Manuskript der Abiturrede 2000

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Ich habe sie am 15. Juni an der Altkönigschule, Kronberg/Taunus vorgetragen.

 

Glöckchen!!!*  Liebe Anwesende! Besonders liebe Abiturientinnen und Abiturienten! Einen  speziellen Gruß  an alle meine 40 Prüflinge hier im Saal!

Ob ich die Rede halte, fragte mich einer von Ihnen.

Ich fragte zurück: warum das wichtig wäre?

Es sollte nicht jemand Fremdes sein, den man  nicht kenne.

Ich habe nicht weiter gefragt, sondern mich  gefragt:

Was erwarten Sie von mir?

Dem Satz von Paul Feyerabend hatten Sie beigepflichtet: Man soll nur Ratschläge einem Menschen geben, den man sehr gut kennt, einem Freund, der sich wehren kann.

Also erwarten Sie Ratschläge?

Wohl kaum.  Heute erst recht nicht. Sie haben es ja gerade geschafft –  bis zur nächsten Ecke. Und dann vor den vielen Leuten? Nein, aber gemeint möchte man sich schon fühlen.

1.   Ich habe verstanden.

Sie durchleben mit uns einen wichtigen Moment, wir bringen Sie heute zum Bahnhof, Entschuldigung, Flughafen. Das Übergepäck haben sie mit Glück eingecheckt und stehen vor dem Transitbereich herum.

Ich möchte Ihnen eine Kleinigkeit mitgeben, wühle seit Tagen in den Taschen und bin etwas beschämt, wie wenig ich  finde. Vor allem so wenig große Worte. Und dann würde ich vielleicht noch ungeschickt damit umgehen.

Es fällt mir so wenig ein : Unesco-Projektschule, Haus des Lernens, Zukunftswerkstatt, Bildungsinitiative, Jahrtausendwende, Expo 2000, Agenda 2000 (  die Broschüren immer noch nicht geöffnet, die Internetseiten nicht aufgesucht…), und selbst eine  große Zeitung für Deutschland bietet  keine Gewähr dafür, Wichtiges zur Zeit auszusagen.

Wenigstens etwas Repräsentatives? Die Kollegen vertreten und die Anstalt Altkönigschule, der ich seit vierundzwanzig Jahren verbunden bin?

Ich repräsentiere die zerklüftete Welt der Altkönigschule, eine aus Toleranz oder Resignation entstandene entspannte Unübersichtlichkeit. Darin gibt es Ecken und Kanten, die nie abgeschliffen worden sind – weder kollegial noch dienstrechtlich –  und wehtun können, wenn man sie einmal in der Aufregung übersehen hat.

Kleine Königreiche hier, reichere und ärmere Nomadenstämme  in verwilderten Klassenräumen da, eine Schulleitung, die einem Mediatoren-Team gleichen möchte, auf keinen Fall einen Generalstab bildet, eher ein Außenministerium, manchmal auch ein Wetteramt (Wetter kommt aus Wiesbaden).

Diese Leitung hat uns Lehrern unauffällig den freien Umgang mit Drucker, Kopierer und Telefon ermöglicht, hat nicht nur mir und meinen Kursen Fachräume gegeben und nach drei Jahren Dürre eine Cafeteria an Land gezogen. Ich möchte ebenso die Stifter grüner Pflanzen erwähnen, die auch unter uns sind: Die Aktion war ein Segen. Sie wissen: kein Paradies ohne Garten!

 

 2. It‘s a gift

Nun zum kleinen Geschenk:  Ich weiß seit drei Tagen, was SPRACHE ist, und Sie können die Antwort gleich an sich und mir überprüfen.

Die DOGON (buchstabieren) in Westafrika,  erklären: Sprache entsteht in den Eingeweiden.

Eine Schmiede bringt die Sprache hervor. Das Herz  ist das Feuer der Schmiede.

Die Leber ist der Tonkrug, der das Wasser enthält, das vom Feuer erhitzt wird und als Wasserdampf aufsteigt.

Die Lungen sind die Blasebälge der Schmiede, die diesen Wasserdampf antreiben.

