Flusser muss das Zimmer des ‘Monsieur Teste’ lieben!

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Kreta, Paleochora, Südküste, Donnerstag, den 9. Mai 2013

Lieber Rainer, ich erhole mich gerade auf dem Balkon von einer ganztägigen Wanderung die Klippen entlang und lese in bisher übersprungenen Winkeln meiner Neuentdeckung: Wolf Lepenies „Melancholie und Gesellschaft“ (1969, stw 967,1998).

Unter dem Aspekt Intérieur behandelt er gerade Paul Valéry Der Abend mit Monsieur Testewenn du ihn trotz deiner Belesenheit nicht kennst: „Sprach er, so erhob er nie den Am oder nur den Finger: er hatte die Marionette getötet.“ (151) – und dessen äußerst reduziertes Zimmer, das seine ungeheure Steigerung der menschlichen Fähigkeit zur Absorption von Komplexität im Verhältnis zur äußerst komplexen Welt“ (152, nach Luhmann) unterstützt, ja geradezu als eine Einrichtung zur Aufnahme und Verarbeitung von Komplexität bezeichnet werden kann  (ebd.).

Ich schreibe an den Rand:  VFs Utopie, vom Interieur her gedacht.

… es ist nicht mehr privat, sondern gewinnt in seiner Austauschbarkeit den Charakter des Öffentlichen. Teste flieht nicht vor der Komplexität der Welt: er reduziert die Komplexität des >Zuhause<  und überlässt einzig seinem Denken eine gewisse Eigenständigkeit.“ (153)

Mir fallen junge Menschen am heimischen PC-Terminal ein und Flussers Bemerkung über von Kabeln durchbrochene Ruinen. Seine telematische Gesellschaft kennt überhaupt kein Intérieur als Privatsphäre.

Ein privates Refugium ist unnötig, wenn das bloße Funktionieren des Geistes in seiner Beliebigkeit erhalten bleibt. Teste hat sich über die Außenwelt stabilisiert: die frei flottierende Reflexion entschädigt vollkommen. Ein Moment der Ungeordnetheit aber bleibt: die Melancholie.  Das ist der einzige Affekt, den Teste sich gestattet er reflektiert ihre tatsächliche Drohung. (…) wobei sie aber in den einzelnen abgeflossen ist.“ (154)

Heute früh hat das erste Gewitter Regen gebracht, bei um die zwanzig Grad. Wir sind  von jungen Engländern umgeben. Seit gestern ist das Haus voll von ihnen. Nachts fühle ich mich in meine aktive Zeit als Lehrer zurück versetzt. Sie sind im Grunde höflich und beeinflussbar. Meine Gedanken wandern über das Meer. Du wirst eine Menge mit der neuen Ausgabe zu tun haben.   Herzliche Grüße            Detlev

 

Aus der Antwort am 15. Mai 2009:

(….) Valéry ist toll, besonders die “Cahiers”. “Teste” habe ich vor Jahren gelesen. Mir ist bei deinen Ausführungen nicht so klar, wohin du damit willst. Bitte um weitere Erklärung. (….)  Rainer

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