Die Tagung am 8.2.14 – Jedem sein Flusser!

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 ‚Geiles Mash-up’ oder …. ‚Proust’ ?   Wer ist Vilem Flusser?

Ein denkwürdiger Moment der Tagung über Flusser in Berlin.  

 

Die Situation

Am letzten Tag der Konferenz hatte Rainer Guldin in der Aussprache über sein Referat ‚Flusser und Rapoport’  gerade seiner Enttäuschung Ausdruck gegeben, wie wenig Flusser real von Rapoport übernommen hatte. Die Lektüre zweier von Flusser angegebener Titel hatte nichts gebracht: ‚Der Berg hatte eine Maus geboren’. Die Komplexität des entscheidungstheoretischen Modells – insbesondere des „non-zero-game“ – war auf die simple Entgegensetzung „Nullsummenspiel“ – „Plussummenspiel – alle gewinnen“ zusammengeschnurrt. Ich monierte die Verarmung und moralisierende Trivialisierung des entscheidungstheoretischen Modells. Mathias Kroß fand es nicht akzeptabel, dass Flusser seine Umformung überhaupt mit dem Etikett „Rapoport“ belegte. Später im privaten Gespräch wurde der Vorwurf auch von anderer Seite bekräftigt, dass Flusser ‚es hier wohl zu weit getrieben’ hatte.

In diese Atmosphäre platzte der Beitrag einer Studentin wie eine Batterie Knallfrösche. Das Plenum reagierte mit Ansätzen zum Gelächter. Es entstand eine ‚peinliche’ Situation, obwohl die Wortmeldung als Kompliment gemeint war, wie die Autorin mir gegenüber später klagte. Ich habe die fünfminütige Tonaufzeichnung der Szene so gut wie mir möglich transkribiert.

 

48.Minute)

Ich find die Diskussion gerade total spannend, weil es darum geht: Welches Wissen, welches Selbstverständnis hat dieser Typ eigentlich? (Gelächter) Ja, echt .Also: In Wahrheit hat er mit seiner Art zu arbeiten vorweggenommen, wie heute alle im Internet arbeiten. Er nimmt irgendwelche Bücher, er blättert sie durch, es liest sie nur halb, er zitiert sie nicht mal, aber er macht ein geiles Mashup draus. (zweifelndes Lachen am Podium) Wenn man’s liest, ist man angeregt und man denkt sich: Wow, was da alles drinnen steckt, und durch die eigenen Dinge, die man abgespeichert hat, über die Dinge, die man gelesen oder gehört oder auch mal in Wikipedia gelesen hat, kommt man dazu , dass man ein Weltbild generiert, das ganz anders ist als das was man sonst überall hat. Und das ist glaube ich genau dieses Spiel, das hier als Schluss da ist, es ist die Distanz zum Spiel, ihm ist egal, ob es wissenschaftlich ist oder nicht, es geht ihm nicht um die Regeln, es geht ihm darum, dass daraus ein Plussummenspiel wird und er will diese Utopie leben, indem er sie einfach lebt und er sich eben nicht um die Regeln schert.

Und insofern finde ich es total spannend dass wir uns hier mehrere Tage hinsetzen und versuchen, das, was er in seinem, ich sag’ mal: Wahn ( allgemeines Lachen) irgendwie zusammenge….(?) hat, bevor es das überhaupt gab, wieder zurück zu fundieren und dann: wo ist denn genau der Wittgenstein genau, was hat er denn da falsch zitiert? Aber das ist eben genau nicht seine Intention, und ich glaube, dass er ein spielerisches Verständnis von Wissenschaft hat und unbedingt dieses utopische Gefälle herstellen möchte, um unbedingt ein Plussummenspiel draus zu machen.

 

Rainer Guldin antwortete darauf unmittelbar mit einer engagierten Erläuterung seiner eigenen Sicht.

