Der Maulkorb ‚sho-pen-hao-er‘

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„Der Staat, dieses Meisterstück des vernünftigen  (..) Egoismus alles, hat den Schutz der Rechte eines jeden in die Hände einer Gewalt gegeben, welche (…) unendlich überlegen, ihn zwingt, die Rechte aller andern zu achten. (…) Diese Tausende, die sich da vor unseren Augen im friedlichen Verkehr durcheinander drängen, sind anzusehen als ebenso viele Tiger und Wölfe, deren Gebiss durch einen starken Maulkorb gesichert sind.“                                       Arthur Schopenhauer

Der zivilisatorische Maulkorb funktioniert in den verschiedenen Weltgegenden ganz unterschiedlich. Vergleichende Studien sind unbedingt nötig!

Der chinesische Maulkorb ist so nackt wie Hobbes’ Doktrin, die hier durchscheint. Sie wird gewöhnlich mit dessen Bürgerkriegserfahrungen begründet. Chinas Geschichte lässt sich als weitaus längere Folge von meist regionalen Aufständen schildern. Die frühe und in ihrem Ausmaß unvergleichliche Ausbildung einer Zentralmacht hat ihre Grundsätze in den Menschen unauslöschlich verankert: Ordnung ist nicht denkbar in China ohne hierarchische Kompetenzverteilung, effektive Kontrolle und strenge Sanktionen. Der im Ausland längst mit Kopfschütteln beobachtete Führungsanspruch der KP setzt die Tradition nur fort. Von unten arbeitet der Zentralmacht seit zweitausend Jahren die traditionelle Familienethik zu. Der Konfuzianismus verbindet beide. Freiheit dürfte es danach in China nur als Anarchie geben.

Auch der Buddhismus wird im chinesischen Pandämonium zur Einschüchterung des Individuums verwendet. Selbst der daoistische Koch bleibt Metzger und schont auf diese Weise vor allem seine Messerklinge, wenn er anderen das Leben nimmt. Mit diesem Gleichnis ist Zhuangzi auf unverkrampfte Weise dem Volk nah. Erst eine humanistische Rückbesinnung hat ihn und Laozi als Vorläufer und Bündnispartner entdeckt. Chinesische Gelehrte und Intellektuelle sind schon lange a-religiös, dafür sind im zwanzigsten Jahrhundert Marx und Engels zu niederen Geistern des Mao-Kultes geworden. Ich habe einmal gelesen, dass der Große Taiping-Aufstand (zehn Jahre lang ab 1841) christlich inspiriert war. Benennt die Machtelite Chinas ihren Feind – das Ausland – etwa zutreffend? Mit der Globalisierung und der zum ersten Mal nicht fiktiven Rolle Chinas als Weltmacht wird es spannend. Mit Lenin frage ich mich: Wer wen?

Ausgangspunkt dieser Gedanken ist eine Pekinger Ausstellung im Museum für angewandte Kunst, Frankfurt, deren subversiver Gehalt sich mir erst allmählich erschließt.

Da ist zum einen die Kränkung des offiziellen Selbstbilds. Man muss nicht den Generalkonsul vor Weißkohl, Spucknapf und Mopedrikscha gesehen haben, um das zu verstehen. Da ist zum andern die unglaublich schlechte Qualität vieler der gezeigten Konsumgüter. Meine Frau hat sie mir erst wirklich vor Augen geführt. Ein krasses Beispiel ist die Mopedrikscha: Sie stinkt nicht nur, selbst durch die geschlossenen Türen, sie bildet auch sonst für jeden – den Fahrer, den Passagier und andere Verkehrsteilnehmer – eine Gefahr. Sie soll eine wirtschaftliche Existenz zum niedrigsten Preis ermöglichen? Das kann nicht gut gehen. Nur Behörden können dem einen Riegel vorschieben: Das Produkt wurde bereits in einzelnen Städten verboten.

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Die Ausstellungsmacher geben vor, eine – ein wenig – nostalgische Identitätssuche zu betreiben. Die gezeigten Produkte waren aber vor zwanzig Jahren von soliderer Qualität. Sie zeigen meist einen derart verelendeten Konsum, dass ich lieber glauben möchte, es handele sich um die  Realsatire der „Popcorn Factory“. Man sollte das jedenfalls einkalkulieren.

Zu den verzweifelten Bemühungen der Menschen, ihre vitalen Energien auf alle Arten zu stärken – die traditionelle chinesische Obsession –  stehen die Angebote der Konsumgüterindustrie in obszönem Gegensatz. Denken wir nur an die Alarmmeldungen westlicher Gesundheitsbehörden!

Und eben diese gnadenlose Rücksichtslosigkeit chinesischer Unternehmer gegenüber den legitimen Qualitätsansprüchen ihrer Mitmenschen –  ob Kunden oder Mitarbeiter – steht in einer langen Tradition. Der Schriftsteller Lu Xun schrieb in den Zwanziger Jahren gegen den traditionellen „Kannibalismus“ in der Gesellschaft an und rief Rettet die Kinder. Er wurde nicht gehört. Mit dem globalen Erfolg des Konzepts sinkt seine Chance noch weiter, zumal sich darin nicht etwa eine speziell chinesische Wolfsnatur zeigt, sondern vor allem das, was die Maulkörbe in China  nicht verhindern. Und dafür gilt eben: Was kommerziellen Erfolg hat, setzt sich durch.

Die Joint-Venture-Architektur der Ausstellung in Frankfurt sorgt dafür, dass solche Lektionen aus der clean’en Präsentation nicht zu häufig gezogen werden. Dass die Ausstellungsmacher aus Peking immer nur lächeln, sollte uns aber nicht täuschen.

                                                

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