Nok – eine archäologische Offensive

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WAHRHEITSSUCHE IN DREI AKTEN

  1. A K T

Unser Korrespondent im Liebig-Haus verfolgte den ersten Frontbericht von Gabriele Franke, Archäologin und Doktorandin im Ausgrabungsteam.

Aus der NOK.Z vom 8.11.2013

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Der Film im Untergeschoss zeigt das wissenschaftliche Prozedere des eingeflogenen Teams in seinem abgelegenen Camp. Alles strahlt Isolation aus, wie bei jeder anderen früh- und vorgeschichtlichen Ausgrabung. Die Untersuchungsschritte folgen abgestimmt und kontrolliert aufeinander wie bei der Anamnese in einem hochmodernen Krankenhaus. Es entsteht eine hoch auflösende digitale Karte des Geländes.

Die Objekte finde ich spontan unbeschreiblich ‚afrikanisch’. Ich habe im Sommer Willetts Klassiker „Afrikanische Kunst“ (1971-95, dt. 1998)  gelesen. Ein Gewinn daraus ist, dass Willett wie selbstverständlich unserer Vorstellungskraft auch einen Weg in die unbekannte Geschichte der noch existierenden afrikanischen Kulturen öffnete. Frau Franke kennt zwar Willett, muss aber wohl aus Gründen professioneller Unvoreingenommenheit und Respektierung vorgezeichneter Kompetenzgrenzen auf all das verzichten. Ihr Revier ist die Altersbestimmung. Und sie hat „ein paar tausend Fragmente Keramik geklebt“ Das heißt so in Abgrenzung zu Figuren, Terrakotten genannt. Die Führung der Laienschar kann sich naturgemäß nicht auf das Spezialgebiet von Frau Franke beschränken. Was man sich im Team so bei den Funden denke, will sie zwar nicht preisgeben, aber wenigstens die Spitznamen der Figuren. Bald sind ihr meine wenigen Fragen und Vorschläge lästig. Ihr dicht gewebter Redevorhang ist ohnehin nur bei äußerster Konzentration zu durchdringen.

Bereits zu Beginn grenzt sie den Arbeitsauftrag von Archäologen ab: sich nicht primär für die berühmten Terrakotten zu interessieren, welche die Begründung für die teuren Forschungen liefern müssen, sondern für eine Kultur, Hochkultur, von der man nichts wisse. Das wissenschaftliche Hauptinteresse gilt den Spuren der Eisenherstellung, das ist der strategische Aspekt. Es geht den Archäologen darum,  etablierte Pfeilrichtungen kultureller Einflüsse umzukehren. Dabei geht es nicht um höher und weiter, aber um früher. Wir erleben das Ringen um die Anciennität, welche immer noch als Rangabzeichen der Weltkulturen funktioniert. Bloßer Austausch zwischen den Kulturen wäre das eingesetzte Geld nicht wert. Dabei folgte bisher jeder Hoffnung auf steigende Präzision, damit auf steigende Beweiskraft, eine ziemliche Enttäuschung.

Voraussetzungslose Fremdheit ist der bewusst gewählte Ausgangspunkt. Hier betritt eine frische wissenschaftliche Truppe das Kampfgebiet, geführt vom Geist eines alten Recken namens William Fagg, auf den man aber keine Rücksicht nehmen muss.  Durch Trial and Error will man sich Einsicht erzwingen. Alle möglichen Vermutungen haben sich nicht bestätigt: erstens Hochkultur, wenn man darunter Schrift, Hierarchie und Paläste versteht. Nichts von alledem: Es waren Hirsebauern. Die Mischung von Lehm und Sand war mit 75 zu 25% ideal? Doch wie viele Generationen brauchen Dorfschmiede, um das herauszufinden? Bestenfalls eine einzige.

