Abisag Tüllmann – Kleinbild oder eingetrübter Blick ?

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„Abisag Tüllmann : 1935 – 1996“ auf dem Gabentisch. Mutig.

Der Fotoband ist ein erster Überblick über ihre fünfhunderttausend Bilder, also ein winziger Ausschnitt. Er riecht übrigens scheußlich nach Lösungsmitteln. Druckerschwärze ist auch satt aufgetragen. Das Buch kommt zur rechten Zeit. Ich kann endlich meine Negative und Dias digital erschließen und bin neugierig auf Entdeckungen.   

Der erste Blick geht an der Fotografin vorbei und durch die Fotos hindurch, landet, ohne dass das Bewusstsein steuern würde, auf verschütteten Erinnerungspartikeln. Das Hirn saugt auf und verarbeitet, das Bewusstsein schaut zu. Die ersten Kontakte geben mir also ein paar flashs – das punctum Roland Barthes’. Ich hätte Lust, mit Michael Erinnerungen über unsere Stadt auszutauschen, eine hässliche Stadt in verödeter Zeit, die meiner Pubertät und Studentenzeit.

Der zweite Eindruck wendet sich erst gegen die Fotografin, dann gegen die Bilder. Ich bin schockiert. Ist das die ästhetische Qualität der legendären Schwarzweißfotografie? Oder präziser:  im Kleinbildformat?  Unscharf die Konturen, abgesoffen die Schwärzen – Da sage noch einer etwas gegen die technischen Schwächen der digitalen! Dazu Verwacklung, mangelnde Fokussierung und eine allgegenwärtige Unterbelichtung. Was ich mir jüngst beim Umkopieren eigener Negative eingestehen musste, stellt sich in solchen Fotobänden als endemischer Mangel dar, als ästhetische Verelendung. Ist das etwa tröstlich?

Darf ich alte und neue Fotos nicht mit demselben Blick betrachten? Manches ist auf keinen Fall mehr hinnehmbar in einem modernen Bildband, etwa weil Cohn-Bendit zu sehen ist. Joschka Fischer als lustvoller Chaot 1971 (?) macht vielleicht eine Ausnahme, die dann ja nach drei Jahrzehnten auch Skandal erregt hat. Liegt hierin der Grund für das allgemeine Desinteresse an antiquarischen Fotobüchern, das ich beobachte, und zwar in  einer Situation, wo Menschen ungestört, unbeeinflusst stöbern?

Ich notiere: ‚Ertragen wir noch die Spuren der Authentizität, des Schnappschusses? Alles ist so viel komplizierter geworden, auch die Wahrnehmung.’ – Das zweite mag zutreffen: Der Blick ist an Millionen Fotos geschult und reagiert mit einer Sensibilität, die sich nicht nach Anlass und Konventionen – pietätvoll oder historisierend – an- und abschalten ließe, und die vor kanonisierten Ikonen die Augen schließen würde. Das unbestechliche Auge kann für den Moment schweigen, aber vergisst das Gesehene nicht. Ich vermute: das ist eine Minderheitenposition.

Jetzt stoße ich mich an dem Ausdruck „Authentizität“, zu dem mich die automatische Abgleichung der Fotos in meinem Bildgedächtnis mit erinnerten Stimmungen verleitet hat. Ja, so hässlich habe ich diese Stadt empfunden. Sie trägt ja auch auf Dauer zahlreiche Spuren dieser Hässlichkeit. Ich sage nur: Berliner Straße, Konstablerwache, ja, auch der Römer.  Abisag Tüllmann registrierte korrekt. Den Texthinweis auf ihren „Respekt“ vor Menschen verstehe ich auch als dokumentarische Distanz – Kinder ausgenommen.

Der Begleittext (S.13: „Handschrift“) zeigt mir zweierlei: Im einsamen verbissenen Werkeln in der Dunkelkammer machte Abisag Tüllmann mit den Jahren aus der Not eine Tugend, einen persönlichen Stil. Von ‚akrobatischem Abwedeln’ kann ich dabei nichts feststellen. Das also ist das ästhetische Wollen dieser sehr ernsten Frau, die in Kindheit und Jugend schlimme Jahre erlebte. Und dieses Wollen verband sich mit ihrem politischen Engagement. Sie wählte das „Unbehaustsein“ (Mitscherlich) der boomenden Nachkriegsmetropole Frankfurt, die weder durch gewachsene Stadtkultur, noch eine außergewöhnliche Umgebung oder mediterranes Licht gesegnet ist. Fast alle aus Frankfurt gezeigten Fotos sind bei bedecktem Himmel entstanden. Die Protagonisten ihrer Bilder jener Jahre wussten sich nicht zu kleiden, wirken ungelenk inmitten ihrer aus heutiger Sicht schäbigen Konsumgüter. Der hiesige Menschenschlag ist ja erst durch Zuwanderung aus vier Kontinenten ansehnlicher geworden.

