Unruhig wegen einer lakonischen Halbfigur. Kusu?

|

Kusu Halbfigur frontal IMG_8795Unsicherheit!

Sonntag 12.3. – Am zweiten Abend hole ich die massige Figur wieder hervor. W. bezeichnete sie als ‚sehr selten’, dagegen bekomme er Masken wie die „Boa“ immer wieder. W. hob gestern sehr auf die Frisur oder den Helm ab, was Afrikanern wohl ziemlich wichtig ist. Er wollte unbedingt, dass ich sie ausprobierte. Seine Frau unterstützte ihn in der Wertschätzung. Alles das war schon auffällig.

Dabei sind die Gesichtszüge ‚holzschnittartig’, der Hals mit der einen Schwellung (wie ein dicker Halsreif) unförmig, das schwere Holz zeigt an einer Seite einen tiefen Schwundriss. Die stumpfe Patina ist aber nicht schäbig. Der Pfahl hat eine nicht zu bezweifelnde Würde, eine Präsenz, nicht abzubilden ist. Seine 50,5 cm sind unübersehbar, aber kaum abzubilden. Und die geringste optische Verzerrung (Weitwinkel) stört seine Ordnung. Mir kommt der Ausdruck „Steinerner Gast“ in den Sinn. Ich schlage nach und erinnere mich an den Besuch von „Don Giovanni“ erst kürzlich, wo das Denkmal des ermordeten Komturs dem Skrupellosen auf dessen frivole Einladung hin die Ehre des ersten und letzten Besuchs gibt.

Er hat dabei nicht mehr ‚Merkmale’ als eine kleine Medizinfigur von vielleicht 15 cm. Doch wohin gehört er? Woher kommt er? Sie muss eine solche Provenienz haben. Davon bin ich überzeugt.

Lobrede!        

Kusu-Halbfigur-seitl_IMG_8800Freitag, 17.3. – Die kleinen Hände auf dem Bauch, der Bauch, die Brüstchen – all das in freier Proportion! – die eckigen Schultern, der gewagt verbreiterte Hals – Also wenn ich ein problematisches Stück behalte, dann das! Schlüssige Pfahlkomposition auch von der Seite! Keine Exzentrik! Die doppelten Zöpfe sind Signal, aber die Rückansicht ist nicht überladen. Das Gesicht und der irgendwie abgehackte Strunk des Frisuraufbaus bleiben etwas zweifelhaft, aber in der Nachbarschaft der selbstbewussten weiblichen Nkishi (Songye) zeigt er seine Kraft und Distanz. Das ist eben der Osten. Der Rumpf bezeugt den Ernst. Hals und Kopf signalisieren Geheimnis. Damit könnte ich mich abfinden. Die Patina ist ungeschönt, perfekt. Sie nimmt es auch mit dem archaischen verkrusteten „Chamba“ auf. Eine Figur, die Fragen stellt, nicht eine, die in Frage steht. Die Sorgfalt in den Details, die Klarheit, die Kanten setzt, wo sie hingehören. Keine Brüche, auch keine Stilbrüche. Wo sah ich noch diese Hände?

So sind die schräg geschnittenen Schultern für einen Rücken kein Problem, der auf eine dramatische Furche verzichtet. Das Stück ist gehauen. Das Messer hatte nicht so viel zu tun. Die Glättung hielt sich in Grenzen. Der Umfang des verwendeten Stammholzes ist spürbar. Der Meister hat die Erfordernisse abgearbeitet und ein ansprechendes Ergebnis erzielt. Die Ansprüche waren nicht überzogen. – Es ist schade, dass die Leute die Figur aufgegeben haben.

 

 

„Kusu, Kusu!“

Sonntag, 19.3. – Die zunächst vermutete Herkunft von den Tabwa war bei dem Quadratschädel inakzeptabel, Hemba ging schon eher.

Neyt-kusu(?) - Felix Maniema Karte

„Er hat nicht mehr ‚Merkmale’ als eine kleine Medizinfigur von vielleicht 15 cm.“ – Das hat sich als Schlüsselsatz herausgestellt. Der inzwischen planlose Streifzug durch diverse Kataloge und Broschüren endet bei „Kleinskulpturen aus Zaire“ von Francois Neyt (1984 Galerie Jahn, München). Ich bleibe bei einer kleinen Fetischfigur der „Kusu (?)“ (no 12, 11 cm) hängen, die ich bereits in anderem Kontext lange kenne.

Karte Felix "Maniema" - Man beachte die Enklave der Kusu östlich des Lualaba ínmitten von Hemba

Karte Felix „Maniema“ – Man beachte die Enklave der Kusu östlich des Lualaba ínmitten von Hemba

Neyt schreibt im Kapitel III.4 („Die Kusu und die lubaisierten Völker“, französisch p.37, deutsch S.12):

„Wir müssen nun (….) bis zur Grenze des Waldgebietes hinaufgehen. Dort zwischen Lomami und Zaire (Kongo, Oberlauf: Lualaba), leben die Kusu, westlich des Lomami die Tetela und schließlich, weiter südlich, die Songye dund die lubaisierten Völker. Die (hier gezeigten) Kleinskulpturen treten in dieser oder jener Weise in den Einflussbereich der weitläufigen Luba-Kultur ein, die im Norden bis zu den Kusu hinaufgekommen ist und sich im Osten bis zu den Ufern des Tanganyika-Sees erstreckt.

Die magischen Figuren des Luba-Reiches tragen verschiedene Namen und stehen in vielfältigen Funktionen. Die Halbfiguren mit einer Öffnung im Kopf, um dort die magischen Substanzen einzubringen, sind oftmals ‚kaludji’ genannte magische Objekte. In ihrer Ausführung sind diese Fetisch sorgfältiger skulptiert als andere; sie dienen den Jägern zum Schutz oder den Kindern, um sie vor den verschiedensten Krankheiten zu bewahren.

