Autopsie eines Klappentextes

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 Kritik der Produktbeschreibung (Michael Troesser, medienbrief 01/13) von Guido Bröckling: Das handlungsfĂ€hige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog, MĂŒnchen 2012, 276 S.

1        Text

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„Wir leben und handeln gegenwĂ€rtig in einer mediatisierten Gesellschaft, die sich zwischen einer Massenmedienkultur (»TV-Diskurs“) und einer Kultur des vernetzten digitalen Dialogs („Netz-Dialog“) verorten lĂ€sst. Um die damit einhergehende ZĂ€sur unserer IdentitĂ€ts- und Wirklichkeitskonstruktion in/mit Medien, unserer Weltaneignung, zu begreifen, gilt es, die sozio- und medienkulturellen Bedingungen der beiden idealtypischen Szenarien offenzulegen. Die Bewusstwerdung ihrer Bedingungen bedeutet die Möglichkeit fĂŒr den Einzelnen/die Einzelne, an der Konstruktion der Welt teilzuhaben, IdentitĂ€ten und Wirklichkeiten intersubjektiv zu entwerfen. Um uns in dieser Multioptionsgesellschaft zwischen all den Möglichkeiten entscheiden zu können, bedarf es einer Kompetenz zum selbstbewussten und vertrauensvollen Handeln in/mit Medien. Das Subjekt muss lernen, sich vom »man« einer Gesellschaft, von dem was man tut und nicht tut, zu emanzipieren, ohne dabei ins Bodenlose zu fallen. Um die eigenen Entscheidungen selbstbestimmt verantworten zu können, bedarf es einer an den Strukturen der Kommunikation und ihrer Bedeutung orientierten (Medien)Bildung. Leitgedanke einer solchen Medienbildung wĂ€re die an VilĂ©m Flussers DenkanstĂ¶ĂŸen orientierte und hier ausgearbeitete sozio- und medienkulturelle Kompetenz des Subjekts. Über VilĂ©m Flussers universelles VerstĂ€ndnis von Medien als Kommunikationsstrukturen hinausweisend, lĂ€sst sich (Medien)Bildung dann als Programm fĂŒr das handlungsfĂ€hige Subjekt begreifen. Dies ist nicht nur im Geiste VilĂ©m Flussers gedacht, sondern stellt seine medienkulturtheoretischen DenkanstĂ¶ĂŸe in einen medienpolitischen und –pĂ€dagogischen Kontext, operationalisiert seine kommunikationstheore-tischen Denkanstoße fĂŒr die {Medien}Bildung.

Wer VilĂ©m Flusser kennt, erwartet auch von Guido Bröckling einen medienphilosophischen Diskurs auf höchstem Niveau. Das hier vorliegende Buch ist eine sinnvolle und ĂŒberfĂ€llige Übertragung und Weiterentwicklung Flussers Gedankengut in die heutige Medienwelt, geprĂ€gt durch das Ringen nach einer kompetenzorientierten Medienbildung. Wer eine stark medientheoretisch orientierte Auseinandersetzung nicht scheut, findet bei Bröckling wertvolle Anregungen fĂŒr den eigenen medienpĂ€dagogischen bzw. medienphilosophischen Diskurs.

Dr. Michael Troesser, medienbrief  01/13       http: //www.kopaed.delkopaedshop/?pg= l_1 l&pid=808“

2   Ergebnis der Autopsie

 Sozialwissenschaft gibt sich nie geschlagen. Die Wissenschaft des handlungsfÀhigen Subjekts so wenig wie die Medizin. Sie finden immer einen Wirkungskreis. Der Patient lÀuft ihr weg? Vielleicht dieser oder jener,  aber nicht der virtuelle Gesamtpatient, und um einen solchen handelt es sich beim handlungsfÀhigen Subjekt. Wenn er gar nicht krank sein sollte, macht das nichts. Krankheiten werden bekanntlich von der Medizin gefunden oder erfunden.

Wir leben und handeln gegenwĂ€rtig in einer mediatisierten Gesellschaft.Wir, aber immer und alles in uns? FĂŒhren alle ein virtuelles ‚second life’? Und nicht nur ein paar kurze Monate lang? Migranten unter uns und ihre Familien und Freunde in der Welt nutzen wohl intensiv das Netz, aber als exotischen Fernsehkanal, und als perfektioniertes Telefon. Ich habe Zweifel, wie weit es mit der angeblichen ZĂ€sur ihrer IdentitĂ€ts- und Wirklichkeitskonstruktion her ist. Ob wir/unserer nicht vor allem die vom ZĂ€surDiskurs beeinflussten Intellektuellen meint, die sich nicht zum ersten Mal einen neuen Anstrich fĂŒr ihre IdentitĂ€tskonstruktion  leisten. Ist die Feststellung von ZĂ€suren meist willkĂŒrlich, sowohl, was den Umschlag von der QuantitĂ€t in die QualitĂ€t als auch die ausgewĂ€hlten Faktoren angeht?

