Pater LĂ©o Bittremieux (1880 â 1946 in Boma) war ein namhafter frĂŒher Ethnograph und Linguist im Mayombe und am Unteren Kongo.

Bittremieux-PortraÌt, 71,5 cm, in Moanda von einem Woyo angefertigt, möglicherweise im Stil von Grabfiguren , Tervuren Inv.66.69.1, nach: J.Thiel/H.Helf: Christliche Kunst in Afrika, St.Augustin 1984, S.216
Als katholischer Missionar der Scheut-Bruderschaft lebte er Jahrzehnte im Mayombe (z.B. der Station Kangu) â wie es aussieht – in unerschĂŒtterlich patriarchalischer Haltung gegenĂŒber den Eingeborenen. Ihr Studium sollte zuallererst der wirkungsvolleren Durchsetzung der Botschaft der Alleinseligmachenden Kirche dienen. Bittremieux hielt es generell fĂŒr seine Pflicht, der Stabilisierung der neuen Ordnung zu dienen. Denn, wie er in der Einleitung zur Monographie ĂŒber den Geheimbund âHimbaâ – 1911 auf FlĂ€misch und 1935 in erweiterter Auflage auf Französisch veröffentlicht – schrieb: FĂŒr den EuropĂ€er war oder ist noch das Leben des Negers, sein materielles, aber vor allem sein intellektuelles, hĂ€usliches und soziales Leben ein Buch mit sieben Siegeln. (11)
Er sah sich â wie wohl der ĂŒberwiegende Teil des belgischen katholischen Klerus – in einem Boot mit der kolonialen Besatzungsmacht. Das war ein Grund fĂŒr kritische Seitenhiebe auf die protestantischen Konkurrenz, der er vorwarf, dass ihre TĂ€uflinge die aufrĂŒhrerischen schwarzen Pfingstbewegungen anfĂŒhrten.
Deren Muster beschrieb er am Beispiel des Kimbanguismus):
Am unteren Kongo haben wir die Sekte um den protestantischen Neophyten Kimbangu gehabt aus der Gegend von Mandimba, der von sich sagte, dass er durch Gott als ângunzaâ, Prophet einer nationalistischen Religion berufen sei und als Mvuluzi, Retter seines Volkes. Dank seiner angemaĂten Wunder wuchs sein Ruf als Heiligkeit und ĂŒbernatĂŒrliche Macht von Tag zu Tag; der neue Yisu (âJesusâ der Protestanten) war drauf und dran, das ganze Land zu gewinnen fĂŒr die Sache seines Messianismus und, darĂŒber hinaus, fĂŒr seine Ideen der Verweigerung des Gehorsams gegenĂŒber der fremden Macht, dem âUnterdrĂŒcker der Negerrasseâ. FĂŒr den Rest des Abschnittes zitiert er dann den Artikel von 1934 eines Kollegen, der die 1921 gegenĂŒber den âKimbanguismeâ zunĂ€chst zögernden Behörden kritisiert und âals schwacher Trostâ mit dem Hinweis endet: Der Messianismus habe in den letzten dreiĂig Jahren fast alle Punkte Ăquatorial- und SĂŒdafrikas in Unruhe versetzt: SĂŒdafrika, Rhodesien, Tanganyka, Uganda, Kenya, Angola, den Belgischen Kongo… Eine zugleich religiöse und politische Bewegung, die man mit der Formel aller VorgĂ€nger resĂŒmieren könne: âAfrika den Afrikanernâ. (p.239, Ăbersetzung a.d.Franz.)
Leo Bittremieux enttĂ€uscht mich. Vielleicht finde ich fĂŒr die von Fachkollegen unendlich oft zitierte Forscherlegende noch ĂŒberzeugende EntschuldigungsgrĂŒnde. Stehen sie etwa im ungedruckten Nachlass? Kennt ihn jemand gut genug? Der erste Textauszug unten liefert mir jedenfalls keinen.
Bittremieux 1911 Landkaart van „Mayombe“
Aus dem Vorwort. Unterkapitel: âUnsere Bakhimbaâ (pp.13-15)
„Vom Beginn meines Aufenthalts im Mayombe konnte ich mĂŒhelos feststellen, wie sehr der âKhimbaâ(-Kult) in der Gegend um Kangu verwurzelt war. TatsĂ€chlich trug die Mehrheit der jungen Leute und der Erwachsenen einen âKhimbaâ-Namen. So widmete ich meine erste Studie damals den âNamen der Mayombeâ. … Die Nicht-Initiierten erzĂ€hlten mir alle möglichen Geschichten ĂŒber âweiĂe MĂ€nnerâ; die Initiierten ĂŒber ihre seltsamen TĂ€nze, die Strafen, die sie zu erdulden hatten u.s.w. … Ich befragte Makuala, dann Lusala. Tsakala, auch er gab mir einige AuskĂŒnfte. Ich war auf dem richtigen Weg … Zum Preis eines âmatabicheâ, eines verfĂŒhrerischen (allĂ©chant) Geschenks, verkaufte mir Matundu, Zimmermann auf der Station, sein Geheimnis: Er brachte mir die Geheimsprache der âBakhimbaâ bei, ihr Latein oder eher â le Francaisâ, wie die Nicht-Initiierten sagten.
Nur Matundu kauderwelschte unmögliche Dinge (…) von denen ich auch nicht ein verrĂ€terisches Wort verstand, und das mit meinem ganzen Kiyombe im RĂŒcken! Zu allem Ăberfluss weigerte er sich zu ĂŒbersetzen. Das hĂ€tte fĂŒr ihn den Tod bedeutet, gewiss: Geister und Genossen rĂ€chten grausam einen derartigen Treuebruch!
SpĂ€ter hatte ich einen sehr intelligenten Boy mit Namen Lutete. Dieser lachte ĂŒber seine StammesbrĂŒder (congĂ©nĂšres), die sich Skrupel machten, das Geheimnis zu lĂŒften. Ich verdanke ihm eine ganze Menge Informationen. WĂ€hrend meiner Reisen fand ich Gelegenheit, mich mit âBakhimbaâ zu treffen, Ehemaligen âBakhimbaâ und âBakhimbaâ-Meistern…, und ihre Fetische zu sehen. Das bereits Gewusste half mir, das Unbekannte aufzuklĂ€ren, und so konnte ich volle Garben ernten. Ich hatte das GlĂŒck, den Vogel in seinem Nest anzutreffen, in Tsinga Masisa und anderswo (voir planche II). Neugetaufte und TaufanwĂ€rter erzĂ€hlten mir ganze Episoden aus ihrem Leben in der Sekte. Mir gelang es sogar, den ntenda, Mysterienpriester von Khele zum Plaudern zu bringe, und im Glauben, ich sei bereits ĂŒber alles auf dem Laufenden und mir fehlten nur ein paar zusĂ€tzlichen ErklĂ€rungen, hat der brave Mann mir die zimvila, heilige Formeln rezitiert und mir die verschiedenen Tabus und Vorschriften der Sekte beigebracht…
VoilĂ die Geschichte dieses Buchs. Was ich hier festhalte, ist nicht eine Entdeckung, mit der ich mich in die Brust werfen könnte: Es sind meine schwarzen Informanten (informateur Noirs), denen ich Dankbarkeit schulde.“ (Ăbersetzung a.d.Franz.)
Vereinnahmt? Sprachenstreit im Plural.
Jetzt soll er, gerade weil er die lĂ€ngste Zeit ĂŒber in FlĂ€misch publiziert hat, ‚einen tiefen Respekt fĂŒr die Sprache und Kultur der schwarzen Bevölkerung (der belgischen Kolonie) bewiesen haben‘ (Vandeveyer in: WT. Tijdschrift over de geschiedenis van de Vlaamse beweging nr.2, 2009). Seine bewusste Wahl des recht exklusiven NiederlĂ€ndischen fĂŒr die wissenschaftliche Kommunikation, seine ‚Pro-Flemish persuation‘, war danach eins mit seinem Wunsch, die einheimischen afrikanischen Sprachen in Schulen und Verwaltung des Kongo zu fördern. Das sei seinen Briefen zu entnehmen. Soweit die Zusammenfassung des Aufsatzes.
Irgendwas stimmt da nicht an der Logik. Ich finde sie ĂŒberhaupt nicht zwingend. Die schwedischen Missionare haben zwar auch in ihrer Muttersprache publiziert, aber oft begleitet vom Original in Kikongo. Vor allem hatten sie keine Kolonie zu verteidigen. Auch sie haben fĂŒr ein halbes Jahrhundert wichtige Zeugnisse der unterworfenen Völker am unteren Kongo nicht genĂŒgend bekannt gemacht, bis der Amerikaner Mac Gaffey die Kongolesen ĂŒbersetzte. Ich beginne, die Frage der Wissenschaftssprache weniger nationalistisch, also aus deutscher Perspektive zu sehen. Vielleicht ist wirklich oft nur eine Standardisierung funktional, also eine VerstĂ€ndigung auf das Englische, so wie in der Antike auf das Griechische und danach aufs Latein. Wir ĂŒbrigen mĂŒssen bloĂ ehrlich eine solche lingua franca akzeptieren. Das wĂ€re dann eine Bildungsfrage in bewusster Distanz zur jeweiligen Landeskunde. Denn Briten und Amerikaner sollen sich nichts darauf einbilden, sonst wechseln wir gleich zu den Chinesen.    6.7.16