Der Anlass
Den entscheidenden Impuls, jetzt diese bescheidene Figur vorzustellen, die ich bereits zwanzig Jahre besitze, gibt eine Studie aus dem Jahr 1961. Darin ist nicht nur ein gutes VergleichsstĂŒck abgebildet (1), vor allem erzĂ€hlt der Autor – Robert L. Wannyn vom (ehemaligen) MusĂ©e dâHistoire Naturelle in Paris – interessante Details ĂŒber seine SammeltĂ€tigkeit vor Ort in den dreiĂiger Jahren und ĂŒber die lange Geschichte dieses Figurentyps.
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Die ErzĂ€hlung wirft Licht auf die vorkolonialen Beziehungen und den âErfolgâ der ersten Christianisierung im Kongo-Reich, um es deutlicher zu sagen: wie sich frommer katholischer âAberglaubenâ, wie wir ihn aus Alteuropa kennen, in afrikanische Herrschaftsmittel und private âFetischeâ verwandelte. Die von Wannyn im Bas-Congo in den dreiĂiger Jahren angetroffenen âKlanschĂ€tzeâ (trĂ©sors de clan) schlagen einen Bogen vor der vorkolonialen zur kolonialen Bedeutung dieser Darstellungen. Die Datierung der Objekte ist naturgemÀà meist auf die Zuordnung zu zwei Epochen beschrĂ€nkt: vor und nach 1880. Ich werde den Text zunĂ€chst zusammenfassen, weil er als ErzĂ€hlung gut ist, dann erst zu meiner Figur ĂŒbergehen.
Der Text
Der Autor verspricht Informationen aus erster Hand: Erwerb der StĂŒcke zwischen 1931 und 1941 und Ort des Ersterwerbs, Herstellungsort und Gebrauch oder Bestimmung entweder nach Angabe von afrikanischen Notablen, aus deren Klanschatz die Objekte stammen, oder entsprechend eigener Kenntnis zeitgenössischer ProduktionsstĂ€tten.
Bei aller Ehrlichkeit der Informanten lassen sich bei fehlender schriftlicher Ăberlieferung und einem lange kaum unterbrochenen Strom fremder EinflĂŒsse IrrtĂŒmer und Verwechslungen nicht ausschlieĂen. (Einleitung, p.7) Der Verfasser berichtet von seinem naiven Einsatz von Fragebögen, als er 1933 mit der Recherche in den Dörfern des Bas-Congo anfing. Die Befragung Unbefugter durch Fremde war den Notablen ohnehin nicht recht. Der alte Chief Funsu Tulanti de Gozela, ein Verwandter des exilierten Königs von Kongo in San Salvador, ergriff die Initiative und breitete eines Tages den unter seiner Obhut stehenden Klanschatz vor Wannyn aus. (p.27)
Nach Wannyns Kenntnis kannte man 1936 man selbst im Kongo kaum die Embleme der ersten Evangelisation. Den protestantischen Missionaren, die seit 1879 im Bas Congo missionierten, war es vielleicht zu schwierig, unbedarften Eingeborenen die Geschichte der Reformation in Europa zu erklĂ€ren. Dem Verfasser boten sie aber ihre UnterstĂŒtzung an. Die Redemptoristen-VĂ€ter, eine kleine katholische Ordensgemeinschaft, 1732 gegrĂŒndet, die seit 1899 im B.C. tĂ€tig war, wussten mehr, schwiegen aber, um keine RivalitĂ€ten zwischen den Klans zu schĂŒren. Wannyn zĂ€hlt ein paar Zufallsentdeckungen von alten Kruzifixen und Figuren aus Messing in den zwanziger Jahren und danach auf (p.29/30). Er fragt sich, was aus den vielen religiösen Objekte geworden ist, die ĂŒber die Jahrhunderte mit den Missionaren aus Europa kamen und stellt fest, Kruzifixe, Heiligenfiguren und liturgische Accessoires hĂ€tten der einheimischen Produktion zum Modell gedient, wobei der afrikanische KĂŒnstler sie âneu gedachtâ habe. Viele Details seien spezifisch ânegroidâ: oft die Frisur, Augen, Lippen, vorstehender Bauchnabel.
