Es gibt doch Vorbilder für ‘politisch denkende’ Menschen: Althistoriker Christian Meier!

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Zu seinem 90. Geburtstag organisierte das Feuilleton in der FAZ ein Interview unter dem Titel “Weil wir Anarchiker waren”. Gesprächsführung: Jürgen Kaube, Simon Strauß.

Im Netz ist es für Nichtabonnenten bezahlbar herunterzuladen (LINK), ich zitiere aus der Printausgabe vom 16. Februar 2019 aus der “Fortsetzung der Seite 11” auf Seite 13.

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Eine tröstliche Anekdote von der Schaubühne (Berlin) für alle auch gerade von Krankheit geplagten Leser vorab:

(…) da gab es keine Stühle, sondern nur Treppenstufen. Ich hatte einen wahnsinnigen Ischiasanfall, konnte nicht sitzen. Also habe ich die ganze Zeit oben an der Wand gelehnt.Und auf einmal stand neben mir die Göttin Athene, Jutta Lampe, um an einem Seil auf die Bühne zu schweben. Das war für mich ein geradezu mythischer Moment: Da arbeiten Sie jahrelang über so ein Stück, und dann haben Sie plötzlich die Göttin unmittelbar vor sich.

 

Frage: Und warum hörte das irgendwann auf, die Antike?

Das möchte ich auch wissen. Aus Überforderung? Weil die in Jahrhunderten gebildeten Lebensformen nicht mehr passten? Nicht mehr so leicht weiterzugeben waren? Weil die Anforderungen zu hoch wurden, der Sinnkredit erschöpft war? Weil die Menschen insgesamt andere wurden? (….) Und dann entsteht ein ungeheurer Druck von außen, die andrängenden Germanenheere, die auf die unendlich langen Grenzen drücken, die Kosten, die das alles verursachte. Was bewirkt die Ansteckungsgefahr der Verzweiflung?

Man muss, wenn man von all dem handelt, einiges riskieren. Aber das kann man, zumal wenn man neunzig Jahre alt ist. Jetzt kann ich machen, was ich will …

Haben Sie ja schon vorher gemacht.
Streit ist ein zentraler Begriff in Ihrem Werk (….)

Ich weiß nicht, ob es eine Regel ist. Aber wenn sich vielerlei Probleme, vielleicht gar das einer ganzen Ordnung, stellen, so ist es wichtig, dass darüber nicht nur geredet, sondern auch gestritten wird, genauer: dass sich Alternativen zum Bestehenden bilden. Dadurch werden, wenn möglich, die Dinge klarer, es formieren sich Kräfte, die es direkt mit den kritischen Punkten aufnehmen können, via Reform oder Revolution. (….) Gesellschaften können Krisen in sich einfangen. Doch kommt es vor, dass sich in Krisen keine Alternative bildet. Dann ziehen die sich hin, dann sucht man sein Heil bei angeblich großen Männern. Denn Menschen mögen es nicht, dass sie (und ihre Gemeinwesen) wehrlos sind. Vieles ist heute sehr schwierig zu verstehen. Die Proletarier sind entweder bessergestellt oder sie gehen  zur AfD. Bei den Sozialdemokraten halten sie sich kaum mehr auf. Ich vermute, dass wir irgendwann dazu kommen werden, doch wieder mehr von Interessen als von den vielbeschworenen Werten zu sprechen. Was machen Sie, wenn auf einmal eine Million Afrikaner bei uns zuwandern will? Wollen Sie dann noch von Werten reden? Auf der anderen Seite leben wir in einem ungeheurem Luxus. Und auf der anderen Seite ist es es sehr unklar, wie es mit diesem Luxus weitergeht. Also ich würde sagen, wenn darüber ein wirklicher Streit entstünde, hätte man von dieser oder jener Seite eine Form der Verarbeitung und Auseinandersetzung. Und mit dieser Auseinandersetzung bekämen wir in irgendeiner Weise das Gefühl, wir bestimmten darüber, was eigentlich geschehen soll.

Aber allein in Ihrer Lebenszeit: War das je anders? War der Streit wirklicher früher?

Ja

Und war die Zeit einfacher zu verstehen?

Ja, ich glaube schon. (….) In den fünfziger Jahren wurde vieles überhaupt erst aufgebaut, da hat man sich richtig gestritten über die Wiederbewaffnung, die Mitbestimmung, dann über die Ostpolitik. Damals konnten sie abends durch die Straßen gehen und aus den Fenstern die Bundestagsdebatten hören. Das passiert heute höchstens noch bei einem Fußballendspiel.

 

Hat der Historiker qua Amt eine besondere Qualifikation bei der Beantwortung zeitgeschichtlicher Fragen?

Also ich kann mir nicht vorstellen, dass man Geschichte ohne lebhafte Zeitgenossenschaft treiben kann, so möchte ich das sagen. Ich erlebe es immer wieder, dass ich morgens die Zeitung aufschlage und mich dann frage: Wie war das in Rom? Ich erlebe, dass ich irgendetwas lese und angeregt bin von der Gegenwart. Ich meine, wer etwas weiß und vielleicht sogar gut weiß, soll von diesem Wissen auch Gebrauch machen.

 

Wie sehen sie das Fach in der Gegenwart? Spielt das noch eine Rolle für Sie, was publiziert wird?

Wenig. Ich bin ja auch eigentlich gar nicht mehr vorhanden, bekomme auch kaum je etwas zugeschickt.

 

Wenn Sie zurückschauen auf Ihr Leben, was war Ihr größter Misserfolg?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Ich wüsste gern manches besser. Und ich hätte gern mehr Frechheit und mehr Mut gehabt, etwa aus dem, was mir in der Wissenschaft vorschwebte, eine provokative Forderung zu machen. Einfach intellektuell mehr zu riskieren. Vielleicht gar auszubrechen aus mancher üblichen Verpflichtung.

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