Mängelexemplar, Investitionsstau, Drogen

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Hochnebel – du hältst es für die Grenzen des Himmels. – Wollte ich titeln, aber soll ich das, was mich ankotzt, auch noch zelebrieren? Da müsste ich ja religiös sein. Es bleibt also bei drei Glossen! 24.2.15

MI 8.10.2014    Bei der Buchhandlung Ypsilon ist der Wühltisch vor der Tür voller gestempelter Bücher. Ich war für Remittenden von Liao Yi-wu gekommen. Mängelexemplar steht jetzt schon anderthalbfach und unübersehbar auf dem Schädel jedes Buches. Das Todesurteil, an gelegentlichen Wiederverkauf ist nicht mehr zu denken. Die Händlerin ist gelassen: Die machen es wie sie wollten, und wir suchen uns schon die besten Exemplare aus. Ich habe nur eine Erklärung: Mindestlohn und Hass auf Bücher. Aber auch ästhetische Ignoranz wirkt bei der Verunstaltung mit, die ich mir so nur in Deutschland vorstellen kann.

 MI 8.10.2014   Der Investionsstau in der Verkehrsinfrastruktur wird in der dlf-Länderzeit diskutiert. Anderthalb Stunden lang mit kostenfreier Hörerbeteiligung. Die Diskussion beleidigt die Intelligenz, denn das Problem scheint aber auch allen Beteiligten klar zu sein, allein es fehlt der Wille. Andere Ressort-Egoismen haben dem Verkehr die Maut-Einnahmen vom Etat abgezogen. Zudem sind von Bundesstraßen und PKW  weit weniger Einnahmen als von der LKW-Maut auf den Autobahnen zu erwarten und die Organisationskosten erheblich. Von der flächendeckenden Mobilitäts-Überwachung redet schon keiner mehr. Am ende wird im Kreis einmütig eine breite gesellschaftliche Debatte gefordert. Was gibt es denn zu debattieren? Vor die herrschaftlichen Gebäude zu ziehen und Fenster einzuschmeißen wie in den 1970er Jahren oder mit Kleinlastern und dem PKW Blockaden zu errichten wie irgendwann Bauern mit ihren Traktoren, das wäre die richtige Sprache für diese Debatte. Doch wagt das niemand bei den ständigen Manövern, die die Ordnungskräfte schon bei Kleindemos  und Volksläufen abhalten.

DI 21.10.2014  „Drogen und Finanz“ bei ARTE – Gestern war es der wirklich teure Kunsthandel mit geraubten Antiquitäten auf einem anderen Kanal. Die letzten Zuckungen „öffentlich-rechtlicher“, wenn schon nicht öffentlicher Debatten. Nischen. Und du fürchtest bereits mit den Informanten um ihr Leben, mit dem amerikanischen whistle-blower im Schneegestöber vor dem Bürotrakt, den bereits die Schneeräumer in seinem Rücken terrorisieren, mit dem mexikanischen Farmer, dem seine zwei Söhne entführt wurden, oder dem als Schatten kaum getarnten libanesischen Grandseigneur. Du vergegenwärtigst dir den dreißigjährigen vergeblichen Kampf von Ermittlern und hast die Zeitspanne deiner Berufszeit auf dem Schirm, wie man heute sagt. Die hörst von einem Ruheständler, der als Berater tätig ist, dass „die Politik“ grundsätzlich ein halbes Dutzend Jahre zu spät reagiert, genau wie eine sprichwörtlich korrupte Polizei. Und solche Leute betreiben momentan ein amerikanisch- europäisches „Freihandelsabkommen“.

Du hast in den letzten Tagen – ausnahmsweise – in ein paar deutsche Polizeifilme hineingeschaut und fragst dich, welche Absicht hinter diesem Überangebot kleiner privater Perversionen wohl steckt, aber das ist unterkomplex. Schau lieber in die völlig neuen Gesichter dieser vielen integren, beschränkten oder bauernschlauen, eher schlitzohrigen (?) Menschen, die vor der Kamera sprechen. Manchmal freust du dich mit ihnen, dass sie endlich ein Publikum haben, das – als scheinbar willfährig – du als Lehrer gratis bereit gestellt bekamst.