50. Minute

Ja, ich glaube wir dürfen Flusser nicht von strikt akademischen Begriffen aus messen, das ist falsch. Da sehen wir einmal einen kulturellen Unterschied. Flusser hat in verschiedenen Kulturen gelebt , unter anderem auch in Brasilien, wo die Kreativität eine viel größere Rolle spielt als beispielsweise im deutschen wissenschaftlichen Betrieb. Das muss man schon sehen. Da gibt es schon enorme kulturelle Unterschiede. Ich glaube nicht, dass es mit Redlichkeit zu tun hat. Das Entscheidende ist ja, was dabei herauskommt. Es kommt kein geiles Gemisch heraus, wie Sie sagen, sondern ein hochkomplexes vielschichtiges dauernd sich veränderndes Gedankensystem, das hoch faszinierend ist. Ich habe mich mit  Flusser immer beschäftigt, als wäre er ein Schriftsteller Philosoph Wissenschaftler. Ich habe mir nie die Frage gestellt: Ist das jetzt wirklich wissenschaftlich akademisch korrekt, sonst muss man die Hände von ihm lassen. Aber der Gewinn ist enorm. Ich muss halt wieder ausholen zu einer Kritik der Akademie, ich bin ja selber Akademiker: Es gibt enorm viele Menschen, die schreiben miserable Texte, die sind zwar wunderbar recherchiert und haben Dutzende von Fußnoten, aber sind totlangweilig. Das wird akademisch als positiv sanktioniert. Und die Grundfiguration von Flusser ist: er beschert Zugänge, er ist kreativ. Er schreibt nicht ab, sondern – ich wollte hier darlegen, wie kreativ dieser Mensch schreibt. Es passieren halt Fehler. Das geht uns ja auch so: Wir zitieren falsch oder nicht korrekt oder machen ähnliche Fehler.  Aber aus Fehlern lernt man ja auch. Diese Übersetzung von ’Gospel’ in ’Gold’  – bei der Wiedergabe eines Buchtitels, DvG –  ist sehr informativ. Flusser antizipiert eine Art zu denken, die vielen aufstößt, aber hier nicht mehr. Ich kann damit leben, denn ich meine, der Gewinn, den man hat von dieser Art zu denken, so hoch ist, dass man auch die Fehler in Kauf nimmt. Ich meine: Diese Texte – Sie haben sicher Flusser gelesen – sind fantastische Texte, auch literarisch, stilistisch wunderbare Texte. Es gibt wenig Leute, die so gut Texte schreiben wie er, so viele Sorten von Texten, vom Essay bis zum Traktat. Er beherrscht ja viele Formen, auch halb literarische Texte. Mir geht es nur darum: …. Es ist faszinierend zu sehen, wie er aufbaut, was aber dabei rauskommt, ist faszinierend. Lesen Sie ihn, wie Sie Musil /?/  lesen würden oder Proust, oder…

Einwurf   Hanke: Aber Proust ist er nicht.

Guldin: Ich meine: der Blick ist entscheidend. Flusser eröffnet eine Art des Denkens, die auf der Grenze liegt. Und da stoßen sich viele dran, sagen: es ist nicht wissenschaftlich genug. Er zitiert nicht oder tut das nicht. Ich meine, dann soll man die Hände davon lassen. Aber Flusser eröffnet eine Denkweise. Wenn man sich wirklich seriös darauf einlässt, sieht man, …. dass das, was dabei herauskommt, enorm spannend ist, viel bereichernder als viele Texte , die akademisch wunderbar abgesichert sind und vielleicht unter Umständen Plagiate sind. Also verstehen Sie meine Haltung. Warum beschäftige ich mich damit? Ich bin jetzt zwanzig Jahre dabei, fast mehr, und wenn Sie mich fragen, es lohnt sich immer.

Hanke: Das ist ein wunderbares Schlusswort und Überleitung zu unserer fünfzehnminütigen Kaffeepause. (Heiterkeit, Applaus) (52.50)

Das fand ich eigentlich schade, denn danach kamen in Siegfried Zielinskis Vortrag andere Themen zur Sprache.

 

Fragen und erste Antworten

Die eine: Wie weit liegen die Darstellungen wirklich auseinander? Guldin: Flusser antizipiert eine Art zu denken, die vielen aufstößt. Ja, gerade auch im „Universum der technischen Bilder“.  Mir begegnet mit dieser Neutönerin dieser Gestus wieder.

Beim Mittagessen zuvor erklärte eine andere junge Frau ihr Interesse an Flusser mit seinen ‚Fusion’-Qualitäten. Sie will den akademischen Raum so bald wie möglich wieder verlassen und in den Ausstellungsbereich zurück.

Flusser selber hielt zeitlebens aber auch eine prekäre Stellung in der akademischen Welt und strebte nach deren Anerkennung, ein Streben, das seine universitären Anhänger nun als Auftrag verstehen. Die junge Frau sagte dazu scheinbar verständnislos: Und insofern finde ich es total spannend, dass wir uns hier mehrere Tage hinsetzen und versuchen, das, was er in seinem – ich sag’ mal Wahn (Lachen im Publikum) irgendwie zusammenge… hat, bevor es das überhaupt gab, wieder zurück zu fundieren und dann: wo ist denn genau der Wittgenstein genau, was hat er denn da falsch zitiert?

Kann man mit Recht behaupten, die Konferenz habe Flussers Intention authentischer als sie vertreten? An wem hätte Flusser selbst mehr Freude gehabt?

Die junge Frau vertritt in meiner Sicht eine künstlerische Position auf der Höhe der technischen Möglichkeiten und trägt sie ohne erkennbare innere Konflikte vor. Flussers bedeutungsschwere Inhalte scheinen ihr hier jedenfalls egal zu sein. Seine – auch von Guldin vermittelte – Methode des ‚Verschlingens’ und seine Entschiedenheit, ein utopisches Gefälle herzustellen, was immer das sein mag, faszinieren sie.

