Ausflug in die Kybernetik zu Heinz v. Foerster

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Heinz von Foersters Reden und Texten in KybernEthik, Merve Verlag, Berlin 1993 empfehlenswerte Rezension: systemagazin – Klassiker – Heinz von Foerster- Kybernethik“ und Short Cuts 5. Auswahlband in Zweitausendeins, Frankfurt 2001

Ich wollte den O-Ton des Wissenschaftlers, Mathematikers, des Kybernetikers. Auf folgende Frage kann ich jetzt antworten: Mit wem reden wir, wenn wir uns an Heinz von Foerster wenden?

Wie bei der Lektüre von Flusser erlebe ich bei Foerster eine starke Komprimierung von Sachverhalten – in Begriffen, Beispielen, sehr einfachen Modellen – aber theoretisch ausgereift und geordnet. Er führt uns im Plauderton durch sein vielbändiges Werk, ohne wie Flusser mit unserer Auffassungsgabe Scherze zu treiben.

Kybernetik ist ein universelles Idiom, dessen Begriffe jeweils mathematisch definiert und abgeleitet sind. Foerster zeigt, dass alle möglichen Fachdisziplinen sich darüber verständigen können, und selbst noch die unlösbaren Fragen der Geisteswissenschaften auf eine bestimmte Weise damit erreichbar sind. Er beginnt mit dem überraschenden, gar nicht kulturkritisch gemeinten Satz: Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto größer die Chancen für Ruhm und Erfolg. (161) Den erläutert er im Theorem Nr.2: Die als ‚Wissenschaft’ eher erfolglosen soft sciences bearbeiten eben hard problems, die angeblich hard sciences hingegen soft problems. Auf methodischem Reduktionismus beruhe ihr Erfolg (161): Ist ein System zu komplex, um verstanden zu werden, dann wird es in kleinere Stücke zerlegt. Es wird zerlegt, bis daran etwas in mathematische Fachsprache formulierbar ist.

Die Aussagen Foersters sind ‚geerdet’ in vielfältiger Forschungspraxis und  in der Kenntnis wissenschaftlicher Traditionen. Foerster hat etwa im Blick dass „Skeptiker seit zweieinhalb Jahrtausenden gegen den Glaubenssatz vermeintlich objektiv ermittelbarer Naturgesetze vergeblich zu Felde zogen.(135) Er erzählt von Platons Gastmahl und ist mit dem Altgriechischen vertraut. Chuang Tsu (72) oder Ortega y Gasset (76) und Bubers Dialogik (82-83) hofiert er geradezu wegen ihrer Weisheit. Sein Kollege McCulloch redet von der Aufgabe, Ideale zu schaffen, neue und ewige, in und von der Wellt, alte und vergängliche, als einer Aufgabe, die Roboter nicht leisten können. Dafür hat mich meine Mutter zur Welt gebracht.“ (120) Foersters klassische Bildung, seine hohe formale Kultur, sein unbestechlich analysierender Blick und seine persönliche Integrität erlauben ihm, unser aller Probleme in universaler Sprache zu formulieren und zu kommunizieren. Die ‚Kybernetik’ streckt der Philosophie die Hände entgegen.

Doch Philosophen dürfen den hard sciences nicht über den Weg trauen. Die freiwillige Selbstbeschränkung eines Heinz von Foerster kann nicht genügen. Er war immer nur ein Außenseiter im Wissenschaftssystem. Der bereits 1975 emeritierte Leiter eines erfolgreichen Instituts beklagte 1995 im Interview  einen tiefgreifenden Wandel in der amerikanischen Forschungskultur (Short Cuts, 107-119), wie er in Europa mittlerweile längst angekommen ist. Die nachdenklichen Veröffentlichungen des erst 2002 mit 91 Jahren gestorbenen Heinz von Foerster werden damit zur üblicherweise im Feuilleton gespielten Begleitmusik.

Als Beispiel dient mir Foersters berühmte Kritik seit 1972 am konventionellen Erziehungssystem:

Der Großteil unserer institutionalisierten Erziehungsbemühungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. Ich verwende diesen Begriff so wie in der Automatentheorie. Dort ist eine triviale Maschine durch eine festgelegte Input-Output-Beziehung gekennzeichnet. Da unser Erziehungssystem darauf angelegt ist, berechenbare Staatsbürger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen.“ (Das Zweihirnproblem – Erziehung170f.) Seine Kritik an ‚Prüfungen’ hat er in „Lethologie’ (1992, ebd.145) ausgeführt – Bilanz: Tests testen Tests. In diesem Sinn kritisiert er auch den Glauben an Intelligenztests (155) und natürlich auch Tests, ob Computer ‚denken’ können (KI –  Künstliche Intelligenz). Der Glaube diene denjenigen als Notausgang, die ihre Freiheit der Wahl verschleiern möchten, um sich dadurch der Verantwortung ihrer Entscheidungen zu entziehen.  (157)

Eben die auf Tests basierte Psychologie hat jedoch als eine hard science durch das ganze 20.Jahrhundert bis heute eine beispiellose Karriere gemacht und bestimmt Ausbildungssystem und Personalentwicklung. (Andreas Gelhard : Kritik der Kompetenz, Zürich 2011)

