Liebe und Einung in Kapitel 7 und im Vorgriff

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Beginnen wir beim Leichtesten:  Mein vorherrschender Eindruck bei der Lektüre ist, dass damals ein buchstäblicher Run auf den Ursprung stattfand, leidenschaftlich wie der europäische Run auf die Pole! Die letzten Reservate der Philosophie, die letzten Geheimnisse der Existenz zu lüften. Entdeckungen waren zu machen! Globalisierung ereignete hier sich auf eine unerwartete Weise: Das aus orientalischen Lehren kompilierte, ja destillierte Buch Oupnek’hat traf im Westen auf drängende Fragen des philosophischen Selbstverständnisses und der allgemeinen Sinnsuche, die nach einer Tiefendiagnose verlangte.

Bemerkenswert finde ich, dass Schopenhauer im Anschluss an westliche Mystiker und den Vermittler Anquetil die asiatische Botschaft in ihrem vollen Umfang aufnahm, in der Identität von Erlösung und Erkenntnis, nicht etwa bloß als einen erkenntnistheoretischen Weg. (vgl. 174f.) Das weist Urs App nach. Schopenhauers Interpreten schienen das lange nicht wahrhaben zu wollen. Auch Safranski nicht. Der schließt kurz: „Er will eine eigene Sprache finden. Er arbeitet sich daran ab, seine Philosophie im Horizont der abendländischen Philosophie zu entwickeln.“ „Seine junge Willensmetaphysik soll ihnen Schopenhauers Autonomie gegenüber Einflüssen bewahren, die nur „gleichsam illlustrierend“ (Safranski: 305*/App: 158) geltensollen. App spricht von nachträglichem „Andocken“ (169)  beziehungsweise „Bestätigung“ (Safranski: 305; auch App für das Jahr1815, vgl. App178-180). Man hat freilich nicht wie App den handschriftlichen Nachlass minutiös mit demOupnek’hat abgeglichen und registrierte nur die oberflächlich sichtbaren Anleihen und Hinweise.

Bleibt für mich dennoch die Frage: Was macht der Milieuwechsel des Oupnek’hat  aus der Welt der Asketen und Mystiker in eine der wissenschaftlichen und Industriellen Revolution mit den Ideen? Sie werden zu Wertstoffen, die eine unwiderstehliche Strömung aus allen Winkeln der Erde für das westliche Projekt universalen Fortschritts ansaugt.

Wenn Schopenhauer aber doch nur wissen wollte?

„Ihr werdet sein wie Gott!“ war die Botschaft der jüdischen, abendländischen Tradition. Schopenhauer war kein indischer Mönchsschüler, kein persischer Hofgelehrter, kein Asket in seiner Abgeschiedenheit. Er wollte öffentlich bestallter Professor an einer modernen westlichen Universität sein und er wurde Autor unter den Bedingungen des modernen Verlagswesens. Er gehört also zu uns, auch wenn er aus exotischen Quellen schöpft.

Doch wer sind wir?

Hat vielleicht „das Weiche das Harte besiegt“? wie Bertold Brecht im Gedicht überLaozi (Lao tse) sagt? Entspringt meine Fragestellung bloß einem Gefühl der Kränkung darüber, dass in der westlichen Welt seit den zwei Weltkriegen nichts mehr funktioniert wie vorher? Weder die Zugangskontrolle, noch die Immunabwehr, am ehesten noch Integrationsfähigkeit und die Attraktivität?

                                                   

Wie liest sich das Buch?

Am schwierigsten ist für mich der Aufbau der Darstellung: Thema und Variationen. Die Zahl der Themen, der beobachtbaren Details, der Namen und verwendeten Begriffe wird immer kleiner. Das Format der Überraschungen und Ergebnisse auch. Es ist ein wenig wie beim Verspeisen eines Krustentiers oder einer Artischocke.

Warum lesen wir dieses anspruchsvolle Buch weiter? Was hält uns bei der Stange?

Nun gut, die Aussicht auf den nächsten Diskussionstermin. Doch was ist eigentlich der Gewinn aus diesem Buch?

Wir kommen der Person Schopenhauers näher, deren Gedanken uns persönlich etwas bedeuten. Wir erleben nach, wie Arthur undurchschauten Einflüssen ausgesetzt war und intellektuell zum Schwimmen gezwungen war wie wir selber. AlsSchopenhauerianer natürlich gegen den Strom. Wir können auch Urs App beim Schwimmen zusehen und ihn ein Stück weit zum Vorbild nehmen, sein Engagement, seine Redlichkeit, seine Aufmerksamkeit. Das alles ist ein Wert an sich. Das Buch kann dazu beitragen, das menschliche Antlitz Schopenhauers wieder für ein paar Jahrzehnte zu retten, bis es vielleicht zur Fratze einer Monumentalfigur des Weltkulturerbes mutiert, eine sich andeutende Ersatzreligion der Eliten.

Doch ich sehe einen weiteren Grund. Was Rüdiger Safranski über die „sehr ausführlichen Manuskriptbücher dieser Jahre“ sagt, gilt gerade auch für Urs Apps Studie:

Hier ist Schopenhauers Denken in einem anderen Aggregatzustand greifbar: als suchende und existentiell engagierte Denkbewegung, die noch nicht im konstruktiven System geschlichtet und besänftigt ist. Das Werk will Probleme lösen, das Manuskriptbuch lässt den existentiellen Sinn der Probleme hervortreten. Das Manuskriptbuch enthält die in Leib und Leben verwickelten Fragen, auf die das Werk die Antwort sein will.“ (296) – Ja, Antwort sein will. Urs App erspart uns das mühsame, wenn nicht aussichtslose Bohren dicker Bretter im System, um zum „Kern“ des schopenhauerschen Denkens durchzudringen.

