Nächtliche Gedanken: Wozu überhaupt Kritik an den alten Völkerkundemuseen? 

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Sie haben doch Ausstellungen auf den Weg gebracht, didaktisch wertvoll! Das Publikum war weder schulisch besonders vorgebildet, noch anspruchsvoll. Dafür brauchte man nicht die –zigtausend Asservate in den Depots! Um deren geheime Botschaften kümmerte sich die Kulturpolitik sowieso nicht. Was darin ’rüberkommen sollte, hing von anderen Kriterien ab.

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Und dann erst das Material, fast undokumentiert, ohnehin zusammengestohlen oder -geramscht! Oft auch noch kriegsbeschädigt. Eigentlich unzumutbar. Ja, wenn vor fünfzig Jahren der heutige rigide Kanon der Wissenschaftlichkeit geherrscht und auf Seiten der Kolonisierten die Chance bestanden hätte, publikumswirksam Forderungen zu stellen, wenn auch auf einem Nebenschauplatz!

Was zeigen die ersehnten „Objektbiografien“ bisher? Entweder dokumentierte ‚Beutekunst’ oder totale anonyme Finsternis.

So wie im modernen Kunsthandel, behielt doch jedes kleine Rädchen in der Handelskette sein Wissen für sich. Und welchen guten Grund sollten sie haben, Leuten aus der Sippe der Eroberer über ihre sakralen oder neu-sakralen Kontexte reinen Wein einzuschenken? Wir Europäer bringen ohnehin die elementaren Voraussetzungen nicht mit, wir müssen sie uns über unser ‘Großhirn’ aus der wissenschaftlichen community aneignen. Und die ist ja wohl das Gegenteil einer unter dem Diktat der Natur funktionierenden sozialen Gruppe.

Wir brauchen uns gar nicht erhaben zu fühlen. Wir gehen ins Frankfurter Städel oder in die Schirn, und stellen fest: Für westliche Künstler ist die Frage nach der künstlerischen Intention unter ihrer Würde, sie überlassen die Antwort ihren Agenten oder als Outsourcing den Kuratoren, darauf spezialisierten Kunstwissenschaftlern.

Ich will mehr über dummerweise erworbene konkrete Objekte aus mehr oder weniger ausgestorbenen oder ausgelaugten Kulturen wissen, aber der öffentliche Diskurs dreht sich entweder um spekulative Bewertungen oder Eigentumsverhältnisse und Nutzungsrechte.

In hölzernen (oder auch marmornen) ‚Kunstwerken’  sahen traditionelle Gesellschaften, ob Hellas oder Schwarzafrika,  nur „Handwerk“, das ökonomisch und auf anständige Weise größeren Zusammenhängen zu dienen hatte, etwa einem Fest, einem Kult oder einer höfischen Repräsentation. Wie sollten diese Werke durch die Versetzung in ein fremdes – westliches – Milieu ihrer subalternen Lage entkommen können?

Man hat in Europa alles versucht: totale Reinigung, Umpatinierung, Sockelung, professionelle Beleuchtung, Fahndung nach der Geburtsurkunde, Beschwörung durch professionelle Laudatoren, Kanonisierung, Multiplikation durch Publikation. Und in den Herkunftsländern durch eine schon manieristische Verstärkung erfolgreicher formaler Qualitäten der Produkte.

Ihren Makel der Herkunft werden sie nicht los. Erst recht wirkt der hinaus posaunte ‘Rang’ unglaubwürdig vor dem Hintergrund der verelendeten Herkunftsmilieus.

Dass  die zufälligen Umgebungen hier wie dort konservatorisch als ungeeignet gelten, dass Schwundrisse und Insektenfraß ständig ihre materielle Substanz nicht nur bedrohen, sondern real beschädigen und Restaurierungsmaßnahmen provozieren, schadet dem Ruf der Objekte und dem für sie erhobenen Anspruch, in die fiktive “Schatzkammer der Menschheit“ aufgenommen zu werden.

In Wahrheit füllen immer noch Machteliten ihre Salons, ‘Kabinette’ und Tresore mit ‘Raritäten’. Die wirklichen Kulturschätze der Menschheit waren immer diskret, aber weit verbreitet und ‘selbstverständlich’. Sie bestanden und bestehen aus flüchtigen ‚Materialien’ wie Versen, Gesängen, Spielen, Rhythmen, Bewegungsabläufen, Mustern, Farben, Kochrezepten, handwerklichen Fertigkeiten und so weiter. (Auch die katalogisiert man heute schon, weil es sonst keinem auffällt.)

 

 

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