Deutsche Sammler sind eingeschüchtert, behaupte ich ‘mal.

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März 2019

Eingeklemmt zwischen Fälschung und Restitutionsdrohung

Dies ist eine späte Reaktion auf einen Vortrag von Hans-Jürgen Rielau (2008, Link zu „About Africa“) und einen Kommentar von  Ingo Barlovic „Unter Generalverdacht“ in der ZEIT (Nr. 1, 11.1.2019 S. 36)  (LINK)

Bisher litt man vor allem am Problem der Fälschung – obwohl man selbst vermeintlich erkannte Fälschungen gern „bei einer Galerie in Zahlung“ (Rielau-Vortrag 2008) gab.
Dies beiläufige Eingeständnis unterspült im Grunde Rielaus ermüdende Litanei  bürgerlich respektabler Provenienzen in  seinem ansehnlichen coffee-table-book “Afrikanische Miniaturen – Erinnerungen eines Sammlers” LINK, Es sind immer nur die üblichen ‘unverdächtigen’ Galerien oder eben Künstler, denen er wohl ein magisches Auge unterstellt. Darüber hinaus  scheint mir die übertriebene Wertschätzung fürHans Himmelheber und Karl-Ferdinand Schädler und  als Autoritäten für eine ganze Generation typisch.
Hans Himmelheber war – mit Verlaub – aus der Provinz nach Paris und in die französischen Kolonien gekommen. Ja, er interessierte sich für die afrikanischen Handwerker und ihre Werkstätten, er würdigte „die Neger“ sogar durch Namensnennung. Doch lässt sich das nicht auch als ‚normales Verhalten’ ansehen? ‘Rassismus’ war auch in den dreißiger Jahren keine einem jeden totalitär aufgezwungene Perspektive! Jeder kannte in Europa Handwerker in der eigenen Nachbarschaft oder Verwandtschaft, selbstverständlich ohne ‘höhere’ Bildung. Das machte einen doch noch nicht zum unantastbaren Kenner afrikanischer Kunst!
Karl-Ferdinand Schädler stilisiert sich (“Kunst&Kontext 2/2013 S.78-81”; LINK)  in Rede und Gegenrede mit Redakteur Schlothauervor den Lesern der Mitgliederzeitschrift geradezu aggressiv. Als gereizter Platzhirsch der Gutachterszene, zugelassen bei der Industrie- und Handelskammer und fixiert auf “Fälschungserkennung” durch detektivisches Gespür. In der “Echtheitsdefinition” scheint er bei Carl Einsteins expressionistischen Phantasien  (1914) stehen geblieben zu sein, und was “die stilistische Beurteilung durch einen Fachmann” – hot oder Schrott – angeht, will er sich schon gar nicht mehr rechtfertigen müssen: “Die Erfahrung hierzu kann man leider nicht ‘so nebenbei’ erwerben.” – Sachliche Einwände des Redakteurs prallen zu verschiedenen Gelegenheiten von ihm ab. Moderne internationale kunstethnologische Literatur, womöglich aus Amerika, hat er offensichtlich nie zur Kenntnis genommen. Sein bevorzugter Sammlertyp ist “unsicher”, er hat die “Kapitalanlage” im Kopf (Rilau, K&K 2/2012), hat keine Zeit, möchte “erstklassige Werke” erwerben und nicht durch “immer besser(e) Fälschungen sein Geld verlieren”.
Danke, Herr Schädler für die unerwartet ergiebige Selbstdarstellung!
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Jetzt aber zittern Sammler vor den Risiken der Restitutionsdebatte. Ingo Barlovic muss sie – nicht anders als verängstigte Investoren – in der ZEIT beschwichtigen:
Sammler sollten jetzt vor alle einen kühlen Kopf bewahren und mittel- bis langfristig denken.“ Barlovic meint damit „deutsche und französische Sammler, weniger belgische“, und hält ihnen als Trost vor Augen, dass „Werke im High-End-Bereich (…) in deutschen Sammlungen ohnehin kaum zu finden“ seien. Er empfiehlt, „noch stärker auf Qualität (zu) setzen, die derzeit günstig zu haben ist.“
Was für ein Elend auf welch’ hohem Niveau! Und wer denkt dabei an die Händler, an die afrikanischen und die wenigen für Qualität einstehenden Galerien?

