âDie Technik ist unerheblichâ, sagt Inoue Yu-Ichi am Schluss. Doch das auf der breiten Basis einer Zeichenschrift, ihrer Traditionen
– Das Ideogramm muss nicht einsilbig sein. Die Gestalt darin kann geweckt werden.
– Die Tradition der expressiven Schönschriften und darin die Erziehung zur Proportion
– Die Tradition persönlicher, nach Vorbildern individuell kultivierter Handschriften
– Körperliche Ergebnisse der Schreibtechnik mit Pinsel und Tusche, so als ob wir immer noch mit der Rohrfeder schreiben wĂŒrden.
Yu-Ichis Schriftkunst ist gewachsen, 67 Jahre lang. Sie beerbt die Kalligraphie, auch wenn sie sich revolutionÀr gibt. Und am Ende wird sie ins Erbe aufgenommen.
Sie steigert extrem einzelne Aspekte, sie revoltiert, aber erfindet nicht neu.
Meint Yu-Ichi nicht das mit âden Begriff der KreativitĂ€t destruierenâ? KreativitĂ€t – Ein westlicher Begriff!
Es musste nur die Freiheit nach 1945 dazukommen. Zehn Jahre nach Kriegsende war es fĂŒr ihn als Volksschullehrer in Japan soweit. Wir kennen diese Epoche Japans kaum:
Die Masken demaskieren, aus den erstarrten Formen aufbrechen. Und das ist auch heute noch aktuell: Gerade nach Fukushima wachen groĂe Teile der japanischen Gesellschaft wieder einmal auf!
Yu Ichis Leben scheint streng geordnet zu verlaufen: Ein halbes Jahrhundert rĂŒhrt er morgens seine spezielle Tusche an, geht den Tag ĂŒber zum Dienst und schreibt ekstatisch an den freien Abenden. Seine BlĂ€tter legen davon schnörkellos Zeugnis ab, mit den kulturellen Mitteln, ĂŒber die er verfĂŒgt und die ihm zur Hand sind. Ein leerer Raum genĂŒgt als Atelier. Er betritt ihn mit Spannung und gemischten GefĂŒhlen: Hic Rhodus hic salta! oder: âSich von der Klippe zu stĂŒrzenâ ist der einzige Weg, im Vertrauen in die eigene Kraft und die technische Erfahrung! Drogen sind ungeeignet. Keine Halbheiten. Die Fehlversuche werden zerknĂŒllt. Der Gedanke an die Auswahl des Zeichens begleitet Yu Ichi den Tag ĂŒber, braucht sicher mehr Zeit als die Vorbereitung der Tusche. Schreiben ist ein Weg der Selbstanalyse und Selbstbefreiung und des Engagements: Die im Dokumentarfilm erwĂ€hnten ThemenanlĂ€sse: die Kriegsverbrechen, die Internationalisierung Japans, Zerstörung der Natur und schlieĂlich die tödliche Krankheit sprechen fĂŒr sich. Bis zu seinen âArbeiten mit groĂen Schriftzeichenâ, diesem âTestament nach Art von Zen-Mönchenâ , und dann weiter zu den Kohlstifttexten, begleitet ihn dies Schreiben. Die spirituelle Seite: âSich ganz der Dummheit ergebenâ. Zen wird ein einziges Mal erwĂ€hnt.
Der Vergleich mit dem amerikanischen âAbstrakten Expressionismusâ kann sich nur auf den Gestus ungezĂŒgelter SpontaneitĂ€t beziehen, etwa bei Jackson Pollock. Pollock wĂŒtet in der sinn-losen Materie, andere nehmen VersatzstĂŒcke surrealistischer Bilder oder zufĂ€llig prĂ€senter Buchstaben, deren Bedeutungsenergie aber sehr schwach ist. (LINK zu Blog)
Bei Yu Ichi handelt es sich um mehrfach gebundene SpontaneitĂ€t. Das Medium ist ein ganz anderes. Arbeitet er ĂŒberhaupt irgendwie dekorativ? Yu Ichi ’schreibt‘ meinetwegen ‚automatisch‘, aber das ist nur ein technischer Aspekt. âSpritzer sind gleichgĂŒltig, sie erlĂ€utern die Bewegung des Pinselsâ. Die Arbeiten kreisen nervös um das Schreiben von Worten, deren sprachliche Bedeutung prinzipiell auch fĂŒr andere entzifferbar sind.
