Interview mit dem Spirit of Raum 248 *

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Möeh:

Schön, daß Sie sich melden; eigentlich hätten wir Herrn Graeve erwartet.

 Spirit :

Der Mann interessiert sich einfach nicht mehr für Schule. Er hat mich geschickt. Mir gibt das Themenheft „Umbruch an der AKS“ aber zu denken.

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Möeh:

Fühlen Sie sich dafür kompetent? Und was hat unser  erstes Centerfold-Bild von Raum 248 damit zu tun?

Spirit  ( zieht dabei ein mitgebrachtes Jugendfoto heraus ):

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Momentan bin ich nicht gerade attraktiv. Nein, ich war davon nicht persönlich berührt. Ich sehe mich jetzt als Niemandsland, als eine Art Industriebrache, die bisher noch keinen Skandal  ausgelöst hat. Vielleicht jetzt!  Immerhin liegt sie mitten im Herzen der Schule.. aber das stimmt ja nicht mehr. Doch auch im Mittelstufenaltbau dürfte es so einen rechtsfreien Raum nicht geben. Eins ist für mich klar: Direktor Bechtold und Hausmeister Geiss hätten das Vakuum nicht geduldet. Doch das waren auch keine Reformer.

Möeh:

Dieser Ausdruck scheint uns aber an den Haaren herbeigezogen, oder?

 Spirit

Dieser Raum stand immer für ein Abklopfen der gängigen Begriffe. Vor allem  New Speak (Orwell„1984“) wurde hier immer aufs Korn genommen.

Der Begriff „ Reform“ hat in den vergangenen Jahren seine Bedeutung total gedreht. Zu meiner Zeit bedeutete „Reform“ noch „Mehr Demokratie wagen“, aber heute: „Jede Selbstverwaltung überflüssig machen“. Die Schulbehörden nahmen sich als Reformen den technokratischen Ausbau ihrer Kontrollmacht vor und sie waren auf ganzer Linie erfolgreich. Selbst die blamablen Pisa-Ergebnisse nutzten sie als Wasser auf ihre Mühle, egal wie unbürokratisch die Skandinavier ihre Schulerfolge erzielen.

Der Staatsapparat hat sich mittlerweise das passende Personal herangezogen; das dürfte uns nicht überraschen. Man verständigt sich mit Hilfe eines System von Codewörtern. Auch Außenstehenden wird diese Sprache zugemutet. Das klingt beispielsweise im letzten Möeh auf Seite 34 so (Direktorin) :

„Das Schulprogramm wird derzeit in das Leitbild eingearbeitet. Dabei werden alle laufenden Projekte evaluiert. Die an dem Leitbild orientierte und evaluierte Fassung des Schulprogramms wurde allen Schulgruppen mit der Möglichkeit der Ergänzung und/oder Korrektur vorgestellt. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Danach wird die dann entstandene Fassung in den Gremien verabschiedet. Daraus ergeben sich die zunächst zu setzenden Schwerpunkte der inhaltlichen Arbeit.“ 

Ich habe eine derartige Sprache zum ersten Mal im Unterricht über die Zentralverwaltungswirtschaft gehört, aber seither hat sie sich fast alle Gebiete erobert….

Möeh:

Das passende Personal…..

 Spirit

Ach ja. Vor allem müssen es Frauen sein, damit nebenbei der Plan der Gleichstellung erfüllt wird.

Es geht nur um die Gleichheit von Karrierechancen, weil die einklagbar ist und weil es letztlich egal ist, wer die Funktion übernimmt. Es muß nur formal alles in Ordnung sein.

Auch hohe Arbeitsbelastung und Arbeitsteilung scheinen gewollt zu sein, denn sie isolieren die Schulleitung, auch als „Management“ verstanden, von den  Verwalteten. Vor Jahren hat v. Graeve einmal Horst Mathé und Amend im Zorn Funktionäre geschimpft. Das war ein grober Fehlgriff. Erst jetzt sind wir bei den Funktionären angekommen, oder moderner formuliert: beim „Management“. Es wäre ein dummes Mißverständnis, Unstimmigkeiten mit der Schulleitung persönlich zu nehmen. Bei manchen Leuten herrscht wohl ein Mißverständnis über deren Aufgaben. Mit Frau Dr. Steudel konnte das Kollegium die ersten Erfahrungen von „Umbruch“machen, was ja der Titel Ihres Heftes ist.

M.

Was wissen Sie denn davon ?

