Yombé Mutterschaft – Stockaufsatz? Nein.

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Gesamteindruck: Ein gedrungenes Figürchen. gut anzufassen.  Wenig Details. 17 cm hoch, 5,5 tief, 6cm breit.     

Für die aktuelle Beurteilung steht der Nachtrag vom 12.4.2016!     (10.2.2018)

Ich möchte das Figürchen keineswegs schön reden, schöner als es ist. Vor einem Jahr wo_die_wilden_kerle_wohnenwar es sozusagen eine Eintrittskarte in die Welt der Kongo und ein Exerzitium im Labyrinth der Stilanalyse an der Hand von Raoul Lehuard. Jetzt könnte ich gut auf beides verzichten, aber so klein und zart das Figürchen ist – unter den späteren Erwerbungen scheint es genau dahin geraten zu sein, wo nach  Maurice Sendak die wilden Kerle wohnen.

Hartnäckig behauptet es seinen Stammplatz im Regal.

21. Okt. 2014

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Es ist das Baby zwischen Händen und Knien, meisterhaft als Reduktion ausgeführt, und das dramatische Gesicht der Mutter, das zum Stilmerkmal der Yombé geworden ist, die mich  für die kleine Figur einnehmen. Ich fange an, ihren Kopf zwischen den Fingern zu reiben, um den Glanz auf ihr zu wecken. Sie ist bereits meilenweit von dem Klapptisch auf dem Flohmarkt entfernt.

 

Erste Orientierung : To Cure and Protect von Frank Herremans, no.4

Das Belegstück ist dreimal so groß und behangen mit chief’s regalia – Egal, Herremans erklärt auch meine Figur: An idealized female ancestor and the symbolic ideal of devoted motherhood They are also connected with a fertility cult said to be founded by a famous midwife (Hebamme). Mir fällt die gleiche sichere Lage des Babies auf den gekreuzten Knien und in den Händen der Mutter auf. Die Füße sind ebenso senkrecht aufgestellt. Der Oberkörper ist bei dieser no.4 länger, vielleicht damit der reiche Brustschmuck besser zur Geltung kommt.

Ein abwehrendes Gesicht und die hingebungsvolle Mutterschaft scheinen zwei Spannungspole zu sein, über die Verkörperung des weiblichen Ahnengeistes verbunden. Der Geist gewährt nicht nur, er fordert auch. Oder hat zwei Ansichten, nach innen und gegen außen gerichtet.  Und die Lagerung des Kindes –  warum nicht die Forschung zu mittelalterlichen Marienbildern befragen?                15. Jan. 2015

 Stil – Befragung von Raoul Lehuard

ART BAKONGO – Les Centres du Style – Second Volume ( 1989, in der Frobenius-Bibliothek unter der Signatur: Af III 808), Im Kapitel Le style Yombe et Sundi occidental die sous-styles                    ‚J’ und  ‚K’     

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Der Verfasser der Stilanalyse begründet die Einbeziehung der Sundi mit deren engen Beziehungen. Häufig wurden Kultfiguren bei den Yombe erworben, ungeachtet ihrer Tattos. Folglich wurden sie oft bei den Sundi gesammelt. Im Siedlungsgebiet der Yombé andererseits sammelte man Figuren fast nur im Süden, nicht in der französischen Kolonie. Lehuard bezeichnet seine Aufgabe, aus dem Inventar erreichbarer Figuren ‚Unterstile’ zu destillieren als sehr schwierig, da sich viele ‚sous-styles‘ anbieten, sich aber oft nur durch ein Merkmal voneinander unterscheiden. Dass unter Umständen ein einzelnes ‚in der Konzeption perfektes’ Exemplar im Inventar einen ‚Stil’ vertritt, begründet L. damit, dass es dann auch weitere der Art gegeben haben muss. (p.453)

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Nach erster Durchsicht sind generell die Unterstile J 1 (Le style de Kasadi) und J 2 (Boma-Vonde) von Interesse, in wesentlichen Details aber J 16 (p.537ff.) und K 10 (p.589). So hat der Stil  J 1 und J 2 einen Kopf in vollkommener Eiform und ist reich tätowiert, meine Figur überhaupt nicht, so wie nur wenige Ahnenfiguren dieses Typs. Lehuard geht auf diese Frage nicht ein.

