Unsicherheit!
Sonntag 12.3. – Am zweiten Abend hole ich die massige Figur wieder hervor. W. bezeichnete sie als âsehr seltenâ, dagegen bekomme er Masken wie die âBoaâ immer wieder. W. hob gestern sehr auf die Frisur oder den Helm ab, was Afrikanern wohl ziemlich wichtig ist. Er wollte unbedingt, dass ich sie ausprobierte. Seine Frau unterstĂŒtzte ihn in der WertschĂ€tzung. Alles das war schon auffĂ€llig.
Dabei sind die GesichtszĂŒge âholzschnittartigâ, der Hals mit der einen Schwellung (wie ein dicker Halsreif) unförmig, das schwere Holz zeigt an einer Seite einen tiefen Schwundriss. Die stumpfe Patina ist aber nicht schĂ€big. Der Pfahl hat eine nicht zu bezweifelnde WĂŒrde, eine PrĂ€senz, nicht abzubilden ist. Seine 50,5 cm sind unĂŒbersehbar, aber kaum abzubilden. Und die geringste optische Verzerrung (Weitwinkel) stört seine Ordnung. Mir kommt der Ausdruck âSteinerner Gastâ in den Sinn. Ich schlage nach und erinnere mich an den Besuch von âDon Giovanniâ erst kĂŒrzlich, wo das Denkmal des ermordeten Komturs dem Skrupellosen auf dessen frivole Einladung hin die Ehre des ersten und letzten Besuchs gibt.
Er hat dabei nicht mehr âMerkmaleâ als eine kleine Medizinfigur von vielleicht 15 cm. Doch wohin gehört er? Woher kommt er? Sie muss eine solche Provenienz haben. Davon bin ich ĂŒberzeugt.
Lobrede!       Â
Freitag, 17.3. – Die kleinen HĂ€nde auf dem Bauch, der Bauch, die BrĂŒstchen â all das in freier Proportion! – die eckigen Schultern, der gewagt verbreiterte Hals â Also wenn ich ein problematisches StĂŒck behalte, dann das! SchlĂŒssige Pfahlkomposition auch von der Seite! Keine Exzentrik! Die doppelten Zöpfe sind Signal, aber die RĂŒckansicht ist nicht ĂŒberladen. Das Gesicht und der irgendwie abgehackte Strunk des Frisuraufbaus bleiben etwas zweifelhaft, aber in der Nachbarschaft der selbstbewussten weiblichen Nkishi (Songye) zeigt er seine Kraft und Distanz. Das ist eben der Osten. Der Rumpf bezeugt den Ernst. Hals und Kopf signalisieren Geheimnis. Damit könnte ich mich abfinden. Die Patina ist ungeschönt, perfekt. Sie nimmt es auch mit dem archaischen verkrusteten âChambaâ auf. Eine Figur, die Fragen stellt, nicht eine, die in Frage steht. Die Sorgfalt in den Details, die Klarheit, die Kanten setzt, wo sie hingehören. Keine BrĂŒche, auch keine StilbrĂŒche. Wo sah ich noch diese HĂ€nde?
So sind die schrĂ€g geschnittenen Schultern fĂŒr einen RĂŒcken kein Problem, der auf eine dramatische Furche verzichtet. Das StĂŒck ist gehauen. Das Messer hatte nicht so viel zu tun. Die GlĂ€ttung hielt sich in Grenzen. Der Umfang des verwendeten Stammholzes ist spĂŒrbar. Der Meister hat die Erfordernisse abgearbeitet und ein ansprechendes Ergebnis erzielt. Die AnsprĂŒche waren nicht ĂŒberzogen. – Es ist schade, dass die Leute die Figur aufgegeben haben.
âKusu, Kusu!â
Sonntag, 19.3. – Die zunĂ€chst vermutete Herkunft von den Tabwa war bei dem QuadratschĂ€del inakzeptabel, Hemba ging schon eher.