Die Figuren katholischer Heiligen sollten sich nach traditioneller Auffassung der etwas sagenhaften Gruppe der âMafulamengoâ (eigentlich NiederlĂ€nder, aber ….) verdanken. (p.24,25) HĂ€tten diese dann aber nur die Techniken weitergegeben? Gelbguss war aber seit langem bekannt. Erzvorkommen verbargen sich auch ĂŒberall (monts NKanda, Bembe, Kwango) (30). Jedoch war fĂŒr Wannyn nicht bloĂ die europĂ€ische Rezeptur der Legierungen – Kupfer 50-55%, Zink 45-50% – aller Metallobjekte angeblich lokaler Herstellung, die er gesehen hat, importiert, sondern die Metalle selbst. Man mĂŒsse nur die Ladungsverzeichnisse der Schiffe richtig interpretieren (31).
Die Herstellungsorte der Objekte lagen hingegen im Königreich Kongo, im Norden des heutigen Angola. Dort fand er 1935/36, dass die letzten Bronze-Schmiede aus zerbrochenen alten Manillen grobe ArmbĂ€nder und Kruzifixe gossen und hatte den Eindruck, dass sie keine relevanten Kenntnisse mehr besaĂen, etwa von GĂŒssen in verlorener Wachsform. (31) Er nennt keine anderen Beispiele.
Der historische Kontext von Heiligenfiguren am Kongo
Was schreibt Wannyn ĂŒber Statuettes religieuses (p.40 â 43)? La statuaire religieuse ancienne est fort pauvre (40) und bietet als ErklĂ€rung an: Der Gedanke sei erlaubt, dass die Missionare selbst sich rasch gezwungen gesehen hĂ€tten, in den evangelisierten Territorien den Kult der Heiligen zurĂŒckzudrĂ€ngen, wenn nicht gar zu unterdrĂŒcken. Denn man musste bei den neuen Konvertiten von einer Disposition fĂŒr Aberglauben, Fetischismus und Hexenglauben ausgehen. (41) In seinen âErzĂ€hlungen vom Kongoâ (1700-1717) zitierte Pater Laurent de Lucques den Fall einer hochgestellten jungen Frau, die vorgab, vom Heiligen Antonius besessen zu sein. Sie lebte im Konkubinat mit einem Mann, der sich fĂŒr den Hl. Johannes (der TĂ€ufer? der Apostel? Oder wen?) hielt (41,Anm.10).
Die Bronzestatuetten des Hl. Antonius sieht Wannyn in einer Linie (analogie frappante) mit entsprechenden kleinen römisch-katholisch inspirierten Bronzefiguren des alten Benin aus dem sechzehnten Jahrhundert. Damals hĂ€tten die entsandten Kapuzinermönche auch im Golf von Guinea Missionsstationen errichtet und den fĂŒr ihren Orden typischen Heiligenkult hier wie dort eingefĂŒhrt. Vielleicht sogar schwarze KĂŒnstler aus dem Königreich Benin an den Kongo gebracht. Mit den âMafulamengoâ (âHollĂ€nderâ,24) seien also gewiss flĂ€mische Kapuziner gemeint. (41) – Unter der Epoche der âMafulamengoâ will er groĂzĂŒgig die lange Zeit vom 16. Jahrhundert bis zum letzten Viertel des 19.Jahrhunderts verstanden wissen, (24) also bis zur Katastrophe der kolonialen Eroberung.
Er charakterisiert die Antoniusfiguren dieser Epoche als gedrungener (zwischen vier bis sechs KopflÀngen statt acht nach europÀischem Kanon) und harmonisch, leicht und sehr schlicht wirkend. (41/42)
Ihr gewöhnlicher Name sei âToni Malauâ oder respektvoller Domtoni Malauâ gewesen; in modernen Kikongo âSantu Toniâ. âToniâ sei eine normale Deformation, âMalauâ bedeute in Kikongo Verschiedenes, aber âLauâ die Idee der Chance, des GlĂŒcks, des Erfolgs. âMalauâ als Plural könnte vielleicht als âHeiliger Antonius der Erfolgeâ ĂŒbersetzen lassen. (42) – Damit schlĂ€gt er unter mehreren Aspekten eine BrĂŒcke zur kolonialen Zeit.