Die Tuschespritzer sind ‚Ă€uĂerlich‘ auch in dem Sinn, dass sie Teil der sich spontan bildenden Ă€sthetischen Gestalt sind und zugleich Zeugnis der Pinselbewegung und Teil der ExpressivitĂ€t des Schrift-Bildes.
‚Automatisch‘ heiĂt hier nur: Die Kontrolle zieht sich fĂŒr den Moment auf die Grenzen des Blattes zurĂŒck, um sich dann umso radikaler auf das Entstandene zu stĂŒrzen. Die Kritik hat Kriterien, zum Beispiel das einer Wesensverwandtschaft mit der von Inoue Yu-Ichi intuitiv erfassten Bedeutung des Wortes und seiner Ă€sthetischen Lebenskraft. Schwache BlĂ€tter werden wohl gleich vernichtet, so wie man frĂŒher behinderte Babies nach der Geburt erstickte. Ich frage mich, wo in diesem Atelier ĂŒberhaupt Raum fĂŒr die Lagerung war.
Was bedeuten Yu Ichis BlÀtter in einer Kunstgalerie und an einer westlichen Zimmerwand?
Die kulturelle Schranke ist erheblich. Uns fehlt der unmittelbare Zugang des Schriftkundigen, die erlebte Evidenz. Die Zeichen leuchten nur mittelbar ein, vielleicht sogar stĂ€rker ĂŒber die Vermittlung Yu Ichis. Schon deshalb hat mich der Film aus dem Atelier stets mehr beeindruckt als die Bilder.
FĂŒr Fans könnte es ein Fetisch sein, ansonsten ist es eine einzelne Station im Leben eines fremden Menschen auf einer fernen Insel. Ein Zeugnis, geglĂ€ttet, montiert und gerahmt, ansonsten unverfĂ€lscht.
Ein solches Bild suggeriert eine Ruhe und Gelassenheit, manchmal eine BlÀsse und eine neue KonventionalitÀt, wie sie alles bereits oft Wahrgenommene annimmt.
 Im Oktober 2012 nach Ausstellungsnotizen von 1995 geschrieben.
Aktualisierung 21.4.21
Erschienen ist 1995 ein eingehender und schöner Katalog (Yu-Ichi Hin, Schirn Kunsthalle 1995, der den aktuellen Preis im Netz (etwa 24âŹ) wert ist (5x bei JustBooks.de) und zwei richtig bibliophile BĂŒcher. Die 30minĂŒtige Filmdokumentation „Yu-Ichi Writing Works 1955-1985“ finde ich leider nicht auf youtube, dafĂŒr verkĂŒnstelte PrĂ€sentationen mit japanischer Kuratorenstimme ĂŒber einer ‚GymnopĂšde‘ von Eric Satie (LINK) oder mit flotter „Oscar Peterson“ Piano-Untermalung (LINK). Nicht, dass man dabei nichts lernen könnte, etwa was es heiĂt. „…ins Erbe aufgenommen“ zu sein oder allgemeiner ĂŒber die „Internationalisierung Japans“. Viel SpaĂ!
Flyer des Museums fuÌr Kunsthandwerk ( heute: MAK) Okt. 1995

Yu Ichi – PortrĂ€tfoto (unbeschriftet) 19,5 x 18 cm auf Styropor, aus dem Museum fĂŒr Kunsthandwerk MAK