Theorie aus dem Süden?

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Rezension, seit 25.10.2013 bei Amazon unter Produktinformation : Kundenrezensionen “Der Süden als Vorreiter der Globalisierung”

Den inhaltlichen Einwänden von ey peet (1.Rezensent) gegen Jean und John L. Comaroff stimme ich zu. Ihre Berechtigung lässt sich bereits an der ‘Zusammenfassung’ in der Produktinformation ablesen. Rezensionen mit dem Tenor ‚Wie uns der Süden klüger machen kann’ (wdr5) erscheinen da bemerkenswert wohlwollend. Lag es daran, dass die beiden bereits 1978 nach den USA emigrierten Südafrikaner seit kurzem in Harvard lehren? Sie montieren Gelegenheitstexte aus zwanzig Jahren und verklammern sie durch einen theoretischen Wasserkopf von siebzig Seiten, in dem alle späteren Aspekte schon einmal durchgesprochen werden. Nach der Lektüre frage ich mich, was mich eigentlich zum Kauf verführt hat: Vielleicht die steile These, das Versprechen des Perspektivwechsels, meine Erwartung, Wissenslücken zu füllen, ein lockerer Gesprächsstil und über das Buch verteilte, meine Neugier weckende Stellen? Bald wird jedenfalls klar:

Der Anspruch ‚Theorie aus dem Süden’ ist Etikettenschwindel. Als Theoretiker treten immer wieder sie selber auf. Ihre verbindenden Konstruktionen sind abenteuerlich. Die wenigen pauschal formulierten Tatsachenbehauptungen sind praktisch kaum überprüfbar. Daran ändern auch ganze 22 Seiten Literaturnachweise nichts. Die Autoren, die seit 1978 in Chicago lehren, wollen an den abgehobenen trendigen Diskursen des Nordens teilhaben und zitieren mit Vorliebe Trendsetter. Wo bleibt da das im Titel lautstark proklamierte Selbstbewusstsein ‚des Südens’?  Die zu allem Überfluss in die Sauce gerührten makroökonomischen, ökologischen und welthistorischen Exkurse wiederholen bekannte Gemeinplätze, und nicht nur einmal. Dabei lässt sich die These bequem im Format eines journalistischen Leitartikels unterbringen und erläutern. Sie erregt auch keinen Widerspruch, scheint im Gegenteil die im Zeitungspublikum des Nordens verbreitete Zukunftsangst zu bedienen. Dabei fällt ein selbstgefälliger Plauderton unangenehm auf. So wie das Etikett ‚Vorreiter’ inhaltlich bestimmt wird, erschiene es den Opfern des Neoliberalismus im Süden wohl zynisch, aber sie erhalten gewiss keine Kenntnis davon. Für die Adressaten im Norden und ihre Repräsentanten im Süden hat man fein verquirlte Häme. Nur in den Partien, in denen die Autoren sich konkret als Anthropologen ihrem kulturanthropologischen Forschungsgebiet der neunziger Jahre (!) zuwenden – sowohl geografisch (Südafrika, Botswana), als auch was den Fokus angeht (Mentalitäten und ihr Wandel, Phantasmagorien und Ideologien) – wird das Buch informativ und folglich spannend. Es ist nur für eine umgedrehte Nutzung geeignet. Dieses Buch ist die Zeit und seinen für ein schmuckloses Paperback stolzen Preis nicht wert.

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