswerte dokumentarische Roman Die Stunde der Rebellen – Begegnungen mit dem Kongo von Lieve Joris ĂŒber einen prominenten Rebellen, 1967 geboren, (a.d.NiederlĂ€ndischen, Malik 2006) gibt die Sicht der Banyamulenge wieder:
Die Migration westwĂ€rts hatte den Ălteren zufolge schon vor Jahrhunderten begonnen, einen Höhepunkt jedoch in der zweiten HĂ€lfte des 19.Jahrhunderts erreicht, als der Despot Mwami Rwabugiri versuchte, seinen Zugriff auf Ruanda zu verstĂ€rken, und immer mehr KĂŒhe von seinen Untertanen forderte. … Ruanda war in der Zeit ihrer Flucht eines der bestorganisierten Königreiche Afrikas mit einer starken feudalen Tradition gewesen; die Hochebenen waren ihnen danach wie eine Welt vorgekommen, in der alles noch beginnen musste.
Die Menschen, die sie da trafen, waren fast nackt, wĂ€hrend sie sich in KuhhĂ€ute kleideten. Ihre groĂen KĂŒhe mit den geschwungenen Hörnern flöĂten Respekt ein und wurden eine mĂ€chtige Waffe im Kampf um die Gunst der (33) der lokalen DorfĂ€ltesten. âWenn dir ein Bembe nicht wohlgesinnt ist, gib ihm zu essenâ, diesen Spruch gaben sie an ihre Kinder weiter. Im Tausch gegen KuhhĂ€ute und KĂŒhe brachten sie die Leute dazu, ihr Vieh zu hĂŒten und Felder fĂŒr sie zu bestellen, wie sie es von zuhause gewöhnt waren. Oder sie kauften Sklaven auf dem Markt, die aus dem Innern herbeigeschafft wurden.
In ihrer neuen Umgebung leben sie im Stammesverband. Ihre Sprache schliff sich ab und wurde mit neuen Wörtern aus der Sprache der Bembe und der Fulero angereichert. ….
Trotz ihrer wirtschaftlichen Ăberlegenheit hatten sie keine VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber das von ihnen bewohnte Land. … In anderen Gegenden des Landes verheirateten sich Neuankömmlinge nach einer Weile mit den dort bereits lebenden Bewohnern, sie jedoch blieben unter sich. Wie hĂ€tte das auch anders sein können, fragten sich die alten MĂ€nner, die um das Feuer herumsaĂen, ihre Frauen nahmen Kuhfladen einfach in die Hand und mischten sie mit gefĂ€rbter Erde, um die WĂ€nde ihrer HĂŒtten anzustreichen â das wĂŒrde ein Bembe-MĂ€dchen nie tun. In den Dörfern der Bembe war es schmutzig, und Schweine liefen zwischen den HĂŒtten herum â ein Schwein war fĂŒr sie ein unreines Tier. Und wie hĂ€tten sie ein MĂ€dchen in die Familie aufnehmen können, das es nicht gewohnt war, Milch zu trinken, und fĂŒr das eine Kuh nur ein StĂŒck Fleisch war? Oder (34) ihre Tochter mit dem Sohn einer Familie verheiraten, die Affen, Schlangen, Frösche, Vögel und Insekten verzehrte â eigentlich alles auĂer Schlamm? Und die ihnen als Brautpreis eine Rattenfalle geben wĂŒrde, eine Machete, ein Ziege, eine Taschenlampe und ein paar Kochtöpfe? Wo sie es doch gewohnt waren, mindestens acht KĂŒhe fĂŒr ein MĂ€dchen zu bekommen? Ihre Frauen aĂen nicht einmal Ziegenfleisch, weil Ziegen entsetzlich meckerten, wenn sie Junge bekamen â sie fĂŒrchteten, sonst bei der Geburt ihrer Kinder genauso Ă€ngstlich zu sein.
Und so ist es immer geblieben. Sodass die marxistischen Simba-Rebellen, die nach dem Abzug der Belgier in die Hochebenen zogen und ihren eindrucksvollen Herden gegenĂŒberstanden, sie als Kapitalisten bezeichnet hatten und die armen Bauern mit ihren Schweinen und HĂŒhnern als Proletarier. AuĂerdem hĂ€tten sie spitze Nasen wie die WeiĂen und seien somit Fremde. … Die alten MĂ€nner starrten vor sich hin. Sie dachten an ihre Söhne, die KĂ€mpfer geworden waren, um sich gegen die Simbas zu verteidigen, und von denen einige inzwischen Soldaten in der Regierungsarmee waren. … (35)                   (Di 7.6.)
Es wird Zeit, uns zu erinnern, dass die Lage der Menschen seither immer katastrophaler geworden ist, eingeklemmt zwischen Rebellen und RegierungskrÀften. Biebuyck war der anthropologische Zeitzeuge der letzten Phase relativer Ruhe in dieser Region. Wie werden die lÀndlichen Gesellschaften heute aussehen?
Tutsi congolais du M23- congovox.blogspot.de.jpg/2012/07/que-sont-devenus-les-banyamulenge
(8.6.)