âEr hat nicht mehr âMerkmaleâ als eine kleine Medizinfigur von vielleicht 15 cm.â – Das hat sich als SchlĂŒsselsatz herausgestellt. Der inzwischen planlose Streifzug durch diverse Kataloge und BroschĂŒren endet bei âKleinskulpturen aus Zaireâ von Francois Neyt (1984 Galerie Jahn, MĂŒnchen). Ich bleibe bei einer kleinen Fetischfigur der âKusu (?)â (no 12, 11 cm) hĂ€ngen, die ich bereits in anderem Kontext lange kenne.
Neyt schreibt im Kapitel III.4 (âDie Kusu und die lubaisierten Völkerâ, französisch p.37, deutsch S.12):
âWir mĂŒssen nun (….) bis zur Grenze des Waldgebietes hinaufgehen. Dort zwischen Lomami und Zaire (Kongo, Oberlauf: Lualaba), leben die Kusu, westlich des Lomami die Tetela und schlieĂlich, weiter sĂŒdlich, die Songye dund die lubaisierten Völker. Die (hier gezeigten) Kleinskulpturen treten in dieser oder jener Weise in den Einflussbereich der weitlĂ€ufigen Luba-Kultur ein, die im Norden bis zu den Kusu hinaufgekommen ist und sich im Osten bis zu den Ufern des Tanganyika-Sees erstreckt.
Die magischen Figuren des Luba-Reiches tragen verschiedene Namen und stehen in vielfĂ€ltigen Funktionen. Die Halbfiguren mit einer Ăffnung im Kopf, um dort die magischen Substanzen einzubringen, sind oftmals âkaludjiâ genannte magische Objekte. In ihrer AusfĂŒhrung sind diese Fetisch sorgfĂ€ltiger skulptiert als andere; sie dienen den JĂ€gern zum Schutz oder den Kindern, um sie vor den verschiedensten Krankheiten zu bewahren.
„Der Körper der Miniatur no. 12 ist in einen Kegel eingeschlossen. Lediglich die beiden langen Arme setzen an den zurĂŒckgeworfenen Schultern an und liegen auf dem Rumpf; der Mund ist prognathisch gestaltet“. Er steht also vor.
 Alles das lĂ€sst sich auch ĂŒber die fĂŒnfmal gröĂere Figur sagen, die massiv vor mir auf dem Schreibtisch steht.
Der Beschreibung wĂ€re hinzuzufĂŒgen: der dezente, aber bleibende Eindruck eines leicht nach vorn geneigten Körpers mit vorgestrecktem Kopf. Dazu die klare Verteilung von âleerenâ und von bedeutungsgeladenen FlĂ€chen.
An Details wĂ€ren zu nennen: die Ăffnung auf der SchĂ€deldecke, die Bohnenaugen, markante Ohren und Nase, die kantige Schulterpartie, unter der zwei KugelbrĂŒstchen âklebenâ, die waagrecht auf den Bauch gelegten HĂ€nde, die kleine Erhebung des Nabels und die glatte kreisförmige BodenflĂ€che. Selbst ein Schwundriss findet sich an der gleichen Stelle bei der Miniatur? Dieselbe Holzart?
Mit der Angabe âKusu (?)â und der Typenbezeichnung âKaludjiâ gehe ich auf die entsprechende Seite in Marc Leo Felix â100 Peoples of Zaire and their Sculpture â The Handbookâ (BrĂŒssel … 1987) und finde unter der Ziffer 9 die schematische Zeichnung einer 39 cm (!) hohen âkaludji half figureâ (p.66): mit QuadratschĂ€del, Hut (?) und Aufsatz, Bohnenaugen und flĂ€chigem Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, einen dicken Hals, die Kantigkeit von Schultern und Armen, die waagrechten HĂ€nde, den vortretenden Nabel.