Der Wasserdampf ist klangvoll, überdies mit Sinn und allen möglichen Qualitäten ausgestattet, die er aus dem menschlichen Körper bezieht. Dieser Dampf steigt auf zum Kehlkopf und am Kehlkopf arbeitet ein Webstuhl mit den Stimmbändern und dem Zäpfchen als Führungswalze, den Zähnen als dem Webeblatt  Und dieser klangvolle Dampf, der noch nicht artikuliert ist, der mit Sinn beladen, aber noch keine artikulierte Sprache ist,  wird im Mund gewebt wie ein Baumwollgewebe,  er gewinnt Farbe, Form, Muster  und entweicht durch die Zähne wie ein Gewebe, und das das ist die Rede, die  bei  einer  anderen Person ankommt,  sich in Wasserdampf zurückverwandelt, den Körper bewässert  und alle möglichen Wirkungen hervorruft, wie sie der Natur der Sprache entsprechen. Dies Konzept von Sprache hält die Welt in Gang und setzt Kinder in die Welt. Denn dabei geht es – wie man weiß – nicht nur um das körperliche Einverständnis von Mann und Frau, sondern auch um ihre Verständigung über die Sprache.

Soweit die Dogon. Die Sprache ist für dieses afrikanische Volk  neben dem Kind  die höchste  Hervorbringung der Menschen.

Dies war mein Geschenk. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen und sie tragen dieses kleine Stück Stoff – oder Sprache – mit sich fort.

Wieso Stoff? die Linguistin Germaine Dieterlen bekam die Antwort, als sie  dem inneren Zusammenhang der beiden Dogon-Worte Sprache und só i Stoff  nachging:  so i  Stoff bedeutet wörtlich: „das ist die Sprache“.

Hübsch nicht, aber was machen Sie nun mit diesem Stoff?  Für einen Tanga reichts nicht.

Ich selber verstehe darin die Feststellung so:

Wenn die  menschliche Rede ein Gewebe ist, steckt darin ein hoher Anspruch. Bei den Dogon gab es auch ein Haus des Wortes, unter dessen mächtigem Dach die Alten Recht setzten und Recht sprachen. Wie weit sind wir davon entfernt. Wer würde als aufgeklärter Mensch vom Recht mehr erwarten, als dass es funktioniert und nicht zu viele Ungereimtheiten und Schlupflöcher aufweist.  Doch dort hatten die Ältesten das Sagen, wie einfach war es da, die Wahrheit zu bestimmen, gültige Normen zu setzen.

Also ein hübsches Stück Stoff, aber für das Museum! Unbrauchbar! Kunst!

Wenn wir jedoch nicht Systeme betrachten, sondern unsere Beziehungen zu anderen Menschen, erscheint mir diese Sprachtheorie  wieder attraktiv:

Sie besagt 1., dass Rede, Sprache Qualität haben sollte, Verlässlichkeit, Logik, Moral, bzw. dass sich solche Qualität beurteilen lässt

Sie sagt 2., dass lebendige Menschen sprechen, dass unsere Worte aus dem Bauch kommen, so oder so, oder eben nicht aus dem Bauch, Menschlichkeit nur vorgebend, imitierend, gar synthetisierend.

Diese Botschaft der Dogon,  von  moderner Wissenschaft entschlüsselt, transportiert und vermittelt, musste einen weiten Weg zu uns nehmen, aus der Vergangenheit. Ihre Autoren leben nicht mehr. Deren Kultur – oder was davon übrig ist –  funktioniert nurmehr als touristische Attraktion für die off-Road-Tour im Landrover. Sie ist tot wie viele andere Traditionen, auch ganz in unserer Nähe, aber sie ist wie andere Traditionen bereits auferstanden, wird lebendig, wenn wir ihr Aufmerksamkeit und Raum in uns und um uns geben.

3. genug der Ethik!

Schauen wir, an wen ich meine löcherige – damit sehr modische – Rede denn richte. Sie trifft bei Ihnen auf  die unterschiedlichsten Lebensentwürfe:

auf  potenzielle Global Player, scharf auf Geld

auf Technokraten und Technokratinnen  aller Klassen, von der kommunalen bis zur globalen Ebene, und allesamt scharf auf Verantwortung,

doch auch auf deren Gegner unter Ihnen, seien es künftige Helfer antiimperialistischer “Schurken“  oder – intelligenter – sich mit mächtigen Interessen vernetzend.

Auch künftige  Sozialfälle sind gewiss unter uns, und solche, die das Wort “Grundsicherung“ in seiner ganzen Tiefe ergründen wollen.

Ein paar unter Ihnen kann man schon jetzt als glückliche Naturen erkennen, andere haben bereits schwere Belastungen geschultert.

Was wäre nun Ihr Gemeinsames? Sie haben eine Schule besucht, unsere Schule besucht, und wir haben an Ihnen, mit Ihnen, ohne Sie und gegen Sie gearbeitet. Wir sind alt und wohlhabend dabei geworden  und genießen selber eine angenehme gesellschaftliche Position. Auch deswegen möchte ich heute nicht zu streng mit Ihnen sein.