Selbst wenn das Programm einer universell verstandenen Allzuständigkeit von Foerster formuliert wird, alarmiert es mich, so wie unter dem Titel Allhirn-Problem – Menschheit: 

Das Ziel ist klar: Wir müssen das System schließen, um eine stabile Bevölkerung, eine stabile Wirtschaft und stabile Rohstoffe zu erreichen. Während nun  das Problem der Konstruktion eines Kontrollmechanismus für die Bevölkerung und die Wirtschaft mit den geistigen Reserven dieses Planeten gelöst werden kann, müssen wir uns zur Stabilisierung unserer materiellen Ressourcen aufgrund des Zweiten Satzes der Thermodynamik  um außerplanetarische Rohstoffquellen bemühen…“ (Kompetenz und Verantwortung 1972,1985, KE.172f.)

Der hochgemute Duktus der Pioniere der Kybernetik, das prophetische Pathos – einschließlich eines ‚Kybernetiker dieser Welt, vereinigt euch“ (173) muss aber gerade Flusser fasziniert haben. Denn den Duktus hat er sich angeeignet. Mimikry. Nachahmung, um darin hintersinnige Gedankenspiele zu treiben.

Direkte Übernahmen aus der Sprache der Kybernetik durch Laien produzieren einen reduktionistischen Jargon, sie versuchen im Gewand einer atemberaubenden abstrakten Sicht auf die Welt zu blenden und nähren übersteigerte Hoffnungen auf die Lösungskompetenz der aggressiven hard sciences. So ein großspuriger Ton  stört mich immer wieder in schnoddrigen Sätzen Flussers, gerade auch an: Alles was mechanisierbar ist, ist menschenunwürdig. Man wird Mensch, indem man herausfindet, was an einem mechanisierbar ist und es an Maschinen abschiebt. Der Rest, der bleibt, der – vorläufig – nicht mechanisierbar ist, das ist das Menschwerdende. Und der gewordene Mensch ist dann der, der überhaupt nicht mehr mechanisierbar ist. Das können wir uns überhaupt nicht vorstellen. (Tschudin-Interview, Von der Freiheit des Migranten, 131). Wozu auch?

Foerster zieht dem unmissverständlich Grenzen. In Kompetenz und Verantwortung analysiert er zwar einfühlsam das Dilemma der soft sciences (163), um dann den Vorschlag zu machen, das Fachwissen, das wir in den Naturwissenschaften haben, zur Lösung der harten Probleme in den Geisteswissenschaften einzusetzen. (163) Interdisziplinäres Verhandeln ja, aber selbstgestrickte ‚Kybernetik’ von Laien? Wohl kaum: Ich lege hiermit die These vor, dass es die Kybernetik ist, die das harte Fachwissen mit den harten Problemen der Geisteswissenschaften verknüpft.

Dabei hat der Konstruktivist  und Kybernetiker Foerster in Gesprächen auch verrückte Formulierungen zu bieten, die Flusser sicher auch gefallen hätten:

Ein paar Worte über die nichttrivialen Maschinen. Die Maschine ist eine Maschine in der Maschine. Das bedeutet, wenn ich einmal mit dieser Maschine operiere, hat diese Maschine sich schon – innerlich – geändert und wurde durch diese Operation eine andere Maschine. Zum Beispiel könnte ich ohne weiteres sagen „Wieviel ist 2 x 2?“ und sie sagt „grün“ Dann sage ich: „Nein, das ist doch blau“ und sie sagt:“Nein, das ist doch 4!“Oder so ähnlich. Eine Maschine, die Sie verblüfft, was immer sie auch macht, die stets macht, was Sie nicht erwarten, das ist genau das Faszinierende.

Mir gefällt die Fortsetzung besser: Jetzt muss ich noch über meine Verhältnis zu meinen Maschinen sprechen. Ich habe hier einen seltsamen Vorschlag. Wenn man mich fragt: „Heinz, was sind deine Maschinen?“ dann antworte ich: „Ich bin meine Maschine“, denn was ich jetzt zum Beispiel wissen will, wie viel Uhr es ist, nimmt meine Maschine das an die Hand, schaut auf diese Sache und sagt: „Heinz, du hast noch sieben Minuten zu reden“. Wenn ich jetzt die Vernetzung in ein globales, nein, in ein universales Verhältnis setze, bin ich vernetzt mit dem Universum, also jetzt werde ich, wie Sie sehen, das Universum ändern. Dreht an seiner Uhr. (…) Wenn man das versteht, dass man ununterbrochen das Universum ändert, fühlt man sich ganz anders – im Universum. Dann ist es das Opfer und nicht ich. … Dann kann ich versuchen, mich selber zu verstehen. Trotzdem lasse ich mich von dieser Verführung nicht verführen. Denn ich selber weiß von mir, dass ich eine nicht-triviale Maschnie bin. Und von daher ist die Hoffnung,   dass ich mich verstehen werde, einfach nicht zu erfüllen.

(Vorspann zu der Auswahl ShortCuts, Zweitausendeins 2001,7f.)

29.12.2013

 

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