Felix: Hintergrundsinformationen zu Geschichte, Skulptur, Stil
Zur Geschichte erfahren wir, dass die Kusu mit den anderen Mongo-Völkern wie den Tetela aus dem Nordwesten kamen, erst nach SĂŒden, dann wieder nach Norden durch das Gebiet der Luba, Hemba und Songye zogen. Sie nahmen fremde BrĂ€uche an und fremde Gruppen auf. An ihrem jetzigen Siedlungsgebiet angekommen, löste sich der Zusammenhalt auf. Geografisch getrennte Klans hĂ€tten sehr wenig Kontakt miteinander. Manche seien vor allem von nicht-Kusu umgeben, dominierten sie oder passten sich ihnen an.
Die figĂŒrliche Typologie der Kusu sei recht begrenzt. Obwohl sich unterschiedliche Kulturen mischten, seien die meisten Skulpturen, die man mit einiger Sicherheit den Kusu zuschreiben könne, stark von den Hemba beeinflusst. So die groĂen und kleineren Ahnenfiguren. â Ich habe eine solche besessen. In dem neuen Kontext wĂ€re sie fĂŒr mich wieder interessant. – Magische Ladungen habe man wohl von den Songye ĂŒbernommen. Janusfiguren wohl von der Kalunga (der Bembe). Die kaludji half figures scheinen dem Autor von den Kasongo beeinflusst, aber die seien wahrscheinlich ursprĂŒnglich ein Klan der Kusu, der sich isoliert habe.
Die meisten Skulpturen seien aus hartem dunklem rötlichem Holz, von denen manche mit einer schwarzen Patina versehen. An den genannten Körperattributen der Figuren sind fĂŒr unseren Typ folgende interessant: ein dicker Hals, zu einem dicken Knoten geflochtenes Haar oben oder hinten am Kopf, offene Augen in groĂer Umrandung, HĂ€nde auf dem Bauch liegend oder den Bart berĂŒhrend.
Nach Tansania und weiter!
Felix wiederholt seine Informationen in seiner Studie (âManiemaâ , englisch/deutsch bei Fred Jahn, MĂŒnchen 1989), und zwar im Kapitel, das er der östlichen Enklave der Kusu âdie mit der Hauptmasse der Kusu im Westen wenig BerĂŒhrung hatâ (S. 195) widmet. Darin steht seine Vermutung: âDie Halbfiguren, kaludji, scheinen ĂŒber die Ost-Luba aus Tansania herĂŒbergekommen zu sein und sind eine Variante der sogenannten Puppen der Zaramo und anderer.â (S. 197) Damit eröffnet sich ein neues weites Feld. Da traue ich mich sogar, in aller Ăffentlichkeit an den Gesichtsschnitt der Konso-GedenkpfĂ€hle weit weg in Ăthiopien, aber âunweit der Grenze zu Keniaâ zu denken! (Kerchache/Paudrat: Die Kunst des schwarzen Afrika., Herder 1989, S. 601, dort auch die Abb.)
Rhetorische Frage: Wie vollwertig ist eine Halbfigur?
Allgemein fĂ€llt Ihnen vielleicht auf, dass die einzelnen Typen in dem Figurenbestand eines Volkes aus verschiedenen Richtungen ĂŒbernommen werden, eigene wiederum mit Nachbarn geteilt werden, zusammen mit dem Kult aber auch zu anderen Zwecken. Mir ist aufgefallen, dass die sogenannten âHalbfigurenâ oder PfĂ€hle ungeachtet des Orts der Herstellung eine innere Verwandtschaft zeigen. So erscheint der groĂe Kusu zum Beispiel gar nicht âlubaisiertâ! Und ich stelle fest, dass ich diesen lakonischen Halbfigurentyp mehr mag als alle verfeinerten, naturalistischen oder gar dekorativ ĂŒberladenen Vollfiguren-Typen. Er hat den Ernst von WĂ€chtern oder auch guten DenkmĂ€lern.