Aus der Welt der verlÀsslichen Dinge

|

Ich spreche von Dingen, auf die Verlass ist, die wir wenigstens im Prinzip zu durchschauen vermögen, wenn wir uns nur MĂŒhe geben und andere bemĂŒhen.

Etwa die Dinge meiner Mutter, die ihr in der Bombennacht verbrannten, denen sie lange nachtrauerte, BĂŒcher, Möbel und andere Dinge ihrer ersten Wohnung. Doch es blieben ein paar Bilddokumente, kleinformatig, oder sollte ich lieber sagen: Papierobjekte?

Das ist auch VilĂ©m Flussers Ansicht aus der Mitte der achtziger Jahre: Hier wird hier auch Abschied genommen von verlassenen Dingen – HĂ€usern, Zelten, Teppichen usw. – die fĂŒnftausend Jahre lang im Zentrum menschlichen Lebens und unseres Interesses gestanden haben. (Bezug zu Nachgeschichte (Flusser-Studies 12, graeve-flusser-schule (2011) S.29 )

Im Vergleich zur neuen Entwicklung waren die Spreng- und Brandbomben noch ziemlich verlĂ€ssliche Dinge, auch wenn sie als BlindgĂ€nger mit großer VerspĂ€tung hochgegangen sind

Manfred Sommer thematisiert im Schlusskapitel der Studie Sammeln die Vertreibung des Sammelns aus dem Zentrum der Menschheit, und die wachsende DysfunktionalitĂ€t fĂŒr die moderne Zivilisation, wenigstens solange sie funktioniert. Nun sind sie vor allem zur Befriedung drĂ€ngender psychischer BedĂŒrfnisse freigestellt – auf entsprechende Terminologien will ich mich nicht einlassen. So hat ein soziologischer 3sat-Kulturzeit-Beitrag die stabilierende Wirkung der Suche nach Pfandflaschen auf die Flaschensammler in den StĂ€dten hervorgehoben.

Ich möchte hier darauf eingehen, dass außer Funktion gestellte Dinge in eine subjektive, ja kindische, auf jeden Fall irrelevante Welt ĂŒbergehen. Ich denke dabei als Sammler zunĂ€chst an meine Dinge, solche, die wenn nicht mit uns, so mit anderen Menschen gealtert sind, die oft noch nach deren Tod weiteres erlitten, wie es die groben Skulpturen der Nepal-HinterwĂ€ldler oder die Figuren und GerĂ€te zeigen, die es heute noch vom Dachboden oder als Handelsgut vom Kongo und seinen NebenflĂŒssen auf FlohmĂ€rkte schaffen, gezeichnet von einem oft elenden Leben und von den Strapazen des Transports.

Man könnte nun meinen, das Thema gehe nur noch eine Randgruppe Ewiggestriger an, die irgendwann aussterben wĂŒrden. Der Altersdurchschnitt in Sammlervereinigungen, die sich oft auch ‚Freunde des soundso-Museums’ bezeichnen, und das ewige Wehklagen der einschlĂ€gigen HĂ€ndler, der Markt breche ein, stĂŒtzen diese Vermutung, doch es gibt Gegenargumente.

Das Sammeln wird sich kĂŒnftig noch stĂ€rker auf andere Themen verlagern, auf andere und neue Objekte, industriell hergestellt, alterslos bis auf die Zuhörigkeit zu einer ‚Edition’ und von einer gnadenlos abgerĂŒsteten materiellen QualitĂ€t. Aus der Sicht traditioneller bĂŒrgerlicher Sammler bedeutet das nur Niedergang. Auch von gezielter Manipulation ist die Rede, wenn etwa Kinder Pokomons oder Fußball-Devotionalien sammeln.

Als Schlußsatz hatte ich vorgesehen: Aus dieser Welt sind wir – seit wann? – vertrieben. Mit einem Koffer voller unzeitgemĂ€ĂŸer nutzloser, aber verlĂ€sslicher Dinge irre ich durch die Schöne Neue Welt.

Das ist stark ĂŒbertrieben. Stehen Sammler nicht vielmehr im Zentrum des Lebens?

19./29. September 2015