Alle über Schopenhauer. Gerd Haffmans Lesebuch

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Wir sollten ihn fortan Arthur nennen, nach dieser wunderbaren Zusammenstellung von Gerd Haffmans bei Diogenes: ‚Über Arthur Schopenhauer’, detebe 153, 197.

Die ‘Essays’ wie Nietzsches oder Horkheimers kenne ich schon. Ich lese in den ‚Zeugnissen’. Es sind zugleich Zeugnisse, die man ihm ausstellt. Dabei sind Entdeckungen unter den Autoren zu machen: Kierkegaard, K.Fischer, Mauthner u.v.a. Zu den Entdeckungen gehören auch die Umstände, Interessen und Beschränkungen – etwa solche der Aufmerksamkeit, welche die jeweilige Lektüre bestimmen.

Habe eben gerade Kuno Fischer, den Philosophiehistoriker um die Jahrhundertwende mit der frischen Sprache gelesen! Die Spannung zwischen Arthurs Werk und Leben ist ein Hauptthema. Kuno gelingt es, sie dem „Künstler“ zu konzedieren, ohne ihn in seiner Pose allzu ernst zu nehmen: „Er war einer der glücklichsten Menschen , die je gelebt haben und er war der Güter, die er besaß, sich wohl bewusst.“ (192) Doch, „es war seine ernste und tragische Weltansicht, aber es war seine Ansicht, Anschauung, Bild. Die Tragödie spielte im Theater, er saß im Zuschauerraum auf einem höchst bequemen Fauteuil….“ (190/91).

Kierkegaard stellt in strengem Ton fest: „Er ist weder wirklich Pessimist, noch ist er ganz frei davon, selber ein Sophist zu sein.“ (183) Hier spricht der Protestant und begründet sein Urteil, nicht ohne persönliche Betroffenheit.

Ich betrachte mich von außen, sehe mich die ganze Zeit über selber Reaktionen zeigen, wie sie bereits seit hundertfünfzig Jahren zu Protokoll gegeben worden sind. Für Kenner wie Urs App werden meine Texte Unterhaltungswert haben, vielleicht auch anrührend wirken, zumal ich die Reaktionen authentisch formuliere. Thomas Regehly wird einfach nichts Neues darin sehen.

Heute nur eine Beobachtung bei Kuno Fischer. Sein Porträt Arthurs hält auch mir den Spiegel vor, was mein glückliches Leben angeht. Er hat mich damit nicht wirklich überrascht, weil ich aus Erfahrung einen „Helden seiner Philosophie“ mit Skepsis betrachte. „Er spielt seine Kraftstücke (…); er ist von den Leiden der Welt so erfüllt, dass er in diesem Augenblicke selbst leidet (…).“ Ich kann selbst ausgezeichnetem Rollenspiel immer nur begrenzte Zeit etwas abgewinnen.

Am folgenden Tag: Fritz Mauthners Zorn über Kuno Fischer macht mich im ersten Moment ganz betroffen, aber am Ende können dessen Sätze als geniale Karikatur stehen bleiben. Die Hintergedanken vermag ich aus der Ferne nicht zu beurteilen, immerhin hat er Schopenhauer als erster eine Monografie in der Reihe großer Philosophen gewidmet. Mauthner gesteht im Text freilich auch eigene Interessen und Animositäten gegen bildungsbürgerliche Philister als Philosophie-Historiker ein. Mauthner ist für mich – dank Wikipedia – eine Entdeckung: Schüler von Mach, offensichtlich auch Inspirationsquelle für Blumenberg, doch seine Position zu Schopenhauer ist zwiespältig: Im Kontext  der Religionsstifter wie etwa Mohammed  führt er als hohen Wert das Bild der Welt verändern helfen (213) ins Feld. Solchem Heroismus, wie ihn dieser Denker, mit Mach am Umsturz der Physik und an der Psychophysik beteiligt, entwickelte, mag ich mich nicht anschließen. Verändern ist als Wert an sich gründlich desavouiert. Die Welt hat im 20.Jh. eigentlich genug davon genossen, und es kommt ja noch schlimmer.

Wenn schon ein Programm, dann das einer Kongruenz zwischen Theorie und Lebenspraxis – oder die persönliche Scham über eine Dissonanz, wie sie die westliche Konsumgesellschaft uns vorzeichnet.

12./13.8.2013 (Im Garten auf dem Land geschrieben – Spürt man das?)

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