Als Querdenker am Jour fixe 26.5.11

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In der Galerie, die Stühle im Kreis locker um einen Tisch geschlungen wie eine Perlenkette, Wir (ich) von Weißwein beflügelt, und am Ende verabschieden wir uns mit Handschlag. Regehly verabschiedet mich mit verdoppelter Herzlichkeit, ich habe ihm eben sehr geholfen. Die ganze Diskussion aber auch mir. Man hat toleriert, dass ich manchmal  mich noch auf das Ende einer Wortmeldung draufsetzte und auch offen Widerspruch anmeldete. Ich entwickelte dabei eine gewisse Leidenschaft, die ich vor mir mit dem Wert oder gar der Notwendigkeit der Intervention  rechtfertigte. Ich sprach in der Runde frei und kontrolliert wie schon lange nicht mehr.

Das Resumee der Beziehung des Marx(ismus) zu Schopenhauer droht wieder in die ausgefahrenen Spurrillen zu geraten: („vierzig Jahre Zeit gehabt“, blablabla…) ich fahre dazwischen. Prompt weckt das auch bei anderen entsprechende Informationen. Die drei Alten haben es schwer mit ihrer doppelten Ablehnung: der aktuellen Verhältnisse und des real-existierenden Sozialismus, die noch als Reflex in ihnen steckt.

„Warum wurde Schopenhauer kein Marxist?“ fragte H. zugespitzt. Ich hebe wieder auf die traumatisierende Erfahrung der Jakobinerherrschaft für das Bürgertums im 19.Jh. ab, speziell auf niedere Instinkte und die brutale Rechtlosigkeit, für Sch. sicher ausschlaggebend ( ich denke wohl an den „Maulkorb“), er könne nicht solche Mittel für die guten Zwecke billigen.

R: für Sch. gebe es kein Subjekt der Geschichte, also keine Klassengesellschaft

R. brachte die „Heilslinie“ und die „Unheilslinie“ (z.B. bei Lukasz) ins Spiel. (Solche Bücher gehören eingestampft, auch Jüngers „Der Arbeiter“ (1932) – von R. am Ende in die Diskussion gebracht – denn „der Ton macht die Musik … Der Arbeitsbegriff ist explodiert…. Dann ist auch  Auschwitz  Arbeit“.

(Auch die Frankfurter Schule arbeitete mit solchen Linien, was ich am  – von R. in den Himmel gelobten – Alfred Schmidt mit eigenen Ohren feststellen konnte, der rhetorisch über den Sumpf der ordinären Geschichte stakste, von Kant über Schelling und Hegel zu Schopenhauer, Marx, Freud .. zu Horkheimer  auf geistesgeschichtlichen Stelzen, die ihm mittlerweile (80) an- und eingewachsen sind.)

Der „Segen der Sünde“ (Nietzsche) Luxus

Galerist Rothe sitzt noch in hohem Alter dem gängigen Vorurteil über vorstaatliche Kulturen auf  – demontiere ich zusammen mit R., auch mit anthropologischer Konstante des Schmuckbedürfnisses, mit Epos, Ritual, Liedern und den Sammlungen ethnologischer und archäologischer Museen. Nur weil wir im Luxus existieren, muss der ja nicht Kulturbringer sein.

Herzstück war die Erörterung der Begriffe „Tätigkeit“, nichtentfremdeter und entfremdeter „Arbeit“ sowie der „Beschäftigung“

„Entfremdung“ musste erst einmal von der gedankenlosen Verbindung mit körperlicher Anstrengung  gelöst werden und ihr Gegenteil von Kunst und Wissenschaft. Flussers „Funktionär“ kommt bei R. gut an.

Schopenhauer  hat in seinen Jugendnotizen (26 J., 1814) fantastisch formuliert, viel reifer als Marx (an der berühmten Stelle, die ich in Erinnerung bringe), der R. darin „an ein gelangweiltes Kind“ erinnert. Überhaupt Langeweile!

Arbeitszeitsverkürzung:  Ich verwandele den „Vorhang vor dem Nichts“ Beschäftigung. Rothes wichtiger Beitrag: „Man kann mit Stricken die Hände beschäftigen (spontane Assoziation), aber das Fernsehprogramm ist unbefriedigend, man liest ein unterhaltsames Buch, aber man kann die schweren Gedanken nicht vertreiben, die Sorgen,  man ist unruhig, weil man etwas knabbern oder trinken möchte….“

„Wir verbergen nicht das Nichts vor uns, sondern jeder anders je nach Lage, Information, augenblicklicher Verfassung. … ist auch eine Frage der Zumutbarkeit.“ R. unterstreicht das.

Die erkenntnismindernde Rolle der rhetorischen Figur „Wir“ sollte ich einmal näher untersuchen. Den Impuls dazu gab mir schon Flussers ausgiebige Verwendung!

 

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