Es existierten einige groĂe sehr alte Antonius-Statuen, die man in orthodoxer Manier (wie âIkonenâ) nie aufgehört habe, zu verehren. Die âToni Malauâ seien jedoch hĂ€ufig Fetische geworden wie viele kleine ânkangiâ (Kultkreuze). Die Abnutzung der vorstehenden Partien an solchen Figuren bezeuge aber höchstens einen frommen Aberglauben, jedoch keine Spur von Hexerei. Man reibe sie ĂŒber erkrankte Körperstellen. (42)
Die letzte Seite des Kapitels beschĂ€ftigt sich mit einer vergleichbaren, noch kleineren Figur namens âNsundi Malauâ (2 siehe unten), gemeinhin âstatuette de la Grace (Gnade)â genannt.
Auf der organisatorischen Ebene der Chefferie zeigte das Material in KlanschĂ€tzen – Szepter, Glocken, Manillen fĂŒr die Arme, Schwerter in ursprĂŒnglich iberischer Form, Figuren und Kruzifixe – dass der Einfluss des 16.Jh. immer noch lebendig sei. Kruzifixe fĂ€nden sogar Verwendung, wenn der Klanchef als Richter amtiere. Diese mit der Tradition verbundenen Kruzifixe wĂŒrden durch einen anderen Namen von neuen mit rezenter Missionierung verbundenen unterschieden.
In der Darstellung des Hl. Antonius gebe es traditionell wenige Varianten â So wie wir es von russischen Ikonen kennen. Gewöhnlich stehe aufrecht oder sitze ein Kind auf einem Buch, das der Heilige in der linken Hand trage. Seine Rechte drĂŒcke ein Römisches Kreuz auf seinen Körper. Dieser sei oft stark verlĂ€ngert, um die Arbeit des GieĂens zu erleichtern, wenn der Arm des Heiligen nicht gebeugt sei. (42) Ihre eigene Tradition der Metallbearbeitung habe es afrikanischen Handwerkern erlaubt, von der Imitation zur Inspiration ĂŒberzugehen.
Dann kommt der fĂŒr Sammler immer alarmierende Satz: Es befĂ€nden sich in Privatsammlungen auch schöne Kopien des âToni Malauâ in Messing, in einer reicheren Kupferlegierung /also weniger Messing? Gv/ als die der Originale; man erkenne sie leicht an ihrer kĂŒnstlichen SĂ€urepatina. Die authentischen Statuetten trĂŒgen alle die Spuren natĂŒrlicher Alterspatina durch Holzrauch (42). – Ich kenne speziell alte europĂ€ische Bronzen und ihre Patina von meinen russischen Metallikonen, und finde eben solche im Metropolitan Museum (in âArt of Conversionâ, pl.25 nach p.171) und ein Kruzifix bei >Sothebys 2013 mit entsprechender Provenienz: Erwerb vor Ort in den dreiĂiger Jahren. Doch was ist an leicht erkennbarer SĂ€urepatina âschönâ?
Zu einem Zehntel des dort erzielten Preises finde ich ĂŒbrigens im Netz ein Kruzifix angeboten, das nach meinem ersten Eindruck âSĂ€urepatinaâ zeigen könnte. Die Legierung könnte aber auch nur eine weitere formale UnzulĂ€nglichkeit darstellen. Beide Alternativen haben offensichtlich mit meiner Figur nichts zu tun. Der Eindruck höheren Alters kommt erst gar nicht auf, weder durch eine im Holzrauch oder bei langer Aufbewahrung entstandene Patina, noch durch kĂŒnstlich geschaffene Patina.
ZusÀtzliche Angaben bei Wannyn zu den hier abgebildeten Objekten, hier (1) bis (3)
(1)
Pl. 24 : ‚Statuette de Saint Antoine‚ 11.5 cm hoch, max. 3,5 cm breit. Aus der Mafuamengo-Periode. In der Region von Luvo (5o km östl.Matadi) gesammelt. Der Notable, der die Figur ĂŒbergab, erklĂ€rte, sie sei Teil des Schatzes seines Klans, dessen Chef sie aus Bembe erhalten habe. Die Formen sind durch Abrieb stark abgenutzt, am RĂŒcken auf der Höhe der Schultern befindet sich eine Ăse, die zur selben Zeit wie das StĂŒck gegossen worden ist. (p.79)
(2)
Pl. 25 :Â ‚Statuette de la Grace‚Â 5 cm hoch, max. 2 cm breit. In der Region von Cuimba (Angolas Nordgrenze) gesammelt. Es soll gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts in Ambrizete von einem Ahnen dessen erworben worden sein, der sie uns gegeben hat. Stark abgeriebene Formen. Oben am RĂŒcken Spuren einer Ăse, die zur selben Zeit wie das StĂŒck gegossen worden ist.
