Ihr Publikum ist im Durchschnitt so um die Sechzig. Beide sind in ihrem Leben sehr verschiedene Wege gegangen, der Frankfurter Jazz-Saxophonist und der Erbe des Lehrstuhls von Teddy Adorno. Ich begegne ihnen innerhalb weniger Tage, am 13. und 15. Januar 2011.      Â
WIEDER GELESEN, IMMER NOCH AKTUELL, UND ICH BIN SCHON WIEDER ACHT JAHRE ĂLTER – JA, ICH WEISS:Â GREY IS THE NEW PINK (Link)Â 9.1.19
Sauer versprach ein total freies Konzert und gab mir aus nĂ€chster NĂ€he die Anschauung spirituellen, manchmal verzĂŒckten Stammelns, vom jungen und verrĂŒckten Pianisten angetrieben, oft gar zu weit vom Ufer verstĂ€ndlicher musikalischer Idiome. Seine Erscheinung eines alten verschmitzten Jungen mit aufregenden Sportschuhen war das Gegenteil vom altvĂ€terlichen Auftritt des beleibten Schmidt, der noch immer die Elvis-Locke trug. Leider hatte ich wĂ€hrend des Vortrags keine Gelegenheit, mich daran satt zu sehen. Man hatte versĂ€umt, dem Redner ein Podium zu bieten.
Der Grund fĂŒr mich,  den Vergleich zu unternehmen, ist jedoch nicht Schmidts Karikatur des Bourgeois, sondern seine Redeweise:  Kein Stocken, keine Unsicherheit, dafĂŒr glatte Satzschlangen, druckreif wie die seines Ziehvaters Adorno. Es strengt ganz schön an,  stĂ€ndig ein neues komplexes SatzgefĂŒge im Kopf  zu behalten. Zur UnterstĂŒtzung akzentuiert er – wie bei einem Diktat – die tragenden Elemente des Satzes. Es ist reiner Schreibstil. Auch die Wortwahl ist preziös, wie eine Karikatur des elaborated code.  Nie hat  Schmidt Probleme beim Zugriff auf ein passendes Lexem. Die Redegeschwindigkeit ist darauf perfekt eingeregelt. Seine sonore Stimme bietet den vertrauten einlullenden Singsang, den  Eindruck ewiger Jugend, aber einer vergangenen Jugend.
Floskeln mit Wiedererkennungswert  –  âDie Welt an und fĂŒr sich ist schlechtâ, âder idealistischen Philosophie absagenâ, âgegen das Bestehendeâ und âer ging seiner Klasse nicht auf den Leimâ (Ich habe nur wenige Beispiele  notiert) –  versetzen mich in den Hörsaal VI und eine andere Zeit. Es ist die Art, wie Adorno dem Volk aufs Maul zu schauen pflegte, stilvoll eingesetzte Derbheiten direkt neben feinsinnigen Euphemismen. Ob Alfred Schmidt im Hörsaal auch  stĂ€ndig  hin- und her ging? Hat er zu viel von der âFrankfurter Schuleâ ediert? Oder hatten sich die beiden darin bereits vor fĂŒnfzig Jahren gefunden? Ich erinnere mich: Das Adornieren war ansteckend.
Ich beobachte auch ein  name-dropping vom Feinsten: Platon, Kant, Hegel, Marx, Freud … und natĂŒrlich  die Ismen Materialismus  und Idealismus. Sie werden verbunden durch Metaphern und geschmeidige Verben zu SĂ€tzen wie: âDie Abschaffung des falschen Weltzustands ist fĂŒr ihn Themaâ (War das nun zu Schopenhauer oder Marx?).  Der ErzĂ€hler schwelgt in  den vermeintlichen BerĂŒhrungen groĂer Geister.  Und wie bei einem Rhapsoden habe ich den Eindruck, er habe sie auch die vergangenen vierzig Jahre nur wiederholt.
Der GesprĂ€chsleiter ist nicht zu beneiden, Schmidt schaut ihn zwar auch an, doch nur, um auf seiner Stirn Zustimmung abzulesen. In seinem beherzten BemĂŒhen, Schmidt zu unterbrechen, ist er drei, viermal erfolgreich, und gibt dann dem Publikum in bodenstĂ€ndiger Sprache Informationen zu Schopenhauers Leben und Wirken. Das sind Erholungspausen. Die RĂŒckwendung zu Alfred Schmidt löst dann neue Monologe  aus. Der wĂ€re in Washington D.C. ein begnadeter Philibuster. Ein Name, ein Motiv, ein Zitat geben das andere.  Die Frage blitzt mir auf, in welchem Hirnareal dieses monologische Theater wohl aufgefĂŒhrt wird, jedenfalls nicht in dem fĂŒr Problemlösung und Dialog. Ich denke, man könnte mit beruhigender Wirkung Alfred Schmidt in öffentlichen GebĂ€uden tönen lassen. Wohingegen Wolfgang Sauer immer wieder nie Gespieltes, Unerhörtes erjagen will mit seinem verhauchten Tenorsax, auch er ist damit eine tragikkomische Figur.
Sind das die beiden Alternativen des Alters: UnverstĂ€ndlich werden mit Gebrummel und Gestammel, oder als sinnentleertes unpersönliches akustisches Endlos-Band ins Nirwana ĂŒbergehen?
16.1.2011
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