Und da bekomme ich das Gefühl, es sei alles so afrikanisch hier und das ganze Stoßtruppunternehmen eine postkoloniale Art, Unruhe zu stiften. Dabei haben Bauern, Händler, Häuptlinge, internationaler Kunsthandel und Sammler längst ein profitables Schmugglernetz geknüpft. Das Team hat nur geringe Hoffnung, die Akteure zu entmutigen, ist gezwungen, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten. Dahinter stehen auch legitime interessen der Bauern, die in dem Gebiet leben. Der Staat Nigeria mag aus dem Unternehmen ein Ferment von dringend benötigtem Patriotismus ziehen, aber ist das so wichtig und – angesichts des islamisch geprägten Nordens überhaupt aussichtsreich? Die Unesco lassen wir einmal außen vor. Wen interessiert das hier? Nicht einmal Reiseveranstalter. Schließlich werden nicht Tempel und Paläste, sondern nur Scherben aus dem Boden gezogen und – meist zu ästhetisch unbefriedigenden – Fragmenten gekittet. Sogar Glanzkleber wird verwendet. .

Ich habe den Eindruck, der von Willett  (und seinen wissenschaftlichen Quellen) bekräftigt wird, dass Völker und Untergruppen sehr unterschiedliche ästhetische Ansprüche stellten, dass vom nachlässigen Improvisieren bis zu spezialisiertem Handwerk unter Bauern und Nomaden alles vorgekommen ist, dass handwerkliche Spezialisierung keineswegs von Hochkultur abhängig war, dass sie problemlos sich mit Tauschwirtschaft vertrug. Handwerker wanderten auch in gewissem Umfang, arbeiteten auch für andere Ethnien, die unter Umständen auch fremde Figuren oder Masken in ihren Kulten verwendeten. Nur ein Befund scheint für das Team unerschütterlich zu sein: Alle Figuren bis auf eine Handvoll Ausnahmen sollen zerschlagen und verstreut worden sein. Und das soll man glauben? Und es war nicht die Verrücktheit von eins, zwei Generationen auf einem begrenzten Raum, in dem man zufällig gegraben hat? Eine Systematik? Was sagen eigentlich die erfahrenen Raubgräber dazu? Die müssten doch mehr wissen. Sie waren – wie die heutigen Hirsebauern – vor den Archäologen da und werden nach ihnen da sein.

Man erfindet das Rad neu. Man glaubt niemandem erst mal etwas. Etwa Handelsverbindungen durch die Sahara zu den Phönikern oder nach Oberägypten? Nein, bis zum Erweis des Gegenteils. Die Sahara sei bereits zu trocken gewesen. Überhaupt die Vorstellungen im Hintergrund! Bei der Anekdote der Venusmuschel auf dem Vorderschädel einer Figur äußerte Franke erstaunt, das Meer sei immerhin vierhundert Kilometer entfernt. Das soll den Fernhandel mit Wertgegenständen behindert haben? Man denke nur an die griechischen Exporte tief in den europäischen Kontinent hinein.

Noch eine Bemerkung zur fiktiven Geschäftsgrundlage der Ausstellung: Unerhört und neu! Hochkultur! Die besonders ausdrucksstarken Objekte … stehen in ihren freien Formen der mediterranen Kunst jener Zeit stolz entgegen. (Flyer)  Hier lehnt man sich wohl bewusst an das erfolgreiche Konzept der ersten Vermarktung des Primitivismus im 20. Jahrhundert an.

Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Selbst die für mich eigentümlichste Eigenheit der Nok-Terrakotten, eine verbreitete äußerst grobkörnige – gemagerte – Oberfläche scheint sich einer banalen chemischen Ursache zu verdanken: dem extrem sauren Boden, in dem sich Knochen überhaupt nicht erhalten.

Ich sehe bereits unsere vorgeschichtlichen Holzidole und Moorleichen aus Jütland und der Lüneburger Heide in ihren Vitrinen aufstehen und der mediterranen Kunst ihrer Epoche stolz entgegen gehen. Warum eigentlich nicht?  Die galloromanischen Brüder und Schwestern in Frankreich gehen ihnen bereits voran. (Musée Archéologique Dijon, 2012).

Heute abend in Frankfurt bleiben Griechen und Ägypter jedenfalls stumm angesichts der kleinwüchsigen und ganz schön ramponierten Eindringlinge.

2. A K T

Ein Kommentar beschäftigt sich mit der Frage einer Kooperation mit Ethnologen. Haben die das Feld ganz den Archäologen von Universität und Liebig-Haus überlassen?