 Spirit

Wenn sie wüßten, wie oft in diesem Raum der Philosoph Vilém Flusser  zu vernehmen war, der nicht nur Licht auf die Migranten und ihre – ach so aktuelle – Integration geworfen hat, und nicht nur auf Medien, sondern auch auf die die Revolution der Arbeit,  die erst nach seinem Tod 1992 so richtig einsetzte. Er schrieb an einer Stelle :

Es sieht so aus, als ob sich die Gesellschaft der Zukunft in zwei Klassen gliedern würde: in die Klasse jener, die Programme herstellen und  jener, die sich programmgemäß verhalten, in die Klasse der Spieler und die der Marionetten. Dies ist zu optimistisch gesehen. Denn auch die Programmierenden entscheiden sich innerhalb eines Programms, das man das „Meta-Programm“ nennen könnte, und so fort. Die Gesellschaft der Zukunft wird eine Gesellschaft programmierender Programmierter sein.

Wir sind vielleicht die letzte Generation jener, die einsehen können, was sich da vorbereitet. Vielleicht aber ist unsere Einsicht ein Zeichen dafür, daß wir „überholt“ sind?Wir stehen dem Arbeiter und Bürger der Französischen Revolution näher als unseren Kindern.“

 ( „Dinge und Undinge – phänomenologische Skizzen“, München 1993,S.80ff.)

Wenn Sie mehr lesen wollen, die Schulbibliothek sollte noch ein paar Titel von Flusser beherbergen.

Möeh:           

Und?

 Spirit :

Jetzt wo die Großen Seelen die Schulleitung verlassen haben – ich brauche keine Namen zu nennen -, wird die Kälte und Erbärmlichkeit der Verwaltungsordnung nackt sichtbar. In Hessen werden Schulleiter als Filialleiter von „Außenstellen des Schulamts“ behandelt. Auch der Landrat hat den Schulen die versprochene Selbstverantwortung nie zugestanden, die sie pädagogisch brauchen. Eine Schule ist wie ein Schiff auf hoher See. Die Ordnung und die Sauberkeit einer Schule gehören auch dazu wie das Deckschrubben und Lackieren auf einem Schiff. Wieso ist der Schulleiter nicht auch Chef des Hausmeisters und des Schultechnikers (und der Sekretärinnen)? Wieso kann er bei der Wahl der  Putzfirmen nicht mitreden? Warum hat er keinen Bauetat  – zum Beispiel für die Klos, die mindestens seit zwanzig Jahren ein Skandal sind? Selbst über die Lehrerklos schimpfte mein Bewohner hier.

Möeh:

Und was hat das mit  Ihnen, Raum 248, und ihrem traurigen Schicksal zu tun?

 Spirit :

Die Jahre der unvereinbaren Widersprüche und der Nischen sind vorbei. An Raum 248 läßt sich das sichtbar nachvollziehen. Erst fand er keine Nachahmer, dann keinen Nachfolger. Und jetzt macht man einfach einen Bogen darum. Sogar der Computer steht noch  herum.

Wie ich gehört habe, geht es den Kunsträumen noch schlechter, ausrechnet sie werden als erste ins Provisorium gezwungen. Sicher hat kein Mensch bei der Bauplanung an die Bedürfnisse des Kunstunterrichts gedacht. Wozu auch? Die AKS wird überleben, wie ich lese, und zwar dank der Neubauten. Das sind ökonomische Tatsachen, an denen niemand vorbeikommt. Die bieten Fotomotive und werden vom Leitbild  parfümiert.

Ich aber freue mich persönlich auf meinen Abriss. In der Zwischenzeit  wünsche ich mir nur, daß man mich abschließt und in Ruhe an meine besseren Zeiten denken läßt.

Möeh:

Wir danken Ihnen für das Gespräch. ( Geht hinaus, ohne abzuschließen.)

* Der Interviewer ist Möeh persönlich bekannt.

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Date: Fri, 18 May 2007 23:36:24 +0200  To: aks-zeitung@web.de

From: „D.v.Graeve/K.Meier“ <meier@graeve.org>       18.5.07

Danke, Jo(h?)nny, für die Schule arbeiten, da kann ich gar nicht dagegen sein. Ich möchte es aber doch beim „Spirit“ belassen; es soll nicht „todernst“ oder gar „bitter“ erscheinen, ich mache auch meinen ( schlechten) Scherz mit der Situation, schließlich lebe ich weit weg vom Schuß (wie man so sagt) in Frankfurt. Das heißt aber auch: für ein „persönliches Interview“ bin ich nicht mehr kompetent genug, da müßte ich mitten drin stehen. Dann aber würde ich nicht eine so deutliche Sprache sprechen – so wie die aktiven Kollegen  eine Menge  herunterschlucken. Ich schicke meinen ehemaligen Raum als „Hofnarren“, als „Prügelknaben“ vor, ein durchsichtiges Verfahren, ich finde das amüsant. Freunde finden die Form auch okay.

Nachwort: „Spirit“ war eine Anpassung an die grassierenden Anglizismen. Ich war bereits ein Jahr außer Dienst.    dvg

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