Reisen durch Sachsen-Anhalt
Deutsche Romanik oder Gotik jenseits des zerfallenen Eisernen Vorhangs. In der Diaspora wie vor achthundert Jahren. Heute verbĂŒnden sich Tourismus-Promotion, Wirte und Unesco, christliche BildungsbĂŒrger Ă€lterer Semester und das globale Dorf zu veritablen Oasen, so fremd wie Klöster in der KulturwĂŒste des Mittelalters, fremd in der Kulturschicht der Schlager, WĂŒrste und strammen Hintern. So viele Rammler in Sportkluft habe ich lange nicht mehr auf einem Haufen gehen, mit ĂŒppigen Weibern.
Dessau: PopulĂ€rer Proletkult und Kulturbolschewismus stehen in geistlosem, weil aufhebbarem Widerspruch: die PrĂŒgel, die die Ărsche dir ein paar Km davor androhen, gehen mit der aufokroyierten schwarzen Bauhaustapete ein heimliches BĂŒndnis ein: Dessau. Warum hat denn die DDR die âMeisterhĂ€userâ nicht selber restauriert? Wohlweislich? Wurde erst einmal der Modernismus dem stalinistischen Populismus geopfert? Hat erst der Mangel an Mitteln ihn spĂ€ter dem Plattenbau als Lösung empfohlen?
Deutschland begrĂŒndet sich neu auf Geschichte, auch die Barbarei hat Geschichte.
Werner TĂŒbke in Bad Frankenhausen – die Krassheit des Hyperrealismus wie der schamlosen Zitate, die auf die EntschlĂŒsselung warten, hundertdreiĂig zugeordnet, die Krassheit der Unmassen verrĂŒckter Menschen, eine Ohrfeige in die Fresse sĂ€mtlicher Klassen. Die sollen sie sich nun gegen Eintritt abholen. TĂŒbke hat scheinheilig den Regierungsauftrag fĂŒr âdie frĂŒhbĂŒrgerliche Revolutionâ realisiert. Die da oben kommen natĂŒrlich schlecht weg, aber die da unten verdienen auch kein Vertrauen. Wenige Prediger und Narren – und die Engel, welche die Posaunen des Zornes Gottes blasen – bilden verstreut die Kompassnadel.
Luther – der Leninismus des Zitatenfiebers in der Stadt, in der Frau Luther bloĂ niederkam. Aber auch zu allem hat Luther etwas zu sagen, dank der öffentlichen Propagandisten.
Angekommen in Niedersachsen
Warum möchte ich der Niedersachsenflagge ĂŒber dem NachbargrundstĂŒck die Mitte herausschneiden, den Schimmel auf rotem Grund. Frösche springen. Ich bin erschöpft. Wespen werden erledigt. Welchen Wochentag haben wir?
Auch Versailles wurde im Sumpf errichtet. Der Vorbesitzer ist an allem schuld, natĂŒrlich. Er war ein Stinkstiefel (ĂŒbrigens Lehrer), angenehm als Folie fĂŒr die eigene Leutseligkeit. Zu viele alternative SitzplĂ€tze. Wohnparadies. Alles was wir daheim zu wenig haben, zuviel, ist aber nicht teilbar. Ich wusste gleich, warum sie an dem Projekt eisern festhielten, als mich der Salon erschlug, vielmehr einsog in seine feudale Tiefe. Das hatte E… nicht zu bieten. Die zweihundert Quadratmeter FuĂböden, ebenerdig, sind pflegeleicht. Setzen Energien frei fĂŒr weitere Erwerbungen und permanente Umbauten. Langeweile wird nicht aufkommen, denn irgendwo im Norden wartet ein kaum bescheideneres Pendant. Ich hĂ€tte selber gern auch Ă€uĂere Gestaltungsmöglichkeiten, doch nicht im ĂbermaĂ. Konsumort. Reizthema Kultur. Nichts ist einzuwenden gegen die Scheune, die neue Burg oder das BackhĂ€uschen mit dem Baumarktdachstuhl, gegen den Plastiker mit dem Spaltungstick: Der schwingende Körper, aber auch der Denker verwandeln sich in gelöste statische RĂ€tsel. Schmock. Gesichter aus der Konditorei, Barlachsche Kanten gratis. Gierig schaut D. nach jedem Anwesen, um es mehr oder weniger geil zu finden, wie auch den unverbaubaren Sonnenuntergang ĂŒber dem Sumpf. Trompetet es heraus. Alles ist schön hier. Wie kann man nur nicht in R….. leben! Wie kann man nur in einem Haus wohnen, in dem das Vollbad im ersten Stock liegt! Denkt denn niemand ans Alter? WĂ€hrend ich tippe, tröten sie kleine Duette des Wunderkindes Mozart, die ich mit acht oder neun Jahren mit meiner ersten Geigenlehrerin gefiedelt habe. EigentĂŒmliches GefĂŒhl.
Erster Ausbruch gegen Mittag: Bereits nach wenigen hundert Metern radele ich durch eine gleichförmig abwechslungsreiche Gegend, getrimmt, eben norddeutsche Landschaft, flach wie ein Teller, Weite, trianguliert durch asphaltierte landwirtschaftliche Wege und StraĂenalleen. Das lokale GĂ€rtlein schmiegt sich ordentlich gekĂ€mmt ans Haus, vom Zaun eingefriedet. Keine öffentliche Bank am Weg, wenn es schon keine Arbeit in der Gegend mehr gibt. Der einzige Mensch auĂerhalb der Blechkarossen ist ein Jogger, oder ist es der Wozzek? AsphaltbĂ€nder erscheinen als augenfĂ€llige Verbindung zur Zivilisation, zu Recht, eines fĂŒhrt zu ALDI. Der Staat subventioniert die asphaltierten Schleichwege und AbkĂŒrzungen der Eingeborenen wie die gekiesten beschilderten Radwanderwege. Infrastruktur, notfalls auch mobil, wie das TatĂŒtata anzeigt, hoffentlich mit JPS ausgerĂŒstet. Sonst Stille im Ăberfluss. Ich mache mir Gedanken wegen der Krisenfestigkeit des Konzepts? Nur, wenn Adam rodet und Eva pflanzt, kann die Gegend auch in der Steinzeit ĂŒberleben. Das Grundwasser ist mit HĂ€nden zu greifen. TrĂ€chtige junge BirnbĂ€ume am Weg. Dahinten ist unsere Siedlung. Der unvermutete Geruch von Jauche erdet die Wunder. Infrastruktur? Trinkwasser mit und ohne AbwassergebĂŒhren (âGartenwasserâ) steht gegen die MĂŒllabfuhr im Vierwochenturnus.
SpĂ€ter kommt der PferdehĂ€ndler (!) heimgefahren, ein Nachbar, das Handy am Ohr hinter dem Kasperlprofil. Alles ist so gepflegt hier. Die geschlagene Nachbarin grĂŒĂt uns verschĂ€mt. Sie weiĂ, dass wir wir wissen.
(3.8.2009, am 1.9.2015 aktueller denn je)