Song ? from ? the Forest ? – Louis Sarno und die BaAka – Der Film

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19.10.2014! Aber es gibt ja die DVD zu kaufen! (Link)

Der Film beginnt wie im richtigen Leben: mit der Fassade, zugeschnitten auf das Publikum von Programmkinos und Arte oder 3sat: also spirituell, in diesem Fall mit Lichtstrahlen, die wie eine Inszenierung wirken, obschon sie zwischen Regengüssen im Regenwald von Gabun auftreten. Begleitet von mittelalterlichem Chorgesang, der – wie wir später erfahren – vom batteriegetriebenen Kassettenrecorder in der Hütte des Musik-Forschers in die Umgebung ausstrahlt. Soweit so gut. Eigentlich ist alles gesagt. Ich resumiere: Gesang, Wald, Licht, Gregorianik, Forscher, Recorder, Stromversorgung und – das gemeinsame Singen der Pygmäen. Das ist es ja, weswegen wir uns im Kino einfinden, das (fast) verlorene Paradies.

Zum richtigen Leben gehört aber auch der Versuch der Filmleute, den Moment der Faszination dieser Einöde einem Publikum zu vermitteln, das sich inzwischen gut in New York zurechtfinden würde, aber kaum in diesem gottverlassenen Winkel eines besonders unterentwickelten Landes.

Louis Sarno aus New York folgte vor dreißig Jahren einem leidenschaftlichen Impuls. Er ging nach Gabun und  zeichnete die Musik einer untergehenden Kultur auf. Musikethnologisch war der Autodidakt so erfolgreich, dass seine Sammlung heute als UNESCO-Weltkulturerbe  im Pitts Rivers Museum der Universität Oxford lagert.

Dann blieb er hängen bei Leuten, die schon lange die letzten in der Fresskette der afrikanischen Geschichte sind, und denen nun selbst das kunstvoll ausbalancierte Überleben im prekären ‚Einklang mit ihrer Umgebung’ unmöglich gemacht wird. Angesichts von Feuerwaffen der benachbarten Konkurrenten bei der Jagd und der Holzeinschlag habendie Parias  keine andere Aussicht, als armselige Pflanzungen am Rand der Bantu-Dörfer anzulegen. Unser Protagonist weiß das alles, er subventioniert bereits seit geraumer Zeit den anachronistischen Lebensstil seiner Dorfgenossen und inzwischen seiner Verwandtschaft, mit Produkten der Zivilisation aus dem Kramladen des Mauretaniers, mit Werkzeugen, Medikamenten, ja Nahrungsmitteln und Krediten.

Der Film setzt in dem Moment ein, als seine eigenen Einnahmen versiegen. Auf seiner Amerika-Reise, deren intime Schilderung den zweiten Teil der Dokumentation ausmacht, wird bei ihm eine fortgeschrittene Hepatitis diagnostiziert. Er weiß am Ende nicht aus noch ein. Er hat Schulden. Sein bisheriger Status in der Gemeinschaft wird sich nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Sollte er überhaupt zurückkehren, nicht lieber beim wohlhabenden Bruder oder der verständnisvollen Ex-Frau Unterschlupf suchen? Sich um einen kleinen Job im Rahmen der laufenden Auswertung seiner inzwischen digitalisierten Tonaufnahmen bemühen?

Doch da ist ja noch der afrikanische Sohn, dessen Mutter hat sich bereits umorientiert. Sarno hat sie beide nicht alphabetisiert, sie auch bisher nicht aus dem Wald hinaus gebracht – nun hat er den Dreizehnjährigen mitgenommen. Und wir dürfen dessen Kulturschock zuschauen.

Der packt das ganz gut an, verarbeitet die Erfahrung wohl als Initiation, freilich unter der schwachen Obhut eines überforderten Vaters, der seinen geheimen Stolz auf die Errungenschaften der Zivilisation nicht wirklich überwunden hat. Ich frage mich, warum nach alledem Sarno den Sohn in eine Welt entführt, in der er ohne jede Qualifikation dastünde. Und ohne Familie.

An diesem Kreuzungspunkt von Sackgassen entlässt uns der Film, auch wenn das nicht gleich klar wird. Auch ich habe ein Bedürfnis nach gutem Ausgang von Geschichten. Ich hoffe in diesem Fall sogar auf den Vertrag mit den Filmproduzenten. Eine traurige Geschichte!

 

Weitere Informationen stehen im ‚Porträt’ von Michael Obert in der natur+kosmos Nr.4/2012 „Der weiße Pygmäe“.

Auf ihrer Website (Link) rufen die Filmemacher zu Spenden für den „BaAka Fund des WWF auf. Warum nicht? Sie kennen ihr Publikum.

Sabine Vogel, Rezensentin der Frankfurter Rundschau vom 14.9.2014 (‚Messe für ein fast verlorenes Paradies’, Link) betrachtet Sarnos Lebensentscheidungen ebeso wie Oberts Film mit Sympathie, aber auch Distanz.

 

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