Der eingetrübte Blick. NN schreibt dazu, Abisag Tüllmann habe später anlässlich von Retrospektiven oft statt des gewohnten Schwarzweiß feine Grautöne gezaubert und in ihrem letzten Jahrzehnt auch sensible Farbdias gemacht. Sie muss also etwas gespürt haben. Und das Gewicht ihrer Theater-Fotografie im Buch bietet einen Hinweis darauf, dass sie die Bühnenbeleuchtung, das Hell-Dunkel der Bühne, die Konzentration auf die innere wie äußere Aktion, Dramatik, auf den Gestus – generell den Ausdruck von Bedeutung – liebte.

Unscheinbare Realität zu transportieren, kann man als Bemühung um Authentizität verstehen. Die Schwarzweißästhetik setzt aber noch eins drauf. Unter ihren Vorbildern wird Dubuffet genannt. Eine Fotografin! Zu oft scheinen die Menschen in unförmigen schwarzen Talaren zu stecken. Die lichtlose Radikalität empfinde ich heute als ideologisch. Ich schaue auf triste Schattenpartien und imaginiere für einen Moment deren  potentiellen Reichtum an Grautönen, ja an farblichen Abstufungen und Oberflächen-Details. Das Leben ist schön! Mir als Betrachter wird vieles an Botschaften vorenthalten, die diese Zeit genau wie alle anderen aussendeten. Der im Text angesprochene Humor ist mir („Schriftbilder“) zu plakativ. Abisag Tüllmann hat den Auslöser betätigt, wird aber wohl kaum gelacht haben.

Und dabei sind wir bei der generellen ästhetischen Uniformierung durch die Schwarzweißtechnik. Sie historisiert auf fatale Weise Vorgänge und Szenen, deren Berührung – im Guten wie im Bösen – die Fotografie als bildliches Zeitzeugnis uns vermitteln könnte. Genau umgekehrt habe ich es beim Auftauchen der ersten Farbfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Mit den farbigen Filmaufnahmen und Fotos verschwanden die täuschenden Schleier vor meiner bereits Sepia eingefärbten Wahrnehmung. Jener historische Krieg stürmte plötzlich auf die Bühne des Vietnamkriegs, der uns unerträglich gegenwärtig war. Jene Opfer waren wie diese, und diese Täter waren wie jene. Da war dieses „Aufblitzen“ des Wiedererkennens, von dem Walter Benjamin in den geschichts-philosophischen Thesen gesprochen hatte.

Und in einem weiteren Punkt hatte Benjamin recht: Eine nostalgische Restauration überwundener Techniken ist von Übel – auch der Kult darum, wie bei ‚Barytabzügen in limitierter Auflage‘. Er hat generell recht gegen Barbara Klemms Idealisierung der Schwarzweißtechnik (in einem Filmfeature), als sei der eine höhere Spiritualität eigen. Mumpitz! Es geht um einen Sektor des Kunstmarktes und um interessierte Traditionspflege.

Eine Bilanz?

Abisag Tüllmann war ein Kind ihrer Zeit – ungelenk, hochideologisch, moralisch. Nicht einmal die damalige Bildende Kunst war damals ästhetisch. Sie hat sich mit den Marats und Dantons der Bühne herumgetrieben, und mit dem Volk, das aufstand. Der immer wieder durchscheinende antibürgerliche Affekt ist ein Zeichen der Verblendung, Selbsttäuschung über die Menschen vor ihren Augen und um sie herum. Eine respektvolle Erarbeitung ihres Werkes setzt die Verblendung fort, als Material für die öffentliche Geschichtserinnerung und – der bessere Teil daran – als Plünderung eines Informationsschatzes, den wir hoffentlich bald digitalisiert im Netz durchstöbern dürfen.

7.März 2011 verfasst. Dez. 2013 überarbeitet.

 

 

 

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