„Der Körper der Miniatur no. 12 ist in einen Kegel eingeschlossen. Lediglich die beiden langen Arme setzen an den zurückgeworfenen Schultern an und liegen auf dem Rumpf; der Mund ist prognathisch gestaltet“. Er steht also vor.

 Alles das lässt sich auch über die fünfmal größere Figur sagen, die massiv vor mir auf dem Schreibtisch steht.

Der Beschreibung wäre hinzuzufügen: der dezente, aber bleibende Eindruck eines leicht nach vorn geneigten Körpers mit vorgestrecktem Kopf. Dazu die klare Verteilung von ‚leeren’ und von bedeutungsgeladenen Flächen.

An Details wären zu nennen: die Öffnung auf der Schädeldecke, die Bohnenaugen, markante Ohren und Nase, die kantige Schulterpartie, unter der zwei Kugelbrüstchen ‚kleben’, die waagrecht auf den Bauch gelegten Hände, die kleine Erhebung des Nabels und die glatte kreisförmige Bodenfläche. Selbst ein Schwundriss findet sich an der gleichen Stelle bei der Miniatur? Dieselbe Holzart?

Felix 100 Peoples - Kusu kakudji

Mit der Angabe „Kusu (?)“ und der Typenbezeichnung „Kaludji“ gehe ich auf die entsprechende Seite in Marc Leo Felix „100 Peoples of Zaire and their Sculpture – The Handbook“ (Brüssel … 1987) und finde unter der Ziffer 9 die schematische Zeichnung einer 39 cm (!) hohen „kaludji half figure“ (p.66): mit Quadratschädel, Hut (?) und Aufsatz, Bohnenaugen und flächigem Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, einen dicken Hals, die Kantigkeit von Schultern und Armen, die waagrechten Hände, den vortretenden Nabel.

Felix: Hintergrundsinformationen zu Geschichte, Skulptur, Stil

Zur Geschichte erfahren wir, dass die Kusu mit den anderen Mongo-Völkern wie den Tetela aus dem Nordwesten kamen, erst nach Süden, dann wieder nach Norden durch das Gebiet der Luba, Hemba und Songye zogen. Sie nahmen fremde Bräuche an und fremde Gruppen auf. An ihrem jetzigen Siedlungsgebiet angekommen, löste sich der Zusammenhalt auf. Geografisch getrennte Klans hätten sehr wenig Kontakt miteinander. Manche seien vor allem von nicht-Kusu umgeben, dominierten sie oder passten sich ihnen an.

Die figürliche Typologie der Kusu sei recht begrenzt. Obwohl sich unterschiedliche Kulturen mischten, seien die meisten Skulpturen, die man mit einiger Sicherheit den Kusu zuschreiben könne, stark von den Hemba beeinflusst. So die großen und kleineren Ahnenfiguren. – Ich habe eine solche besessen. In dem neuen Kontext wäre sie für mich wieder interessant. – Magische Ladungen habe man wohl von den Songye übernommen. Janusfiguren wohl von der Kalunga (der Bembe). Die kaludji half figures scheinen dem Autor von den Kasongo beeinflusst, aber die seien wahrscheinlich ursprünglich ein Klan der Kusu, der sich isoliert habe.

Die meisten Skulpturen seien aus hartem dunklem rötlichem Holz, von denen manche mit einer schwarzen Patina versehen. An den genannten Körperattributen der Figuren sind für unseren Typ folgende interessant: ein dicker Hals, zu einem dicken Knoten geflochtenes Haar oben oder hinten am Kopf, offene Augen in großer Umrandung, Hände auf dem Bauch liegend oder den Bart berührend.

Nach Tansania und weiter!

Felix wiederholt seine Informationen in seiner Studie  („Maniema“ , englisch/deutsch bei Fred Jahn, München 1989), und zwar im Kapitel, das er der östlichen Enklave der Kusu „die mit der Hauptmasse der Kusu im Westen wenig Berührung hat“ (S. 195) widmet. Darin steht seine Vermutung: „Die Halbfiguren, kaludji, scheinen über die Ost-Luba aus Tansania herübergekommen zu sein und sind eine Variante der sogenannten Puppen der Zaramo und anderer.“ (S. 197) Damit eröffnet sich ein neues weites Feld. Da traue ich mich sogar, in aller Öffentlichkeit an den Gesichtsschnitt der Konso-Gedenkpfähle weit weg in Äthiopien, aber „unweit der Grenze zu Kenia“ zu denken! (Kerchache/Paudrat: Die Kunst des schwarzen Afrika., Herder 1989, S. 601, dort auch die Abb.)Kerchache-Paudrat 601 Konso_Pfähle

Rhetorische Frage: Wie vollwertig ist eine Halbfigur?

Allgemein fällt Ihnen vielleicht auf, dass die einzelnen Typen in dem Figurenbestand eines Volkes aus verschiedenen Richtungen übernommen werden, eigene wiederum mit Nachbarn geteilt werden, zusammen mit dem Kult aber auch zu anderen Zwecken. Mir ist aufgefallen, dass die sogenannten „Halbfiguren“ oder Pfähle ungeachtet des Orts der Herstellung eine innere Verwandtschaft zeigen. So erscheint der große Kusu zum Beispiel gar nicht ‚lubaisiert’! Und ich stelle fest, dass ich diesen lakonischen Halbfigurentyp mehr mag als alle verfeinerten, naturalistischen oder gar dekorativ überladenen Vollfiguren-Typen. Er hat den Ernst von Wächtern oder auch guten Denkmälern.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *