Nok – eine archäologische Offensive (aktualisiert)

|

Hochgeladen am 12. 01.2014

 Nigeria gegen Hellas:   1 : 1

Eine neue Hochkultur entdeckt?

Unser Korrespondent im Liebig-Haus verfolgte den ersten Frontbericht einer Archäologin im Ausgrabungsteam.   Aus der NOK.Z vom 8.11.2013

IMG_3488-NOK-FAZ FAZ-Rezension – Zum Lesen bitte anklicken!

Der Film im Untergeschoss zeigt das wissenschaftliche Prozedere des eingeflogenen Teams in seinem abgelegenen Camp. Alles strahlt Isolation aus, wie bei jeder anderen früh- und vorgeschichtlichen Ausgrabung. Die Untersuchungsschritte folgen abgestimmt und kontrolliert aufeinander wie bei der Diagnostik in einem hochmodernen Krankenhaus. Es entsteht zum Beispiel eine hoch auflösende digitale Karte des Geländes.

Die Objekte finde ich schon bei Hereinkommen unbeschreiblich ‚afrikanisch’. Ich las im Sommer Willetts Klassiker „Afrikanische Kunst“ (1971-95, dt. 1998). Der Hauptgewinn war für mich, dass Willett wie selbstverständlich der Vorstellungskraft einen Weg in die unbekannte Geschichte der noch existierenden afrikanischen Kulturen öffnete; allein deshalb werde ich ihn noch ein paarmal nennen.

Unsere Autoritätsperson kennt zwar Willett, muss aber wohl aus Gründen professioneller Unvoreingenommenheit und aus Respekt vor vorgezeichneten Kompetenzgrenzen auf all das verzichten. Ihr Revier ist die Altersbestimmung. Und sie hat „ein paar tausend Fragmente Keramik geklebt.“ Das heißt so in Abgrenzung zu Figuren, Terrakotten genannt. Die Führung der Laienschar will sich naturgemäß nicht auf das Spezialgebiet der Archäologin beschränken. Was man sich im Team so bei den Funden denke, will sie zwar nicht preisgeben, aber wenigstens die Spitznamen der Figuren. Bald sind ihr meine wenigen Fragen und Vorschläge lästig. Ihr dicht gewebter Redevorhang ist ohnehin nur bei äußerster Konzentration zu durchdringen.

Bereits zu Beginn grenzt sie den Arbeitsauftrag von Archäologen ab: sich nicht primär für die berühmten Terrakotten zu interessieren, welche die Begründung für die teuren Forschungen liefern müssen, sondern für eine Kultur, Hochkultur, von der man nichts wisse. Das wissenschaftliche Hauptinteresse gilt den Spuren der Eisenherstellung, das ist der strategische Aspekt. Es geht den Archäologen darum,  etablierte Pfeilrichtungen kultureller Einflüsse umzukehren. Dabei geht es nicht um höher und weiter, aber um früher. Wir erleben das Ringen um die Anciennität, welche immer noch als Rangabzeichen der Weltkulturen funktioniert. Bloßer Austausch zwischen den Kulturen wäre das eingesetzte Geld nicht wert. Dabei folgte bisher jeder Hoffnung auf steigende technische Präzision, damit auf steigende Beweiskraft, eine ziemliche Enttäuschung.

Der bewusst gewählte Ausgangspunkt scheint voraussetzungslose Fremdheit zu sein. Hier betritt eine frische wissenschaftliche Truppe das Kampfgebiet, geführt vom Geist eines alten Recken namens William Fagg, auf den man aber keine Rücksicht nehmen muss.  Durch Trial and Error will man sich Einsicht erzwingen. Alle möglichen Vermutungen haben sich nicht bestätigt: vor allem die der Hochkultur, wenn man darunter Schrift, Hierarchie und Paläste versteht. Nichts von alledem: Es waren Hirsebauern.

Die Mischung von Lehm und Sand war mit 75 zu 25% ideal? Doch wie viele Generationen brauchen Dorfschmiede, um das herauszufinden? Bestenfalls eine einzige.

Und da bekomme ich das Gefühl, es sei alles so afrikanisch hier und das ganze Stoßtruppunternehmen eine postkoloniale Art, Unruhe zu stiften. Dabei haben Bauern, Händler, Häuptlinge, internationaler Kunsthandel und Sammler längst ein profitables Schmugglernetz geknüpft. Das Team ist verzweifelt, aber hat nur geringe Hoffnung, die Akteure zu entmutigen, ist sogar gezwungen, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten. Hinter denen stehen auch legitime interessen der Bauern, die in dem Gebiet leben und Angst vor Vertreibung durch die Behörden haben.

Der Staat Nigeria mag aus dem Unternehmen ein Ferment von dringend benötigtem Patriotismus ziehen, aber ist das so wichtig und – angesichts des islamisch geprägten Nordens überhaupt aussichtsreich? Die UNESCO lassen wir einmal außen vor. Wen interessiert das hier? Nicht einmal Reiseveranstalter. Schließlich werden nicht Tempel und Paläste, sondern nur Scherben aus dem Boden gezogen und – meist zu ästhetisch unbefriedigenden – Fragmenten gekittet. Sogar Glanzkleber wird verwendet. .

Ich habe den Eindruck, der von Willett  (und seinen wissenschaftlichen Quellen) bekräftigt wird, dass Völker und Untergruppen sehr unterschiedliche ästhetische Ansprüche stellten, dass vom nachlässigen Improvisieren bis zu spezialisiertem Handwerk unter Bauern und Nomaden alles vorgekommen ist, dass handwerkliche Spezialisierung keineswegs von Hochkultur abhängig war, dass sie problemlos sich mit Tauschwirtschaft vertrug. Handwerker wanderten auch in gewissem Umfang, arbeiteten auch für andere Ethnien, die unter Umständen auch fremde Figuren oder Masken in ihren Kulten verwendeten. Nur ein Befund scheint für das Team unerschütterlich zu sein: Alle Figuren bis auf eine Handvoll Ausnahmen sollen zerschlagen und verstreut worden sein. Und das soll man glauben? Und es war nicht die Verrücktheit von eins, zwei Generationen auf einem begrenzten Raum, in dem man zufällig gegraben hat? Eine Systematik? Was sagen eigentlich die erfahrenen Raubgräber dazu? Die müssten doch mehr wissen. Sie waren – wie die heutigen Hirsebauern – vor den Archäologen da und werden nach ihnen da sein.

Man erfindet das Rad neu. Man glaubt niemandem erst mal etwas. Etwa Handelsverbindungen durch die Sahara zu den Phönikern oder nach Oberägypten? Nein, bis zum Erweis des Gegenteils. Die Sahara sei bereits zu trocken gewesen. ‚Ägypten‘ gehört ohnehin nicht mehr in den Forschungshorizont. Überhaupt die leitenden Vorstellungen im Hintergrund: Die Venusmuschel auf dem Vorderschädel einer Figur erregt Erstaunen, das Meer sei immerhin vierhundert Kilometer entfernt. Und die sollen einen Fernhandel mit Wertgegenständen behindert haben? Man denke nur an die griechischen Exporte tief in den europäischen Kontinent hinein.

 

„Unerhört und neu! Hochkultur!“

„Die besonders ausdrucksstarken Objekte … stehen in ihren freien Formen der mediterranen Kunst jener Zeit stolz entgegen.“ (Flyer)

Das Geschäftsmodell lehnt sich wohl bewusst an das lange erfolgreiche Konzept der ersten Vermarktung des Primitivismus ( Literatur: Rubin 1985) im 20. Jahrhundert an.

Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Selbst die für mich eigentümlichste Eigenheit der Nok-Terrakotten, eine verbreitete äußerst grobkörnige – gemagerte – Oberfläche scheint sich einer banalen chemischen Ursache zu verdanken: dem extrem sauren Boden, in dem sich Knochen schon gar nicht erhalten haben.

Ich sehe bereits unsere vorgeschichtlichen Holzidole und Moorleichen aus Jütland und der Lüneburger Heide in ihren Vitrinen aufstehen und der mediterranen Kunst ihrer Epoche stolz entgegen gehen. Warum eigentlich nicht?  Die galloromanischen Brüder und Schwestern in Frankreich gehen ihnen bereits voran. (Musée Archéologique Dijon, 2012).

Heute abend in Frankfurt bleiben Griechen und Ägypter jedenfalls stumm angesichts der kleinwüchsigen und ganz schön ramponierten Eindringlinge.

 

Blitz-Interview über die Frage einer Kooperation mit Ethnologen. Haben die das Feld ganz den Archäologen von Universität und Liebig-Haus überlassen?    (NOK.Z vom 17.11.2013 ) 

Über Nok wissen wir Ethnologen nichts

So apodiktisch ist die Feststellung des emeritierten Ethnologen Fritz Kramer aus Berlin.

Dort ist nichts zu holen. Obwohl: Nachdem sich die üblichen Erwartungen der Archäologen an Merkmalen von Hochkultur nicht erfüllt haben, müsste der Blick für das mit den Augen Erfassbare wieder offen sein. Schön, wenn das angelockte Publikum nicht bereits wieder weiter gezogen ist. Doch dann schnappt das Schloss der Vorgeschichte ein: Die dünnen Spuren im Lehm wecken die tiefsitzende Angst vor haltloser Spekulation. Deshalb fällt einem nichts anderes ein als im Archäologiepark für Kinder: Als Adam jagte, Eva spann …. Man hat Lager errichtet, gesammelt, gejagt, gepflanzt, Boote gebaut … und die Gefäße mit Mustern geschmückt. Die verändern sich üblicherweise mit der Zeit und helfen uns bei einer Datierung, die mit einer Ungenauigkeit von mehreren Jahrhunderten rechnen muss. Ist aber sowieso egal. Alter tut doch schon gar nichts mehr zur Sache. Den Schauer haben wir doch schon vor dreißig Jahren erlebt.

 Augen, Nasenflügel, Lippen, Nabelbruch, Muschel Foto: Pirat

Augen, Nasenflügel, Lippen, Nabelbruch, Muschel Foto: Pirat

Aber fiel den Archäologenin Afrika  auch nicht mehr dazu ein? Frank Willett und die Kunstethnologen der nigerianischen Schule kommen den ortsfremden Archäologen doch entgegen. Afrika ist neugierig auf seine verschüttete Geschichte. Die Traditionen waren bis vor ganz kurzer Zeit im weiten Hinterland noch lebendig und werden seit hundert Jahre erforscht, beschrieben und dokumentiert. Selbst heute leben noch Zeitzeugen. Schließlich die Objekte. Parallelen drängen sich auf, keineswegs nur einzelne Signale wie die vortretenden großen Yoruba-Augen, Proportionen, Schmuck und Schmucknarben, Kopfbedeckungen …..

 

Eine Bilanz ziehen?

Die Ästhetik der Nok-Figuren ist für Europäer mit dem unvermeidlichen Abendland-verschnittenen Blick unweigerlich schräg. Darf man den tiefen Graben jetzt nicht mehr sehen? Erst recht nicht als Gefälle? Wäre das bereits diskriminierend, also politisch unkorrekt?  Sprachlos stehen sich die Figuren der beiden Parteien im Liebighaus gegenüber, so als sei die jeweils andere Seite gar nicht da. – Sollen eingeschüchterte Besucher, die vielleicht vorher nicht einmal gewusst haben, wo Nigeria liegt, weil es keine fetten Schlagzeilen abwirft, etwa allein den Graben überspringen?

21.2.14   Erboster Leserbrief von Franz Ortenau:

Sehr geehrte Redaktion, die Reportage kann ich nicht beurteilen, der anschließende Kommentar ist aber unakzeptabel. Man hat die die lasche Moral von Bloggern übernommen, keine Sorgfalt walten lassen und beispielsweise die sorgfältigen und alle Aspekte behutsam abwägenden Beiträge des Katalogs schlichtweg ignoriert. War Ihnen der Preis von 39 € zu hoch oder nahmen Sie sich bloß nicht die Zeit? Dringend ans Herz legen möchte ich dem Redakteur Peter Breunigs „Gedanken zum Zweck der Nok-Skulpturen“, wenn er schon keine Zeit für die übrigen aufbringt.
MfG  F.0.

 

    Vier Jahre später

Erklärung

Der 2014 noch unerfahrene Blogger möchte sich heute für die allzu sorglose Namensnennung in der ersten Fassung  entschuldigen. Die betroffene Person war gekränkt, fühlte sich öffentlich bloßgestellt, war es  je nach Standpunkt auch. In den Medien wurde die Ausstellung mit Lob überschüttet. Meine vereinzelte Seite wurde in vier Jahren gerade achtzig Mal angeklickt.

Mir demonstrierte die Expertin ein Wissenschaftsverständnis, das nach allen Seiten strenge Grenzen behauptet und ‚Laien‘ herablassende Bevormundung kommuniziert. Vorwissen kann  da nur störend sein – Wir kennen Entsprechendes  vom Medizinbetrieb.

Für mich gehört es zu einer souveränen Ausstellungsführung,  Impulse von Teilnehmern (mit oder ohne Vorwissen) aufzugreifen.  Wie ich aber von jungen Leuten höre, ist es heute professioneller Standard, ‚seine Schäfchen‘ (Kant) an keiner Stelle zu überfordern und bereits das Risiko eines ‚Stolperns‘ (Kant) auszuschließen. Für einen unverdrossen der ‚Aufklärung und ‚Selbstaufklärung‘ hingegebenen altmodischen Pädagogen bleibt das ein Ärgernis.

Dass ich von meinem Faux-pas erst vier Jahre später und zufällig  bei einer erneuten Begegnung erfahre, liegt auch daran, dass man damals das Kontaktformular der Seite nicht nutzen wollte. Nicht satisfaktionsfähig. Dann halt nicht.

 

Aktualisierungen

2017 wurde das Grabungsprojekt vor Ort „nach der Entführung von Prof. Breunig und Mitarbeitern“ durch Banditen eingestellt. Einen breiten Überblick über den Stand und Perspektive der Arbeiten bietet der Bericht von IDW-Online vom 05.01.2018: Projekt zur Nok-Kultur geht in die Endrunde (Link). Der zwischenzeitlich „größte Arbeitgeber in der Umgebung“ zieht sich in den Elfenbeinturm zurück. Man muss sich ohnehin auf die wissenschaftliche Arbeit an den massenhaft gesammelten Daten konzentrieren.

Ich möchte mehr über die Entführung wissen und lese im Bericht  vom 27.02.2017 (Autor: Christian Scheh in der Frankfurter Neue Presse (Link) unter anderem:

(….) Am Mittwochmorgen waren Breunig, Archäologe der Frankfurter Goethe-Uni, und sein Mitarbeiter Johannes Behringer nahe dem nigerianischen Dorf Jenjela von bewaffneten Männern entführt worden. Zwei Dorfbewohner wurden erschossen. Das Bangen um das Leben der Forscher dauerte dreieinhalb Tage. Wie Usman Aliyu, Polizeisprecher des nigerianischen Bundesstaats Kaduna, gestern mitteilte, wurden die Archäologen am Samstagabend im Ort Katari freigelassen, der an der Schnellstraße nördlich der Hauptstadt Abuja liegt. Die beiden Wissenschaftler seien körperlich unversehrt. Ob ein Lösegeld bezahlt wurde, ist unklar. In ausländischen Medien war nach der Entführung von einer Forderung in Höhe von 60 Millionen Naira (etwa 185 000 Euro) die Rede gewesen. Diese Summe soll dem Aufseher der Ausgrabungsstätte, auf der Breunig und Behringer arbeiteten, telefonisch genannt worden sein. Lokalpolitiker Shehu Musa Tafa wurde mit den Worten zitiert, dass die Entführer für den Fall, dass sich die Polizei nähere, mit dem Tod der deutschen Archäologen gedroht hätten. Spezialeinheiten und -ermittler suchten die Umgebung von Jenjela trotzdem nach den Entführten ab. (…)  Entführungen sind in dem westafrikanischen Land keine Seltenheit. Organisierte Banden verschleppen immer wieder Menschen, um Geld zu erpressen. Nach der Zahlung werden die Entführten oft wieder freigelassen.Offiziell zahlt der deutsche Staat kein Lösegeld. Es soll aber immer wieder „Deals“ geben, nach denen doch Geld fließt, zum Beispiel als Entwicklungshilfe getarnt.

Was für die Experten den verstörenden Einbruch afrikanischer Gegenwart in ihre behütete Forschungsinsel bedeutete,  verhieß für die Banditen, woher sie sich auch immer rekrutierten, lohnende Beute.