Hochnebel? Bis auf extreme Fälle hieltest du ihn für die himmlische Wolkendecke, aber er ist viel weniger. Ein Gang durch die Schluchten der Bankentürme belehrt dich. Du hast dich nur noch nie gefragt, wie die oberen Etagen mental ihren Nebel verarbeiten. Wie Götter eben oder wie Zombies. Gibt es diese Horrorfilme bereits, die mit arbeitsteilig banalen (Hannah Arendt, aber  im vollen Sinne) Täter, die jede zivilisierte Strafjustiz unterlaufen und nur für Lynchmord erreichbar sind?

Karl Marxens Klassentheorie ist zeitweise unsichtbar geworden. Du notorischer Optimist hast dich gefreut. Dabei fehlten dir bloß das Sensorium. Du würdest ja auch ins Tschernobyler Land schlurfen, die Landschaft wäre dir bloß langweilig. Ohne Statistik (Versäumnis der Studienzeit), ohne Finanzmathematik, ohne Informatik bist du nicht viel mehr als ein ans Licht gezogener Maulwurf, blind. Nun sollen dich, kraft ARTE und ihrer Filmautoren – die Kameraleute und Komponisten zählen nicht – Features urteilsfähig machen, aber nicht zum Einsatz von Pflastersteinen oder – in Amerika – von Schnellfeuergewehren verleiten. Das wäre ja Maschinenstürmerei! Und was würde der Einsatz greller Sprayer gegen Luxusgüter – auch Kulturgütern – bewirken? Schadensersatzansprüche und ein paar Schlagzeilen. Du hättest auch selber die Möglichkeit, deine billigen traditionellen Objekte zu verunstalten und so zu exponieren! Dir fehlt einfach das Vertrauen und die Risikobereitschaft.

Klassengesellschaft – Ich bekomme die Schatten der Bewegungen des Großen Geldes vor Augen geführt und komme mir vor wie gefesselt in Platos Höhle. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, das bereits als Widerstand gegen das Sterben oder die Einschläferung zu werten. Die Entscheidung über den physischen, also gattungsmäßigen Tod nimmt man mir in Deutschland aus der Hand, wenn ich nicht ganz radikal bin, den geistigen Selbstmord des Bürgers hat man längst billigend in Kauf genommen. Warum sollte man dann noch dem Warentest-hörigen Konsumenten Selbstbestimmung gewähren?

Vor dreißig Jahren erschreckte mich das Diagramm einer exponentiellen Zunahme individueller, also auch meiner Inkompetenz. Ich habe nicht die praktische Konsequenz daraus gezogen, wenigstens meine persönliche Macht exponentiell zu steigern. Dies Versäumnis teile ich mit Milliarden anderen Menschen. Ein wenig aus Einsicht: Die Dividende daraus ist lächerlich. Ohne kreative Menschen aus allen Jahrtausenden wäre sie nicht mehr als der Speck unter dem Fell und das Potenzial der Hoden. Nun gut: auch Immobilien, Inseln, Jagdreviere. Aber „das Kapital“ überwölbt all die Deppen oder Schlaumeier oder „Funktionäre“ (V. Flusser). „Der Engel der Geschichte“ (W. Benjamin) hat seinen Regenschirm längst eingezogen, sonst ginge der auch noch kaputt.

Die naturwüchsige Geschichte (Marx/Habermas)  – Was uns da geschieht, ist nicht besser als „Natur“. Der ganze „Fortschritt“ war für’n Arsch (Aber muss ich hier wirklich ordinär werden?). Die Rotlintstraße und die Zeil sind friedlich, noch warnt uns das Radio, der Volksempfänger, unter günstigen Umständen auch das Fernsehen. Ist es unfair, wenn ich in einer solchen Situation mein eigenes Verfallsdatum („best before“) anklingen lasse?

Aber du hast doch „Nuss“ getitelt! – Ja klar, es ist die Nuss, die schreibt. Ist sie gesund und hält sie sich noch eine Weile? Dass sie austreiben würde, wäre schon Utopie. (Pfui!)

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