Wenn ich die  Zeitkritik und die Prognosen berühmter Autoren betrachte, fällt mir auf wie viel Katastrophe, kaum verschleierter Pessimismus und innerer Rückzug da einem anonymen Publikum zugemutet wird. Na ja: Papier ist bekanntlich geduldig, Bildschirme sind es nicht weniger. Wie viel Überwindung kostet es hingegen, nicht nur in einem festlich gestimmten Kreis wie diesem, nein viel mehr noch der blühenden Jugend im Klassenzimmer solche zuzumuten! Auch deswegen die farbigen Plakate, die kraftvolle Grüne Hölle, die Kalauer von Zeit zu Zeit, die Drehstühle und Sitzbälle, die verschwiegene Zigarette auf dem Balkon…..

Wie gut dass ich als Lehrer von schulisch Fortgeschrittenen wenigstens nicht mehr vorneweg gehen muss, dass ich sogar boshafterweise irgendwo provokant stehen bleiben darf, ein Gefühl von Desorientierung verbreiten, um dann gutmütig wieder nach konstruktiven wegweisenden Ideen Ausschau zu halten. Und beruhigend ist es zu wissen, dass ich  irgendwann einfach stehen bleiben darf, denn Sie werden ja weitergehen, Ihre eigenen Wege -und hoffentlich – wie Kant schrieb – dabei einen mehr oder weniger „sicheren Gang tun“.

Was heißt gehen. Ich hoffe, Sie haben schwimmen gelernt. Sie wissen seit längerem: Was immer an institutionellen  Absicherungen aufgefahren werden mag: an Plänen, Programmen, Leistungshorizonten, Benotungskriterien – Sie sind mit uns die ganze Zeit auf löcherigen Booten zwischen Atollen und schwimmenden Inseln herumgeschippert.

Mein Vertrag mit Ihnen ist heute erfüllt, ich kehre um , zurück in meine eigene Werkstatt, um diese für den Empfang  von Neulingen vorzubereiten.Dazu gehört, die rückwärtigen Verbindungen zu überprüfen, ungeeignete abzuschalten, durch neue zu ersetzen, die ich vorher nicht kannte.

Noch eine letzte Stickerei auf dem Tüchlein der Rede:

Auch Sie sind Lehrer, vielleicht mehr als das, aber nicht weniger.

Wer betreibt denn die Schule des Lebens? Woher kommt das Personal dafür? Sie wären gerne professionell? Längst geschehen.

Gegenteiliger Eindruck?

Der beruht dann auf der Verwechslung mit einem technischen Problem:

Vielleicht ist das passende Berufsbild  nicht  entdeckt.

Die Ängstlichen werden vielleicht vergeblich darauf warten, dass andere es für sie schaffen; Haben sie Mut: Die Zeit ist immer noch revolutionärer als Ihre kühnsten Gedanken.

Die Existenzgründer gründen ihre Existenz selber, und einmal existent, ist sie die Antwort auf alle schrägen Fragen.

Wir brauchen in der Zukunft mehr Personal als wir Bewerber haben. Jeder und jede muss mehrere Rollen zugleich übernehmen. Es wird schwer sein:

Zugleich Konsument und Arbeitsloser, Selbstdarsteller und Zuhörer, Täter und Opfer, Solist und Orchestermusiker, Vorbild und abschreckendes Beispiel, öffentliche Person und Privatmensch zu sein. Die heilige Trennung zwischen den Professionellen von Stand und den Laien fällt, alle Prüfungen als Initiationsriten  werden unterminiert:

Die Greencard-Regelung weist Ihnen den Weg: entweder ein abgeschlossenes Studium oder ein Jahreseinkommen von 1 Mio. Dollar.

Machen Sie sich auf den Weg, Ihren Weg. Die Welt steht Ihnen offen, weil sie die Türen ausgehängt hat, die meisten wenigstens. Oft kann man auch einfach neben der Tür durchgehen.

Überlassen Sie mir und meinen Kollegen und Kolleginnen ohne weitere Fragen ihre kleinen Geschwister. Die werden auch noch merken, wie der Hase läuft, und dann werden wir auch sie verabschieden.

Ab jetzt immer aufpassen!        (beiseite) Glöckchen?

 

Anmerkung

Die Verabschiedung des Jahrgangs fand in der Aula statt. Ich war bereits seit Jahren auf die Oberstufe abonniert und hatte einen eigenen Unterrichtsraum, den ich anderswo beschrieben habe. Ein helles Messingglöckchen war mein bevorzugtes Mittel, um Ruhe und Aufmerksamkeit bekommen. Es besaß geheime Kräfte. Ein Jahrgang hatte es mir deswegen kurz vor Ende unserer Zeit zwei, drei Wochen lang versteckt.

 

Text als PDF:  Abiturrede 15.6.2000

 

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