Über Nok wissen wir Ethnologen nichts“      –    Kommentar aus der NOK.Z vom 17.11.2013

Das Statement Fritz Kramers aus Berlin am Telefon will mir nicht in den Kopf. Nachdem sich die üblichen Erwartungen der Archäologen nicht erfüllt haben, etwa an Merkmalen von Hochkultur – Paläste, Tempel, Hierarchie, Schrift, Reichsbildung – müsste der Blick für das mit den Augen Erfassbare wieder offen sein. Schön, wenn das angelockte Publikum nicht bereits wieder weiter gezogen ist.

Doch dann schnappt das Vorgeschichte – Schloss ein. Die dünnen Spuren im Lehm wecken die Furcht vor haltloser Spekulation. Deshalb fällt einem nichts anderes ein als im Archäologiepark für Kinder: Als Adam jagte, Eva spann …. Man hat Lager errichtet, gesammelt, gejagt, gepflanzt, Boote gebaut … und die Gefäße mit Mustern geschmückt. Die verändern sich üblicherweise mit der Zeit und helfen uns bei einer Datierung, die mit einer Ungenauigkeit von mehreren Jahrhunderten rechnen muss. Ist aber sowieso egal, Alter tut doch schon gar nichts mehr zur Sache. Den Schauer haben wir doch schon vor dreißig Jahren erlebt.

 Augen, Nasenflügel, Lippen, Nabelbruch, Muschel  Foto: Pirat

Augen, Nasenflügel, Lippen, Nabelbruch, Muschel Foto: Pirat

 

 

Nichts zu machen: „Über Nok wissen wir Ethnologen nichts“ sagt Kramer! Aber fällt ihnen auch nichts dazu ein? Frank Willett und die Kunstethnologen der nigerianischen Schule kommen den ortsfremden Archäologen doch entgegen. Afrika ist neugierig auf seine verschüttete Geschichte. Die Traditionen waren bis vor ganz kurzer Zeit im weiten Hinterland noch lebendig und werden seit hundert Jahre erforscht, beschrieben und dokumentiert. Selbst heute leben noch Zeitzeugen. Schließlich die Objekte. Parallelen drängen sich auf, keineswegs nur einzelne Signale wie die vortretenden großen Yoruba-Augen, Proportionen, Schmuck und Schmucknarben, Kopfbedeckungen …..

War es bloß die klinische Sprache, die mich befremdete? Willett macht in  „Afrikanische Kunst“ vor, dass es nicht um die Alternative von Wissen und Nichtwissen gehen darf, um – nach wissenschaftlichen Standards bewiesene – Tatsachen oder tiefe Dunkelheit, sondern um eine mit Erfahrungen gesättigter Nachdenklichkeit, um Präzedenzfälle, die für Hypothesen bereit stehen, für Behelfsbrücken, die erst einmal mit solchen Erfahrungen verträglich sind, bis – vielleicht auch dank ihrer – bessere Erklärungen zur Verfügung stehen. Kein ratloses, wegloses Verstummen.

Eine Bilanz?

Die Ästhetik der Nok-Figuren ist für Europäer mit dem unvermeidlichen Abendland-verschnittenen Blick unweigerlich schräg. Darf man den tiefen Graben jetzt nicht mehr sehen? Erst recht nicht als Gefälle? Wäre das bereits diskriminierend, also politisch unkorrekt?  Sprachlos stehen sich die beiden Parteien im Liebighaus gegenüber, so als sei die jeweils andere Seite gar nicht da. – Sollen eingeschüchterte Besucher, die vielleicht vorher nicht einmal gewusst haben, wo Nigeria liegt, weil es keine fetten Schlagzeilen abwirft, etwa allein den Graben überspringen?

Ausstellung verlängert bis zum 23. März 2014 im Liebighaus, Frankfurt

3. A K T

21.2.14 Ein erboster Leserbrief von Franz Ortenau:

Sehr geehrte Redaktion, die Reportage kann ich nicht beurteilen, der anschließende Kommentar ist aber unakzeptabel. Man hat die die lasche Moral von Bloggern übernommen, keine Sorgfalt walten lassen und beispielsweise die sorgfältigen und alle Aspekte behutsam abwägenden Beiträge des Katalogs schlichtweg ignoriert. War Ihnen der Preis von 39 € zu hoch oder nahmen Sie sich bloß nicht die Zeit? Dringend ans Herz legen möchte ich dem Redakteur Peter Breunigs „Gedanken zum Zweck der Nok-Skulpturen“, wenn er schon keine Zeit für die übrigen aufbringt.  MfG  F.0.