Wie schwer das selbst für Experten ist, zeigen ja die zitierten Missverständnisse (App158f.).

Wenn Schopenhauer sich „daran ab(arbeitete), seine Philosophie im Horizont der abendländischen Philosophie zu entwickeln“, so haben wir heute unsere Probleme mit diesem Horizont, wenn wir uns nicht darauf spezialisiert haben. Gerade Schopenhauers Bemühen, seine Darstellung „mit den Systemen der Größten seines Fachs in Zusammenhang zu bringen“ (169) erschwert dem Leser die Aufnahme. „Konstruktive Systeme“ sind Gegenstände für Experten geworden.

Meine Frau fragt mich nach der Aktualität des schopenhauerschen Denkens. Ich antworte heute: Solange existentielle Fragen gestellt werden, die ja auch religiöse sein können, solange Menschen  ihr „Menschsein in seinen grundlegendsten Dimensionen: Lebenwollen und Leiblichkeit“ (152) hinterfragen, solange ist dies Denken aktuell, aber am ehesten im „Aggregatszustand“ der „engagierten suchenden Denkbewegung“, worin „die innere treibende Kraft“, „das Herz“ dieses Denkens – und warum soll man nicht sagen: dieses Menschen – sichtbar wird.

Die „suchende Denkbewegung“  als „Aggregatszustand“ des philosophierenden, aber auch wissenschaftlichen Denkens ist unvermindert  aktuell, ja unverzichtbar. Ganz einfach ist auch sie nicht zu bewerkstelligen. Darum brauchen wir einen ortskundigen Lehrer, einen wissenschaftlichen Kommentator, der uns Leser in unübersichtlichem Gelände an die Hand nimmt. Da stehen etwa Erklärungen, die „keine Lehrsätze, sondern Versuchsballone“ sind (170), „Kopplungsversuche“, „Andocken“, strategische Versuche, seine neue Lehre mit bereits anerkannten Systemen in Verbindung zu bringen. App warnt den Leser, „sehr vorsichtig zu sein, wenn man spätere Kommentare Schopenhauers zur Erklärung früherer Sachbestände beiziehen will.“ (177) Wie will der Laie das Gestrüpp durchschauen? Wie notierte an einer Stelle Schopenhauer? „Aus dieses Thales Gründen/ Wird ich den Ausgang finden?“ (HN276,171)

Und unseren erfahrenen Begleiter dürfen wir ja immer zugunsten der Originalquellen und neuer Ratgeber verlassen.

Safranskis Biografie hat für das Kernthema zwar nur begrenzte Aufmerksamkeit, wirbelt locker durch die Handschriftlichen Manuskripte, schaut aber für die betreffenden Jahre auch auf andere Seiten in Schopenhauers Leben. Die Beziehung zu Goethe wird nicht so sehr von asiatischen Gemeinsamkeiten, sondern von der Entzweiung über die „Farbenlehre dominiert. „Dresden“ ist eine von der französischen Einquartierung und längerer Belagerung gezeichnet, als Schopenhauer für vier Jahre hier Wohnung bezieht. Er lebt „mit seinen Büchern und Studien … fast gänzlich isoliert und ziemlich einförmig“ (295). Seine öffentlichen Auftritte sind „von offenherzigster Ehrlichkeit“. Er ist „herb und derb, bei allen wissenschaftlichen und literarischen Fragen ungemein entschieden und fest, Freund und Feind gegenüber jedes Ding bei seinem rechten Namen nennend, dem Witze sehr hold…“ (292). Anders als Urs App, porträtiert Safranski auch K.C.F. Krause, einen Nachbar Schopenhauers ab November 1815, Indologe und Meditationsübungen praktizierend. (303) Für App ist dieser Mann nicht so interessant, weil zu dieser Zeit Schopenhauers System bereits gefestigt sei (180). Den Sinn für das Meditieren beziehungsweise „die Kontemplation“ (177) schreibt er auch Schopenhauer zu.

Bilanz?

„Die Welt als Wille und Vorstellung“ ist so etwas wie ein weit verzweigtes Schloss. Der selbstbewusste Schlossherr führt nach Abschluss aller Arbeiten den geduldigen (undnur den! Siehe seine Vorrede) Leser durchs Haus, selbstverständlich auf einer Route, die seinem wunderschönen Plan gerecht wird. Er empfiehlt, gleich eine zweite Führung zu buchen.

Urs App jedoch erklärt uns stattdessen den Fortgang auf der Baustelle. Wir bekommen alle möglichen Provisorien und Korrekturen, auch Geheimtüren zu Gesicht. Ob wir die Baustofflieferanten oder die Qualität der verwendeten Materialien so penibel erfahren wollen? Wir sind weder Architekten, noch Ermittler der Versicherung oder anderer Behörden. Doch wir haben nichts anderes, sondern können nur an unserem eigenen Blick auf die Veranstaltung arbeiten, ihn adaptieren, wie wenn wir am Strand Muscheln und Fossilien suchen, ganz extrem an einem Kiesstrand. Oder wie es Archäologen und Geologen tun, zumal Urs App die Baustelle in Wahrheit bloß rekonstruiert hat. Es ist eine virtuelle Baustelle.

Fragen wir uns nach den eigenen Motiven!

Kommen wir aus Anhänglichkeit zum Jour Fixe ? Es wäre nicht das schlechteste Motiv!  Denn man könnte es immerhin beim Vorwissen gut sein lassen und stattdessen etwa meditieren oder  Musik hören –  oder Wein trinken.  Die Frage ist: Worauf sind wir neugierig?

Frankfurt/Main, im August 2012

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie – Eine Biografie,  rororo 12530, (1990) 1998

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