 

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An der Gruppe  J 16 hebt Lehuard eine Abweichung vom eiförmigen Kopf hervor. So zeige das Gesicht  zwei Seiten entlang einer vertikalen Achse von der Stirn über die Nase zum Mund. Im Fall meiner Figur bis zur Kinnspitze. Hier wird das Schema radikaler sichtbar. Der Kopf ist schmaler, wie flach gepresst. Auch die Wangenknochen. Übereinstimmend sind die hohe Stirn und das angehobene Kinn, eng stehende Augen, gerade Nase mit mit breiten Flügeln. Die Erhebung (pli) der Oberlippe ist deutlich markiert, die Schneidezähne sind erkennbar gefeilt. Die Grundform der Ohren ist zu ahnen. Die angegebenen Augenbrauen fehlen bei meiner Figur, Andeutungen davon sind möglicherweise abgegriffen. Der Augapfel könnte weiß gefärbt worden sein. – So viel zum Kopf und zu diesem Stil J16, denn die besprochenen Beispiele sind Spiegel tragende und  stehende Figuren von 20 bis 81 cm Höhe.            Abb.:  J 16-1-1

Die Gruppe ‚K’ wird durch die phemba, die Frisur inthronisierter Chefs und ihrer Gattinnen unterschieden, es finden sich also auch hier formale Bezüge.

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K 5-1-6 (p.575) – Die weibliche Spiegelträgerin von 20 cm Höhe, hat einen schmalen Kopf mit Mittelachse, eher kurze fleischige Arme und ähnlich kleine Spitzbrüste. Sie  ist im Schmuck auf eine Halskette beschränkt. Der Kopf ist jedoch nicht erhoben, sondern wie der Spiegel auf den Betrachter gerichtet.

                               

                               

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K 10 (K1-1-1) – eine ‚magisch-religiöse’ kniende Figur, 27cm

Lehuard hebt auf den Kopfes ab, der sich konzeptionell von der Gestaltung des  Rumpf unterscheide. Übereinstimmungen mit meiner Figur sind das verlängerte Gesicht, die hoch sitzenden kleinen Augen, brezelförmige Ohren und die der Kopfform angepasste schmucklose Kappe. – Die befremdlich große Adlernase (‚long, légèrement aquilin’) möchte ich nicht unkommentiert lassen. Sie erscheint im ganzen Inventar nicht ein zweites Mal und könnte als ‚fremdes’ Element eine magische Bedeutung tragen.

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Die Kategorie J 21, von Lehuard mit K 10 in Verbindung gebracht, enthält zwei kniende Frauenfiguren von 14,5 und 20,5 cm  Höhe als Stockaufsatz, an denen mich Kappe, Ohren und generell eine vereinfachte Ausarbeitung interessieren. Auch meine Figur könnte – angesichts von Unregelmäßigkeiten auf der Unterseite und dem abgegriffenen Kopf – einem Stock gehört haben. Selbst der einseitig abgeflachte Hinterkopf lässt sich damit erklären. Leider ist bei J 21-1-1 und 21-1-2 (Abb. links) die Gesamtlänge des Stocks nicht angegeben.

Wann und bei welchem Anlass die Figur abgeschnitten worden sein soll?. Die Patinierung erlaubt die Annahme, der Stock sei bereits vor längerer Zeit zerbrochen und  die Figur weiter verwendet worden.

Das Kind

Die Beispiele aus den Kategorien J 1 und J 2 spielen zweifellos in einer höheren Liga, obwohl sie mit meinem Figürchen in Körperhaltung, Gesicht und Mimik denselben Kanon teilen. Ich möchte im Irrgarten der Unter-Stile Ihre Aufmerksamkeit nicht ermüden, zumal diese ‚Stile’ kaum je mit einem geografischen Ort – auch nur des Erwerbs – zu verknüpfen sind. Bisher wurde aber die Haltung des Kindes noch ausgeklammert. Ich will das im ‚Stil J 1‚, dem renommierten ‚style de Kasadi’, nachholen. 

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Die Haltung ist bei J 1-1-1 bis 5 (alle um die 27 cm) identisch, nur liegt die rechte Hand der Mutter auf den Knien des Kindes, bei meiner Figur ( < )hebt sie die Beinchen an.

Lehuard kommentiert: ‚L’enfant est représenté mort’ (z.B.p.459). Das Bild geschlossener Augen und auf dem Bauch gefalteter Hände können den Zweifel nicht vertreiben.

Im Kontrast zu den lebhaften oder gierig saugenden Babies andernorts ( z.B. in  J 1 bis 6 ) kann ich Yombe_Lehuard J 1.1.6das nachvollziehen, aber in der Figur J 1-1-6 wirkt das Baby durch ausgestreckte Beine noch steifer als die mit den angewinkelten, aber gerade dieses greift mit dem rechten Händchen nach der Brust. Und ob man auf die Frauengesichter ein Weinen projizieren darf? Doch ist die Mimik unter den zahlreichen Frauenfiguren vieldeutig. Der dramatisch geöffnete Mund findet sich zudem ebenso an ‚männlichen’ Figuren.

Im vorgeschlagenen Kontext einer Gedächtnisfigur für eine ‚femme-chef’ bleibt mir die Vorstellung eines toten Kindes befremdlich. Die Antworten müssen jenseits der Stilanalyse liegen. Vielleicht historisch in der Übernahme (und Umdeutung) des mittelalterlich christlichen Motivs der mater dolorosa?