Inkompetenz und Renitenz

Der von Flusser abwertend geprĂ€gte Begriff vom Medienanalphabeten (etwa am Beispiel des Knipsers gegenĂŒber dem digitalen Bild oder von Kitsch oder Ruinenbewohner) hat auch eine Kehrseite: dessen Resistenz und Renitenz! Wir finden im Alltag stĂ€ndig primitive Nutzungen, von Internet und Smartphone, Laserpointer im Stadion oder Drohne im Vorgarten (laut FAZ auf dem aktuellen Gabentisch). Sie sind nicht nur jĂ€mmerlich unprofessionell, inkompetent, sondern nutzen er die KapazitĂ€ten kaum ansatzweise. Niemand durchschaut sie, die Service-Techniker natĂŒrlich auch nicht.

Bewusstwerdung und Teilhabe

Weshalb bleiben die deutenden Kulturwissenschaften seit fĂŒnfzig Jahren so folgenlos? Sie mĂŒssen gar nicht beweisen, dass die von ihnen vorgeschlagenen Therapien anschlagen:

Die Bewusstwerdung ihrer Bedingungen bedeutet die Möglichkeit fĂŒr den Einzelnen/die Einzelne, – O je! Herr Troesser. Und beide groß geschrieben! –  an der Konstruktion der Welt teilzuhaben, IdentitĂ€ten und Wirklichkeiten intersubjektiv zu entwerfen.

Flusser war demgegenĂŒber Apokalyptiker, oder hatte wenigstens solche Anwandlungen, dann wieder Visionen von Erlösung, und dann wieder stocknĂŒchterne Vormittage bei einer Tasse bitteren Kaffees ohne/mit viel Zucker! Was soll dagegen dieser lauwarme Trost einer verstetigten Zukunftsperspektive! Wer hat das Konzept heilsamer Bewusstwerdung eigentlich alles verwendet? Ja, erstens die Psychoanalyse – mit geradezu asketischer ErnĂŒchterung in voller Bedeutung, auch die Frankfurter Schule  … Die Möglichkeit ist nicht so eindeutig zu verstehen wie zuerst vermutet: Es kann doch auch sein, dass trotz der Bewusstwerdung die Möglichkeit  einer Teilhabe am intersubjektiven Entwerfen sich nicht realisiert. Oder dass sie nicht befriedigt, so wie der Auftritt auf einer Netzplattform, an der bereits hunderte andere Blogger ihr HĂ€uflein abgesetzt haben. Ein Gegenbeispiel wĂ€re der ‚Shitstorm’, da scheint das Gegenteil wahr zu sein. Und muss die Bewusstwerdung ihn/sie notwendig in diese Richtung fĂŒhren? Endlich frei, soll er/sie wieder die IdentitĂ€t oder IdentitĂ€ten intersubjektiv aushandeln mĂŒssen? Wer steckt denn hinter solchen IntersubjektivitĂ€ten? Wem sind sie durchschaubar außer den ‚Google’-Leuten, aus dem einen oder dem anderen Grund?  In welchem Radius wird eigentlich Teilhabe in Aussicht gestellt? Wie attraktiv ist Teilhabe nach drei Generationen reprĂ€sentativer Demokratie und politischer Bildung? Wirklichkeiten intersubjektiv entwerfen? Wessen denn? Auch existentielle wie die eigene physische und psychische Konstitution, Gesundheit, Tod, dumme ZufĂ€lle wie den, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein? …. „Du bist hĂ€sslich und krank – wir lieben dich dafĂŒr!“

Alle hier verwendeten Begriffe sind erst einmal kontaminiert, schadstoffbelastet, entweder von der existierenden Massenmedienkultur und Netzkultur, oder von den in allen Lebensbereichen die Kontrolle ĂŒbernehmenden Humanwissenschaften. Das SahnehĂ€ubchen bildet eine sich ausfransende Kultur gehobener Reflexion.

Jede Wahl ist die richtige!

Und bereits im zweiten Abschnitt kommt das Symptom zu Tage: Um uns in dieser Multioptionsgesellschaft (auf der Zunge zergehen lassen!) zwischen all den Möglichkeiten entscheiden zu können, bedarf es einer Kompetenz zum selbstbewussten und vertrauensvollen Handeln in/mit Medien.