Guldin hat demgegenüber die größeren Probleme. Seine Position ist auf einem schmalen Grat angesiedelt, weil sie beiden Seiten Flussers gerecht werden will. Guldin nimmt Unarten und Enttäuschungen in Kauf, unter dem Diktat, selber wissenschaftlich arbeiten und akademisch argumentieren zu müssen. Er charakterisiert Flusser als Schriftsteller Philosoph Wissenschaftler und sein Werk als hochkomplexes vielschichtiges dauernd sich veränderndes Gedankensystem. Guldin hat für sich geklärt, dass bei Flussers Philosophie eigentlich immer das Ganze mitgedacht werden muss. Das ist aber im modernen akademischen Leben schwer einzulösen und in jeder Beziehung kein selbstverständlicher Anspruch an die Rezeption.

Kann Guldin anderen den behaupteten Gewinn – über das eindrucksvolle Bekenntnis hinaus – plausibel machen? Das gelingt wohl leichter unter dem Aspekt einer literaturwissenschaftlichen Interpretation von Flussers Art zu denken und zu schreiben. Doch was können Historiker, Soziologen, Kulturwissenschaftler mit dessen Denkergebnissen anfangen? Ebenso wird das phänomenologische Interesse – von Flussers Titelgebung geweckt – regelmäßig enttäuscht. Und so häufig gelingt es auch nicht, mehr als oberflächliche oder mehr oder weniger hypothetische Bezüge zu anderen Denkern herzustellen. Schließlich bleibt immer noch die ästhetische Wertung des Literaten, der so viele Textsorten beherrschte. Nun, ein jeder liest anders. Und so wie ich darf man wohl nicht lesen. Denn ich habe  neuerdings den Eindruck, dass Flusser zu viele Essays irgendwann durch forcierte Theoretisierung ‚verdirbt‘.

Mir ist in Guldins Plädoyer der Ausdruck, den er auch noch einmal wiederholt, besonders im Gedächtnis geblieben: die Hände von Flusser lassen.

Das ist natürlich ein wohlmeinender Ratschlag, obwohl Flusser gesagt hat: Aus dem Entsetzen kommt der Mensch zum Denken, und Blumenberg: Wer sich über den Philosophen, den er liest, nicht ärgert, hat einen schlechten gewählt.

 

Ein paar Tage später.

wikipedia:commons:5:5d:Anatomie_Nicolaes_Tulp wikipedia/Rembrandt_Anatomie _Nicolaes_Tulp

Worauf geht Rainer Guldin in seiner Antwort nicht ein? Die Diskutantin hat das Flussersche Spiel (Sprachspiel) keck formuliert, die ansteckende Wirkung auf sich selbst registriert und gibt – in charmanter Formulierung – ihrer Verwunderung Ausdruck, dass die illustre Versammlung darüber tagelang philologische Sektionen vornimmt – Ich sehe plötzlich das Bild von Rembrandt vor mir. Tatsächlich haben die Vortragenden Gebauer, Hanke, Kurbacher, Kroß und sogar Zielinski  es an den drei Tagen unternommen, Flusser nach der Seite der Philosophen weiter zu vernetzen. Dabei  werden bekanntlich Abgleichungen zu anderen profilierten Persönlichkeiten vorgenommen, die als Solitäre eigentlich Inbegriff der gerade von Flusser – nicht erst aus der ‚Nachgeschichte‘ – verabschiedeten ‚Autoren’ sein müssen. Sie spiegeln einander und wer will sagen, wer dabei gewonnen oder verloren haben sollte?  Alle haben sie an Nachruhm gewonnen.

Wenn man Titel und Untertitel der Tagung – „Medien und Spiel – Medienkultur nach Vilem Flusser“ – wörtlich nimmt, müssten solche Aspekte eine Nebenrolle spielen.  Stattdessen spielte die angekündigte „mathematische Spieltheorie“ – leider bereits bei Flusser – eine Nebenrolle. Denn er hat deren Erkenntnispotential jenseits ihrer pragmatischen Zielsetzungen schlicht liegen lassen. Rapoport war ein geistvoller und scharfsinniger Mann.  Auch der strukturierte historische Datenschatz von Jan Huizinga, dem man seinen genialen Begriff enteignet hat, wurde hier vergessen. Stattdessen Plato als Spieler, warum nicht, der junge! Doch ohne Scherz: Er wurde nur für die philosophische Muße in Anspruch genommen. Immerhin haben die manchmal lebhaften Diskussionen und natürlich die diversen Begegnungen die Lebendigkeit des Spiels in die Tagung bringen können.

28.2.2014