15. Februar 2015 :

Ein erfahrener Sammler gibt schonend Zweifel an der Stockaufsatz-Hypothese zu erkennen. Abgesägt sei die Figur wohl nicht. Vor allem gefällt ihm die ‚zu gleichmäßige‘ braune Patina nicht: ‚Die ist schnell zu machen‘. *Das Engagement und Qualitätsbewusstsein des Schnitzers zieht er überhaupt nicht in Zweifel.

Bei der  verwendeten Sorgfalt, der Lebendigkeit der Figur und der stilistischen Treue aus allen Richtungen ist meine Beurteilung noch nicht ganz erschüttert. Soll ich wirklich mehr Leute fragen oder wie allenthalben empfohlen, ‚Freude daran haben‘ und dem Geheimnis der Figur nicht zu nahe treten? Da ist noch eine Schadstelle, eine Delle am Hinterkopf, die an ‚afrikanischer Reparatur‘ häuslicher Missgeschicke wie ‚Ankokeln‘ oder Hinfallen erinnert.

3. 1.  2016

Kongo – Power and Majesty“ (Alisa Lagamma*, MMoA N.Y. 2015) belebt das Figürchen mit frischer ästhetischer und emotionaler Energie.

Vor allem fig.133  (aber auch 132) zeigt einen Stockaufsatz in vergleichbarer Größe, Haltung, Schnitzart und Ausdruck. Auch in der Patinierung – soweit das mit einem kräftig gefärbten Foto zu machen ist –  erscheinen beide verwandt: Beide sind dunkel, an exponierten Flächen abgerieben und leicht glänzend. In den Ecken und Nischen sind  Farbschichten, stumpf und dunkelt,  erkennbar. Ich glaube, auch ein erfahrener Sammler ist mit dieser Frage überfordert. Ich weiß nicht einmal, wie lange die Figur in Europa ist. European collectors often polished them, thus removing surface layers … (p.183) Es spricht auch nichts dagegen, dass das Podest der Figur abgeschnitten wurde, wann auch immer. Die Mitte zeigt dazu passende kleine Unebenheiten.

Fast wichtiger sind die Informationen über Maternité-Figuren im Kontext von großen Menschenverlusten im 19. Jahrhundert (Sklavenhandel) und wachsendem sozialem Stress durch die einsetzende Kolonisierung. (6.Kapitel ‚Congo Female Power‘).

Lagamma bezweifelt dabei auch die Hypothese vom  dead infant being mourned by its mother. Das erschiene so auf visueller Basis, aber die kleine Figur stelle eher ein  ‚simbi‘ or spirit child from the ancestral realm dar, conceived to conflate the imperative of child bearing with the concerns of local leadership to augment kin groups through procreation and political alliances.  (p.183) An anderer Stelle vertritt es die Lebenden gegenüber den Ahnen, deren ‚mütterlichen‘  Beistand man gewinnen will.

Die Stäbe waren Insignien von Lemba-Initianden oder Priestern. (p.202). Im Glossar wird Lemba als ‚einflussreicher Nkisi (17. bis frühes 20. Jh.) beschrieben, der Fruchtbarkeit, guten Regierungsstil (governance) und die Integration der Menschen, Dörfer und Marktflecken regulierte. (p.294)

  20.2.16

Im direkten Vergleich mit authentisch glatter Oberflächen etwa an einer alten Schlitztrommel der Yaka fällt mir am Figürchen die rauhe, krustige Patina auf: als ob mit der Zeit Farbschichten dunkel geworden bzw. durch Ölungen nachbehandelt worden wären. Eine alte Brand(?)stelle am Hinterkopf hätte sich damit auch der Umgebung angepasst. Gerade Lagamma betont wiederholte farbige Anstriche in Kaolin bzw. Rötel als typisch für große und kleine Maternités der Yombe, sie freut sich auf S.168 über eine der seltenen im Originalzustand erhaltenen farbigen Schreinfiguren (Größe ist aber 52 cm, S.169 fig.113).

29.6.2016

Vergleiche wirken auch umgekehrt. Etwa verdeutlicht die kleine Maternité von W. sowohl einen gewaltigen Qualitätsunterschied zum Szepter, in der Harmonie der Umrisslinien, in den Details (die Glasaugen sind der Hit!) und in der Lebendigkeit des miniaturisierten Körpers steht sie ihm bei weitem nach. Ihre Details sind vielleicht ethnographisch interessant (Leibwickel, Halskette, Rinne am Rücken), aber ästhetisch nicht integriert, die Brüste sind geradezu ärmlich. Der Kurzstab lässt aber auch deren Patina arm aussehen (und anfühlen), genauso, wie Klaus sie abwertete. Mein Gedanke an einen abgeschnittenen Stockgriff kommt mir nun absurd vor.

 

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