Deutsche als Afrika-Sammler

Als Außenstehender mit historischer Ausbildung gewinne ich den Eindruck, dass in Deutschland eine ganze Generation von Afrika-Sammlern sich von eingeredetem bösen Zauber hat verängstigen lassen.
Bei unseren westlichen Nachbarn kamen aus naheliegenden Gründen viele Menschen nach Afrika – Frankreich führte bis 1961 einen verbrecherischen Kolonialkrieg, Portugal gar bis 1974. Im Deutschen Reich beschränkten sich die Gelegenheiten im Rahmen der Weltkriege auf dämonisierte Besatzungssoldaten und Kriegsgefangene und auf „Völkerschauen“, welche heute von historischen Analphabeten als schlimmes Teufelszeug entdeckt werden.
Da man als Deutscher seit mehreren Generationen in Afrika nicht mehr kolonial und kaum noch neo-kolonial regieren und wirtschaften konnte – erst in den letzten Jahren geben multinationale Konzerne der Jugend wieder die Chance dazu – kamen Deutsche vor allem als Entwicklungshelfer nach Afrika. Das hieß, mit den Ideen von „Gutmenschen“, soweit sie als Techniker überhaupt dazu fähig und vom Scheitern auf der praktischen Ebene nicht allzu tief enttäuscht waren. Denn sie hatten sich wie ihre Auftraggeber nie gefragt, ob die Einheimischen die übergestülpten Wohltaten überhaupt adoptieren wollten (gez) oder ob in höheren Sphären vielbeschäftigte afrikanische Politiker sich für den Rat eingeflogener Berater (gtz,gez) überhaupt interessierten, die – wie sie selber – sichtlich ihre Privilegien genossen und ihren Job machten.
Am glücklichsten waren und sind bis heute Künstler im Gefolge eines nachgeholten französischen und belgischen „Primitivismus“ (Rubin, 1985). Sie konnten und können sich immer wieder inspirieren lassen.

Tücken des Sammelgebietes

Das Sammeln afrikanischer traditioneller Kunst im weitesten Sinne hat seine Tücken, aber die bestehen am wenigsten darin, wer nun der Auftraggeber eines Objekts war und was das für die Herstellung bedeutete, ob zum Beispiel der Handwerker die Fertigstellung übernahm – für den dörflichen Auftrag – oder ein Zwischenhändler, der das Stück für die europäische Kundschaft bearbeitete, im Normalfall also ‚alterte’.
Bekanntlich  haben Europäer  einen oberflächlichen „Zivilisationsprozess“ (Norbert Elias, Foucault) in Richtung Allergie-Bildung vorzuweisen! Zum Beispiel darf nur eine Minderheit der Sammler überhaupt ungereinigte Fremdheit nachhause bringen in einen von der Hausfrau tolerierten toten Winkel der Immobilie. Übrigens verhält sich auch die neue ‘Bourgeoisie’ in Afrika sich nicht nennenswert anders.
Englische und holländische Wirtschafts-Unternehmen praktizierten über Jahrhunderte das „Customizing“, also die „Anfertigung nach Kundenwünschen“ für den Atlantikhandel. Heute ist Auftragsfertigung globaler Standard. Und afrikanischen Handwerkern wollen wir das verwehren?
Als deutscher Sammler zu den bewunderten Nachbarn in Paris oder Brüssel zu pilgern, hilft nicht wirklich. ‘Provinzler’ waren bereits im 19. Jahrhundert des Second Empire und der Weltausstellungen dafür bekannt, sich prächtig ausnehmen zu lassen. Die einschlägigen Galerien und die klassischen Autoren – wie Francois Neyt oder Raoul Lehuard – halten seit über einem Jahrhundert am ererbten Geschäftmodell fest, das sich an einer kolonialen Strategie orientiert. Im Klartext: Man musste die Menschen etikettieren, also „Völkerstämmen“ zuweisen und kann darauf dann einen ethnischen „Stil“ projizieren.
Locker gefügte, aber ‚stilbildende’ Reiche wie die der Bakongo, Chokwe, Bakuba oder Baluba waren dafür ideal, aber ebenso kulturelle Reaktionsbildungen widerständiger kleiner Völker wie die Mbole, Lega oder Salampasu, und nicht zu vergessen die Hersteller anerkannter Fetische wie die Songye. In Wirklichkeit herrschte seit jeher im Afrika südlich der Sahara eine nicht nur geistige Promiskuität: „Man aß man aus einem Topf“ (W. Lufudu). Man wanderte zusammen oder zerstritt sich, man hatte eigentlich nie ein Territorium allein für sich, man bekriegte einander, obwohl man sich so ähnlich war und übernahm alles – auch magisch und ästhetisch – was einem nützlich erschien.
Hans-Jürgen Rielau will Sammler locken: Die Entlarvung der Fälscher könne „deutlich reizvoller sein als das Anschauen eines Tatort-Films im Fernsehen“. Soll etwa eine serielle Produktion wie „Tatort“ Vorbild für das Erwerben afrikanischer Objekte sein?  Wäre ein anderes Sammelgebiet nicht viel preisgünstiger?
Kürzlich begegnete mir an einem Marktstand ein alter Herr, der unvermittelt nach der Echtheit der angebotenen Objekte fragte und hinausposaunte, das meiste werde ja „wohl in Hongkong gefertigt“. Von Hongkong hatte er ja wohl auch keine Ahnung, aber er beteuerte, „jahrelang in Afrika gelebt“ zu haben. Auf meinen Einwurf, dass ich bei solchen residents und expatriates noch keine guten Stücke gesehen hätte, brachte er seine „Experten“ ins Spiel, die ihn beraten hätten. Typisch deutsch?