(3)
Pl. 12 : ‚ Christ Negroide‚ Referenznummer Tervuren 55.95.13. Kreuzfigur 15 cm hoch und max. 12,5 cm breit. Gesammelt in Bombo (sĂŒdl. der Bahn Matadi – Kinshasa), auf die Mafulamengo-Periode oder danach geschĂ€tzt. Dabei ist zu bemerken, dass die Kruzifixe frĂŒher eher als Ganzes gegossen wurden. Die AusfĂŒhrung ist sehr sorgfĂ€ltig in den Details. Mehrere europĂ€ische Vorbilder haben zweifellos den GieĂer aus dem Bas-Congo inspiriert. (p.74)
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Die Messingfigur
Mein Santu Toni, offenbar bodenstĂ€ndige fromme Volkskunst, reprĂ€sentiert afrikanischen Gelbguss, âglĂ€nzend wie Goldâ, wie Till Förster sein Buch ĂŒber MessinggieĂer der Senufo titelte – im Wachsausschmelzverfahren oder doch eher mittels eines zweiteiligen Models? Seitliche Spuren möglicher NĂ€hte und Unebenheiten sprechen dafĂŒr. Die technische Herausforderung ist begrenzt, die Gussform schlicht. Arme, Kind und Kruzifix sind an den Körper angelegt, Rock, FĂŒĂe und Bodenplatte einfach. Das Gewicht spricht fĂŒr einen massiven Messingguss. Kupfer und Zinn können zu der Zeit nicht mehr teuer gewesen sein. Die geglĂ€tteten Partien der OberflĂ€che scheinen mir durch Gebrauch weiter abgeschliffen, wo es logisch ist. Die angelötete Ăse kann der AufhĂ€ngung an einem BĂ€ndel gedient haben, das Gewicht wĂŒrde sich fĂŒr das Bestreichen kranker Körperteile eignen. Das FigĂŒrchen muss ja nicht schwer auf einem Priesterornat gelegen haben.
Frage: Wie reprĂ€sentativ ist ĂŒberhaupt Wannyns Anekdote ĂŒber die um 1935 bereits verloren gegangenen technischen FĂ€higkeiten der letzten BronzegieĂer von Maquela und Bembe?
Der Typus ist in vielerlei Hinsicht volkstĂŒmlich, entspricht der seit Jahrhunderten gĂ€ngigen Ikonographie des Santu Toni. Allein das immer wieder erwĂ€hnte, aber selbst an den alten Figuren ganz unauffĂ€llige Buch ist wohl nicht mitgedacht, auf dem die FĂŒĂe des Kindes stehen sollen. Der Hl.Toni hĂ€lt es realistisch unter dem Po. Das lebhaft wirkende Kind hĂ€lt sich mit seinem rechten Arm an der Kutte fest, ganz so wie bei den entsprechenden Mutter- und Kindfiguren, wie sie der der Kongo in allen GröĂen kennt.
PopulĂ€r sind auch die âafrikanischenâ Proportionen der gedrungenen Figur: Dominierender Kopf, eine gegenĂŒber dem Oberkörper deutlich verkĂŒrzte Beinpartie und wiederum groĂe FĂŒĂe sind typisch. Die schlichte Gestaltung und Köpfe im ânegroidenâ âYombeâ Regionalstil finden sich bereits in der FrĂŒhzeit, etwa auf alten Kruzifixen (3).
Die von Wannyn angesprochene Aneignung der kleinen Heiligenfiguren findet sich ebenso in dem angehobenen Kinn, dem runden SchĂ€del und den halb geschlossenen Bohnenaugen, dem hochkonzentrierten Gesichtsausdruck, ja sogar in gestalterischen Details wie den Ohrmuscheln und der Art, wie die ZĂŒge des Kindergesichts miniaturisiert sind.
Ăber eine ernsthafte Rolle im ‚ersten Leben‘ der kleinen Figur mache ich mir keine Sorgen, auch wenn sie in vielsagendem Dunkel bleiben sollte.
Historische Interpretation des Figurentyps (1937) / Mein Katalogblatt 1998