Lebensspiel Zwei Punkt Null

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Vilém Flusser: „Künstliches Leben“ in den „Nachgeschichten“

 

Eine andere Geschichte sei vorausgeschickt. Horst Haider Munske rezensierte unter der Rubrik ‚Forschung und Lehre’ (FAZ 18.12.2013. N5) aufmerksam den „ersten Bericht zur Lage der deutschen Sprache“, der voll und ganz auf Computeranalysen von ‚über einer Milliarde Wortformen’ basiert. Das Werk erinnert ihn schließlich aber doch an den ‚Witz von dem Mann, der nachts unter einer Laterne vergeblich seinen Schlüssel sucht und auf die Frage, ob er ihn sicher hier verloren habe, antwortet: „Weiß nicht, aber hier ist gut suchen“.’ Er vermisst vor allem einen zentralen Bereich, der bei der „Lage der deutschen Sprache“ unberücksichtigt bleibt, ‚ist das weite Feld gesprochener Sprache, ‚die Primärsprachen des Menschen, welche die Sprachentwicklung prägen’. Und er fügt hinzu: ‚Solche Weiterarbeit wird schwieriger und aufwendiger sein, da Sprachvermögen und mündlicher Sprachgebrauch erst systematisch erhoben werden müssen’.

Daran muss ich bei Flussers Essay denken, wenn er von den Steinchen (calculi) in den Mosaikstrukturen schwärmt (197), wenn er genüsslich ausmalt, wie die Fäden aus Kausalketten oder logischem Denken herausgerissen (werden) , sodass Prozesse wie zerrisssene Perlenketten auseinanderkollern, um dann über die trennenden Intervalle hinweg wieder integriert (>komputiert<) zu werden. (196) Flusser springt und die calculi springen mit ihm. Überall konstatiert er das  für das künstliche Leben typische Springen. 197)

Anders als Hans Blumenberg, der – in ‚Die Vollzähligkeit der Sterne’ (posthum 1997 erschienen) – von der auch darin beobachtbaren ‚Lebensexpansion’ und dem Prinzip eines ‚überschießenden Lebens’ ausgeht, wählt Flusser eine abstrakte anthropologische Konstante menschlicher Kultur, das Zusammenspiel von Informationserzeugung, -übermittlung und -lagerung (194), um daraus den Schluss zu ziehen: Wir leben >theoretisch<, insofern immer schon ein künstliches Leben.

Wie die oben erwähnten Linguisten begnügt er sich mit dem, was in diesem Lichtkegel erfassbar ist. Durch die technische Revolution in der Informationsverarbeitung können wir schon jetzt das für Menschen Spezifische in unbelebten Objekten simulieren. Und gleich weiter: Künstliche Intelligenzen sind auf Theorie fußende Lebenstechnik. (195) – Das ist alles unbestritten und vor allem als Essayliteratur virtuos.

Und wo er gerade dabei ist, stellt er auch klar: Der inspirierte Künstler, der engagierte Politiker, der klassenbewusste Arbeiter, der erleuchtete Weise werden zu Dinosauriern. (196) Ihre Motivationen sind inoperativ. Er legt noch nach: Warum ist diese Methode erst so spät auf das Lebensspiel angewandt worden? Newton und Leibniz hätten doch schon das Kalkül angewandt.

Was heißt inoperativwofür? Dem Leser sollten die verborgenen Kettfäden seines Gedankenspiels (vgl. den Essay „Teppiche“) immer als Warnung gegenwärtig sein sein. Sichtbar werden sie hier in dem furchtbaren Satz: Das künstliche Leben hat keine spontanen Leitfäden, der >Sinn des Lebens< wurde entfernt. Man überspringt ständig Intervalle und erlebt sie als …. Miniaturen des Todes. Das Erlebnis der Intervalle heißt >Langeweile<. (197)

Die schöne ‚Metapher’ Lebensspiel suggeriert, dass es im Lichtkegel und vom Lichtkegel erfassbar ist. So ist Flusser auch im Essay „Gesellschaftsspiele“ vorgegangen: bewegte sich auf dem vertrauten Feld geschlossener Spiele – unweigerlich kam er auf Schach – um dann zuzugeben, dass man mit offenen Spielen schon theoretisch weit größere Probleme haben würde. Ob die Aufgabe überhaupt lösbar ist – diese Frage soll ja gerade in der Mathematik gar nicht selten vorkommen – ist nicht seine Sorge, dank einer eingängigen Metapher und im Schutz der Logik und Rationalität der von ihm bewunderten Revolutionäre.

Was hat Flusser den Menschen, die nach seinen Worten in den digitalen Stürmen durch die sich ausbreitende Wüste irren, zu sagen? Seine Antwort darauf ist der radikale Sprung, eine Technik, die der 1939-40 traumatisierte Migrant zu beherrschen glaubte. Die Geschichte seines zweiten Exodus voller Widersprüche ist aber noch nicht geschrieben. Doch zweifellos trifft auf ihn zu, was er im Schlussabsatz verkündet: Wir sind unwiderruflich zu Spielern des Lebens geworden: homines ludentes. Aber man muss nicht unbedingt spielen, um die Partie zu gewinnen. Man kann auch spielen, um die Spielregeln zu ändern. (199) Datiert auf 1984. Sagt es und macht sich aus dem Staube.

Man kann auch spielen, um….? Sollen wir für den effektvollen Paukenschlag dankbar sein? Kann jemand sich vorstellen, dass Flusser  sich in diesem Lebensspiel mit Haut und Haaren engagieren würde? Oder dass er auch nur dem Projekt, angesichts des global agierenden Gegners, der wissenschaftlich-technischen Zivilisation selbst, eine reale Chance gab, die Spielregeln zu ändern?

Ich komme immer wieder auf sein herablassendes ex-post-Urteil über die Revolutionäre von 1789-95 zurück. 1989-90 war er selber gefordert und enttäuschte z. B. auf dem Kongress in Budapest im April 1990 mit einer Gardinenpredigt und dem wohl unvermeidlichen Schnellkurs über seine Medientheorie. („Von der Bürokratie zur Telekratie“ merve 1990,103-115). In beiden Fällen fällt die Kälte in der Diktion auf. Er verhielt sich zu den Umwälzungen und Umbrüchen, von denen Rumänien ja nur ein Schauplatz war, wie ein abgebrühter Börsenstratege, der die Ereignisse schon in seine Kalkulation eingepreist hat und mit dem Kopf bereits woanders ist. Gut, dass er nur auf dem Feld der Theorie und in seiner Phantasie Stratege gewesen war. Darf ich trotzdem gespannt sein auf den nächsten Essay?

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