Juli/August 2019

 Der Blick in deutsche ethnologische Museen

Eigentlich sollten sich Sammler wie auch die kommerziellen Galerien gar nicht einschüchtern lassen. Denn bei ihnen zeigen sich noch Wertschätzung und Sorge um das einzelne Objekt. Selbst kommerzielle Investitionen sind noch besser als “Vergessen durch Lagern” oder “Amnesie des Depots” (Sharon Macdonald, zitiert von Jörg Häntzschel).
Angeregt von einer google-Erwähnung meiner Seite „Bei BERGGRUEN : „Afrikanische Werke“ in U-Haft“ (LINK) gerate ich surfend auf der “Google-Suche afrikanische kunst museen deutschland” zur Reportage von Jörg Häntzschel in der Süddeutschen vom 9. Juli 2019: „Ethnologische Museen in Deutschland: Verseucht, zerfressen, überflutet“.
In meinem vorigen Beitrag “Lauter Fassaden in Deutschland …“zitiere ich Passagen aus dem Bericht. (LINK)
Ich habe mich gefragt, wodurch die sorgsam gepflegte Wand des Schweigens  plötzlich durchlässig wurde. Bisher waren Ermahnungen – in Fachpublikationen oder in der Mitgliederzeitschrift “Kunst & Kontext” diskret genug formuliert, um zwischen vollmundigen Verlautbarungen wie etwa der “Heidelberger Stellungnahme” einer “Direktorenkonferenz” im Mai 2019 ( LINK) unterzugehen.
Häntzschels Bericht lässt vermuten, dass erst eine mit den Restitutionsforderungen bevorstehende Generalinventur mit ihrer dann unvermeidlichen Aufdeckung skandalöser Zustände die sorgsam gehüteten Türen der Depots geöffnet und die Zungen der Direktoren und Kuratoren gelöst haben.
Über das “Weltkulturenmuseum” in Frankfurt, das in der Vorkriegszeit noch zur Spitze gehörte, erfährt man hier nichts. Doch vielleicht eignet sich dies Museum aus guten Grund weniger für derartige Enthüllungen, wenn auch ein paar erwähnte Defizite bereits 2002, als ich mit dem Kurator Prof. Dieter Kramer zusammen “Bilder vom Glück” ausstellen durfte (LINK), bereits deutlich wurden, etwa die Fixierung der vorgesetzten städtischen ‚Kultur’behörde auf erwünschte breite Besucherströme. Und die Kuratoren mussten schon damals für Ausstellungsbudgets bei ‚Sponsoren’ betteln gehen, sogar, wie ich erst im Nachhinein erfuhr, für die bescheidene Aufwandsentschädigung eines mitgebrachten kleinen sinologischen Teams. – Wer denkt unter solchen Umständen noch an die Depots. Im Gegenteil: Man kaufte in Frankfurt längst ‘zeitgenössische afrikanische Kunst’ aus kolonialen Malschulen, die egal in welcher Qualität wenigstens neu, ‚engagiert’ und sofort präsentierbar war.
Erst mit der unkonventionellen neuen Direktorin Clementine Deliss, kam die geniale Idee zum Zuge, das gewaltige Depotgut in der Verantwortung des notorisch unterbesetzten Museumspersonals an die ethnologisch laienhafte Kreativität zeitgenössischer Künstler zu delegieren. Sie nutzte dazu ihre internationalen Kontakte. Darf man das bereits als „outsourcen“ bezeichnen? In zweimonatigen Aufenthalten schritten die artists in residence den Kurator(inn)en voraus, degradierten sie zeitweise zu fachkundigen Assistenten (“Objekt Atlas”, LINK). Damit gelang es zugleich, ein neues junges Publikum aus dem Umkreis der Städelschule für trendiges (“vintage”) Depotgut zu interessieren.  Und auch die ihr nachfolgende  kommissarische Leiterin Eva Raabe und ihre Kuratorinnen nützen schwungvoll  das Depot für ihre Ausstellungsprojekte.
Ich habe persönlich diesen Kurswechsel lange verkannt und kleinlich, hoffentlich wenigstens nicht witzlos kritisiert. (“Feldforschung im Museum”, LINK)
Einen weiteren Umstand sehe ich heute anders:
Der von der Stadt Frankfurt – wohl niemals ernsthaft betriebene – über Jahrzehnte in Aussicht gestellte Neubau im Museums im Park hinter den Villen wäre heute auch nicht mehr die Lösung der Probleme des „Weltkulturenmuseums“, sondern im Gegenteil als trügerisch glitzernde Fassade Teil des Problems.
Ich glaube, der Glanz der immer ins Feld geführten großformatigen „Auslegerboote“ aus Melanesien ist mit jeder Wiederholung immer mehr verblasst. Heute frage ich mich: Wozu überhaupt? Es gibt doch anderswo in Deutschland schon welche: Berlin und München (?). Was soll ihr Anblick in den Besuchern heute noch auslösen? Vor allem, wenn diese Besucher sich  bewusst werden, wie stark sie durch massive Konservierungsmaßnahmen kontaminiert worden sind (Häntzschel, Südseeboote Dahlem). Dafür würde sich jeder anständige private Sammler in Grund und Boden schämen.

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