Zwischen all den Möglichkeiten entscheiden zu können …. Was sind das nach unserer tĂ€glichen Erfahrung denn fĂŒr Möglichkeiten? Sind sie der Rede wert? Sind sie die Lebenszeit all der Menschen wert, die fĂŒr sie die Qual der Wahl erdulden?  Sind nicht baugleiche technische Klone die Regel, eine Weltmode von der chinesischen Werkbank, sind nicht Tourismusangebote und Medienformate weltweit standardisiert? WĂ€re das eben verschmĂ€hte Angebot vielleicht nicht ebenso befriedigend gewesen? Der moderne Konsum ist ‚endlose Vorlust’ Ă  la Adorno.

Man kann im Gegenteil mit einigem Recht sagen: keine Wahl ist die beste Wahl oder Jede Wahl ist die richtige. Prinzip: Zappen und wĂŒrfeln.  Flusser hat nicht nur den Niedergang der Dinge bezeugt, die fĂŒnftausend Jahre lang im Zentrum menschlichen Lebens und unseres Lebens gestanden haben (graeve-schule, fs12,29), er hat sich auch höchst despektierlich ĂŒber den ganzen Bereich der Entscheidungen geĂ€ußert, er hĂ€tte sie gern allerdings an genĂŒgend perfektionierte Apparate abgetreten (Tschudin-Interview).

Kompetenz

Und dazu bedarf es einer Kompetenz? Eines handlungsfĂ€higen, nicht nur geschĂ€ftsfĂ€higen Subjekts? Das ist ‚der neue Barbar’ (Flusser) natĂŒrlich nicht, der bescheuerte Jedermann! Ich bin gespannt, ob wir in dem dichten Stundenplan unserer Kinder und Enkel  noch einen Termin in der Woche zu ihrer Kompetenzförderung in Medienkompetenz finden. Überlastete berufstĂ€tige MĂŒtter und VĂ€ter sind bereits mit ihrer eigenen ‚Kompetenzentwicklung’ ĂŒberfordert. Der Chor der Kompetenzberater und Karriere- wie Beziehungs-Coaches ist schon jetzt aufdringlich.

Die vorgeschlagene Therapie sieht erst einmal genau so aus wie die von Andreas Gelhard in „Kritik der Kompetenz“ (diaphanes, ZĂŒrich 2011) analysierte und kritisierte Branche, die einer Harmonisierung der Gesellschaft durch aufstiegsorientierte Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle der Individuen zuarbeitet. Das geschieht im Bereich realer Organisationen, Institutionen und in privilegierten Milieus. Medien spielen dabei nur eine dienende Rolle.

Die Formulierung Kompetenz zum selbstbewussten und vertrauensvollen Handeln in/mit Medien lĂ€sst mich fragen, ob mit den Medien nicht ein dafĂŒr ganz irrelevanter Bereich einbezogen ist. Ob rein virtuelle Vergesellschaftungen jemals eine Relevanz ĂŒber Hobbies und im engen Sinn verstandene Gesellschaftsspiele hinaus bekommen werden? Zuletzt irritiert mich der Ausdruck vertrauensvolles Handeln in diesem Kontext. Wieso und wozu vertrauensvoll? Spricht daraus etwa ein sozialintegratives Interesse (wie oben angedeutet), das erst einmal nicht eines der Individuen sein muss oder gar nicht sein kann?

Der soziale Rahmen des Konzepts ist offensichtlich ein homogenes Gesellschaftsmodell wie ‚die Wohlstandsgesellschaft’ in den USA der fĂŒnfziger Jahre, als man vom ’melting pot’ sprach und den ’tossed salad’ verleugnete, als die Schwarzen und die Latinos einfach nicht zĂ€hlten. Die Redeweise setzt eine formale Aufstiegsorientierung, welche die Kultur moderner Konzerne und die Institutionen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich prĂ€gt, fĂŒr alle Teile der Gesellschaft voraus. Hier wird die bĂŒrgerliche Bildungsideologie modernisiert. Dazu kontrastiert schon das fĂŒr die PrivatsphĂ€re propagierte Regenbogenschema. Und noch mehr: Sie setzt die Integrationsorientierung selbst da voraus, wo sich gerade tiefe GrĂ€ben selbst innerhalb europĂ€ischer Gesellschaften drohend abzeichnen (Baudrillard). Solche  Scheuklappen charakterisierten bereits Flusser, der die Globalisierung nur als Baukastenmodell behandelte.

Weltfremd ist, wenn Troesser als Quintessenz von Bröckling postuliert: Das Subjekt muss lernen, sich vom <man> einer Gesellschaft, von dem was man tut und was man nicht tut, zu emanzipieren, ohne dabei ins Bodenlose zu fallen.

