Brief nach dem versäumten Termin

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lieber Thomas Regehly,

Ich habe das 2. und 3. Kapitel gelesen. Kein leichter Stoff, erst Recht nicht für die wilde Galerie-Truppe. Urs App durchpflügt den Boden, aus dem Schopenhauer wuchs, wie ein – Verzeihung! – emsiger Regenwurm. Ich kann da manches nur zur Kenntnis nehmen.

Thematische Bezüge stellen sich noch nicht spontan ein, obwohl mir dieses Zeitalter, um das ich eher einen Bogen gemacht habe, immer interessanter wird, wegen der Vermischung unterschiedlicher Traditionen mit naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Die Fragen erscheinen unbeholfen, die Antworten unzulänglich – sie sind es wahrscheinlich heute noch.

Rothe konnte mir heute nichts Konkretes über die vergangene Sitzung sagen, außer dass man wieder kaum zu Schopenhauer gekommen sei. Zacharias Werner mit seinen schrecklichen “Schicksalsdramen”, über den er als Germanist mehr zu sagen wusste, sei nur am Rande erwähnt worden. Was war Ihre ursprüngliche Linie? Schicken Sie mir ihre Vorbereitung wie versprochen?

Das 3.Kapitel ist für mich noch spannender, so wie App aus naheliegenden Zeugnissen die Studienerfahrungen Schopenhauers rekonstruiert, wie er einen Bildungsroman aus dem Angebot, Schopenhauers Kommentaren und seinen eigenen Beobachtungen webt.

Und seine Eingangsfrage: “Warum hat Schopenhauer eigentlich Philosophie studiert?”

Fossilien und Magnetismus sind attraktive Themen. Ich bringe eins, zwei Fossilien mit zum Anfassen dieses Wunders, denn was ist nicht alles von der Erdoberfläche verschwunden! App schreibt Entdeckungsgeschichte. Man muss sie nur als solche lesen.

Ich habe seinerzeit in Frankfurt ein paar Semester Hegel studiert, aber nicht Schelling. Besonders fesselt mich nun die Weggabelung S.49. Schopenhauer nimmt den Weg eines zugleich weltläufigen (Reiseerfahrungen) und geerdeten jungen Menschen, der zum Beispiel weiß, dass er nicht zum Mystiker geschaffen ist und es sich nicht einredet. Ein nüchterner Kopf. S. 50f.

So, das geht mir durch den Kopf. Es ist ja auch noch Zeit. Ich würde Sie gerne darin unterstützen, dass wir an den nächsten Abenden Kurs halten. Rothe hat doch Recht, wenn er sagt, er “möchte mehr über Schopenhauer lernen”! Und ein Buchkapitel ist etwas anderes als ein allgemein formuliertes Thema, wofür wir uns ja auch hätten entscheiden können.

Kurs halten. Ich sehe nicht, dass das in der Praxis einfach zu bewerkstelligen wäre. Wir wollen uns ja nicht Maulkörbe aufsetzen. Die Freiheit macht den Charme der Veranstaltung aus, zum großen Teil. Also, ich überlege auch noch. Etwa ein Impulsreferat 10′ Ihrerseits ? Dann: Was uns anderen beim Lesen auffiel ?

herzlichen Gruß      Detlev von Graeve    (Mail um den 12.3. herum)

 

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