Das Emanzipationsmodell der sechziger Jahre: Ich-bezogen bis zum Schlusspunkt des Satzes. Daraus wĂ€chst erstens – unserer Erfahrung mit den Generationen seit den 1968ern nach – keine neue ‚soziale’ Haltung. Es ist zweitens reine Unterstellung, das <man> habe ausgespielt, die Variationsbreite ist heute extrem. Emanzipation ohne ins Extrem zu fallen? Wie im organisierten Abenteuerurlaub? Wann hat es je Emanzipation ohne existentielles Risiko gegeben.

Genug davon! Flusser selber hat selber das Bodenlose als die ‚nach Auschwitz’ nun globale existentielle Herausforderung der Menschheit betrachtet. Er lotet deren Chancen vor allem zuerst fĂŒr die eigene Person aus – autobiografisch in ‚Bodenlos’ und generalisiert in seinen Essays ĂŒber die ‚Freiheit des Migranten’, als Avantgarde fĂŒr die noch ‚sesshafte’ Menschheit.

Die modernen Verhaltenswissenschaften geben sich als bescheidene Dienstleister zum Wohl der Gesellschaft und der Menschen aus. Von ihren SirenenklÀngen sollte man sich aber nicht einlullen lassen.

Am Ende wird wiederholt Vilem Flusser beschworen – es bleibt mir unerfindlich warum – aber in bezeichnenden Redewendungen: an Flussers DenkanstĂ¶ĂŸen orientiert; ĂŒber Vilem Flussers universelles MedienverstĂ€ndnis hinausweisend; im Geiste Vilem Flussers gedacht, wer Vilem Flusser kennt, erwartet auch von Guido Bröckling einen medienphilosophischen Diskurs auf höchstem Niveau; eine sinnvolle und ĂŒberfĂ€llige Weiterentwicklung Flussers Gedankengut in die heutige Medienwelt.

Flussers Ambivalenz

Alles modellhafte Reden vom Menschen haben Sozialwissenschaften zur Verhaltenssteuerung, zur Harmonisierung, Integration und Steuerung widerstreitender KrĂ€fte in der Gesellschaft okkupiert. Und das in globalem Kontext. Eine ‚Front’ zur Welt der Apparate lĂ€sst sich in der asymmetrischen Situation und insbesondere dem allgegenwĂ€rtigen ‚Dual Use’ der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nicht mehr ziehen, aber irgendwie mĂŒssen ‚Widerstandsnester’ noch auszumachen sein. Es kann nicht angehen, wie kĂŒrzlich ein akademischer GesprĂ€chspartner zu sagen: Wir sind doch alle FunktionĂ€re – er kannte und meinte die flussersche Bedeutung – und damit zur Tagesordnung ĂŒberzugehen.

Hingegen erinnere ich mich lebhaft an Flussers Unwillen gegen die bloße Erwartung von Integration als Zumutung, wobei ihm sogleich die Frage aufstieg, ob man eine neue Vertreibung provozieren soll, um seine Freiheit zu bewahren. („Exil und KreativitĂ€t“ 1984/5; in: Von der Freiheit des Migranten“, 1994, 108).

Ich frage mich, wieweit Flussers Kritik am Normalverbraucher, am Knipser, Touristen, Camper, Bewohner von Ruinen usw. vom argumentativen Kontext gesteuert war, unterfĂŒttert mit den alltĂ€glichen Ressentiments des Intellektuellen und entsprechenden Ă€sthetischen Urteilen? GegenĂŒber Vertreibern, Chauvinisten oder Ureinwohnern war die Position verstĂ€ndlicherweise generell unversöhnlich, obwohl er damit dem FunktionĂ€r des ‚banalen Bösen’ gegenĂŒber nicht zur Steigerung fĂ€hig war. FunktionĂ€r war bereits so weit gefasst, dass eigentlich kaum eine qualifizierte moderne Arbeitskraft diesem Stigma entkam („ Man kann als FunktionĂ€r folgendermaßen agieren: …..“). Er selber wollte etwa mittels der Kunstbiennale 1972 und  diversen KĂŒnstlerprojekten BeitrĂ€g zur Medienbildung leisten.

Diese Ambivalenz ist seinem Werk nicht ohne weitere nachhaltige BeschĂ€digung auszutreiben. Soll Flussers große Oper, sollen die Schicksalsarien, alle dramatischen Wendungen, Erleuchtungen und Verschattungen zu nicht mehr als ein wenig ‚Medienkompetenz‘ gut gewesen sein?

Ich bin auf Guido Bröckling gespannt. Wird er Flussers ambivalenten Haltungen gerecht?

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